Unsagbar schön: Heimat in der Fremdsprache
Rede („Keynote“) zur Eröffnung der 3. Tagung des Österreichischen Forums Deutschdidaktik (ÖFDD) – „So vertraut und doch so fremd? (Neue) Perspektiven auf das Deutsche in Sprache, Literatur und Unterricht“ am 26. Februar 2026 an der Universität Klagenfurt
Zu den Lieblingsbüchern meiner Jugend, die mir in den 1980er Jahren meine Großmutter als Geschenk zu einem meiner Geburtstage (wohl zu meinem 16. oder 17.) aus Leningrad nach Wien geschickt hatte, gehörte ein Buch auf Russisch mit dem Titel „Slówo o slowách“ – „Erzählung (oder Bericht) über Worte“ – wörtlich übersetzt „Wort über Worte“, weil im Russischen das Wort „Wort“ die Mehrfachbedeutung von Wort, Bericht und Erzählung hat. Es handelte sich um einen populärwissenschaftlichen Abriss zum Thema Linguistik und Sprachgeschichte für Jugendliche und junge Erwachsene. Für mich war dieses Buch spannend wie ein Roman und auf jeden Fall spannender als jeglicher Sprachunterricht im Wiener Gymnasium, das ich damals besuchte. Der Verfasser des Buches war der aus St. Petersburg stammende Philologe, Schriftsteller und Journalist Lew Uspenskij (1900-1978), der einst in Russland neben seinen Büchern zum Thema Sprache vor allem durch eine Reihe von Kriegsberichten, Science-Fiction-Romanen, Krimis und Nacherzählungen der griechischen Mythologie bekannt war.
Besonders beeindruckend waren für mich die Kapitel zur Geschichte einzelner Sprachen und Sprachfamilien, die Beschreibung ihrer unterschiedlichen Strukturen, die Hinweise auf verschiedene Schriftarten, phonetischen Besonderheiten, falsche Freunde, Unregelmäßigkeiten und Lautverschiebungen. Überraschend auch so manches Detail, das mir bis dahin nie aufgefallen war – zum Beispiel, dass im Russischen der Buchstabe „F“ selten, und wenn, dann nur in Fremdwörtern vorkommt. In den meisten Gedichten Puschkins oder Lermontows zum Beispiel – auch in längeren – ist dieser Buchstabe überhaupt nicht vorhanden. Dabei gab es früher sogar zwei Buchstaben für F im Russischen – F und Fita (in Fremdwörtern aus dem Griechischen, wo im Original ein „th“ (Theta) vorkommt, im Russischen aber als F ausgesprochen wird). Den Laut F hört man im Russischen übrigens oft, er wird nur anders geschrieben. Als „w“. Im Buch wird auch erklärt, warum. Details dieser Art faszinierten mich als Siebzehnjährigen ungemein … Erst durch die Lektüre dieses Buches erkannte ich außerdem, worüber ich bis dahin noch nicht bewusst nachgedacht hatte – dass es Sprachen gibt, in denen Wörter, Präfixe und Suffixe aneinandergeklebt oder ineinander geschraubt werden, so als würde man ein Gerät oder ein Möbelstück zusammensetzten, während andere Sprachen isolierte Wörter schlichtweg nebeneinanderstellten, als wären sie Bilder oder Installationen in einer Ausstellung, wo sie in der Zusammenschau und durch die Reihenfolge einen bestimmten Sinn ergeben. Und dann gibt es Sprachen, in denen man Wörter biegen oder brechen muss oder wie Plastilin oder einen Teig kneten soll, damit sie dort hineinpassen, wo man sie sinngemäß haben möchte … Das war nicht nur lehrreich und unterhaltsam geschrieben, zeitweise humorvoll, sogar witzig, sondern ließ mich über das Verhältnis von Sprache und Wahrnehmung, Sprache und Kultur, Sprache und Mentalität, Sprache und Gefühl, nachdenken. Prägen bestimmte Sprachsysteme nicht nur Literatur und Kultur, sondern auch den Alltag, die Geschichte und die Politik ganzer Völker?, fragte ich mich damals. Gibt es zum Beispiel einen Zusammenhang zwischen der Möglichkeit, im Deutschen unendlich viele zusammengesetzte Wörter – Substantiva wie Adjektiva – und somit neue Begriffe mit unterschiedlichsten Nuancen zu bilden, und der Tatsache, dass die wichtigsten Philosophen der Neuzeit ihre Werke gerade auf Deutsch geschrieben hatten? Ist Kant ohne Deutsch überhaupt denkbar? Übersetzbar – vielleicht. Also sinngemäß und ungefähr übertragbar. Aber ursprünglich und im kreativen Sinne denkbar? Was ist mit den Texten von Leibnitz, Hegel, Nietzsche oder Wittgenstein? War Deutsch zudem nicht lange die Zeit die wichtigste Wissenschaftssprache? Hatte das nur historische/politische Gründe oder auch mit der Struktur und dem Wesen der deutschen Sprache zu tun? Wurden aber nicht auch sowohl der Marxismus als auch der Nationalsozialismus zuerst auf Deutsch gedacht und sprachlich fixiert? Hat nicht auch das – neben anderen Faktoren – etwas mit dem Geist der deutschen Sprache zu tun? Das sind die Fragen, die ich mir damals, als Schüler, stellte und auf die ich keine Antwort fand.
Ich bin in Russland geboren, meine Muttersprache ist Russisch, meine Großmuttersprache Jiddisch. Als Kind und als Jugendlicher habe ich in mehreren Ländern gelebt, war mit mehreren Sprachen und Sprachvarianten konfrontiert, die meine eigene Identität, meine Wahrnehmung der Welt und später mein Schreiben geprägt haben. Mit siebzehn Jahren hatte ich schon einige Sprachwechsel – besser gesagt, Sprachverwirrungen, Sprachmischungen, Sprachumwege – hinter mir, und nicht nur das: ich schrieb zu diesem Zeitpunkt schon regelmäßig Kurzgeschichten, hatte ein Tagebuch auf Russisch, Englisch und Deutsch geführt und hatte erkannt, dass ich die Welt schreibend erkunden muss, um in ihr zu bestehen oder auch nur, um sie schlichtweg ertragen zu können. Als ich mit meinen Eltern im Alter von vierzehn Jahren in die USA kam, begann ich regelmäßig aufzuschreiben, was ich sah, was ich erlebte oder was ich gerne erlebt hätte. Mein Tagebuch entwickelte sich bald zu einer Art persönlichem Episodenroman, der sich immer stärker von der Realität entfernte, Erfundenes oder Erahntes hinter der Oberfläche der Tatsachen gestaltete, dabei aber meine Befindlichkeit umso deutlicher spiegelte und somit authentischer wurde. Was ich beschrieb, war in nur seltenen Fällen schön, oftmals sarkastisch, manchesmal „cool“ (wie man heute sagen würde; damals wurde der Ausdruck noch nicht so oft verwendet wie heute): Meine Eltern und ich waren zeitweise ohne gültige Papiere in den USA. In der Schule musste ich das verheimlichen. Meine Eltern hatten keine Arbeit, die Ersparnisse waren nach einigen Monaten aufgebraucht, wir verloren die Wohnung, landeten in Boston in einer YMCA-Unterkunft, kurz danach in Abschiebehaft, auf die noch am selben Abend eine Abschiebung folgte. Das „Erlebnis“ war wirklich nicht schön, so etwas ist immer traumatisierend, ganz besonders dann, wenn man es als Jugendlicher erlebt, ich musste alles aufschreiben, ich musste mich aus der Angst und der Dunkelheit herausschreiben, was nie ganz gelang, doch nichts, was ich damals mit Beamten der US-Einwanderungsbehörden erlebte, kommt an die Brutalität der heutigen ICE heran. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass es dort soweit kommen könnte, und die Bilder, die ich heute sehen muss, lassen mich nicht mehr los …
Doch zurück zum Thema Sprache und zu meinen Tagebüchern: Als meine Eltern und ich einige Zeit in Brighton Beach, New York, einem russisch-jüdischen Viertel, das oft Little Odessa genannt wurde, gelebt haben, schrieb ich auf, was die Leute sagten. Ihr Russisch war oft derb und mit Anglizismen versetzt. Das gefiel mir; ich übernahm diese Mischsprache, verwendete sie nicht nur in Dialogen, sondern auch in Beschreibungen, fand das stimmig, pointiert und auch irgendwie verwegen, bis ich einige Zeit später meine Tagebücher wieder gelesen und ein schlechtes Gewissen bekommen hatte. In der Emigration, die ich mit meinen Eltern durchmachen musste, waren Sprache für mich sowohl ein Refugium als auch ein Ausweis von Zugehörigkeit. Zwölf Umzüge in etwas mehr als zehn Jahren zwischen meinem fünften und meinem sechzehnten Lebensjahr – ich fühlte mich überall fremd; die Fremde selbst war meine Heimat. Das sah man mir oft an, doch wollte ich zumindest dazugehören, wenn ich den Mund aufmachte. Ich wollte kein Pidgin verwenden, sondern gutes Russisch, Deutsch oder Englisch sprechen. Irgendwann wollte ich besser sein als die anderen – als die Unhinterfragbaren, als die Eingeborenen.
Ein „Treffen“ war kein „Appointment“, ein „Büro“ kein „Office“, eine „U-Bahn“ keine „Subway“, eine Schule keine „High School“; und ich wollte nicht „performen“, wenn ich etwas erreichen, leisten, gestalten oder umsetzen wollte. Gewiss: das Pidgin von Brighton Beach hatte etwas Ordinäres, Schäbiges, Banales. Doch als ich meine Tagebucheinträge umschrieb und die Slang- und Pidgin-Ausdrücke durch ein korrektes Russisch ersetzte, war die Sprache zwar schöner, aber sie verlor ihre Seele.
Ich wollte ein sprachlicher Purist sein, doch gelang mir das nicht. Es fühlte sich nicht richtig an. Ein „Office“ war nämlich doch kein „rabotschij kabinet“ – ein „Arbeitsraum“, wie es damals im Russischen hieß. Wörter, die in verschiedenen Sprachen scheinbar dasselbe bezeichnen, sind dennoch nicht ident, wenn das Bezeichnete in verschiedenen Kulturen oder Zeiten zwar dieselbe Funktion, aber doch ein ganz anderes Aussehen und eine andere Atmosphäre hat und somit auch ganz andere Assoziationen weckt, wenn es ausgesprochen oder gelesen wird. Ein sowjetischer Büroraum war nun einmal kein amerikanisches Office. Im modernen, postsowjetischen Russisch gibt es den Ausdruck „Office“ („офис“) übrigens längst.
Als ich Lew Uspenskijs Buch „Erzählung über Worte“ las, hatte ich die Zeit in Amerika hinter mir und war wieder – diesmal endgültig – in Österreich gelandet. Je mehr ich mich in das Buch vertiefte, desto mehr hatte ich, wenn ich mich umsah, den Eindruck, dass sich in Österreich niemand wirklich mit Sprache beschäftigte, jedenfalls nicht in meinem Umfeld und nicht so, wie es Uspenskij getan hatte. Das heißt: Natürlich lernten wir in der Schule Deutsch und einige Fremdsprachen, sogar Latein; wir lasen Bücher, sprachen über Literatur und erwarteten von Zuwanderern, die damals immer nur und stets ungegendert als „Ausländer“ und „Gastarbeiter“ bezeichnet wurden (Österreich war ja kein Zuwandererland), dass sie Deutsch lernten, das heißt, beide Sprachen natürlich – Dialekt und Hochdeutsch. Doch nirgendwo, weder in Österreich noch sonst irgendwo im Westen, so kam es mir jedenfalls vor, war jene Leidenschaft für Sprache zu spüren, die ich empfand, wenn ich Uspenskijs Buch las, schon gar nicht für Deutsch! Sprache war für die meisten Menschen, mit denen ich zu tun hatte, keineswegs etwas Kostbares. Vielmehr war es etwas Selbstverständliches, und man ging damit eher nachlässig um – wie mit unwichtiger Billigware, deren Fehler und Funktionsschwächen man achselzuckend zur Kenntnis nahm.
Besonders deutlich, eigentlich fast schon symbolisch und exemplarisch, fiel mir das bei den mehrsprachigen Aufklebern in Flugzeugen und Zügen auf. Sie kennen das vielleicht selbst: In diesen Hinweisen von nur wenigen Zeilen finden sich immer gravierende Sprachfehler: „spulen“ statt „spülen“, „toilette“ klein geschrieben, „ansnallen“ statt „anschnallen“ und Ähnliches – und das in allen der drei oder vier Sprachen, um die es meist geht. Schon als Jugendlicher erstaunte und ärgerte mich dies zugleich. Ein großes Passagierflugzeug kostet etwa 300 Millionen US-Dollar, dachte ich. Jedes technische Detail, jede Leitung, jede Isolierung, jede Schraube oder Abdichtung muss auf den Millimeter genau passen und regelmäßig sehr genau überprüft und gewartet werden. Schon der allerkleinste Fehler kann Hunderten von Menschen das Leben kosten. Die großen Fluggesellschaften geben jedes Jahr Zehntausende Dollar pro Flugzeug für Wartungsarbeiten aus, und dann finden sie keinen Dolmetscher, der zwei Zeilen aus dem Englischen korrekt ins Deutsche oder Französische übersetzt? Wirklich?
Vielleicht wissen sie es nicht besser, dachte ich als Jugendlicher. Nein, korrigierte ich mich rasch: Es ist ihnen egal. Was ich damals oft zu hören bekam, war: „Handwerker, Techniker, Ingenieure und Naturwissenschaftler interessieren sich nicht für Sprache, ja, die Kultur in ihrer Gesamtheit ist ihnen egal, unwichtig, absolut nebensächlich.“ Kulturmenschen, die Gedichte lesen oder gar schreiben, Gefühle zeigen, klassische Musik hören und schöne Reden halten, werden von Techniker*innen, von Menschen also, die „richtig“ arbeiten, praktisch denken und etwas Sinnvolles schaffen, verachtet. So eines der gängigen Klischees, mit dem ich in Österreich konfrontiert war. Ich selbst stamme aus einer Familie von Ingenieur*innen und Naturwissenschaftler*innen; meine Mutter ist Mathematikerin, doch Literatur und Sprache hatte für meine Eltern und Großeltern und die meisten anderen Verwandten stets einen hohen Stellenwert. Für mich war korrekte Sprache – gesprochen wie geschrieben – eine Frage der Identität, der Selbstachtung und des Respekts vor anderen. So wie ich anderen (vom sehr privaten Umfeld einmal abgesehen) nicht ungewaschen, in zerrissener Kleidung und mit ungeputzten Zähnen gegenübertrete, so gebe ich auch keinen Text oder Bericht mit unzähligen Tipp- und Rechtschreibfehlern ab, ja ich korrigiere auch meine Mails, bevor ich sie wegschicke, und überprüfe alles auf Fehler, was ich in die sozialen Netzwerke hineinstelle. Das ist nicht nur eine Frage der Disziplin, sondern – wie gesagt – vor allem des Respekts anderen gegenüber. Das heißt nicht, dass mir keine Fehler unterlaufen, oder dass ich nicht hin und wieder im Stress etwas salopper oder nachlässiger werde als üblich. An meiner grundsätzlichen Haltung ändert das nichts. Sprache ist das wichtigste Instrument, mit dem wir mit anderen in Verbindung treten, in dem wir über uns, über andere, über Liebe und andere Gefühle, über die Welt und alles, was man gemeinhin als Transzendenz bezeichnet, reflektieren. Am Anfang war zwar nicht das Wort, aber es wird am Ende stehen. Was der letzte Mensch, der jemals existieren wird, am Ende seines Lebens sieht und denkt, wird er zweifelsohne in Worte fassen …
Die großen Fluglinien und Bahngesellschaften – so dachte ich jedenfalls als Jugendlicher – sorgen sich zwar um die Sicherheit ihre Passagiere, aber sie respektieren sie nicht, ja, sie verachten sie insgeheim, weil sie gar nicht auf Idee kommen, dass jemanden von ihnen gravierende Sprachfehler überhaupt stören könnten. Vielleicht sogar, weil sie denken, dass die Leute zu blöd sind, um diese Sprachfehler überhaupt als solche zu erkennen … Inzwischen, mehr als vierzig Jahre später, sehe alles nicht so streng, doch grundsätzlich gebe ich dem Jugendlichen, der ich in den 1980er Jahren war, immer noch recht.
Ich erinnere mich, wie ich versucht hatte, ein ähnliches Buch wie Uspenskijs „Slówo o slowách“ auf Deutsch zu finden. Vergeblich.
Als Erwachsener habe ich mich nicht mehr intensiv mit linguistischen Fragen beschäftigt. Meine Arbeit als Schriftsteller, und hier vor allem das Erzählen von Geschichten, stand für mich im Vordergrund. Vielleicht hatte ich auch Scheu allzu lange und zu genau hinter die Kulissen der Sprache und der Schreibprozesse zu blicken, auf dass mir die Intuition und das Erstaunen ob der kreativen Einfälle nicht plötzlich verloren ginge. Auf die Frage nach der Verknüpfung von Sprache und Mentalität, Ideologie und Verhalten fand ich keine Antwort, verfolgte sie aber auch nicht weiter – so spannend sie auch ist. Heute glaube ich allerdings, dass Hitlers Wahnideen weniger mit dem Klang der deutschen Sprache und mit zusammengesetzten Substantiva zu tun haben, sondern – wenn man schon in diesem Zusammenhang die Wurzeln seines Wahns im Bereich von Kunst und Kultur suchen möchte – eher noch mit Wagners Musik.
Ich wurde kein Sprachwissenschaftler, sondern ein Schriftsteller „nichtdeutscher Muttersprache mit Migrationshintergrund“. Damit wurde mir ohnehin sowohl eine natürliche Kompetenz in auf Sprache bezogenen Fragen als eine nie zu überwindende Fremdheit im Deutschen zugeordnet. Nun ja – manchmal ist es gar nicht so schwer, anderen Leuten eine Freude zu machen: Man spielt die Rolle, die sie von einem erwarten, und alle sind zufrieden. Ich beantworte sogar immer noch freundlich die Frage, die mir seit mehr als vier Jahrzehnten öfter gestellt wird als alle anderen, nämlich: „In welcher Sprache träumen sie?“ Und sage dann manchmal: „Chinesisch!“ … Dabei fand ich in der Fremdsprache Deutsch tatsächlich eine Heimat, konnte aber die faszinierende Ambivalenz von Fremdheit und Vertrautheit, von Distanz und Nähe nur schwer beschreiben (oder wollte es nicht): Deutsch war schön, unsagbar schön, weil ich diese Sprache aus ihrer vertrauten Umgebung herausheben und zu etwas ganz Eigenem machen konnte. Dieses Eigene hatte keine Heimat, weil ich eigentlich überall, an jedem Ort, der mir etwas bedeutete, bis zu einem gewissen Grad fremd war und immer bleiben würde, außer in der Sprache. Ich hob die Sprache heraus aus ihrer gewohnten Umgebung wie einen Mantel, den man aus einem Schrank oder von der Garderobe holt und anzieht. Auf den ersten Blick sieht man von außen nicht, ob der Mantel sich dem Körper des Menschen anpasst, oder der Körper die Formen des Mantels annimmt oder immer schon hatte …
Die meisten gängigen Vorstellungen von Sprache beruhen auf Klischees und Vorurteilen. Die Erwähnung einer „nichtdeutschen Muttersprache“ und die beinahe automatische Verknüpfung dieser Tatsache mit „migrantischen Erfahrungen“, so wie es heutzutage vielfach immer noch getan wird, geht oftmals an der Realität vorbei. Kein Sprachsystem ist in sich geschlossen; in einer offenen Gesellschaft, deren Komplexität sich immer auch, ja in einem ganz wesentlichen Maße, in der Sprache spiegelt, verweist es auf andere Systeme und auf die Veränderung, der es – sei es durch Einflüsse von außen oder von innen heraus – permanent unterworfen ist, wobei die Grenzen zwischen Außen und Innen, dem Eigenen und dem Anderen, fließend und vage und je nach Perspektive bzw. Haltung des Betrachters anders und auch recht willkürlich gesetzt werden. Für einen Schriftsteller bietet das die Chance, die Sprache mit dem Außenblick aus der Distanz und als Eigenes aus der Nähe zu betrachten. Das fördert die Kreativität und öffnet Räume. Meine Muttersprache Russisch ist mir emotional näher als das Deutsche, doch Deutsch ist die Sprache, die ich formen, mit der ich spielen kann. Ein Beispiel: Das russische Wort „sobaka“ für Hund ist für mich ident mit dem Tier. Sobaka klingt nach Hund, riecht nach Hund, bellt und hat ein Fell. Das deutsche Wort „Hund“ ist abstrakter, distanzierter. Deshalb geht es in meiner Fantasie aber viel leichter Klangpartnerschaften mit Worten wie „Schlund“, „rund“, „bunt“, „Fund“ oder „gesund“ ein …
Was in diesem Zusammenhang wichtig zu erwähnen ist: Die meisten Menschen in Österreich sind zwei- oder mehrsprachig, und zwar nicht nur, weil sie zugewandert oder einen Migrationshintergrund haben oder eine Minderheitensprache als Muttersprache haben, sondern weil ihre Erstsprache eben nicht Deutsch (Hochdeutsch nämlich), sondern ein Dialekt ist, der sich in einigen lokalen Varianten, die in ihrem jeweiligen Bundesland gesprochen werden – von allem im Westen des Landes -, von der Hochsprache so stark unterscheiden wie zum Beispiel das Ukrainische vom Russischen, das „Letzebuergesche“ vom Deutschen oder das Schwedische vom Norwegischen. Die Vergleiche hinken natürlich, doch als Analogien eignen sie sich gut. Welche „Muttersprache“ man hat, hängt oft nicht von der Mutter ab. Vielmehr sind es Politiker*innen, Stimmungsmacher*innen, Sprachwissenschaftler*innen oder schlichtweg historisch gewachsene Gegebenheiten, die darüber bestimmen, ob die Sprache der Mutter und jene, in der eine Autorin oder ein Autor schreibt, als dieselbe Sprachform bezeichnet werden oder nicht. Sollte man statt Muttersprache nicht lieber Eigensprache sagen? Wo hört die Eigensprache auf, und wo beginnt die Fremdsprache? Vatersprache. Nachbar*innensprache. Tantensprache!
Ist der Vorarlberger Autor Michael Köhlmeier wirklich jemand, der in seiner Muttersprache schreibt? Sind Zuwanderer aus der Türkei nicht in Wirklichkeit polyglott, wenn sie Wienerisch, Vorarlbergisch oder Steirisch, Deutsch, Türkisch, einen türkischen Dialekt und vielleicht noch eine weitere Sprache (z.B. Kurdisch) beherrschen? Und gibt es nicht seltsam hybride Sprachformen, Sprachmischungen, zwischen all den erwähnten Sprachvarianten, die zu Hause oder im Alltag verwendet werden? Was sind die Muttersprachen der Kinder von Zuwanderern? Was sind die ersten Sätze, die sie zu Hause hören? Sprachen machen Sprüngen, Kapriolen, manchmal kriechen sie, manchmal rennen sie, gebären Zwillinge oder Drillinge, rollen sich zusammen. Sogar wenn sie sterben, bewegen sie sich weiter. Wie arm und geistig verdorrt wären wir doch, wenn das nicht so wäre!
Vor zweitausend Jahren lernten die Kinder in Neapel die Sprache ihrer Eltern und glauben bis an ihr Lebensende, dieselbe Sprache wie diese zu sprechen. Deren Kinder glaubten dasselbe, so wie Enkelkinder und die Urenkel, und so weiter. Daran hat sich nie etwas geändert, und doch sprechen in derselben Stadt Neapel die Nachkommen der Menschen von vor zweitausend Jahren (einige davon wird es sicher noch geben!) nicht mehr eine Variante von Vulgärlatein, sondern einen italienischen Dialekt. Sie und ihre Vorfahren würden einander nicht verstehen. Ich frage mich, ob es Sinn hätte, diese Geschichte irgendwelchen Identitären oder anderen Rechtsradikalen zu erzählen.
Schreiben bedeutet immer übersetzen, es bedeutet interpretieren und kreativ umformen, die Gleichzeitigkeit mehrerer offener Sprachsysteme, die unser Leben prägen (zu denen auch verschiedene Soziolekte und Sprachformen gehören, die generationsabhängig sind). Schreiben bedeutet Vereinnahmung und kulturelle Aneignung. Kultur darf keine Grenzen haben, darf weder nationalistischen, rassistischen oder sexistischen Einschränkungen unterworfen sein noch „politisch korrekte“ Fesseln tragen. Dies evoziert Uneindeutigkeit und eine permanente Infragestellung des eigenen Selbstverständnisses. Literatur von Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund ist dabei ein besonderer, ein sehr wichtiger Aspekt.
Was ich schon nach der Publikation meines ersten Buches Mitte der 1990er Jahre oft zu hören bekam, war die Behauptung, mein Schreiben, meine Themen und meine Sichtweise seien eine Bereicherung für die deutschsprachige Literatur. Die Meinung, Zuwandererliteratur sei für eine „nationale“ Literatur eine Bereicherung, wird nicht nur von Leserinnen und Lesern, sondern oft auch von Kritiker*innen, Literaturwissenschaftler*innen und sogar von Politiker*innen vertreten. Meiner Einschätzung nach impliziert „Bereicherung“ jedoch, dass zum Normalzustand etwas Zusätzliches, Wertvolles hinzukommt. Literatur sollte aber, wie jede Kunst, die kulturelle und gesellschaftliche Vielfalt eines Landes in seiner Gesamtheit abbilden. Die Welt der Zuwanderer mit ihren Besonderheiten und Perspektiven, ihre kulturelle und sprachliche Verortung, sind Teil dieser Normalität. Wenn es demnach keine Literatur von Zuwanderern gibt, wenn diese besondere Perspektive fehlt, so wie es im deutschsprachigen Raum lange Zeit (und in Österreich noch länger als z.B. in Deutschland) der Fall war, dann herrscht ein Mangel, eine Anomalie. Durch die Literatur von Zuwanderern wird also Normalität hergestellt und keine Bereicherung erzeugt, so wie die Genesung von einer Krankheit zwar wohltuend ist, aber nicht mit der Bewältigung eines Marathonlaufes gleichzusetzen ist, der dem Körper tatsächlich etwas außerhalb der Norm Liegendes abverlangt. Allerdings ist die Überwindung einer schweren Krankheit oft eine viel größere Leistung als das Training für einen Marathonlauf … Viele Menschen tendieren jedoch dazu, zu schubladisieren und die Schubladen zuzusperren, anstatt die Wände des Schranks aufzubrechen.
Was uns Sprache und Literatur noch mehr als Aussehen, Kleidung oder bestimmte Verhaltensweisen vermitteln können, ist die Spannung, die Ambivalenz, die aus der Prägung durch zwei oder mehrere oft sehr verschiedene Kulturen entsteht. Dazu gehören neben vielen anderen Aspekten die sich unterscheidenden Geschichten von Worten und Idiomen, von Begriffen und stehenden Formulierungen, in welchen sich die historischen und kulturellen Entwicklungen der jeweiligen Regionen sowie die persönlichen Erfahrungen der einzelnen Autorinnen und Autoren spiegeln. Um zu verdeutlichen, was ich meine, gebe ich Ihnen ein Beispiel: Bevor er US-Präsident wurde, schrieb Barack Obama ein intelligentes und berührendes Buch mit autobiographischen Zügen. Der Originaltitel lautet: Dreams from My Father: A Story of Race and Inheritance. Das Buch wurde ein Beststeller. Nun versuchen Sie bitte, den Titel wortwörtlich ins Deutsche zu übersetzen… Träume meines Vaters: eine Geschichte über Rasse und Erbe. Na, wie klingt das für ihr Ohr? Worte wie „Rasse“ und „Erbe“, insbesondere, wenn sie zusammen auftreten, haben im Deutschen eine ganz andere Geschichte, wecken ganz andere Assoziationen, führen zu anderen Querverweisen als im Englischen, oder anders ausgedrückt: die besagten Worte wecken bei den meisten Amerikanern ganz andere Gefühle als bei uns. Der etwas harmloser und viel allgemeiner klingende Titel der deutschen Übersetzung heißt übrigens: Ein amerikanischer Traum: Die Geschichte meiner Familie. (Die Bedeutung ist offensichtlich eine etwas andere …)
Was für einen einzelnen Ausdruck gilt, lässt sich auf vieles andere übertragen – auf Symbole, Metaphern, Verhaltensweisen, auf Selbst- und Fremdwahrnehmung, soziales Verhalten, Religion, Geschichte, Politik. Diese Andersartigkeit mitzudenken, die Ambivalenzen auszuhalten, ohne sie automatisch auflösen zu wollen, und doch literarisch zu etwas Einheitlichem und Neuem, einem Kunstwerk zu verbinden, ist das eigentlich Faszinierende an der Literatur von Menschen, die in mehreren Sprachen und Kulturen zu Hause sind. Dies impliziert oft auch, wie schon erwähnt, sich der eigenen Worte, der Wahrnehmung und der Perspektive nie ganz sicher sein zu können, zu hinterfragen: eine gute Voraussetzung für Kreativität, die zu Disziplin und Präzision zwingt, ein Ausgangspunkt, um etwas Originelles, Stimmiges und – im besten Falle – Irritierendes zu erschaffen, das zum Nachdenken anregt. In früheren Zeiten wollten alle Autorinnen und Autoren, die nicht in ihrer Muttersprache schrieben, dass niemand erkennt, dass es sich bei ihrer Schreibsprache nicht um ihre Erstsprache handelt; Mehrsprachigkeit galt als Makel. Man wurde nicht ganz ernst genommen. Was man schrieb wurde oft als „Gastarbeiterliteratur“ abgetan. Heute wiederum sollten sich vielleicht Schriftsteller*innen, die in ihrer Muttersprache schreiben, vorstellen, dies sei für sie eine Fremdsprache, um die nötige Distanz zu gewinnen und somit neue Wege der Kreativität zu beschreiten.
Die Grenze zwischen dem Fremden und dem Eigenen zu ziehen, ist genauso schwer wie aus der Haut zu fahren. Jede gelungene Metapher hat eine ernste und eine ironische Seite, und jede Zuordnung funktioniert nur dann, wenn man außerdem stets bereit und fähig ist, die vermeintliche Ordnung aufzulösen. Das hat etwas Befreiendes, ist aber auch oftmals schwer auszuhalten.
Wir leben leider in einer Welt, in der die wichtige Frage nach dem Zusammenhang von Identität, Weltanschauung und Emotion und die damit unmittelbar verbundenen Bereiche Kultur, Sprache, Aussehen und Verhalten den Rechtsradikalen überlassen wird. Demokrat*innen versuchen diese Bereiche zu trennen, separat und analytisch zu betrachten. Dadurch haben Rechtsradikale leichtes Spiel, weil sie all diese Bereiche zu einem würzigen Brei vermischen – das scharfe Gewürz ist die Wut. Es fördert die Verdauung und beschleunigt das Ergebnis mit dem Endprodukt. Die Identitären wollen im ersten Schritt alle Asylwerber*innen abschieben, dann im zweiten Schritt alle Ausländer*innen, die sich ihrer Meinung nach nicht assimiliert haben, und schließlich auch alle Inländer*innen, eingebürgerte Österreicher*innen, aber nicht nur, die sich ihrer Meinung nach nicht vollständig der österreichischen Kultur (was immer das in ihren Augen auch sein mag) untergeordnet haben. Kann es sein, dass auch ich und die meisten, die hier im Saal sitzen, irgendwann von der Straße abgeholt und in ein Internierungslager gesteckt werden? Um etwas später in irgendein Land außerhalb Europas abgeschoben zu werden? Unwahrscheinlich, sagen Sie? Gewiss. Jetzt übertreibt er, der Vertlib, werden manche denken. Ja, schon möglich! Hoffentlich! Aber wer hätte es vor fünfzehn Jahren für wahrscheinlich gehalten, dass Russland die Ukraine angreift und eine US-Bundesbehörde willkürlich zehntausende Menschen festnimmt und einige Menschen auf offener Straße erschießt? Europa rüstet auf. Militärs sagen, dass ein Atomkrieg durchaus wahrscheinlich sein kann. Im Jahre 2010 hätten darüber alle ungläubig den Kopf geschüttelt. Und hätte ich im Jahre 2010 einen Zukunftsroman geschrieben, in dem ein US-Präsident beschließt, Grönland zu annektieren und damit eine internationale Krise auslöst, hätten das alle für eine schlechte, eine alberne Satire gehalten. Inzwischen aber gibt es nichts mehr, was nicht doch irgendwann in absehbarer Zeit passieren könnte, und die Realität kann nicht albern genug sein, nur dass sie gleichzeitig auch bitter ernst und tragisch ist.Ich versuche dieser Entwicklung im Rahmen meiner sehr bescheidenen Möglichkeiten und Fähigkeiten etwas entgegenzusetzen – durch meine Bücher, meine Essays, durch Vorträge und Kommentare, durch die Teilnahme an Podiumsdiskussionen, vor allem aber durch die Workshops für Jugendliche, die ich mit einer ursprünglich aus Bosnien stammenden Kollegin und einem aus dem Sudan stammenden Kollegen regelmäßig in Schulen in ganz Österreich leite. Extremismusprävention, der Kampf gegen Vorurteile, vorgefasste Meinungen, Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Homophobie – das sind unsere Themen. Unser Thema ist aber stets auch die Sprache.
Durch Bilder und durch Sprache erzeugt man Hass, mit Worten ruft man zu Gewalt auf, Sprache spiegelt die Verrohung des Geistes und den Schatten wider, der auf unseren Seelen lastet. Die sozialen Netzwerke öffnen die Ventile für jenen verbalen Schmutz, den wir in früheren Zeiten in den Niederungen unseres Bewusstseins versteckt und wohlweislich regelmäßig entsorgt hatten. Nun verkünden viele von uns stolz und/oder so, als wäre es die normalste Sache der Welt, Dinge, die ihnen vor zwanzig oder dreißig Jahren die Schamröte ins Gesicht getrieben hätten. In russischen Netzwerken zum Beispiel ist es inzwischen gang und gebe, politische Gegner als „menschlichen Biomüll“ zu bezeichnen. Und wenn man sich überlegt, was russische Journalist*innen und Politiker*innen von sich geben, ist das eigentlich recht harmlos. Die Welt um uns herum ist nicht nur gewalttätig, gefährlich, sondern im zunehmenden Maße auch unkultiviert. Im Vergleich zu Donald Trump zum Beispiel erscheint uns George W. Bush nachträglich beinahe schon als Intellektueller.
Doch Sprache schafft auch ein Miteinander; durch Sprache überwindet man Grenzen. Sprache, in all ihrer faszinierenden Differenziertheit, ihrer Vielfalt und großartiger Unlogik, das gesprochene Wort in seiner Lautenvielfalt, seinen Hebungen, Senkungen, Tönen, Diphthongen, Nasal- und Knacklauten, unterscheidet uns wesentlich von allen anderen Lebewesen, macht uns erst zu Menschen.
Die meisten Schülerinnen und Schüler im städtischen Bereich haben heute einen Migrationshintergrund in erster oder zweiter Generation, und praktisch alle von ihnen haben eine Erstsprache, die nicht Deutsch ist. Das betrifft inzwischen Kinder und Jugendliche in allen Schultypen und in allen Altersgruppen.
In einem Wiener Gymnasium, welches unser Team über einen Zeitraum von knapp zwei Jahren zu mehreren Workshops in verschiedenen Schulklassen eingeladen hatte, traf ich eines Tages ein Mädchen der 5. Klasse (9. Schulstufe), die ein Jahr zuvor schon einen von mir geleiteten Workshop besucht hatte. Sie konnte sich an mich erinnern, erzählte, wie toll mein Workshop gewesen sei, und dass ich auf sie und ihre Mitschüler*innen einen „ganz abgründigen“ Eindruck hinterlassen hätte. Erst nach einigem Nachdenken verstand ich, dass sie „außergewöhnlich“ oder „außerordentlich“ hatte sagen wollen.
Dies mag wie eine amüsante Anekdote klingen, doch ihr Hintergrund ist durchaus ernst: Das Sprachniveau in vielen, wenn nicht in den meisten österreichischen Schulen ist katastrophal. Wenn Jugendliche in der Oberstufe eines Gymnasiums ähnlich schlecht formulieren wie die Schüler*innen einer Polytechnischen Schule oder einer 4. Klasse der Mittelschule, dann muss etwas schiefgelaufen sein. Auf das Erlernen der Beistrichregeln wird in unseren Schulen schon seit Jahrzehnten keinen Wert mehr gelegt, doch angesichts dessen, was ich in Texten Sechzehn- und Siebzehnjähriger heute sehe, wären Beistriche ohnehin schon die höheren Weihen. Es wäre ja schon viel erreicht, wenn die jungen Leute bis zur Matura zwischen Dativ und Akkusativ unterscheiden und Hauptwörter großschreiben könnten. Bei manchen bezweifele ich allerdings sehr, dass das noch gelingen wird … Die Fremdheit, die viele Schüler*innen in der Sprache erleben, betrifft zudem längst nicht mehr nur jene, die schlecht Deutsch können. Diese Fremdheit ist, wie mir scheint, ein Gefühl, das kulturimmanent ist, das mit einer Vernachlässigung von und einer Ignoranz gegenüber Sprache und einer Sprachverrohung, mit der sie tagtäglich konfrontiert sind, zu tun hat – vom sprachlichen Entfremdungsprozess sind sowohl Kinder und Jugendliche mit wie auch ohne Migrationshintergrund betroffen. Für Schulen und ihre Lehrkräfte, für politisch Verantwortliche und für Pädagog*innen ist Sprache zwar ein wichtiges Werkzeug und ein Kommunikationsmittel, das vermittelt und gepflegt werden muss, doch sehen sie es meist nicht als ihre Aufgabe an, Emotionen der Sprache gegenüber zu vermitteln, oder gar eine Liebe zur deutschen Sprache. Dabei wäre es wichtig, dass Kinder und Jugendliche erkennen, dass die deutsche Sprache für sie etwas Intimes, Ureigenes und Formbares sein kann, etwas, worauf sie stolz sein können, egal, was ihre Erstsprache gewesen ist.
Ein weiteres Problem ist, dass es keine Informations- und Wissensgrundlage gibt, die man heute als selbstverständlich voraussetzen kann. In meiner eigenen Schulzeit konnte man noch davon ausgehen, dass die meisten Jugendlichen mit ihren Eltern Zeit im Bild geschaut hatten und – bei allen Unterschieden in den jeweiligen Interpretationen des Geschauten und den verschiedenen Weltanschauungen – denselben Wissensstand über die Tages- und Gesellschaftspolitik haben wie man selbst. Es gab noch kein Internet und nur zwei Fernsehkanäle, die man in Österreich empfangen konnte. Dafür wurden viel mehr Zeitungen und Bücher gelesen. Auch konnte man davon ausgehen, dass sowohl Jugendliche als auch Erwachsene im Wesentlichen dasselbe Vokabular verwenden und den Worten meist dieselbe Bedeutung zuordneten, wie man selbst. Heute reden Jugendliche und Erwachsenen – generationenübergreifend – oft völlig aneinander vorbei; es gibt mehrere Sprachsysteme, was sich sowohl auf das Vokabular als auch auf die Aussprache, den Tonfall und die Idiomatik bezieht. Das hat sowohl mit den unterschiedlichen Zuwanderergruppen und ihren Mentalitäten, der Jugendkultur, den Einfluss vieler Sprachen, aber auch mit den Streamingdiensten, dem Internet und der Dominanz des Bundesdeutschen zu tun. In meiner Jugend sprachen Kinder und Jugendliche österreichisches Deutsch und Dialekt, Zuwanderer sprachen gutes, schlechtes oder von anderen Sprachen beeinflusstes österreichisches Deutsch und Dialekt. Heute schwingt in dem, was ich von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Wien, Linz, Graz oder Salzburg höre, der Rapp aus Berlin-Neukölln mit, die Sprüche von irgendwelchen deutschen Influencern, das Deutsch der aus dem Englischen übersetzten Netflix-Serien, türkischer Slang, Dialekt und eine spezifische gruppenbezogene Jugendsprache – oft mit Lokalkolorit. Das ist faszinierend, darin liegt viel Potenzial, es ist aber auch ein Problem, weil es ein Nebeneinander völlig verschiedener Welten zementiert. Aber es gibt kein Ghetto, deren Mauern man nicht einreißen könnte. Man muss es nur wollen und jene ein bisschen anstoßen, die es nicht wollen.
Heute schauen nicht einmal mehr die Eltern der in Österreich lebenden Kinder und Jugendlichen noch Zeit im Bild, sondern beziehen ihre Informationen oft über Facebook, während die Kinder sich über TikTok informieren, wobei „Information“ wohl das falsche Wort ist – vielmehr handelt es sich oftmals um Lüge, Manipulation, Zerstreuung, Indoktrinierung und Radikalisierung. Wir alle wissen über die große Gefahr Bescheid, die von Algorithmen ausgeht … Untersuchungen haben ergeben, dass die Radikalisierung bestimmter Jugendlicher im Netz durch islamistische und ähnliche gewaltverherrlichende Ideologien innerhalb weniger Stunden, manchmal sogar nach nur fünfzig Minuten erfolgt. Und das ist nur eine Facette des Problems. Ein fünfzehnjähriger Jugendlicher erklärte meiner Kollegin und mir im Rahmen eines unserer Workshops, dass er innerhalb von nur zwei Minuten ein Kinderporno auf sein Mobiltelefon laden könnte … Es gibt keine Firewalls, keine Verbote oder sonstige gesetzlichen Bestimmungen, die Jugendliche mit etwas Geschick nicht rasch umgehen können.
Das sind die Rahmenbedingungen, in denen wir agieren und mit denen wir umgehen müssen …
Die schönste und interessanteste Erfahrung, die meine Kollegin, mein Kollege und ich bis jetzt mit Jugendlichen gemacht haben, sind die kleinen Gruppenarbeiten – Performances, Dramolette -, die Schülerinnen und Schüler gestalten und präsentieren müssen. Dabei lese ich anfangs einen Text vor – es geht um Rassismus, um Angst, um Klischees und Vorurteile, eine dramatische Szene aus einem meiner Romane -, breche an der dramatischsten Stelle ab, und gebe den Jugendlichen den Auftrag, zu überlegen, wie die Geschichte ausgehen könnte. Wichtig dabei ist, dass die Gruppen zufällig zusammengewürfelt werden, so dass Jugendliche, die sonst nichts oder wenig miteinander zu tun haben oder selten miteinander reden, etwas gemeinsam erarbeiten, eine gemeinsame Sprache finden, sich etwas überlegen und miteinander auf die Beine stellen. Die Ergebnisse sind so faszinierend wie sie unterschiedlich sind; sie zeigen, wohin Gruppendynamik und Kreativität hinführen können, aber auch wie Sprache wirken kann, wenn man ihr den Raum gibt, den sie zur Entfaltung braucht. Hier, aber auch in anderen Workshops und Schreibwerkstätten entsteht oft das, was ich aus meiner eigenen Entwicklung als Autor und dem Schreiben vieler Kolleg*innen kenne: Eine fremde Idiomatik, die das Deutsche bereichert und umformt, ohne es zu verstümmeln, Bilder aus anderen Kulturkreisen, die sich in den deutschsprachigen Bilderreichtum einfügen, ohne als Fremdkörper zu wirken, neue, überraschende Sprachmelodien und Rhythmen … Das alles wird in unseren Workshops zwar nicht immer, aber doch in den meisten Fällen möglich. Wie wichtig ist es doch, Jugendliche aus dem Schulalltag herauszuholen und ihnen – optimalerweise regelmäßig – einen kreativen Raum zu geben, in dem sie ohne Leistungsdruck etwas gestalten können! Ich weiß, dass es leicht ist zu reden, wenn man nur ein einziges Mal in eine Klasse kommt, um einen vierstündigen Workshop zu gestalten, während Lehrkräfte dieselben Jugendlichen tagtäglich betreuen und einen Lehrplan durchbringen müssen, aber das ändert nichts an der Grundaussage, dass die größte Chance eben darin liegt, hin und wieder den Alltag zu durchbrechen.
Zum Abschluss möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Ich hoffe, sie passt ein bisschen zu dem, was ich Ihnen heute vorgetragen habe. Vor mehr als zehn Jahren, im Jahre 2015, habe ich in einer österreichischen Kleinstadt eine Schreibwerkstätte in der 4. Klasse einer Neuen Mittelschule (8. Schulstufe) geleitet. In dieser Klasse war auch ein syrisches Flüchtlingsmädchen, das erst wenige Monate zuvor mit seiner Familie nach Österreich gekommen war. Es sprach noch schlecht Deutsch, aber gut genug, um zumindest an einigen Übungen der Schreibwerkstätte teilnehmen zu können. Am Ende des Workshops bat ich die Jugendlichen einen Text für einen Freund oder eine Freundin zu schreiben – etwas, was für sie und für die andere Person wichtig war. Dafür reichte das Deutsch des syrischen Mädchens nicht aus. Also bat ich es, den Text auf Arabisch zu schreiben und ihn vorzutragen. Wir würden ihn schon verstehen, auf unsere Weise, auch dann, wenn wir kein Wort verstünden. Und so war es dann auch: Die Schülerin schrieb einen Text für ihre Lehrerin und trug ihn auf Arabisch vor – sehr leidenschaftlich tat sie das, berührend, und auch ohne die einzelnen Worte und Sätze zu verstehen, war allen klar, wieviel ihr die Lehrerin, die ihr in den letzten Monaten das Ankommen in Österreich erleichtert hatte, bedeutete, und wieviel Schmerz und Angst und eigenes, unverarbeitetes Erleben sie in diesen Text (er war ziemlich lang!) eingearbeitet hatte. Das verstanden alle. Auch jene zwei Schüler, die die Emotion in diesem Text offensichtlich nicht ertragen konnten und zu lachen begannen. Je länger das syrische Mädchen las, desto lauter lachten die beiden Schüler und machten dumme Bemerkungen. Die Lehrkräfte und die anderen Schüler*innen schauten verärgert, betreten, doch niemand ermahnte die beiden, niemand mischte sich ein, und das syrische Mädchen las weiter und weiter und wurde immer emotionaler und lauter, ohne die beiden Störenfriede eines Blickes zu würdigen. Es hatte Tränen in den Augen. Und als die Schülerin mit der Lektüre fertig war, hörte das Lachen schlagartig auf, und Stille stellte sich ein. Alle schwiegen – zwei, drei, vielleicht sogar vier Sekunden lang.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
© Vladimir Vertlib


