Keine Sekunde zu spät
Mein Großvater, der Uhrenmacher
Publiziert am 19.04.2024 um 11:35, in: „Die Presse“, Wien, „Spectrum“, S. I-II
von Vladimir Vertlib
Den Lauf der Zeit zu beobachten und zu kontrollieren, sie zu normieren und das Leben nach ihr auszurichten ist ein bedeutender Wesenszug der jüdischen Religion. Der Alltag orthodoxer Juden ist eingezwängt in ein Korsett der Zeit. Der Spectrum-Autor Vladimir Vertlib über seinen Großvater, den Uhrmacher.
Ohne Uhren gäbe es mich nicht. Lange vor meiner Geburt retteten sie meinen Großeltern, meiner Tante und meinem Vater das Leben. Als mein Vater, damals zehn Jahre alt, und seine zwei Jahre ältere Schwester in der von der Wehrmacht belagerten Stadt Leningrad kurz vor dem Verhungern waren, holte mein Großvater, ein Uhrmacher, die letzten Golduhren, die er noch besaß, aus einem Versteck und tauschte sie auf dem Schwarzmarkt gegen Lebensmittel ein. Schon vor dem Krieg war der Beruf meines Großvaters Gold wert gewesen. Im Krieg war Brot wertvoller als Gold und fast so wertvoll wie die Vermessung der Zeit.
Im Frühling 1942 konnte die Familie meines Vaters aus Leningrad flüchten und wurde in den Nordkaukasus evakuiert. Von dort aus bewarb sich mein Großvater um eine offene Stelle in einer großen Uhrenfabrik in Moskau. Uhrmacher galten in Kriegszeiten als besonders wertvolle Spezialisten. Wer die Zeit nicht kontrolliert, wird einen modernen Krieg niemals gewinnen. Sekunden entscheiden über Leben und Tod, über Sieg oder Niederlage. Jede Front hat einen eigenen Rhythmus, jeder Kämpfer braucht eine Uhr … Mein Großvater bekam die Stelle. Wenige Tage, bevor die deutsche Wehrmacht das Dorf im Nordkaukasus eroberte, wurden er und seine Familie nach Moskau ausgeflogen. Andere hatten weniger Glück. Alle Juden in diesem Dorf wurden sofort ermordet.
Mein Großvater war ein leidenschaftlicher Uhrmacher. Mein Vater erzählte mir, dass er sogar in seiner Freizeit von früh bis spät tief gebückt an seinem Werktisch saß und niemals gestört werden wollte, wenn er Taschen- und Armbanduhren reparierte oder aus alten Ersatzteilen neue Stücke zusammensetzte. Er war ein bescheidener Mann, der sein Leben lang davon träumte, eine eigene Werkstatt zu besitzen – was ihm das Sowjetregime einige Male erlaubte und schließlich verwehrte. Er war ein gläubiger Jude, der regelmäßig in der Synagoge betete, doch „aus gesundheitlichen Gründen“ Schweinespeck aß, mit dem er seine chronische Tuberkulose zu kurieren glaubte.
Die Schweiz, das einstige Zentrum der Uhrenherstellung
Laut meinem Vater war er ein pragmatisch denkender Mensch, nüchtern, klar, humorvoll, gewissenhaft, bar jeglicher Illusionen, in seinem Denken und Handeln präzise wie seine Uhren. Sein einziges Laster war das Rauchen, gegen das er jahrzehntelang erfolglos ankämpfte. Und er schwärmte von der Schweiz, dem damaligen Zentrum der Uhrenherstellung, einem Land, das er gern besucht hätte. Natürlich wusste er, dass dies für ihn unerreichbar bleiben würde. Für einen Sowjetbürger war die Schweiz eine Art Garten Eden auf Erden – ein fantastischer Sehnsuchtsraum, ein Land im Herzen Europas, wo Milch und Honig flossen und alle Uhren immer auf die Sekunde genau synchron liefen.
Mehr als siebzig Jahre nach dem Tod meines Großvaters reise ich in die Schweiz – eine Hommage an den begabten Handwerker, den ich so gerne kennen gelernt hätte. Statt seiner besuche nun ich die traditionellen Zentren der Schweizer Uhrenindustrie – Biel, Neuchâtel, Le Locle, vor allem aber das einst jüdisch geprägte, französischsprachige La Chaux-de-Fonds im Jura, die Stadt, in der die größte Synagoge der Schweiz steht, wo einst vier von fünf Großbetrieben der Uhrenindustrie im jüdischen Besitz waren, wo Präzision und Pünktlichkeit von Uhren zur sprichwörtlichen Schweizer Tugend wurden.
Auf den ersten Blick ist der Ort wenig ansprechend. In einem Talkessel zwischen bewaldeten Hügeln auf etwa tausend Meter Seehöhe gelegen, hat die knapp 37.000 Einwohner zählende Kleinstadt ein raues Klima und einen eher herben Charme. Die im Schachbrettmuster angelegten Straßen, die nüchternen Zweckbauten aus verschiedenen Epochen vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zu den Klötzen und Glasbauten der letzten Jahrzehnte erinnern eher an eine kleine Industriestadt im Mittleren Westen der USA als an die Schweiz. Alles ist mittelgroß, manchmal putzig, oft morbide – man sieht alte und neue Fabrikgebäude, nicht weit davon melancholisch anmutende Paläste von Industriemagnaten aus der Gründerzeit mit abbröckelnden Fassaden (die alte Herrlichkeit ist längst passé; internationale Konzerne haben die einstigen Familienbetriebe längst übernommen) neben Zinshäusern aus der Zeit um 1900 und mehrstöckigen modernen Stahlbetonbauten, die genauso abscheulich und austauschbar sind wie überall. Man muss auf die Details an den Fassaden der Häuser, auf Stuckdekorationen und verblasste Aufschriften achten, die Industriegeschichte erzählen, und in die alten Uhrenfabriken hineingehen, um zu verstehen, warum das Zentrum dieser Stadt als UNESCO-Kulturerbe gilt. Die große Synagoge wirkt in diesem Ensemble überwältigend. Das Bauwerk im byzantinisch-romanischen Stil strahlt strenge, gewichtige Feierlichkeit aus und dominiert die Skyline. Kein Wunder, dass die christlichen Einwohner der Stadt die Errichtung dieses Gotteshauses verhindern wollten.
Am meisten beeindruckt hat mich „Le Passé“, ein aus mehreren Teilen bestehendes Denkmal am Bahnhofsvorplatz, das eine monumentale, in Scheiben geschnittene Uhr darstellt. Gestiftet im Jahre 2018 von der Uhrmacherfamilie Tissot bietet das dreizehn Meter lange und drei Meter hohe Denkmal von Loïc Chatton Einblicke in das Innenleben einer Uhr – vom Gehäuse über das Zifferblatt bis zum Uhrwerk. Die einzelnen Teile repräsentieren die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Steht man direkt davor, fallen sie scheinbar zusammen, verschmelzen im Auge des Betrachters zu einer riesigen Taschenuhr. Geht man um das Denkmal herum, ändert sich die Perspektive, zerfällt die Uhr, sieht man entweder die Zeiger oder das mechanische Gehäuse oder beides verzerrt. Eine plastischere Metapher für die Relativität der Zeit, die Macht der Erinnerung und die Bedeutung des Blickwinkels habe ich selten gesehen. Es kommt mir vor, als werde mit jedem Schritt die Zeit verschoben, vermessen und schließlich wieder an ihren Platz gestellt.
Ich bemühe mich zu glauben, dass das Uhrendenkmal meinem Großvater genauso gefallen hätte wir mir. Das klassische Design hätte er auf jeden Fall ansprechend gefunden. Hier, in dieser Stadt, wurden jene Uhren entworfen und erschaffen, die ihm lieb und teuer waren. Den Übergang zum Quarz-Zeitalter hätte er wahrscheinlich als Katastrophe erlebt. In seiner Jugend jedoch – vor hundert Jahren – hätte er sich in La Chaux-de-Fonds sicher wohl gefühlt.
Antisemiten verbrannten Puppen
Jüdische Händler zogen im 19. Jahrhunderts hauptsächlich aus dem Elsass nach La Chaux-de-Fonds, Le Locle und andere Orte der Region. Viele von ihnen nützten ihre internationalen Kontakte, um aus La Chaux-de-Fonds einen führenden Ort der Uhrenproduktion zu machen. Innerhalb von zwanzig Jahren verdoppelte sich der jüdische Anteil in der Stadt. Mit dem Zuzug und der Integration der jüdischen Bevölkerung wurde aber auch der Antisemitismus in der Stadt stärker. Kleine Uhrmacherbetriebe sahen in den modernen, von Juden geführten Fabriken eine Konkurrenz. Es kam zu Übergriffen. Jüdische Geschäfte wurden zerstört, Puppen mit den Namen jüdischer Fabrikanten auf Kundgebungen verbrannt. Antisemitische Ausschreitungen verhinderten 1885 und in den Jahren danach den Bau der großen, neuen Synagoge, die erst 1896 eröffnet werden konnte. Das Bild des ausbeuterischen Juden, der als „vaterlandsloser Geselle“ keine Rücksicht auf lokale Gegebenheiten und Traditionen nimmt, war auch in der Schweiz weit verbreitet.
Es gibt wohl keinen Ort auf der Welt, an dem wir Juden uns sicher fühlen können und den nicht nur wir selbst, sondern auch alle anderen als unser Zuhause akzeptieren. Meinen Großvater hätte das nicht überrascht, und doch wäre ihm die Schweiz nach allem, was er als Jude in Russland erleben musste, als Insel der Seligen vorgekommen. In seiner Heimat wurden nicht nur Puppen angezündet und verbrannt.
Ich frage mich, warum gerade Juden unter Uhrmachern und Uhrenhändlern überproportional vertreten waren. Weder war dieses Handwerk viel lukrativer als andere noch wurde es jemals von Christen verachtet und somit gesellschaftlichen Außenseitern wie den Juden überantwortet. Im Unterschied zu den bei Christen als unehrenhaft und sündig geltenden Geldgeschäften oder bestimmten Formen des Gebrauchtwaren- und Zwischenhandels war die Herstellung und der Vertrieb von Uhren kein Gewerbe, das in vorindustriellen Zeiten überwiegend oder gar ausschließlich von Juden betrieben wurde. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, dass die starke jüdische Präsenz in der Uhrenindustrie der traditionellen jüdischen Kultur und Weltanschauung und in Folge dessen auch der in der jüdischen Minderheit vorherrschenden Mentalität geschuldet war.
Den Lauf der Zeit zu beobachten und zu kontrollieren, sie zu normieren und das Leben nach ihr auszurichten, ist ein bedeutender Wesenszug der jüdischen Religion. Der Alltag orthodoxer Juden ist eingezwängt in ein Korsett der Zeit. Um die rituelle Abfolge des sakralen Lebens einhalten zu können, muss stets der richtige Moment bestimmt werden. Man muss den Kalender kennen, Tage zählen, sich aber auch über die jeweilige Tages- oder Nachtzeit im Klaren sein und wissen, wie weit bestimmte Ereignisse zurückliegen. Wann beginnt der Schabbat, und wann endet er? Wann fängt ein neuer Monat an oder ein neues Jahr? Nach jüdischer Tradition beginnt der Tag mit Einbruch der Dunkelheit; manchmal muss dies auf die Minute genau berechnet werden, um die religiösen Gebote und Verbote einhalten zu können … Die jüdischen Speisevorschriften verbieten es, Milchiges und Fleischiges zu vermischen. Wieviele Stunden müssen vergehen, bevor man nach dem Verzehr von Fleisch wieder Milchprodukte konsumieren darf, und wann darf man nach einem Käsebrot ein Putenschnitzel essen? Wann soll das Morgengebet gesprochen werden? Die heiligen Schriften geben Anleitungen, Uhren helfen, diese umzusetzen.
Für die Griechen und andere Völker der Antike war die Geschichte der Menschheit ein Kreislauf, ein ewiges Werden und Vergehen. Gläubige Juden hingegen sahen sie – so wie nach ihnen die Christen auch – als eine lineare Abfolge von Ereignissen, der sich auf ein glückliches Ende, die Endzeit, zubewegen. Irgendwann kommt der Messias, um das notgeprüfte jüdische Volk und die ganze Welt zu erlösen. Diese Eschatologie ordnet dem Faktor Zeit eine sakrale Bedeutung zu. Uhren verbinden die sakrale Zeit mit dem modernen Leben.
Ein weiterer, nicht minder wichtiger Aspekt: Das Judentum ist eine Gesetzesreligion. Das Studium und die Interpretation heiliger Texte sind Pflicht, das kollektive Gedächtnis und die Überlieferung prägen im entscheidenden Maße die Identität. Ohne Präzision, Logik und einer Liebe für Details wäre das nicht möglich. So wird im traditionellen Judentum das vermeintlich Kleine, auf den ersten Blick Unscheinbare oder Nebensächliche bedeutsam – Buchstaben und Wortfolgen in heiligen Texten, die je nach Betrachtung und Interpretation unterschiedlich verstanden oder einen neuen Sinn ergeben, Augenblicke, die verstreichen müssen, bis leuchtende Sterne am Himmel oder die Zeiger einer Uhr den Beginn des heiligen Ruhetages oder das Ende des Fastens verkünden, Details, die folgerichtig ineinander greifen, einen Mechanismus und ein logisches System bilden. Das alles findet sich in mechanischen Uhren wieder. Ein Uhrmacher achtet auf jedes Detail und entwickelt, wenn er seinen Beruf mit Leidenschaft ausübt, eine Liebe zur Tüftelei. Dies alles traf auf meinen Großvater zu. Er war Pedant, Tüftler und Künstler zugleich.
In seiner Jugend hatte mein Großvater in Leningrad eine Werkstatt, die er jedoch mit dem Ende der liberalen Wirtschaftspolitik und der Verstaatlichung aller Betriebe in der Sowjetunion Ende der 1920er Jahre schließen musste. Als 1945 nach dem Krieg die Wirtschaftslage so katastrophal war, dass das Regime private Kleinbetriebe (für kurze Zeit) wieder erlaubte, eröffnete er sofort eine eigene kleine Werkstatt. Zwei Jahre später gab ihm ein guter Freund den Rat, er möge, wenn er nicht wie andere Kleinunternehmer und freiberuflich Tätige als „Feind der Arbeiterklasse“ im Lager landen wolle, den Betrieb selbst liquidieren, bevor die Behörden dies für ihn erledigen. Großvater befolgte schweren Herzens diesen guten Rat, konnte sich von der damit verbundenen Enttäuschung aber nie mehr erholen. Gefängnis und Lager bleiben ihm erspart, doch starb er 1949 an einem Herzinfarkt. Sein Kettenrauchen, die Kriege, die Hungerjahre und die permanente Angst, mir der er leben musste, hatten zweifellos ebenfalls zu seinem frühen Tod mit nur 56 Jahren beigetragen.
Meine mechanische Armbanduhr
Inzwischen sind alle gestorben, die meinen Großvater einst gekannt hatten – meine Großmutter, mein Vater, meine Tante, der Mann meiner Tante, Freunde, Bekannte. Ich bin wohl der Letzte, der eine verblasste Erinnerung aus zweiter Hand an ihn in sich trägt. Während ich durch La Chaux-de-Fonds flaniere, muss ich an ihn denken. In seinem Sinne bin ich über die geringe Zahl kleiner Uhrenreparaturstätten und Handwerksbetriebe genauso enttäuscht wie über den Siegeszug billiger, elektronischer Massenware oder von computergesteuerten, protzigen Statussymbolen, bei denen die Zeitmessung nur noch nebensächlich ist. Ich aber bin seit Jahren schon der Besitzer einer kleinen mechanischen Armbanduhr aus Russland im klassischen Design, die ich jeden Tag gewissenhaft aufziehe und dabei mit Dankbarkeit an meinen Großvater denke.
© Vladimir Vertlib
VLADIMIR VERTLIB, geboren 1966 in Leningrad, UdSSR. 1971 emigrierte seine Familie nach Israel, dann nach Italien, in die Niederlande und die USA, bevor sie sich 1981 in Österreich niederließ. Vladimir Vertlib studierte Volkswirtschaftslehre, lebt seit 1993 als Schriftsteller in Wien und Salzburg. Sein neuer Roman, „Die Heimreise“, ist im Februar im Residenz Verlag erschienen.


