Ich bin das Feindbild vieler Menschen

Von Vladimir Vertlib

Erschienen in: „Die Presse“, Wien, „Spectrum“, S. III, 13. September 2025

Ich bin Zionist. Mit diesem Bekenntnis mache ich mich für viele Menschen zum Feindbild, doch ist es mir in Zeiten wie diesen wichtig, Position zu beziehen. Die Bezeichnung „Zionist“ wird in der islamischen Welt, aber auch von vielen sogenannten „Israelkritikern“ hierzulande und anderenorts synonym für Mörder und Verbrecher verwendet und oftmals auf alle Juden auf der Welt bezogen.

Als Kind habe ich in Israel gelebt und war israelischer Staatsbürger. Inzwischen bin ich seit fast vierzig Jahren Österreicher, fühle mich Israel aber weiterhin verbunden. Was im Nahen Osten passiert, erschüttert mich, macht mich in vielerlei Hinsicht betroffen und traurig, weil fast alle meine Verwandten in Israel leben und seit Jahrzehnten unter Kriegen und Terror zu leiden haben, traurig, weil mir die Menschen in der Region leidtun, und zwar gleichermaßen die vertriebenen, hungernden Frauen und Kinder in Gaza wie die von der Hamas misshandelten, in dunklen Verließen und Tunneln festgehaltenen und gleichfalls hungernden israelischen Geiseln, die Angehörigen der im Gaza-Streifen Getöteten wie auch die Hinterbliebenen der am 7. Oktober 2023 oder später in Geiselhaft Ermordeten. Ich bin Zionist, weil ich der Meinung bin, dass es einen jüdischen Staat im Nahen Osten geben soll, dass jüdisches Leben ohne die Existenz Israels überall auf der Welt noch gefährdeter wäre, und dass sich die Gründung Israels irgendwann als Segen für die gesamte Region erweisen wird. Das hindert mich nicht daran, für eine Zweistaatenlösung, gegen die Idee eines Groß-Israel und für die Rechte von Palästinenserinnen und Palästinensern einzutreten und Empathie für alle Opfer des Nahostkonflikts zu entwickeln. Doch Menschen, die sich um eine differenzierte Mitteposition bemühen, machen sich in Zeiten wie diesen meist unbeliebt.

Die Informationen über den Gaza-Krieg, die uns zurzeit vorliegen, sind höchst widersprüchlich, oftmals fehlen sie gänzlich oder basieren auf Gerüchten oder einer tendenziellen Wiedergabe von Teilwahrheiten. In Zeiten von YouTube, Telegram, TikTok und Instagram, von perfekt fabrizierten Fake-News, von zunehmender Radikalisierung, Propaganda und Gegenpropaganda, sind nüchterne Analysen und eine stete Selbsthinterfragung der eigenen Position besonders wichtig. Leider passiert gerade das nur selten.

Seit vielen Jahren schon und nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 stelle ich mich bereitwillig Diskussionen zum Nahostkonflikt und zu anderen gesellschaftspolitischen Themen – sei es in Schulen, bei Veranstaltungen oder in sozialen Netzwerken. Dass eine große Zahl von Menschen dabei in keinen Diskurs, ja nicht einmal in einen Disput, einzutreten bereit ist, sondern vielmehr nur die eigene Meinung bestätigt haben möchte, nehme ich in Kauf. Für rechte „Israelfreunde“ bin ich ein linker Fantast oder gar ein Verharmloser der vom Islamismus ausgehenden Gefahr und ein „antisemitischer Jude“, weil ich gegen die israelische Besatzungs- und Siedlungspolitik im Westjordanland bin; für linke und muslimische „Antizionisten“ bin ich ein Kolonialist, ein Rassist und ein Unterdrücker, weil ich dafür eintrete, dass Israel seine Feinde bekämpfen und die eigene Bevölkerung schützen darf.

„Stellvertreter“ einer Politik

Der steigende Antisemitismus, und die Bedrohung, der ich und andere jüdische Menschen in Europa im zunehmenden Maße ausgesetzt sind, bereiten mir Sorgen, aber sie sind nicht neu, und sie überraschen mich nicht. Die Dramaturgie folgt seit etwa sechzig Jahren demselben Schema: auf Terror gegen Israel reagiert man in Europa mit Abscheu und Entsetzen, die israelische Reaktion darauf löst allerdings, egal, wie sie ausfällt, eine noch heftigere Reaktion aus. Auch heute ist die Empörung über das israelische Vorgehen lauter, umfassender und nachhaltiger als jene über die Verbrechen der Hamas. Die Palästina-Fahnen schwingenden und „From the River to the Sea“-Slogans skandierenden  Demonstrierenden in Los Angeles, Sidney oder Wien verlangen oftmals direkt oder indirekt die Zerstörung Israels, aber nie die Freilassung der israelischen Geiseln oder das Ende der blutigen Hamas-Herrschaft im Gaza-Streifen …

Ich weiß, dass ich von vielen als „Stellvertreter“ einer Politik gesehen werde, die ich weder gewollt habe noch vertrete. Mit Beleidigungen und Unterstellungen bin ich immer wieder konfrontiert. Bis jetzt hatte ich allerdings – im Unterschied zu anderen – das Glück, dass ich als erwachsener Mensch noch nie tätlich angegriffen wurde, und noch hat niemand versucht, mich zu ermorden, weil ich Jude bin. Ich weiß allerdings, dass mir all dies in unseren Zeiten jederzeit passieren könnte, und dass andere weniger Glück hatten als ich. Habe ich Angst? Ja, doch habe ich gelernt, damit zu leben.

Die Entfremdung und Verunsicherung, die ich schon als Kind während der Migration und langen Odyssee mit meinen Eltern erlebt hatte, erweist sich nachträglich als „Vorteil“, weil ich mir – wie ich glaube – selten Illusionen über mich selbst, über meine Mitmenschen oder den Zustand der Welt gemacht habe. Ich bin kein Misanthrop, ich bin gerne unter Menschen, viele schätze ich sehr, aber ich vertraue selten jemanden, bleibe emotional meist auf Distanz und habe eine geringe Erwartungshaltung. So wie ich seit dem Zeitpunkt, als mir meine Eltern im Alter von knapp fünf Jahren in einer Flüchtlingsunterkunft mitteilten, wir würden nie mehr nach Hause zurückkehren, verstand, dass es offenbar nichts auf der Welt gibt, worauf ich mich zur Gänze verlassen könne, erkannte ich schon sehr früh, dass der Antisemitismus so tief in der kulturellen DNA sowohl der christlichen als auch der islamischen Welt gespeichert ist, dass es stets „nur“ einen „passenden“ Anlassfall braucht, um ihn aus einem passiven Warte- in einen aktiven Handlungsmodus zu überführen. „Der Jude“ verkörpert das Bild des „Anderen“, ob im Positiven oder im Negativen. Wehe, er enttäuscht die Erwartungen, wehe er verhält sich so, wie man es von ihm erwartet, wehe er passt sich an und tut so, als gehöre er dazu.   

Für mich stellt sich, wie für alle Juden und Jüdinnen hierzulande und anderswo, die Frage, wie ich auf die derzeitige Situation und den immer gewalttätiger werdenden Antisemitismus reagieren soll. Manche verstummen, machen sich unsichtbar, gehen in eine Art innere Emigration. Andere entscheiden sich für den gegenteiligen Weg. „Je mehr sie uns angreifen, desto jüdischer werden wir“, sagen sie. Einige verteidigen die israelische Politik um jeden Preis und werten jede Kritik an dieser als antisemitisch. Dabei erfolgt die schärfste Kritik an Netanjahu und seinen rechtsradikalen Regierungspartnern von jüdischer Seite in Israel selbst. Hunderttausende demonstrieren auf den Straßen Tel Avivs gegen die derzeitige Regierung und den Krieg im Gaza-Streifen. Es wäre allerdings eine Illusion zu glauben, dass die innerjüdische Kritik Antisemiten und Israelhasser besänftigen und somit uns, die Juden in Europa, in irgendeiner Weise entlasten würde.

Ich selbst habe mich dafür entschieden, das, was ich vor dem 7. Oktober 2023 und dem Gaza-Krieg schon getan hatte, nämlich aufklärerisch zu wirken, dabei in erster Linie mit Jugendlichen zu diskutieren, Klischees und Vorurteile aufzubrechen und differenziert zu bleiben, noch intensiver zu tun als bisher, auch wenn dies dem Zeitgeist absolut entgegenläuft. Dabei komme ich mir oftmals wie Sisyphos vor, denn es gelingt mir – insbesondere dann, wenn es sich um erwachsene Menschen handelt – nur selten, jemanden zu überzeugen oder zum Nachdenken anzuregen. Zumindest lerne ich selbst in Gesprächen mit anderen stets etwas dazu – das ist schon viel!

Werde ich gefragt, wie ich emotional damit umgehe, verweise ich auf eine Reihe von Grundsätzen, die ich mir schon vor Jahren zurechtgelegt habe. Der wichtigste und gleichzeitig schwierigste davon ist, nicht selbst so zu werden wie manche von denen, die mich attackieren, also nicht wütend, irrational und zynisch zu reagieren. Zugegebenermaßen gelingt mir das nicht immer. Manchesmal werde ich verletzend und sarkastisch und schaffe es nicht, auf Kränkungen mit Gelassenheit und Humor zu reagieren. Allerdings habe ich längst die Erfahrung gemacht, dass es mir danach niemals besser geht.

Ein weiterer Grundsatz ist, weder tollkühn noch feige zu sein. Als ich vor zehn Jahren einige Monate freiwilliger Flüchtlingshelfer in Salzburg war und Geflüchtete aus dem Nahen Osten betreute, erzählte ich zwar, wenn sich hin und wieder ein persönliches Gespräch ergab, dass ich aus Russland stamme, erwähnte dabei aber nie, dass ich Jude sei, oder gar, dass ich in Israel gelebt und dort Verwandte habe. Fragte mich aber jemand direkt nach meiner Religion, verheimlichte ich meine jüdische Herkunft allerdings nicht. Das sorgte manchmal für eine Mischung aus Irritation und Fassungslosigkeit bei meinem Gegenüber, war aber letztlich folgenlos, außer dass ein unangenehmes Gefühl zurückblieb.

Ich weiß, womit ich es zu tun habe. Der ehemalige Flüchtling aus dem Sudan, mit dem ich Workshops in Schulen leite, erzählte sowohl mir als auch den Jugendlichen in unseren Workshops, dass er mir noch vor zehn Jahren weder die Hand gegeben noch sich neben mich hingesetzt hätte, wenn er gewusst hätte, dass ich Jude bin. Im Sudan gibt es keine Juden, aber offensichtlich viel Judenhass. Immerhin hat mein Freund und Kollege seine Haltung geändert, wie auch andere Geflüchtete aus dem Nahen Osten, die sich als lernfähig und weltoffen erwiesen haben. Jedoch fürchte ich, dass sie bei weitem nicht die Mehrheit sind.

Selbst verantwortlich für Lebenssinn

Um Zeiten wie diese zu überstehen, ist es für mich wesentlich, in der eigenen Herkunft und Biographie einen Sinn zu erkennen. Ich glaube weder an die Vorsehung noch an das Schicksal, weder an eine Belohnung oder Bestrafung im Jenseits noch daran, dass Leid und Schmerz eine Bedeutung haben. Ich bin ganz allein dafür verantwortlich, dem, was ich bin und was ich erlebt habe, einen Sinn zu geben. Für mich liegt in meiner Unbehaustheit und in der Äquidistanz, die ich zu allen Ländern, Kulturen und Religionen, einschließlich der jüdischen, habe, die Chance, bestimmte Dinge sowohl aus einer Außen- wie auch aus einer Innenperspektive betrachten zu können. Ich bin Österreicher, doch bin ich auch Zuwanderer und gehöre einer Minderheit an; ich bin Jude, aber weder bin ich religiös noch ein aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde; ich bin Zionist, aber kein Israeli. Der Zwischenraum ist meine Heimat – vielleicht schärft ja gerade diese Tatsache meinen Blick auf das Wesentliche. Ich hoffe, es jedenfalls …

Albert Camus behauptete einst, Sisyphos sei trotz seines permanenten Scheiterns ein glücklicher Mensch. Das bin ich nicht. Allerdings habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es mir und anderen, die sich bemühen, manchesmal doch gelingen könnte, den Stein auf den Gipfel hinaufzubefördern, ohne dass er sofort wieder hinunterrollt, sondern zumindest eine Zeitlang oben bleibt. Vielleicht wird unsere Welt irgendwann doch ein etwas besserer Ort. Was bleibt mir denn sonst noch, außer Hoffnung in dieser hoffnungslosen Zeit.

© Vladimir Vertlib

VLADIMIR VERTLIB wurde 1966 in Leningrad, UdSSR, geboren. 1971 emigrierte seine Familie nach Israel, dann nach Italien, in die Niederlande und die USA, bevor sie sich 1981 in Österreich niederließ. Vladimir Vertlib studierte Volkswirtschaftslehre und lebt seit 1993 in Wien und Salzburg. Zuletzt ist der Roman „Die Heimreise“ bei Residenz erschienen.

Comments
One Response to “Ich bin das Feindbild vieler Menschen”
  1. Avatar von Walter Thaler Walter Thaler sagt:

    Lieber Herr Vertlib,

    ich danke Ihnen für Ihre mail und bedaure, dass Sie sich wegen des
    menschen- und völkerrechtswidrigen Vorgehens der Regierung Netanjahu
    bedroht fühlen. Aber bitte hören Sie nicht auf, in Vorträgen in Schulen
    Ihre Position, die voll unterstütze, zu erklären. Besonders die Jugend
    bedarf der Aufklärung über die tragische Geschichte des jüdischen
    Volkes, damit dem immer bedrohliche werden Nationalismus und Rassismus
    Einhalt geboten werden kann.

    Leider hat Herr Muzicant in einem Fernsehinterview die
    menschenverachtende Politik der ultrarechten Regierung Netanjahu mit
    seinen Äußerungen unterstützt und die Toten des 7. Oktober und die noch
    immer in Geiselhaft der Hamas befindlichen Israeli mit den 60.000
    Zivilisten im Gazatstreifen aufgerechnet.

    Mit herzlichen Grüßen

    Ihr

    Walter Thaler

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