Mitgefühl
Vladimir Vertlib: „MITGEFÜHL„
Veröffentlicht in: „Illustrierte Neue Welt“, Wien, Ausgabe 2/2024, S. 2-3
Eine Freundin von mir hat das, was wir zurzeit erleben, folgendermaßen auf den Punkt gebracht: „Im Mittelalter hasste man die Juden wegen ihrer Religion, im 19. und 20. Jahrhundert wegen ihrer sogenannten Rasse und jetzt wegen ihrem Staat.“ Auch wenn dies eine verkürzte Sicht der Dinge ist (gerade jetzt, in Zeiten weltweiter Vernetzung, finden Antisemiten besonders viele „Gründe“, um Juden zu hassen), ist die Aussage tendenziell richtig. Es gibt zudem nur mehr wenige Antisemiten, die ihre Haltung nach außen hin offen und stolz verkünden. Stattdessen verstehen sie sich als „Antizionisten“ oder schlichtweg als „Israelkritiker“. Wer Israel als Apartheid-Staat bezeichnet, im Zionismus eine rassistische Ideologie sieht oder im Krieg der israelischen Armee gegen die Hamas im Gaza-Streifen einen Völkermord zu erkennen glaubt, wähnt sich auf Seiten der Humanität und des Völkerrechts und weist den Vorwurf des Antisemitismus oft empört von sich. Er oder sie bekämpfe den faschistoiden Staat Israel, nicht aber die Juden im Allgemeinen und schon gar nicht ihre Religion, heißt es dann. Im Übrigen gäbe es „auch Juden, die gegen Israel sind und sich für die Rechte der Palästinenser einsetzen“.
Letzteres stimmt zweifellos. Es gibt jüdische Menschen – vor allem in den USA, in Kanada, aber auch anderswo -, insbesondere Studierende, die dem Gruppendruck ihrer Milieus und dem Wunsch nach Zugehörigkeit nachgeben und auf Demonstrationen mitmarschieren, auf denen die Hamas als Widerstandsbewegung bezeichnet und das Massaker vom 7. Oktober 2023 geleugnet wird. Und es gibt nichtjüdische Aktivisten, die ihre antiisraelische Haltung als Teil eines antikolonialistischen Kampfes gegen die Mächtigen der Welt verstehen, so als bestehe Israel in erster Linie aus alten, weißen Männern, die die Welt beherrschen und ausbeuten. Dass es sich hierbei um ein uraltes antisemitisches Klischee handelt, ist vielen von ihnen gar nicht bewusst. Andere wissen es, verdrängen es aber erfolgreich, wollen es nicht wahrhaben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Antifaschisten können ja grundsätzlich keine Antisemiten sein … Sie fragen sich nicht, warum gerade ein kleiner Staat wie Israel, der von Flüchtlingen aus Europa und von Holocaust-Überlebenden gegründet und Millionen Verfolgte und vertriebene Juden aus arabischen Ländern und anderen Teilen der Welt aufgenommen hat, in bestimmten rechten, vor allem aber linken Milieus schon seit Jahrzehnten als Inbegriff westlicher Macht, Arroganz und Unterdrückung gilt und sowohl symbolisch als auch exemplarisch für den westlichen Imperialismus herhalten muss.
Kritik an der israelischen Besatzungspolitik oder an der Kriegsführung im Gaza-Streifen ist natürlich legitim und nachvollziehbar. Es ist schwer zu glauben, dass die hohe Zahl von mehr als 35.000 zu einem großen Teil zivilen Opfern absolut unvermeidbar gewesen wäre. Seltsam ist nur, warum sich vergleichsweise wenige Menschen, die in den USA, in Australien, Schweden oder Südafrika leidenschaftlich für ein Palästina „vom Fluss bis zum Meer“ demonstrieren, die Frage stellen, weshalb gerade dieser blutige Konflikt die Gemüter weltweit derart erhitzt, während andere, ungleich blutigere Konflikte offenbar nur die Betroffenen selbst, sonst aber kaum jemanden interessieren. Im Sudan, in Äthiopien, in Libyen, in Syrien, in Jemen oder in Mali betreiben der Westen, Russland, Saudi-Arabien oder der Iran Machtspiele, Stellvertreterkriege und eine Kolonialpolitik, die an Zynismus kaum zu übertreffen ist und schon Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Dagegen jedoch hat in New York City, Malmö oder Paris kaum jemand demonstriert.
Die Volksrepublik China beutet den afrikanischen Kontinent seit Jahrzehnten systematisch aus. Doch das sorgt im fernen Amerika nicht für Empörung, wenn es denn überhaupt registriert wird. Deshalb werden auf kalifornischen Universitäten keine Zeltstädte errichtet oder gar chinesischen Studierenden der Zugang zu den Hochschulen verweigert. Wäre Israel kein JÜDISCHER Staat, würde sich außerhalb des Nahen Ostens kaum jemand dafür interessieren, was dort passiert.
Das Fatale ist jedoch, dass Israel längst zu einem Symbol sowohl für Antisemiten als auch für jene geworden ist, die sich für eine „gerechte Welt“ einsetzen und dabei Israel stellvertretend für die USA und ihre Politik als Weltmacht angreifen. Diese Menschen gehen den Weg des geringsten Widerstands. Auch wenn sie „eigentlich“ nichts gegen Juden haben, übernehmen sie gängige antisemitische Narrative und Symbole, um ihre eigenen „hehren“ Ziele durchzusetzen. Wann und wie diese Narrative und Symbole entstanden sind, wer sie in die Welt gesetzt hat und warum, ist nebensächlich. Den Schaden, den diese „Aktivisten“ damit anderen – jüdischen Menschen auf der ganzen Welt beispielsweise – anrichten, nehmen sie in Kauf.
Die Ergebnisse dieser Symbolpolitik können manchmal bizarr sein. So hat zum Beispiel der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag Karim Khan vor einigen Wochen Haftbefehle gegen Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, gegen Israels Verteidigungsminister Joav Galant sowie gegen den Anführer der Hamas im Gazastreifen, Yahya Sinwar, gegen den Befehlshaber der Al-Kassam-Brigaden, Mohammed Deif, und den Chef des Hamas-Politbüros, Ismail Haniyya wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beantragt.
Dabei nahm der Chefankläger des IStGH die schiefe Optik einer Gleichsetzung von Terrorführern der Hamas und den demokratisch gewählten Politikern Israels in Kauf. Den Verantwortlichen in Israel mag man die übertriebene Anwendung von Gewalt bei der Durchsetzung militärischer Ziele und eine Gleichgültigkeit für die dabei verursachten „Kollateralschäden“ bei der Zivilbevölkerung vorwerfen. Die Hamas jedoch hat gezielt Zivilpersonen gefoltert, entführt, vergewaltigt und ermordet und dadurch den gegenwärtigen Krieg erst provoziert. Bei aller berechtigten Kritik an Netanjahu – ihn im selben Atemzug mit Sinwar, Deif oder Haniyya zu nennen, wäre dasselbe wie Winston Churchill (der Dresden und andere deutsche Städte bombardieren ließ) und Adolf Hitler im selben Satz als Kriegsverbrecher zu bezeichnen und damit indirekt gleichzusetzen.
Nun wäre es spekulativ und außerdem billig, dem brillanten Juristen von Weltrang Karim Khan Antisemitismus vorzuwerfen. Dies ist bei diesem in Schottland geborenen Sohn eines Zuwanderers aus Pakistan und einer Engländerin zwar möglich, aber – betrachtet man seinen Werdegang, seine Haltung und seine bisherigen juristischen Entscheidungen – nicht sehr wahrscheinlich. „Einer der größten Antisemiten der Moderne“, wie ihn Netanjahu genannt hat, ist er gewiss nicht. Vielleicht lässt sich Karim Khan – wie viele andere – von der allgemeinen Stimmung der Empörung und des emotionalen Überschwangs beeinflussen. Wahrscheinlicher als das ist wohl sein Wunsch, der Welt zu zeigen, dass das Völkerrecht für alle gleichermaßen gilt. Wenn ein Verdacht auf israelische Kriegsverbrechen besteht, ist ein Haftbefehl gegen die dafür verantwortlichen Politiker auszustellen. Alles andere gehe Justitia, deren Augen bekanntlich verbunden sind, nichts an. Das mag rechtens sein. Ob es auch richtig ist, ist eine andere Frage. Die politische Optik und die Folgen sind jedenfalls fatal. Der IStGH ist kein Bezirksgericht. Augenbinden (die ohnehin überall durchsichtig sind) sind hier nicht immer angemessen.
Ich frage mich, warum gegen Netanjahu und seine rechtsradikalen Koalitionspartner nicht schon vor dem Krieg internationale Haftbefehle wegen ihrer Unterstützung extremistischer jüdischer Siedler in Westjordanland ausgestellt wurden. Dass diese Siedler die arabische Bevölkerung in den besetzten Gebieten terrorisierten und dabei von der Armee beschützt wurden, ist längst erwiesen. Damals wäre ein Haftbefehl gegen Netanjahu jedenfalls stimmiger gewesen als heute.
Noch absurder und kontraproduktiver ist die kürzlich getroffene Entscheidung einiger europäischer Länder – darunter der Niederlande, Irlands, Spaniens oder Sloweniens – Palästina als unabhängigen Staat anzuerkennen. Diese Anerkennung bezieht sich natürlich auf die von Präsident Mahmoud Abbas geführte Palästinensische Autonomiebehörde, die Teile des Westjordanlandes regiert und die Hamas zu ihren Todfeinden zählt. So bewirkt die besagte symbolische Geste europäischer Staaten, dass ein von der Hamas verübtes Massaker in Israel durch die politische und völkerrechtliche Aufwertung ihrer palästinensischen Gegner im Westjordanland „belohnt“ wird. Das Ganze wäre nichts weiter als eine bizarre Posse, wenn es nicht so traurig wäre. Man fragt sich, warum Europa der PLO und der palästinensischen Autonomiebehörde nicht im Jahre 2007, als die Hamas im Gaza-Streifen gewaltsam die Macht übernahm und PLO-Mitglieder ermorden ließ, geholfen hatte. Damals hätte eine Anerkennung der palästinensischen Autonomiegebiete als unabhängiger Staat vielleicht noch einen gewissen Sinn ergeben.
In arabischen Ländern wirft man uns Juden oftmals vor, wir hätten kein Mitgefühl. Man sagt, die toten Kinder in Gaza, die verletzten Mütter, die verzweifelten Väter seien uns egal. Für die arabischen Medien sind alle Israelis herzlose Mörder. Die Juden der Diaspora seien mächtig, würden die Welt manipulieren und beherrschen und die israelischen Mörder unterstützen. In islamischen Ländern und den muslimischen Communitys des Westens ist der Judenhass wenigstens offen, direkt und somit ehrlich. Einige Flüchtlinge aus islamischen Ländern, die ich kenne, haben mir offenherzig gestanden, dass sie mit Judenhass groß geworden sind und viel Zeit gebraucht hatten, um ihre Vorurteile zu überwinden. Einer von ihnen meinte, er hätte mir früher weder die Hand gegeben noch jemals mit mir gesprochen, wenn er gewusst hätte, dass ich Jude bin.
Zweifellos gibt es Israelis, die behaupten, die Bewohner des Gaza-Streifens ernteten nun das, was sie gesät, bekämen das, was sie verdient hätten. Es gibt jüdische Extremisten, die Hilfsgüter für den Gaza-Streifen zerstören und verlangen, man solle die „potenziellen Terroristen von morgen“ hungern lassen. Doch handelt es sich bei diesen Leuten in Israel – trotz Krieg und des größten Massakers, das an Juden nach 1945 verübt wurde – um eine Minderheit. Die Mehrheit der Israelis freut sich genauso wenig über leidende palästinensische Kinder, über getötete Frauen oder dem Erdboden gleichgemachte Städte wie die Mehrheit der Juden auf der Welt.
Auf Mitgefühl mit den israelischen Opfern des Massakers von 7. Oktober 2023, mit ihren Angehörigen oder mit den von der Hamas aus Israel entführten Geiseln wartet man in der islamischen Welt hingegen vergebens. Vielmehr erinnern wir uns alle an die Jubelchöre und Freudentänze, an die verteilten Süßigkeiten, an die Häme und den Spott, die es unter Muslimen am sowie unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023 gegeben hat. Und es waren nicht nur Palästinenser in den Flüchtlingslagern des Westjordanlandes oder des Gaza-Streifens, die über die Massenvergewaltigung jüdischer Frauen, über Folterungen oder die Ermordungen von Babys und Kleinkindern frohlockten, sondern auch Muslime in Ägypten oder Migranten im fernen Schweden, Deutschland oder Kanada.
Wer in einem mehrheitlich islamischen, israelfeindlichen Land aufgewachsen ist, mag von Kindheit an derart indoktriniert worden sein, dass er oder sie Juden nur als Feinde oder Dämonen, nicht aber als Lebewesen mit menschlichen Zügen wahrnimmt. Das erklärt die fehlende Empathie, zu einem gewissen Grad auch den Jubel über Vergewaltigung und Mord. Unerklärlich hingegen ist es, wenn europäische oder amerikanische Feministinnen Hand in Hand mit Hamas-Befürwortern marschieren, die Vergewaltigungen und Entführungen jüdischer Frauen am 7. Oktober 2024 entweder leugnen oder gar Verständnis für die „Wut der Unterdrückten“, die diese Taten begangen hatten, aufbringen. Noch unerklärlicher ist es, wenn sich Homosexuelle oder Transpersonen mit dem „Kampf der Palästinenser gegen Israel“ (und in Zeiten wie diesen somit zwangsläufig mit der Hamas) solidarisieren. In einem islamistischen Staat, den sie sich für das palästinensische Volk offensichtlich wünschen, wären sie selbst und die feministischen Frauen die ersten Opfer, die man aufhängen, steinigen oder einsperren würde.
Der Kampf gegen den jüdischen Staat und für die „Befreiung“ des palästinensischen Volkes ist offenbar wichtiger als Logik, Mitgefühl oder historisches Bewusstsein. Den meisten Menschen, die auf Pro-Palästina-Demos mitmarschieren, fehlt das nötige Wissen zur Geschichte der Region, des Zionismus oder des Staates Israel. Sie haben wenig Ahnung von Arabern oder Juden, dem Islam oder dem Judentum, der Geschichte des Antisemitismus oder des Kolonialismus. Sie wissen nichts über ökonomische und soziale Hintergründe, über Militärtechnik, Taktik, Strategie, Zwänge oder Möglichkeiten moderner Kriegsführung, über die Haager Landkriegsordnung oder über das Völkerrecht. Hunderttausende laufen irgendwo mit, weil andere es auch tun, oder weil sie sich insgeheim darüber freuen, dass man auch einmal Juden als Täter anprangern darf. Da scheinen der eigene Urgroßvater, der bei der SS war, oder die antisemitische Tante plötzlich weniger schlimm zu sein …
Das alles zeigt, wie wichtig die Existenz Israels für uns Juden in aller Welt weiterhin ist. Wenn der Kampf gegen einen jüdischen Staat für so viele Menschen auf der Welt offenbar so bedeutsam ist, dass sie dafür sogar bereit sind, fundamentale Grundsätze wie den Schutz von Frauen gegen Vergewaltigungen oder den Kampf gegen religiösen Wahn und Totalitarismus hintanzustellen, wie würde es uns Juden in dieser Welt wohl ergehen, wenn wir keinen eigenen Staat hätten, der uns zumindest einen minimalen Schutz bietet, der uns stets aufzunehmen bereit ist und sich überall auf der Welt für uns einsetzt, wenn wir bedroht oder verfolgt werden? Ob die heutigen Pro-Palästina-Demonstranten sich für uns einsetzen würden, wenn wir – wie in früheren Zeiten – nur mehr Opfer oder Leidende wären? Das mag bezweifelt werden.
© Vladimir Vertlib


