Eine Muslima, ein Jude und eine Klasse

Unser Autor ist Jude und hat mit muslimischen Jugendlichen über Israel diskutiert
05.01.2024 um 12:19, „Die Presse“, „Spectrum“, Seiten I-II
Von Vladimir Vertlib
Ich berichte darüber, was ich von meinen Verwandten in Israel weiß – spreche über den Raketenbeschuss, dem die Menschen ausgesetzt sind, über ihre Angst, über den jahrzehntelangen Kriegszustand, erzähle von den Geiseln der Hamas. Das alles ist für diese Jugendlichen in Österreich neu.
Sie wisse nicht, ob sie sich einer solchen Situation aussetzen würde, wenn sie selbst jüdisch wäre, sagt Alma. Ob ich denn keine Angst habe?, fragt sie. Alma und ich leiten Workshops für junge Menschen, in denen der Kampf gegen Vorurteile, Rassismus und Ausgrenzung im Vordergrund steht. Unser Ziel ist es, in Gesprächen und Übungen mit Jugendlichen ab 14 eine realistische und differenzierte Sicht auf die Welt zu vermitteln. Alma ist bosnische Muslima, ich bin Jude. Eine Muslima und ein Jude, die gemeinsam ein Projekt leiten – das wirkt im Herbst und Winter 2023 fast schon wie ein programmatisches Klischee und weckt wohl gerade deshalb so viel Interesse. Seit dem Massaker der Hamas in Israel und dem Beginn des neuen Krieges im Nahen Osten haben wir einen Schultermin nach dem anderen. Besonders in Klassen mit einem hohen Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund in muslimischen Ländern – mit Wurzeln vor allem in Bosnien, dem Kosovo, Tschetschenien, der Türkei oder Afghanistan – wird sehr heftig und kontroversiell über den Nahostkonflikt und den aktuellen Krieg in Gaza diskutiert. Die Lehrkräfte wollen sich in den meisten Fällen nicht positionieren. Sie würden sich in der Materie nicht gut genug auskennen, erklären sie. Politische Positionierung im Unterricht zu betreiben, sei ihnen von Rechts wegen ohnehin untersagt. Schulfremden Personen wie uns wird ein größerer Spielraum zugestanden …
In einer der Schulen warten gleich drei Klassen auf uns. Die meisten Jugendlichen, so die Lehrerin, seien „pro Palästina“ eingestellt und behaupten, Israel begehe im Gaza-Streifen einen Völkermord. Von den fünfzig Schülerinnen und Schülern haben weniger als zehn keinen Migrationshintergrund.
Mehr als vor deren Aggressionen fürchte ich mich vor meinen eigenen Emotionen
Ich habe keine Angst davor, dass mich diese jungen Leute aufgrund meiner jüdischen Herkunft als „Feind“ sehen. Mehr als vor deren Aggressionen fürchte ich mich vor meinen eigenen Emotionen, habe Angst, das Falsche zu sagen, durch Spott und sarkastische Bemerkungen alles schlimmer zu machen, statt zu deeskalieren.
Aber es kommt anders. Eine auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte über das Hamas-Massaker in Israel, die Almas Mann Martin, ein Lehrer, geschrieben hat, und die ich am Beginn des Workshops vorlese, macht alle betroffen. Wir sparen nichts aus – weder Szenen von Folter, Mord, Demütigungen oder Vergewaltigungen. Die meisten hören von diesem Massaker allerdings zum ersten Mal. Von den fünfzig Jugendlichen weiß gerade einmal einer, was am 7. Oktober 2023 wirklich passiert ist. In anderen Schulen, anderen Schultypen und an anderen Orten in Österreich ist das nicht wesentlich anders. Die meisten Kinder und Jugendliche beziehen ihre Informationen hauptsächlich aus den sozialen Netzwerken – von TikTok vor allem. Ihr Suchverhalten im Internet basiert auf ihren Vorurteilen, die das Netz bestätigt und noch verstärkt. Es zeigt ihnen tote Babys in Gaza, weinende Eltern, Blut, Zerstörung, Symbolbilder von Kindern, die auf Luftballons gen Himmel fliegen, blutige Kinderschuhe. Die israelischen Folteropfer oder Bilder der Geiseln werden nicht gezeigt. Die Algorithmen der Netzwerke führen nur zu jenen echten, halbechten oder falschen Nachrichten, die Israel als Terrorstaat darstellen, ohne aber jemals den Terror der Hamas zu erwähnen. Bilder, die brandaktuell, aber auch zehn Jahre alt sein können, stehen neben raffinierter KI-generierter Propaganda, billigen Fotomontagen und Fake-Videos mit fünfbeinigen Katzen oder Leichen, die sich bewegen.
Ich berichte darüber, was ich von meinen Verwandten in Israel weiß – spreche über den Raketenbeschuss, dem die Menschen ausgesetzt sind, über ihre Angst, über den jahrzehntelangen Kriegszustand, erzähle von den Geiseln der Hamas, deren Schicksal ungewiss ist. Das alles ist für diese Jugendlichen in Österreich neu. Sie wissen kaum etwas über die aktuelle Lage, über den Zionismus, die Geschichte der Region und des Konflikts zwischen Arabern und Juden. Warum sie denn überhaupt so vehement für Palästina eintreten, frage ich. „Weil wir Muslime sind“, erklären sie. Auf meine Frage, weshalb sie sich nicht gleichermaßen für die notleidenden Muslime in Myanmar, Syrien oder Uigurien, im Iran, Jemen oder Afghanistan engagieren, bekomme ich keine Antwort.
Während eines anderen Workshops bitten wir die Schülerinnen und Schüler einer 10. Schulstufe Kriegsfotos aus dem Gaza-Streifen auf ihren Mobiltelefonen zu suchen und uns zu zeigen, was sie finden. Das Ergebnis ist ernüchternd. Nach nicht einmal einer Minute zeigt man uns Fotos, die so grausam sind, dass sie kein Fernsehkanal jemals ausstrahlen würde. Sie sind so entsetzlich, dass mir übel wird. Was mich aber noch mehr als das schockiert ist die Tatsache, wie leicht Fünfzehnjährige mit wenigen Klicks Zugriff auf ein solches Material bekommen. Ich frage, ob man bei uns nicht zumindest TikTok verbieten und bei anderen Netzwerken echte Hürden und Filter für Minderjährige einbauen könnte. Ein Schüler lacht mich aus und erklärt, wenn er wollte, könnte er auf X (ehemals Twitter) innerhalb weniger Augenblicke „Kinderpornos oder noch viel Ärgeres“ herunterladen.
Die Hamas und ihre direkten und indirekten Unterstützer in aller Welt setzen bewusst Bilder von verstümmelten Leichen und von toten und verletzten Kindern zu Propagandazwecken ein. Israel kann als demokratischer Staat aus Gründen der Pietät und des Opferschutzes nicht in gleicher Weise agieren. Fotos geköpfter Babys oder der abgeschnittenen Brüste vergewaltigter und ermordeter israelischer Frauen wird man im Internet nicht so leicht finden. Frei zugänglich ist hingegen die „Charta der Hamas“, in der die Ziele dieser Organisation offen dargelegt werden. Alma und ich lesen in unseren Workshops Ausschnitte daraus vor: „Sogenannte friedliche Lösungen und internationale Konferenzen zur Lösung der Palästina-Frage stehen im Widerspruch zur Ideologie der Islamischen Widerstandsbewegung. Denn der Verzicht auf auch nur einen Teil Palästinas ist ein Verzicht auf einen Teil des Glaubens“, heißt es darin. „Die Palästina-Frage kann nur durch den Dschihad gelöst werden.“ Die Hamas will den totalen Krieg bis zum Endsieg. Am gesamten Übel der Welt, so die Hamas, seien sowieso die Juden schuld – sowohl am Ersten als auch am Zweiten Weltkrieg, am Kolonialismus und an den Verbrechen der Nazis. Angeblich stecken die Juden hinter der Französischen Revolution und dem Kommunismus, hinter dem Imperialismus und der Ausbeutung der Dritten Welt, hinter den Freimaurern und den Organisationen wie die Rotary-Clubs, die Lions-Clubs, hinter dem Völkerbund und den Vereinten Nationen. „Und da es sich so verhält, ist die Befreiung Palästinas individuelle Pflicht eines jeden Moslems, wo auch immer er sich befindet“, heißt es in der Hamas-Charta.
Alma sah Bomben fallen
„Laut Hamas müsste ich als Muslima Vladimir bekämpfen, weil er Jude ist“, ereifert sich Alma und zeigt auf mich. „Die Juden seien an allem schuld, behauptet die Hamas. Haben aber etwa die Juden gegen die bosnischen Muslime Krieg geführt und das Massaker von Srebrenica verursacht? Nein! Haben die Juden uns verfolgt und vertrieben? Sicher nicht.“ Alma hat den Krieg in Bosnien als Kind erlebt, sah Bomben fallen und Menschen sterben, war mit ihrer Familie auf der Flucht und hat nach ihrer Ankunft in Österreich – verstört und schwer traumatisiert – drei Jahre lang kein Wort Deutsch gesprochen. Sie weiß, was es heißt, hierzulande als Fremde aufzuwachsen, die Ablehnung, Überheblichkeit und Vorurteile der Einheimischen aushalten zu müssen. Das alles kenne auch ich aus meiner Biographie, und die meisten Jugendlichen kennen es ebenfalls. Wir brauchen uns nichts vorzumachen; auf schöne Phrasen oder „pädagogisch wertvolle“ Betulichkeit können wir verzichten. Unsere Gemeinsamkeiten wiegen die Unterschiede auf.
Erst im Polytechnischen Lehrgang wurde Almas Potenzial erkannt. Vom „Poly“ wechselte sie direkt ins Gymnasium und hat später als erste in ihrer Familie ein Studium abgeschlossen. Sie ist jung, leidenschaftlich, voller Energie, manchmal auch provokant und zieht die Schülerinnen und Schüler in ihren Bann. Ihr Engagement ist einer der Hauptgründe, warum unsere Workshops so gut funktionieren. Die Jugendlichen machen mit – auch dann, wenn ihnen eine Debatte als Kommunikationsform fremd ist, wenn sie die ganze Zeit aufmerksam zuhören, aber in drei Stunden nur zwei Sätze sagen, oder wenn es deutlich wird, dass sie noch nie mit jemandem außerhalb ihres Herkunftsmilieus über wichtige Themen diskutiert haben.
Im Vergleich zu Alma bin ich nach außen hin distanziert und – vorhersehbar. Dass ich als Jude tendenziell die Position Israels vertrete, wird als „normal“ angesehen, auch wenn ich mit dem Vorgehen der israelischen Armee im Gaza-Streifen nicht immer einverstanden bin, das Abschalten des Trinkwassers für die gesamte Region oder unverhältnismäßige Angriffe auf zivile Einrichtungen für Kriegsverbrechen und die rechtslastige Regierung von Benjamin Netanjahu für abscheulich halte. Almas Aussagen hingegen irritieren. Nichts verstört und ärgert in Zeiten der Polarisierung mehr als eine differenzierte Haltung von Menschen, die man eigentlich im eigenen „Lager“ erwartet hatte.
„Einerseits – andererseits“ – eine höchst unpopuläre Haltung in unserem von Seuchen, Naturkatastrophen, Massakern, Vertreibungen und Kriegen geplagten TikTok-Jahrzehnt. Alma prangert die Hamas und ihren Terror an, hält aber auch Israels Vorgehen im Gaza-Streifen für eine „kollektive Bestrafung der Zivilbevölkerung“ und somit für verbrecherisch; sie lebt in der tiefsten österreichischen Provinz, sagt aber, sie fühle sich auch Jahrzehnte nach ihrer Flucht aus Bosnien nicht als Österreicherin, und sie ist eine gläubige Muslima, allerdings mit einer liberalen und sehr persönlichen Vorstellung von Religion. Deshalb diskutieren wir in einem unserer Workshops, an dem einige streng religiöse Mädchen teilnehmen, lange Zeit nicht über den Nahostkonflikt, sondern darüber, ob der Islam das Tragen des Kopftuchs vorschreibt oder nicht. „Gott hat den Mann schwach erschaffen“, erklärt uns eine Sechzehnjährige. „Er ist ein Sklave seiner Triebe. Deshalb muss ich ein Kopftuch tragen.“ Das verkündet sie mit einer Mischung aus Melancholie, Überzeugung und einer gleichmütigen Hingabe, die mich traurig stimmt.
Ich muss daran denken, dass Alma den Jugendlichen in jedem Workshop bisher erklärt hat, dass der Koran die Menschen dazu aufrufe, sich zu erkundigen, nachzudenken und selbst Schlussfolgerungen zu ziehen. Später schlage ich selbst nach und werde fündig: „Wollt ihr euch eures Verstandes nicht bedienen?“, heißt es in einer Sure, und in einer anderen steht: „Nur diejenigen, die Verstand haben, lassen sich mahnen.“
Seit einigen Jahren schon habe ich den Eindruck, dass die Welt den Verstand verloren hat. Es lohnt sich trotzdem zu mahnen. Und aufzuklären.
Die Hamas sei eine Terrororganisation, sagen die Jugendlichen. Diese offensichtliche Wahrheit, zu der sich nicht einmal die UNO bislang durchringen konnte, stellt an österreichischen Schulen offenbar kaum jemand in Frage. Immerhin! Die Hamas vertrete nicht alle Palästinenser, und die Hamas stehe nicht für „den“ Islam. „Nein, natürlich nicht!“, betonen Alma und ich.
Wenn die Herrschaft der Hamas weiterhin Bestand hat, werden Hamas-Mörder die Verbrechen vom 7. Oktober wiederholen, erkläre ich. Dies haben die Vertreter dieser Terrorgruppe selbst angekündigt. Während einige Burschen, mit denen wir reden, die in Israel nach dem Hamas-Massaker und den Entführungen vorherrschende Wut, die Angst und den Wunsch nach Rache verstehen und die Gründe für Israels Krieg im Gaza-Streifen nachvollziehen können, bestehen Mädchen meist darauf, dass es für Israels Geheimdienste dennoch eine Möglichkeit geben müsse, Hamas-Terroristen auszuforschen, zu verhaften oder unschädlich zu machen, ohne dabei so viele Zivilpersonen, darunter unzählige Kinder und Frauen, zu töten oder leiden zu lassen. Das müsse einfach „irgendwie“ funktionieren, sagen die Mädchen. Auch ohne Krieg. Wie das denn gehen soll?, frage ich. Darauf weiß niemand eine Antwort. Ich auch nicht.
Diskutieren statt dozieren
Den meisten Jugendlichen mangelt es an dem nötigen Hintergrundwissen. Der Nahostkonflikt dient manchen als Anlass, um sich über den Hass auf Muslime, über Vorurteile und Diskriminierungen in unserer Gesellschaft zu beschweren, die sie selbst erleben. Ich betone, dass ich weder einen Hass auf Muslime noch Vorurteile gegen den Islam habe. Für viele dieser jungen Leute bin ich wahrscheinlich der erste Jude, den sie in ihrem Leben kennenlernen. Sie sind dankbar, wenn man ihnen zuhört, wenn man sie ernst nimmt, auf ihre Argumente eingeht, wenn man diskutiert, statt zu dozieren, wenn man sich einbringt und dabei die eigene Betroffenheit und Verletzbarkeit nicht hinter einer Fassade versteckt. Wenn ich sehe, wie in den Augen der jungen Leute Neugierde aufblitzt und wie vorgefasste Meinungen allmählich dem Hinterfragen und dem Nachdenken weichen, weiß ich, dass sich unser Projekt lohnt. Unmittelbar nach dem 7. Oktober empfand ich Ohnmacht und Wut, besonders dann, wenn ich junge Menschen mit „Free Palestine!“-Transparenten sah. Heute bin ich dankbar dafür, dass ich mit einigen von ihnen diskutieren kann, und dass wir dabei sogar Argumente und nicht nur Parolen austauschen.
© Vladimir Vertlib
Vladimir Vertlib. Geboren in Leningrad, UdSSR. 1971 emigrierte seine Familie nach Israel, dann nach Italien, in die Niederlande und die USA, bevor sie sich 1981 in Österreich niederließ. Vladimir Vertlib studierte Volkswirtschaftslehre, lebt seit 1993 als Schriftsteller in Wien und Salzburg. Sein neuer Roman „Die Heimreise“ erscheint im Februar bei Residenz.



Lieber Vladimir,
der von Dir geteilte Artikel gibt einen nachdenklich stimmenden Einblick in die Herausforderungen der Diskussion des israelisch-palästinensischen Konflikts, insbesondere in einem Bildungsumfeld in Österreich. Er unterstreicht, wie wichtig es ist, einen offenen Dialog zu fördern, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen und Fehlinformationen auszuräumen.
Der Ansatz, einen jüdischen und einen muslimischen Moderator in die Workshops einzubinden, ist lobenswert, da dadurch persönliche Erfahrungen und unterschiedliche Sichtweisen in den Vordergrund gerückt werden. Die Bedenken der Autorin hinsichtlich des Einflusses sozialer Medien, voreingenommener Algorithmen und des Mangels an kritischem Denken bei jungen Menschen sind berechtigt. Er unterstreicht die Notwendigkeit eines umfassenderen und differenzierteren Verständnisses der komplexen geopolitischen Fragen im Nahen Osten.
Darüber hinaus beleuchtet der Artikel die Konflikte junger Menschen mit Migrationshintergrund, die sich mit ihren eigenen Diskriminierungserfahrungen auseinandersetzen, während sie über einen Konflikt in einem fernen Land diskutieren. Die Tatsache, dass nicht nur über die Handlungen der Hamas, sondern auch über die Politik Israels diskutiert wird, zeigt den Versuch, eine ausgewogene Perspektive zu fördern.
Das Fazit des Artikels, in dem der Wert einer offenen Diskussion, des gegenseitigen Verständnisses und des Austauschs von Argumenten anstelle von Slogans betont wird, ist sehr zu begrüßen. Er unterstreicht das Potenzial des Dialogs, Stereotypen abzubauen und kritisches Denken zu fördern, selbst angesichts tief verwurzelter politischer und historischer Spannungen und insbesondere angesichts der aktuellen Situation in Gaza, die so viele unschuldige Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert hat.