Die Freude am Begriff „Genozid“

Von Vladimir Vertlib

In: „Illustrierte Neue Welt“, Wien, Nr. 3/2025, September 2025, S. 6-7

„Keine Frage: Israel hatte keine andere Wahl, als diesen Krieg zu beginnen. Als Folge wird jedoch eine neue Generation traumatisierter Palästinenser heranwachsen, deren Hass auf Israel den Konflikt in die kommenden Jahrzehnte tragen wird.“

Diese Zeilen schrieb ich in einem Artikel für das „Spectrum“, die Feuilletonbeilage der Tageszeitung „Die Presse“, in einem Essay, der unter dem Stichwort „Trauma Gaza“ am 10. Jänner 2009 veröffentlicht wurde.

Der damalige Krieg Israels gegen die Hamas (es war der erste Gaza-Krieg von insgesamt fünf) folgte einem Schema, das sich später wiederholen sollte: Die Hamas, nach einem Putsch und einem kurzen innerpalästinensischen Bürgerkrieg im Jahre 2007 de facto Alleinherrscherin in Gaza, griff Israel immer wieder mit Raketen an, Israel schlug im Dezember 2008 mit Bombardierungen des Gaza-Streifens und danach mit dem Einsatz von Bodentruppen zurück, was zu vielen zivilen Opfern führte. Es folgte ein Waffenstillstand, ein Rückzug israelischer Truppen, ein Gefangenenaustausch, und dann begann alles von Neuem.

Die israelische Militäraktion des Jahres 2008-2009 trug den Operationsnamen „Gegossenes Blei“. „Das gegossene Blei“, schrieb ich damals, „[…] wird, so fürchte ich, in Form von Kugeln nach Israel zurückkehren.“ Es wäre mir lieber, wenn ich damals nicht recht behalten hätte …

Das Dilemma der Gaza-Kriege folgt seit mehr als fünfzehn Jahren demselben Schema: Die Hamas möchte Israel vernichten, hat aber „nur“ das Potenzial und die Logistik, es mit Terror und Raketen zu überziehen, zu morden, zu vergewaltigen und zu entführen. Israel könnte die Hamas als Organisation (aber nicht als Ideologie in den Köpfen der Menschen) nur vernichten, wenn es den Gaza-Streifen vollständig besetzt und dauerhaft kontrolliert – der Aufwand, dies zu tun, und der Preis an Menschenleben, den Israel zahlen müsste, wären allerdings so horrend, dass sogar die derzeitige rechtsextreme israelische Führung bis vor Kurzem davor zurückgeschreckt ist. Nun soll die Stadt Gaza erobert werden. Doch was dann?

Die „arabischen Brüder und Schwestern“, allen voran das benachbarte Ägypten, möchten weder die Kontrolle, noch die administrative, polizeiliche und militärische Verantwortung für den Gaza-Streifen und die dort lebende Zivilbevölkerung übernehmen. Für sie ist es viel bequemer und opportuner, Israel an allem die Schuld zu geben, sich lauthals zu empören und das Leid von palästinensischen Zivilpersonen zu beklagen, als sich in irgendeiner Weise in den Hexenkessel Gaza hineinzuwagen.

An einen Kompromiss, an den Frieden oder eine Zweistaatenlösung glaubt kaum mehr jemand – zu tief sitzen inzwischen die Angst, die Wut und der Hass in den Köpfen der Menschen auf beiden Seiten, wobei Teile der derzeitigen israelischen Regierung – die rechtsradikalen Minister Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir vor allem – in ihrer Ideologie, ihrem Vorgehen und ihrer Rhetorik ihren Feinden von der Hamas oder Hisbollah immer ähnlicher werden.

Im Unterschied zu manchen anderen halte ich „Israelkritik“ – sprich, Kritik an der Politik der israelischen Regierung, Kritik an bestimmten gesellschaftlichen Zuständen im Land oder am Vorgehen der Armee – nicht automatisch für antisemitisch, solange das Existenzrecht Israels nicht in Frage gestellt wird. Ein kritischer Diskurs ist sowohl für die israelische Gesellschaft als auch für die jüdische Gemeinschaft weltweit nicht nur für wichtig, sondern existenziell notwendig. Was mich an diversen „Israelkritikerinnen und -kritikern“ jedoch besonders stört, ist der in letzter Zeit immer öfter geäußerte „Genozid-Vorwurf“, mit dem sowohl die politisch Verantwortlichen in Israel als auch die israelische Armee konfrontiert werden.

Die Behauptung, Israel verübe einen „Genozid an den Palästinensern“, ist allerdings keineswegs neu. Dieses Narrativ ist viel älter als der aktuelle Gaza-Krieg. Der Begriff „Genozid“ (ident mit dem Begriff „Völkermord“) ist rechtlich durch die UN-Konvention zur Verhütung und Bestrafung von Völkermord aus dem Jahre 1948 klar definiert. Von einem Völkermord spreche man, heißt es dort, wenn „die Absicht besteht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Davon kann bei aller legitimen Kritik an der derzeitigen israelischen Politik und am Vorgehen der israelischen Armee im Gaza-Streifen nicht die Rede sein, auch wenn sich das einige rechtsradikale Mitglieder der israelischen Regierung vielleicht insgeheim wünschen würden. Israel führt zweifellos einen blutigen Krieg, aber es möchte das palästinensische Volk nicht ausrotten – weder im Gaza-Streifen noch anderswo. Ziel des Militäreinsatzes war von Anfang an und ist auch heute noch die Zerstörung der Terrororganisation Hamas und die Befreiung der aus Israel am 7. Oktober 2023 entführten Geiseln. Dass dabei auf die Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen wenig Rücksicht genommen, ja, dass der Tod einer großen Zahl von Zivilpersonen in Kauf genommen wird, darf und soll kritisiert und könnte nach eingehender Prüfung als Kriegsverbrechen und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit qualifiziert und als solches auch verurteilt werden – am besten jedoch von dafür qualifizierten Fachleuten und nicht von Internet-Trolls oder von Demonstrierenden, die den Gaza-Streifen nicht einmal auf einer Karte finden könnten. Dabei ist immer auch zu berücksichtigen, wieweit zivile Verluste in einem militärischen Konflikt als „angemessen“ oder „unvermeidbar“ angesehen werden können (solche Fragen sind immer zynisch, aber sie müssen gestellt werden) und welche Alternativen es sonst gäbe. Es stellt sich zudem die Frage, wie zwischen Kombattanten und Zivilpersonen im Kampf gegen eine Terrorgruppe, die oft keine Unformen trägt und sich unter und hinter Zivilpersonen versteckt, zu unterscheiden ist, und ob man von einem Staat wie Israel wirklich verlangen kann, mit einer Terrorgruppe einen Waffenstillstand abzuschließen, die am 7. Oktober 2023 tatsächlich und unbestritten in Israel ein Massaker verübt hat, das als Genozid gewertet werden kann – etwas, das bei uns allerdings nur selten so gesehen oder auch nur diskutiert wird. Die vom US-Präsidenten angedachte und von der israelischen Regierung bereitwillig aufgegriffene Idee einer ethnischen Säuberung des Gaza-Streifens wäre in jedem Fall ein schweres Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Frage ist, ob eine Vertreibung oder Massendeportation schon aus Genozid gewertet werden kann. Hier gehen die Meinungen auseinander. Die von Trump vorgeschlagene „Umsiedlung“ wäre aber ohnehin undurchführbar, weil kein Land bereit ist, mehr als zwei Millionen Vertriebene aus dem Gaza-Streifen aufzunehmen.

Aus meiner Sicht wird die Genozid-Behauptung im Wesentlichen aus drei Gründen erhoben: Erstens, um Israel zu schaden, zweitens, aus Mitläufertum, weil in der eigenen Peer-Group bzw. der eigenen Blase so geredet wird und man dazugehören möchte, und drittens, um damit den Holocaust zu relativieren. Wenn Juden selbst einen Völkermord verüben können, dann war der Völkermord, den sie erleiden mussten (einschließlich des Massakers am 7. Oktober 2023), vielleicht weniger schlimm oder insgeheim sogar gerechtfertigt – so die antisemitische „Logik“ hinter der erwähnten Behauptung. In der muslimischen Welt gehören solche Narrative längst zum kulturellen Selbstverständnis. Gewiss folgen auch dort nicht alle, die von einem durch Israel verursachten „Genozid im Gaza-Streifen“ sprechen, dieser Logik. Viele tun es aber leider doch. Ich habe selbst diese Erfahrung in Gesprächen mit muslimischen Jugendlichen im Rahmen von Workshops, die ich durchführe, sowie mit Flüchtlingen und Zuwanderern aus muslimischen Ländern machen müssen. Oftmals wird dabei außerdem das Massaker vom 7. Oktober 2023 schlichtweg geleugnet: Die Israelis hätten es erfunden oder selbst inszeniert, heißt es. Der Hinweis, dass die Mörder der Hamas ihre Taten mit Body-Cams gefilmt und dann selbst veröffentlicht haben, beeindruckt die Holocaust- und Genozid-Leugner nicht. Auch dies sei eine israelische Erfindung, erwidern sie. Massenmörder waren und sind für diese Menschen immer nur „die Zionisten“, welche meist mit allen Israelis und in vielen Fällen, wenn auch nicht immer, mit allen Juden gleichgesetzt werden. Manche haben gar Freude am Begriff „Genozid“. In der arabischen Welt wird Hitler von vielen immer noch als Held gefeiert, und die arabische Übersetzung der „Protokolle der Weisen von Zion“ erfreut sich großer Beliebtheit …  

Es ist bezeichnend, dass kaum jemand von einem Genozid im Sudan spricht (und wenn, dann interessiert das hierzulande nur wenige), von einem Genozid an den Drusen in Syrien, an den Uiguren in China oder den Muslimen in Myanmar. Wird die Bombardierung von Coventry, Rotterdam, Hamburg oder Dresden als Genozid qualifiziert? Erinnert sich jemand noch an die Hunderttausenden Hungertoten in Griechenland und den Niederlanden während der deutschen Besatzung? Sprach jemand während des Tschetschenien-Krieges von einem Genozid? Interessieren jemanden die systematischen Morde und Vergewaltigungen im Kongo? Während der Leningrader Blockade durch die deutsche Wehrmacht – eine bewusst geplante und durchgeführte Belagerung der Stadt, deren Ziel die Dezimierung der Zivilbevölkerung gewesen ist -, die meine Eltern und Großeltern nur knapp überlebten, verhungerte fast eine Million Menschen. Hierzulande weiß kaum jemand, dass es diesen Genozid überhaupt gegeben hat. Der Gaza-Streifen und Israel aber sind heute von Grönland bis Neuseeland, von Indonesien bis Kanada, in aller Munde – und das nicht etwa, weil die gesamte Menschheit so viel Mitgefühl mit dem Leid der palästinensischen Bevölkerung hat, sondern weil maßgeblich Jüdinnen und Juden an diesem Konflikt beteiligt sind.

Kein einziges hungerndes Kind im Gaza-Streifen wird durch die Genozid-Behauptung gerettet. Im Gegenteil: Vielmehr vermute ich sogar, dass diese Behauptung dazu führt, dass sich viele Jüdinnen und Juden sowie jüdische Organisationen auf der ganzen Welt in einer Art Abwehrreaktion die israelische Politik verteidigen, anstatt Druck auf die israelische Regierung auszuüben, diesen Krieg ehestmöglich zu beenden.

Für mich persönlich ergibt sich aus der aktuellen Entwicklung nur eine einzige Konsequenz: Weiterhin aufklärend zu wirken, geduldig zu argumentieren, differenziert zu bleiben.

© Vladimir Vertlib

Comments
3 Responses to “Die Freude am Begriff „Genozid“”
  1. Avatar von scrumptiouslydazea606a917e9 scrumptiouslydazea606a917e9 sagt:

    Lieber Herr Vertlib,

    Als neuer Subscriber bin ich gerade verwundert, dass ich denselben
    Newsletter an dieselbe Adresse in derselben Sekunde ZWEImal erhalte.
    Was mag der Grund dafür sein und wie sehen Sie die Chancen das auf
    einmal zu reduzieren?

    Ihre Newsletter sich, wie ein Ei dem anderen – bis auf die
    unterschiedlichen ReplyTo-Adressen, die wie folgt lauten
    comment+pi41zi88-54fglesr7g0p1@comment.wordpress.com
    comment+pi41zi88-55bdhzlyvhsgu@comment.wordpress.com

    Eine Frage, wenn Sie mir erlauben:
    Habe Ihren Aufsatz aufmerksam gelesen – und er wirft Fragen auf.
    Begrüßen Sie einen sachlichen Diskurs, oder sehen Sie Ihre Arbeit als
    … Monolog?

    Herzliche Grüße
    HP

    • Lieber HP,
      es tut mir leid: Ich habe diesen Artikel versehentlich zweimal gepostet. Ich hoffe, das wird nicht allzu oft vorkommen.
      Für einen Diskurs bin ich immer offen – deshalb habe ich ja auch diese Blog-Funktion eingerichtet. Ich entschuldige mich aber sogleich, wenn ich aus Zeitgründen nicht auf jeden Kommentar sofort antworten kann.
      Herzliche Grüße,
      Vladimir Vertlib

      • Avatar von scrumptiouslydazea606a917e9 scrumptiouslydazea606a917e9 sagt:

        Lieber Herr Vertlib!

        es tut mir leid: Ich habe diesen Artikel versehentlich zweimal
        gepostet. Ich hoffe, das wird nicht allzu oft vorkommen.

        Ah, alles klar. Gar kein Thema – war mir nur nicht sicher, ob meine
        Anmeldung vielleicht doppelt angekommen ist und wollte das kurz auf
        Tapet legen.
        Ist dann ja alles gut.

        Für einen Diskurs bin ich immer offen – deshalb habe ich ja auch
        diese Blog-Funktion eingerichtet.
        Ich entschuldige mich aber sogleich, wenn ich aus Zeitgründen nicht
        auf jeden Kommentar sofort antworten kann.

        Freut mich zu hören – und nachdem wir je in der paradoxen Situation
        leben, trotz der immer größer werdenden Anzahl an Maschinen, die
        (eigentlich) für uns arbeiten (sollten),
        immer weniger Zeit haben, ich hier keine Ausnahme darstelle, begrüße ich
        auch einen Austausch in entspanntem Tempo.

        Kurze Erklärung zu meiner Person und Motivation:
        „HP“ sind meine Initialen, die sich (zumindest bei Emails) durch meine
        Signatur erklären – war bei dem Posting auf der Website natürlich nicht
        der Fall, sorry dafür.
        Harald Peki also mein Name, IT-ler von Herzen (aber kein typischer), der
        gerne alle möglichen Dinge analysiert und versucht die Welt zu
        verstehen, die gerade in diesen Tagen oft sehr irrational erscheint …

        … bestes Beispiel: diese Geschichte mit diesem einen Virus – der
        anscheinend gerade versucht ein Comeback zu machen, wie mir in den
        letzten Tagen zweimal in Gesprächen zugetragen wurde …

        … will man sich ja gar nicht vorstellen …

        Und schon sind wir mitten im (ersten) Thema, auf das ich noch gerne kurz
        Bezug nehme (im 2. Mail, kommt in Kürze)

        Herzliche Grüße
        Harald Peki

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