„Gfallen tut er mir nicht, der Neger“

26.11.2010 | 22:26 |  Von Vladimir Vertlib (Die Presse)


Mit 15 war ich selbst eine kurze Zeit in Schubhaft. Diese Erfahrung prägt mich bis heute. Über Fremdenangst, Behördenwillkür und ein Fallbeispiel aus Klagenfurt.

Österreich ist ein „Land mit Migrationshintergrund“. Sogar die Kelten sind irgendwann zugewandert. Nachkommen römischer Siedler, hunnischer Eroberer oder tschechischer Hilfsarbeiter, Enkel von Sudetendeutschen oder ungarischen Flüchtlingen sind demzufolge für Österreich genauso typisch wie die Kinder von Gastarbeitern aus Ostanatolien. Länder, die nicht – wie wir – „im Herzen“, sondern an den Nieren, den Zehenspitzen oder Oberarmen Europas liegen, haben einen etwas anderen historischen Hintergrund. Schweden, Finnland oder die Niederlande sind Länder mit klaren Identitäten und mit Grenzen, die sich seit Jahrhunderten kaum verschoben haben, während die österreichische Nationsbildung im Wesentlichen erst im 20. Jahrhundert erfolgt ist. Wer das nicht glauben möchte, sollte die Geschichte der Ersten Republik studieren.
Österreichs nationale Identität scheint bis heute prekär, hinterfragbar und schwer definierbar zu sein – man erinnere sich nur an Haiders Behauptung, die österreichische Nation sei eine „ideologische Missgeburt“ oder an die oft zitierte Reduktion des Österreichischen auf Neutralität, Lipizzaner und Mozartkugeln. Vielleicht ist dies der Grund, warum Schweden oder die Niederlande, trotz aller Probleme, die auch diese Länder mit Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus haben, offenere Gesellschaften sind und eine bessere Integrationspolitik haben als wir. Wer sich seiner eigenen Identität sicher ist, sieht im anderen nicht automatisch eine Gefahr.
Mit 15 war ich selbst eine kurze Zeit in Schubhaft. Diese Erfahrung prägt mich bis heute, ein Trauma, das jedoch harmlos ist im Vergleich zu dem, was die meisten Kinder, die heute in Schubhaft genommen und abgeschoben werden, erleiden müssen. Manchmal frage ich mich, ob die allgemeine Empörung über die österreichische Abschiebepraxis in den vergangenen Wochen genauso groß gewesen wäre, wenn nicht zwei hübsche neunjährige Mädchen aus dem Kosovo auf den Bildern und Videos zu sehen gewesen wären, sondern ein pubertierender 14-Jähriger aus Nigeria oder ein radikaler 16-jähriger Moslem aus Afghanistan. Wie viele Jugendliche sind bei uns in den vergangenen Jahren inhaftiert gewesen? Wie viele sind abgeschoben worden, ohne dass dies publik geworden wäre oder die breite Öffentlichkeit interessiert hätte? Und wie viele Menschen, die normalerweise entweder nie ins Land gekommen oder bald abgeschoben worden wären, leben heute trotzdem in Österreich, weil sie zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen sind oder die richtige Person kennengelernt haben? Und umgekehrt. Die österreichische „Fremdenpolitik“ ist inhuman, inkonsistent, undurchschaubar. Sie hat groteske Züge und führt zu überraschenden Ergebnissen wie folgende – auf wahren Begebenheiten beruhende – Geschichte beweist.
In Kärnten sind die Dienststellen der Bundespolizei und der Sicherheitsdirektion im sogenannten „Sicherheitszentrum“ in Klagenfurt untergebracht. Der massive Betonbau aus dem Jahre 1998 sieht auf den ersten Blick wie eine Burg oder ein Flakturm aus. Oder wie eine Mischung von beiden.
Vier oder fünfmal ist Gudrun Abbas (der Name ist ein Pseudonym) in diesem Gebäude gewesen und hat sich jedesmal verlaufen. Die Gänge und das Stiegenhaus seien so angelegt, dass man sich garantiert verirrt, erzählt Gudrun. „Aus diesem Gebäude findet keiner ohne fremde Hilfe raus“, habe ihr ein Polizist schmunzelnd und nicht ohne Stolz erklärt. „Das ist eine eigene Wissenschaft. Das Hineinkommen ist ja leicht, aber dann?“
Vor einigen Jahren hat Gudrun einen Berber geheiratet. Herr Abbas hat Brüder, die in Frankreich leben, besitzt zu diesem Zeitpunkt aber selbst kein Visum für den Schengen-Raum. Die Hochzeit findet in Abbas‘ Heimatland, in Marokko, statt. Kurze Zeit später fährt Gudrun nach Klagenfurt zurück und begibt sich ins Sicherheitszentrum, um für ihren Mann eine Aufenthaltsgenehmigung in Österreich zu erwirken.
Die Räumlichkeiten der Fremdenpolizei befinden sich hinter einer Glastüre, die stets verschlossen ist. Man muss in einem Vorraum Platz nehmen, bis man von einem Beamten abgeholt und ins Innere begleitet wird. Wer sich in einem fensterlosen, künstlich beleuchteten Raum aufhält, weiß, wie langsam die Zeit zu vergehen scheint. Zehn Minuten werden zu einer Stunde, zwei Stunden zu einer Ewigkeit. Gudrun weiß nicht mehr, wie lange sie an jenem Tag zu warten hat, bevor sie schließlich in ein geräumiges Bürozimmer geführt wird. Der Polizist ist Mitte 50, schlank, sportlich. Er hat eine modische Frisur und trägt einen teuren Anzug. Er möchte wissen, wo sie ihren Mann kennengelernt habe, wie der Kontakt zustande gekommen sei, was ihr an ihm gefallen habe und dann – für Gudrun etwas überraschend –, ob ihre Eltern mit dieser Partnerwahl einverstanden seien. „Was fangen die mit einem Afrikaner an?“, fragt er sie. „Muss es denn überhaupt unbedingt ein Ausländer sein?“
„Man rechnet eigentlich nicht damit, dass man mit 35 gefragt wird, ob die Eltern mit der Partnerwahl einverstanden sind“, erzählt mir Gudrun, „insbesondere, wenn man schon einiges erlebt hat, geschieden und alleinerziehende Mutter von drei Kindern ist.“
„Mit einem Österreicher war ich schon verheiratet, und das hat nicht funktioniert“, erklärt Gudrun dem Beamten. „Und Abbas ist jemand, der wirklich nett ist. Das ist ein Mensch, der keine bösen Gedanken kennt. So jemanden trifft man bei uns nicht.“
„Ich selbst habe zwei Söhne“, sagt der Polizist. „Und wenn einer von ihnen eine Negerin heimbringt, würde ich ihn sofort vor die Tür setzen.“
Gudrun weiß nicht, wie sie auf eine solche Bemerkung reagieren soll. Erwartet der jetzt von mir, dass ich ihn als Rassisten beschimpfe?, fragt sie sich. Ist das wirklich ernst gemeint? Oder glaubt er, dass ich ihn verstehe, dass ich nachvollziehen kann, warum er nicht will, dass ich mit jemandem aus Afrika verheiratet bin? Versucht er mich umzustimmen? Möchte er, dass ich mich von meinem Mann wieder scheiden lasse?
Das „Interview“ dauert noch lange. Der Beamte erkundigt sich nach der Familie von Gudruns „afrikanischem Ehemann“, nach seinem Beruf, seinem Einkommen, seiner Ausbildung, seinen Plänen für die Zukunft. Nach etwa einer halben Stunde klopft es plötzlich an der Tür. Ein weiterer Polizeibeamte betritt den Raum. „Hast du dich schon entschieden, ob du mit der Truppe mitfährst nach Kenia?“, fragt er.
„Ich muss meine Urlaubspläne noch mit der Familie abstimmen.“
„Ja, klar, aber du solltest dich bald entscheiden. Wegen der Flugbuchungen. Komm mit! Du wirst sehen, es wird ganz toll.“
„Wahrscheinlich fahr ich ja eh mit? Passt es, wenn ich dir Anfang nächster Woche Bescheid gebe?“ – „In Ordnung?“ – Die beiden plaudern noch einige Zeit miteinander. Doch worüber sie sonst noch gesprochen haben, weiß Gudrun heute nicht mehr. „Ich war einfach von der Situation so plattgedrückt“, erinnert sie sich. „Ich hatte keine klaren Gedanken.“
Gudrun ist müde. Sie hat kaum mehr Hoffnung, dass ihr Mann nach Österreich einreisen darf. Trotzdem versucht sie zu argumentieren, versucht, ruhig und sachlich zu bleiben und den Beamten weder durch ihre Wortwahl noch durch ihren Tonfall zu provozieren.
Schließlich holt sie einige Fotos aus ihrer Handtasche. „Wollen Sie Fotos von mir und meinem Mann sehen?“, fragt sie. Er hat nichts dagegen. Ein Bild zeigt Gudrun und Abbas vor dem Wohnhaus seiner Eltern in Marokko. Auf einem anderen ist er allein zu sehen.
„Na, gfallen tut er mir nicht, der Neger“, meint der Polizeibeamte. Schon als Kind hatte Gudrun gelernt, sich zu kontrollieren. Das erweist sich nun als Vorteil. Sie schweigt. „Die meisten Fotos sind in Marokko gemacht worden“, erinnert sich Gudrun. „Zum Schluss zeigte ich ein Foto von mir sowie meinem Bruder und seiner Frau – die beiden hatten zwei, drei Wochen nach meinem Marokkobesuch in Österreich geheiratet. Mein Schwager, der Bruder meines Mannes, der aus Frankreich angereist war, ist dort ebenfalls abgebildet. Es gibt dieses eine Foto, das uns zu viert zeigt.“
Der Polizist betrachtet aufmerksam das Bild. „Auf der Hochzeit meines Bruder wäre ich gerne mit meinem Mann gewesen“, erklärt Gudrun. „Aber er hat ja nach Österreich nicht einreisen dürfen. Deshalb war ich mit meinem Schwager dort.“
Der Beamte legt das Bild nicht aus der Hand. „Ist Ihr Bruder Burschenschafter?“, fragt er. Das Foto zeigt Gudruns Bruder mit Couleur, der traditionellen Studentenmütze, und einem Band mit den Farben seiner Verbindung. Schon Gudruns Vater war bei einer Burschenschaft – genauso wie ihr Großvater, ihre Brüder, ihre Jugendfreunde und ihr Exmann. Sie selbst kann der Ideologie dieser „rechten Kreise“ längst nichts mehr abgewinnen. Spätestens mit ihrer Scheidung hat sie dieser Welt den Rücken gekehrt. Heute ist sie stolz darauf, dass ihr Sohn, der kurz vor den jüngsten Landtagswahlen in Kärnten 16 geworden ist, grün gewählt hat. Von 18 Schülerinnen und Schülern seiner Klasse hatten nur zwei nicht für die FPÖ oder das BZÖ gestimmt.
„Ja, hätte ich Ihnen das Foto jetzt nicht zeigen sollen?“, fragt Gudrun. „Und was hat das damit zu tun, dass mein Mann nicht nach Österreich einreisen darf?“
„Alles kein Problem“, sagt der Beamte und lächelt plötzlich freundlich. „Ich bin ja selber bei einer Verbindung.“ Er tippt etwas in seinen Computer. „Das kriegen wir alles hin, gnädige Frau. Ihr Mann ist bald bei Ihnen. Das geht in Ordnung.“ Er ist wie ausgewechselt.
„Sagen Sie mir bitte noch einmal: Was machen die Brüder Ihres Mannes in Frankreich?“, fragt er. „Der eine studiert Jus“, beginnt Gudrun zu erklären. „Der andere . . .“ Er unterbricht sie: „Dann schreiben wir einfach, er ist Richter in Frankreich.“
„Nein, er studiert Jus.“
„Lassen S‘ mich das machen, gnädige Frau.“ Er zwinkert ihr zu, grinst. „Ich kenne das System. Ich weiß, wie man es in Gang bringt.“ Gudrun braucht den Bericht nur mehr zu unterschreiben.
„Damit war die Sache gelaufen. Sein Schreiben ist nach Marokko, nach Rabat, gegangen, und mein Mann hat nach Österreich kommen dürfen. Das Ganze, alles, was ich an jenem Tag erlebt habe, war erschreckend, schräg, aber auch lustig, zumindest nachträglich betrachtet. Wenn man Österreicher ist, findet man solche Geschichten ja immer irgendwie lustig, nicht wahr?“
„Ich hoffe, du hast damals aus dem Gebäude einigermaßen rasch herausgefunden“, frage ich sie.
„Der leitende Beamte hat mich selbst bis zum Eingangstor begleitet. Am besten, ich gehe mit Ihnen mit, hat er gesagt. Ohne mich sind Sie in diesem Labyrinth ja ganz verloren . . .“
(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.11.2010)

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