Vienna Pride: Was geht es mich an, wen andere lieben?
Warum ist von allen Vorurteilen, Hassgefühlen und Phobien gerade der Hass auf Schwule, Lesben und Transpersonen derart vorherrschend? Was das Thema LGBTQ+ von anderen unterscheidet, ist die Tatsache, dass es auf fundamentale Weise um Sexualität geht.
„Die Presse“, Wien, „Spectrum“, 14.06.2025 um 09:37
Von Vladimir Vertlib
Als ich vierzehn Jahre alt war, mochte ich keine Homosexuellen. Nicht, dass ich jemals schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht hätte: Ich kannte keinen einzigen. Dennoch jagten sie mir Angst ein: Allein die Vorstellung, ein Mann könnte mich unsittlich berühren oder gar mehr als das von mir wollen, löste Panik und Ekelgefühle bei mir aus. Wie ein Mädchen „benutzt“, also passivem Sex ausgesetzt zu sein, erschien mir nicht nur schmerzvoll und erniedrigend, sondern auch schändlich zu sein, war ich doch mitten in der Pubertät und gerade dabei, mir ein Selbstbild als starker, aktiver Mann zu erschaffen. Dass ich dennoch nur ein kleiner, schwacher Bursche war, den irgendwelche Fantasieschwule attraktiv finden könnten, gehörte dennoch zum Standardrepertoire meiner Ängste. Natürlich hätte ich Gedanken dieser Art niemals offen, schon gar nicht gegenüber Gleichaltrigen formuliert … Meine Mitschüler machten Witze über Schwule, und ich lachte mit. Homophobie war zu jener Zeit etwas „Normales“, sie war wie Sexismus und Fremdenfeindlichkeit legal und gesellschaftlich akzeptiert, solange man nicht offen zu Gewalt aufrief. Kein Wunder, dass ich in meiner gesamten Schulzeit keinem einzigen Jugendlichen begegnete, der sich als schwul geoutet hatte.
Hätte mich allerdings jemand nur wenige Jahre später – mit sechzehn oder siebzehn Jahren – gefragt, ob ich dafür wäre, homosexuelle Menschen in irgendeiner Art und Weise einzuschränken oder gar zu verfolgen, hätte ich das verneint. Ich hatte keine Angst mehr vor ihnen. Warum sollte es für mich ein Problem darstellen, wie andere Menschen ihr Leben gestalten, wen sie lieben, mit wem sie zusammenleben, wie sie sich kleiden, oder welche Umzüge sie gelegentlich veranstalten? Offenbar hatte ich bestimmte Aspekte der Pubertät hinter mir gelassen. Ich war zwar verklemmt, zwanghaft, manchmal paranoid und konnte mich selbst nicht ausstehen, ein ganz normaler Jugendlicher also, aber zumindest wusste ich insoweit, wer ich selbst war, um Menschen, die anders waren als ich, nicht als Gefahr für das eigene Selbstverständnis zu sehen.
Ich kann nicht wissen, wann Ehrlichkeit aufhört und Verstellung beginnt
Vierzig Jahre später leite ich regelmäßig Workshops für Jugendliche zum Thema Extremismusprävention und stelle fest, wie viel und doch wie wenig sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Sexismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit sind bei Jugendlichen von heute genauso anzutreffen wie in meiner Schulzeit, nur dass diese Ressentiments von manchen besser reflektiert, subtiler versteckt oder schlichtweg nicht nach außen kommuniziert werden. Kaum ein Jugendlicher wird ein eindeutig rassistisches Bild positiv bewerten oder einer offensichtlich frauenfeindlichen Aussage zustimmen – jedenfalls nicht gegenüber einem Erwachsenen wie mir. Ich kann nicht wissen, wann Ehrlichkeit aufhört und Verstellung beginnt, kann aber doch guten Gewissens behaupten, dass sich zumindest in einem Land wie Österreich einiges zum Positiven verändert hat.
Nun ist Österreich keineswegs repräsentativ für die Welt in ihrer Gesamtheit. Das sind der Kongo, Afghanistan oder Indien, wo Vergewaltigungen und Frauenmorde an der Tagesordnung sind und meist ungeahndet bleiben, leider sehr viel mehr, und auch bei uns ist die Zahl der Femizide erschreckend hoch. Doch zumindest in den meisten Medien werden sie bei uns als solche benannt, als Problem erkannt und als frauenfeindlich verurteilt. Vor fünfzig Jahren hätten die in Österreich führenden Zeitungen darüber spekuliert, inwieweit eine Frau ihren männlichen Mörder „selbst provoziert“ hätte.
Wenn es um Fremdenfeindlichkeit, um Vorurteile gegen Geflüchtete und Zuwanderer geht, ist die scheinbar positive Entwicklung sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen weniger ausgeprägt. Noch schlimmer wird es, wenn Themen wie LGBTQ+, die Frage, wieviele Geschlechter es gibt, oder das Thema Gendern zur Sprache kommen.
„Es gibt nur zwei Geschlechter!“, höre ich oft von Jugendlichen. Oder: „Gott hat nur Mann und Frau erschaffen, und das kann der Mensch nicht willkürlich ändern.“ Immer wieder auch: „Die sozialen Medien sind daran schuld, dass Jugendliche schwul oder trans werden – es ist eine Modeerscheinung!“ Und noch öfter: „Ich habe nichts gegen Schwule, aber warum müssen sie sich so in den Vordergrund drängen? Warum müssen sie ständig so präsent sein?“ Es kommt mir vor, als hätten manche Jugendliche das Gefühl, von homosexuellen Menschen umzingelt zu sein, die ihnen ständig etwas einreden oder ihnen ihre Biographien, ihren Lebensstil, ihre Empfindlichkeiten und ihre Weltsicht aufdrängen.
Was denn schlimm daran sei, wenn Homosexuelle einmal im Jahr eine „Love-Parade“ veranstalten, möchte ich wissen. Niemand wird gezwungen, an diesem Umzug teilzunehmen. Die Straßen werden an Love-Parade-Tagen abgesperrt, was lästig sei, entgegnet man mir, und man bekomme halb nackte Männer zu sehen. Das könne „kleine Kinder erschrecken“. Ich überlege mir, was kleine Kinder heutzutage alles in den sozialen Medien sonst noch zu sehen bekommen …
Auf meinen Einwand, Homosexuelle seien jahrhundertelang verfolgt, verachtet, diskriminiert, von den Nazis in KZ gesperrt und ermordet worden, weswegen es emotional verständlich sei, dass sie sich heute nicht mehr verstecken wollen und ihr Anderssein manchmal stolz zur Schau stellen, kommt immer öfter eine inzwischen schon klassisch anmutende Antwort: „Die Juden wurden auch jahrhundertelang verfolgt und von den Nazis ermordet, demonstrieren deshalb aber auch nicht jeden Tag oder binden einen auf die Nase, dass sie Juden sind und unter Verfolgungen zu leiden hatten.“
Ich erinnere mich daran, wie oft ich als Kind in Österreich gehört habe, es soll einmal Schluss mit den Gesprächen über die Vergangenheit sein. Man solle vergeben und vergessen, die Juden sollten endlich einmal Ruhe geben, die Juden wollten wieder einmal Geld, man habe im Krieg selbst gelitten und möchte nicht ständig an den Holocaust erinnert werden, und letztlich seien die Juden „irgendwie“ auch mitschuld daran, dass man sie verfolgt hat.
Natürlich sind bei weitem nicht alle Jugendlichen trans- oder homophob. Viele von ihnen sind reifer, weltoffener und differenzierter als so manche Ältere. Für die Welt der Erwachsenen hingegen scheint Homo- und Transphobie die Speerspitze, die beste Waffe des sogenannten Backlashs zu sein. Die Ablehnung von Schwulen und Lesben und noch mehr von nonbinären und von Transperson ist das verbindende Glied zwischen völlig gegensätzlichen Gruppen, ein Katalysator und zudem ein Ausweis für eine bestimmte reaktionäre Gesinnung. Islamisten, fundamentalistische Christen, Rechtsradikale, Identitäre, AfD- und FPÖ-Anhänger und orthodoxe Juden sind hierin derselben Meinung. Mögen sie anderenfalls einander hassen, bekriegen, ja auslöschen wollen – in ihrem Kampf gegen die Regenbogenfahne sind sie Verbündete.
Biologie per Dekret
In Putins Russland werden Mitglieder der LGBTQ+ Community verfolgt, und in kaum einem anderen Land der Welt werden Homosexuelle so verachtet wie in Russland. Donald Trump verkündete in seiner Antrittsrede als US-Präsident, ab sofort dürfe es in den USA nur zwei Geschlechter geben – Identitätspolitik als politisches Programm, Biologie per Dekret. Regenbogenfahnen dürfen auf öffentlichen Gebäuden der USA nicht mehr gehisst werden, Antidiskriminierungsprogramme werden eingestellt. Erstaunlich, wie viele Menschen dem zustimmen, anstatt es lächerlich und peinlich zu finden. Oder ist das gar nicht erstaunlich in einem Land, in dem ein Mann, der sich damit brüstet, Frauen zwischen die Beine zu greifen, und rechtskräftig wegen Vergewaltigung verurteilt wurde, trotzdem zum Präsidenten gewählt wird?
Keineswegs lächerlich ist hingegen die Gewalt, der Homosexuelle und Transpersonen immer noch weltweit ausgesetzt sind. In Österreich hat kürzlich eine gut organisierte Terrorbande Homosexuelle (und auch einige, die es nicht waren, aber dafür gehalten wurden) misshandelt und gedemütigt. Gleichermaßen erschreckend ist es, dass viele Opfer dieser Gewalttaten Angst hatten, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten. Was sagt das über unsere Gesellschaft und unsere Demokratie aus? Minderheiten keinen oder nur geringen Schutz und keine Rechtssicherheit zu gewähren, hat in Österreich Tradition. Vielleicht war es ja eine Illusion zu glauben, dass dies in den letzten Jahrzehnten besser geworden sei.
Es stellt sich die Frage, warum von allen Vorurteilen, Hassgefühlen und „Phobien“ gerade der Hass auf Schwule, Lesben und Transpersonen derart vorherrschend ist. Ist die Irritation über Menschen, die andere Menschen des eigenen Geschlechts sexuell anziehend finden, oder sich einem anderen Geschlecht zugehörig fühlen, etwa „naturgemäß“ größer als die Ablehnung von Menschen anderer Hautfarbe, anderer Herkunft oder Religion? Ist dieser Hass gar „natürlicher“ als der Antisemitismus oder die Verachtung von Frauen? Wohl kaum! Vielmehr handelt es sich um den Backlash aller Backlashs, die Königsdisziplin unter allen regressiven Ideologien – um den Rückfall in die Pubertät mit ihrer Suche nach klaren Profilen, Eindeutigkeiten und Abgrenzungen!
Der Ausdruck Homophobie ist eigentlich falsch, denn es handelt sich um Ablehnung, um Hass oder um Angst, oftmals auch um Ekel, aber Ekel ist keine Phobie. Eine Phobie ist eine Krankheit, Hass jedoch ist ein negatives Gefühl, für das jeder selbst verantwortlich ist, und keine Krankheit, und Hetze als Folge des Hasses ist ein Verbrechen. Die Entwertung anderer Menschen hat immer in erster Linie mit dem Bild des eigenen Selbst zu tun. Wenn der Kern des Selbst, der Körper, zum Kampfgebiet wird, ist das ein Zeichen für unaufgelöste Konflikte und Probleme, die weit über die Frage hinausgehen, wieviele Geschlechter es geben darf. In einer Welt, die insgesamt immer prekärer wird, in der sogar Klima- und Corona-Leugner spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist und nie mehr so sein wird wie früher, sind die äußeren Merkmale des eigenen Körpers für manche Menschen die letzte noch verbleibende Selbstverständlichkeit, die es zu verteidigen gilt. Wenn man sich nicht einmal mehr auf die Intimsphäre verlassen kann, wenn einen Menschen nicht einmal ein Penis unmissverständlich zu einem Mann und eine Vagina zu einer Frau macht, worauf kann man sich denn überhaupt noch verlassen?
Wenn alles andere schon verloren ist, findet der Endkampf über Sein oder Nicht-Sein vor dem Eingang zu den öffentlichen Toiletten statt. Während in der Welt um uns herum Tausende von Menschen in blutigen Kriegen ums Leben kommen, während Massaker und ethnische Säuberungen stattfinden, Kinder verhungern, Demokratien erodieren und der Klimawandel zu immer furchtbareren Naturkatastrophen führt, wird in bestimmten Kreisen heftig darüber gestritten, ob Trans-Männer (wohl etwa 0,1 Prozent der Bevölkerung) öffentliche Damentoiletten oder Duschräume aufsuchen und ob sie bei Sportveranstaltungen mit „echten“ Frauen auftreten dürfen. Nun sind dies keineswegs banale Fragen. Die viel spannendere Frage ist allerdings, warum dieses Thema so viele Menschen, die das überhaupt nicht betrifft, umtreibt und zu heftigen Diskussionen animiert.
Was das „LGBTQ+“-Thema von anderen unterscheidet, ist die Tatsache, dass es auf fundamentale Weise um Sexualität geht. Diese spielt zwar in allen anderen Bereichen, wo es um Menschen geht, direkt oder indirekt eine Rolle, aber nirgendwo ist sie in dieser Weise ein konstituierendes Merkmal einer Gruppe. Antisemiten und Rassisten projizieren ihre eigenen Vergewaltigungsfantasien und Ängste zwar gerne auf Juden und auf Schwarze, denen sie übermäßige Potenz und Triebhaftigkeit unterstellen, aber es ist natürlich nicht die Sexualität, die Juden und Schwarze primär von anderen unterscheidet. Wer es aber in der Pubertät nicht geschafft hat, eine ausgewogene Balance zwischen Intimität, Schamgefühl und Offenheit, zwischen Anspruch und Selbstverständnis zu schaffen, wenn es um Sexualität, Liebe und Körperlichkeit geht, wer auf keinem festen Identitätsboden steht und sich vielleicht sogar – Gott behüte! – über die eigene sexuelle Orientierung nicht ganz im Klaren ist, für den wächst die Homo- und Trans-„phobie“ zum Schutzschild gegen die Gefahren der äußeren Welt und die aus den eigenen Abgründen aufsteigenden Ängste. Es ist die ultimative Flucht, die Verdrängung von Reife und Erwachsensein, um sich dem Grauen der Uneindeutigkeit, die zum Leben dazugehört, nicht aussetzen zu müssen.
Erwachsene, die ganze Menschengruppen hassen und gegen diese hetzen, wird man in den seltensten Fällen vom Gegenteil überzeugen können. Ich selbst habe oft versucht, mit ausgewachsenen Schwulenhassern, Rassisten und Rechtsradikalen zu diskutieren, doch waren sie weder fähig noch willens, mir zuzuhören. Vielmehr ging es ihnen ausschließlich darum, das, was ich sage, zu entkräften, mich zu entwerten und zu verspotten. Bei Jugendlichen ist die Wahrscheinlichkeit, sie mit Argumenten zu erreichen oder zumindest zum Nachdenken anzuregen, größer. Die heutigen Jugendlichen sind in den meisten Fällen rhetorisch besser, schlagfertiger und treten selbstsicherer auf als junge Menschen meiner Generation vor vierzig Jahren. Ich selbst war als Teenager sprachlos, schüchtern und deshalb meist stumm.
Mehr Mut zur Positionierung
Das bedeutet nicht, dass die jungen Leute von heute informierter und medienkompetenter sind oder besser argumentieren können. Wer in sozialen Netzwerken aktiv ist und fähig ist, im Internet Seiten aufzurufen, ist noch lange nicht in der Lage, die Informationsflut, mit der man dabei konfrontiert ist, richtig einzuordnen, zu interpretieren oder Fakes als solche zu erkennen. Hier herrscht vor allem seitens der Schulen noch großer Handlungsbedarf. Manche Lehrkräfte sollten sich zudem selbst zu gesellschaftlich relevanten Fragen mehr Wissen aneignen und öfter etwas mehr Mut zur Positionierung aufbringen.
Was vielen Jugendlichen fehlt, ist Empathie – die Fähigkeit, sich in die Gefühlswelt von Menschen, die die Welt anders sehen und erleben als sie, hineinzuversetzen und zu akzeptieren, dass andere Menschen oft völlig andere Narrative zu denselben Dingen haben, die auch sie selbst beschäftigen. Das gilt neben vielem anderen für den Nahost-Konflikt genauso wie für den gesamten Bereich Asyl und Zuwanderung, für die Diskussionen rund um die Klima-Krise und vor allem für all die heftig geführten gesellschaftlichen Debatten rund um das Thema „LGBTQ+“. Jugendliche zu mehr Mitgefühl und Einfühlungsvermögen zu animieren, sehe ich deshalb als primäre gesellschaftliche Aufgabe an.
VLADIMIR VERTLIB: Der Autor wurde 1966 in Leningrad, UdSSR, geboren. 1971 emigrierte seine Familie nach Israel, dann nach Italien, in die Niederlande und die USA, bevor sie sich 1981 in Österreich niederließ. Vladimir Vertlib studierte Volkswirtschaftslehre und lebt seit 1993 als Schriftsteller in Wien und Salzburg. Zuletzt ist erschienen sein Roman „Die Heimreise“ (Residenz Verlag).
(c) Vladimir Vertlib


