Kein Grund, sich zu schämen, Europa!

Natürlich dürfen wir die dunklen Seiten unserer Geschichte und Gegenwart nicht vergessen, aber wir brauchen uns nicht dafür zu genieren, dass wir Europäer sind. Wir waren und sind weder besser noch schlechter als andere – nur erfolgreicher.

DIE PRESSE, Spectrum, 23.05.2026 um 19:50 von Vladimir Vertlib

Der diesjährige Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, der bosnisch-kroatische Autor Miljenko Jergović, definierte in seiner Dankesrede Europa als ein Gebiet, das „Angst vor sich selbst“ habe. Nach Norden, Westen und Süden werde es von drei Meeren begrenzt, nach Osten allerdings sei es „wie eine offene Erzählung … oder wie ein aufgeschlitzter Bauch, der sich nicht mehr zusammenflicken lässt … Europa fürchtet sich vor seinem Osten, Europa fürchtet sich vor Osteuropa und vor allem, was danach kommt.“ Nach Osten hin lasse sich keine Grenze ziehen.

Zweifellos ist das eine drastische und verkürzte Darstellung der Realität, doch die von Jergović beschriebene Angst kann ich nachvollziehen. Ich stamme selbst aus dem Osten Europas, und ich weiß um die Minderwertigkeitskomplexe und den Neid, mit dem unsere mittel- und westeuropäischen Demokratien und unser Wohlstand in Russland und weiter östlich betrachtet werden. Die Gefahr aus dem Osten ist real. Putins Angriffs- und Vernichtungsfeldzug gegen die Ukraine beweist dies. Doch die Angriffe, denen Europa heute ausgesetzt ist, kommen von verschiedenen Seiten und aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen. Der US-Vize-Präsident J. D. Vance zum Beispiel warf „den Europäern“ bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2025 eine „Abkehr von ihren Werten“ und ein „verkommenes Demokratieverständnis“ vor. Dass dieser Vorwurf vom Mitglied einer Regierung kommt, die im eigenen Land Todesschwadronen losschickt, welche Menschen auf offener Straße erschießen, ist nur eine Absurdität in unserer an Absurditäten so reichen Zeit, aber er passt in ein Muster. Vance gehört zu jenen, denen Europa heute allzu linksliberal und schwach erscheint. Europakritiker wie er sprechen von einer drohenden „Umvolkung“ unseres Kontinents, von Flüchtlingen, die unseren Wohlstand und Lebensstil bedrohen, und sehen die Rettung unserer Demokratien in der illiberalen, autoritären Ausformung derselben. Hierbei nehmen Vance und Trump eine ähnliche Position wie Orbán oder Putin ein. Das „verkommene Demokratieverständnis Europas“ besteht für sie darin, dass europäische Staaten gegen die inneren Feinde ihrer Demokratien, gegen Rechtsradikale und Hassprediger, etwas unternehmen.

Andere erkennen in Europa und ihren kulturellen Ablegern wie den USA, Kanada oder Australien, gemeinhin salopp als „der Westen“ umschrieben, die Wurzeln allen Übels auf der Welt. Zu diesen Europakritikern gehören vor allem Anhänger „postkolonialer Theorien“, in denen der Westen abgewertet und für seinen Imperialismus, für wirtschaftliche und kulturelle Dominanz, Ausbeutung, Sklaverei, Rassismus und Unterdrückung in Vergangenheit und Gegenwart verantwortlich gemacht wird. Außerhalb des „Westens“ liege sein ewiges Opfer, der sogenannte „globale Süden“ – ein Begriff, der nicht unbedingt geographisch zu verstehen ist und auch sonst fragwürdig ist.

Gewiss hat der europäische Kolonialismus unendlich viel Leid verursacht, doch verhielt sich die herrschende Schicht des „globalen Südens“ niemals besser. Raub, Mord und Versklavung waren stets auch ein innerafrikanisches oder ein asiatisches Phänomen. Die arabischen und mongolischen Eroberungszüge sind prägnante Beispiele dafür. Natürlich dürfen wir die dunklen Seiten unserer Geschichte und Gegenwart nicht vergessen, aber wir brauchen uns nicht dafür zu schämen, dass wir Europäer sind. Wir waren und sind weder besser noch schlechter als andere – nur erfolgreicher.

Man mag Europa auf die Bezeichnung „der Westen“ verkürzen und seinen Ausgangspunkt und Kern in West- und Mitteleuropa verorten, doch ändert das nichts an der Tatsache, dass Europa seine Ursprünge genau in jenem „globalen Süden“ hat, den die einen fürchten und andere idealisieren. In der griechischen Mythologie ist Europa eine phönizische Königstochter, die von Göttervater Zeus in Gestalt eines Stieres nach Kreta entführt wird. Phönizien befand sich im heutigen Libanon, die Insel Kreta liegt zwischen Europa und Afrika. Die griechische Welt dominierte einst den gesamten Mittelmeerraum, später auch den Nahen und Mittleren Osten. Die ersten vorsokratischen Philosophen kamen aus Kleinasien, so wie auch das meiste, was heute mit dem Wesen Europas assoziiert wird, von außerhalb Europas stammt: die Schrift, die ägyptische Landwirtschaft, die phönizische Seefahrt, das Judentum und das Christentum, der Islam, der seit Jahrhunderten längst auch zu Europa gehört, Alexandria als erste multikulturelle Metropole mit der größten Bibliothek der Welt, Papyrus, Papier, die arabischen Zahlen und Algebra, die östliche Spiritualität und Innerlichkeit. All das haben sich unsere europäischen Vorfahren kulturell angeeignet und daraus und damit etwas Eigenes und Neues erschaffen, um es in transformierter Form der Welt zurückzugeben und sie damit zu bereichern, so wie sich später andere Länder und Regionen unsere Entdeckungen, Errungenschaften und Ideen angeeignet, diese vereinnahmt und auf eigene Weise zu ihrem Zweck umgeformt haben – Japan im 19. Jahrhundert oder China und Südkorea im 20. Jahrhundert sind die besten Beispiele dafür.

Vom europäischen Osten wiederum mag immer wieder Gefahr für den Westen ausgehen. Andererseits war er oftmals auch ein Schutzraum, so wie für meine jüdischen Vorfahren, die vor den Pogromen in Mitteleuropa ins Großfürstentum Litauen geflüchtet und schließlich in Russland angekommen waren. Westeuropa war zivilisiert, aber auch eng und repressiv, der Osten war rau und wild, aber er bot Nischen, Rückzugsorte, Entfaltungsmöglichkeiten und vor allem Inspiration. Durch Jergovićs „aufgeschlitzten Bauch“ floss die Seele Europas kulturvermischend hin und her – in beide Richtungen! Doch auch die anderen, scheinbar klaren Grenzen des Kontinents sind so durchlässig geworden, dass der „globale Süden“ durch Flucht und Zuwanderung längst im Herzen Europas angekommen ist.

Europa in all seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit ist das Produkt kultureller Aneignung. Ohne kulturelle Aneignung gäbe es kein Europa, ja es gäbe überhaupt keine Kultur. Die Debatten rund um den Vorwurf, kulturelle Aneignung sei imperialistisch, übergriffig oder rassistisch, wirken heutzutage nicht nur anachronistisch und bizarr, sondern auch lächerlich. Sie gipfeln in der Vorstellung, dass zum Beispiel nur dunkelhäutige, lesbische Frauen Gedichte von dunkelhäutigen, lesbischen Frauen in andere Sprachen übersetzen dürfen. Hier treffen sich die Vorstellungen der „Politsch Korrekten“ mit jenen der „Identitären“. Beide glauben an klar abgrenzbare, unterschiedlich zu bewertende Menschengruppen und Lebenswelten. Doch diese Abgrenzungen gibt es kaum noch, am wenigsten in Europa. Die Lust an der Vielfalt und am Uneindeutigen, Verständnis und Empathie für das scheinbar Fremde, das Über-Setzen hin zu etwas Neuem und Authentischen – das sind die Grundvoraussetzungen jeglicher Entwicklung. … Ich selbst bin ein „kultureller Aneigner“ par excellence – ein Schriftsteller, der nicht in seiner Muttersprache schreibt, der aus dem Fundus von Erfahrungen anderer schöpft, die in verschiedenen Zeiten und Ländern gelebt haben, einer, der oft die Perspektiven wechselt und sich aufgrund der eigenen brüchigen Identität und Migrationserfahrung weder ganz dem Westen, dem Osten oder dem Süden zuordnet. Macht mich vielleicht gerade das zu einem echten Europäer?

Die Gleichheit aller vor dem Gesetz

Die Kritik an der europäischen Dominanz und an „postkolonialen Zuständen“ mag in vielen Milieus sowohl in als auch außerhalb Europas stark sein, doch ändert dies nichts daran, dass wir seit mindestens 150 Jahren in einer Welt leben, in der die Mentalität, die Alltagskultur und die Wirtschaft in eben diesem Europa und seinen Ablegern in Übersee ihre Wurzeln haben. Die Globalisierung, der Welthandel, das kapitalistische System haben genauso ihre Ursprünge in Europa wie das Konzept der sozialen Sicherheit und der Wohlfahrtsstaat, der Individualismus, die Menschenrechte, die Gleichheit aller vor dem Gesetz, Feminismus, Minderheitenschutz, Demokratie und Gewaltenteilung, Reflexion über das eigene Ich, die Hoffnung auf ein besseres Leben für alle als grundsätzliches ideologisches Ziel – all das wurde weder in China noch in Madagaskar oder Burkina Faso entwickelt, sondern in Frankreich, Deutschland oder den USA. Zweifellos ist nur ein Teil von alledem, vielerorts sogar sehr wenig davon, verwirklicht, doch würde keiner von uns, weder in Europa noch anderswo, in einer Welt leben wollen, in der es das alles gar nicht gäbe.

Wenn sich Manager aus diversen afrikanischen Ländern in Nairobi oder Kinshasa zu einem Meeting treffen, tragen sie meist eine Kleidung, die man gemeinhin als westlich bezeichnet; sie starren in Mobiltelefone und Computer, deren Entwicklung eine Folge der Aufklärung und der europäischer Wissenschaft sind, sie diskutieren über Kostenrechnungen und Bilanzen, deren Grundlagen auf die Buchhaltungen italienischer Stadtstaaten im Mittelalter zurückgehen, und kommunizieren dabei in den meisten Fällen in einer europäischen Sprache – wahrscheinlich Englisch, vielleicht auch Französisch. In den Pausen werden einige dieser Damen und Herren Musik hören, die sich direkt oder indirekt gleichermaßen auf europäischer wie afrikanischer Grundlage entwickelt hat, oder Streaming-Dienste in Anspruch nehmen, deren Technik, Ideen und Ästhetik meist in Europa und anderen westlichen Ländern wurzeln. Nach der Konferenz werden sie auf Transportmitteln nach Hause fahren, die – ob Flugzeug, Auto oder Bahn – ursprünglich ebenfalls in Europa oder den USA erfunden wurden.

Europa ist fragwürdig; vieles, das uns selbstverständlich erscheint, muss immer wieder hinterfragt werden; doch das, was auf unserem Kontinent viele Generationen nacheinander erschaffen haben, ist – trotz aller Abgründe und Unwägbarkeiten – ein zivilisatorisches Erfolgsmodell. Nirgendwo auf der Welt und niemals in der Geschichte der Menschheit ist es den Menschen jemals so gut gegangen wie heute in den Ländern Europas. Trotz aller Probleme und Ängste, die wir haben, trotz aller Ambivalenzen und der furchtbaren Seite unserer Geschichte, trotz der Weltkriege und der Schoah und der kollektiven Traumata, mit denen wir leben müssen, trotz aller realen Gefahren, mit denen wir konfrontiert sind, trotz Putin, Islamismus und Klimawandel, haben wir heute einen Wohlstand, ein Bildungsniveau und eine persönliche und soziale Sicherheit, die keine der Generationen vor uns jemals gehabt hat, und die auch heute sonst – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nirgendwo auf der Welt (auch nicht in den USA) zu finden ist. Doch nicht nur wir selbst, die Welt insgesamt hat von unseren Errungenschaften profitiert. Es mag zwar vielerorts weiterhin grausame Kriege, Morde und Ausbeutung geben, doch global betrachtet gibt es heute weit weniger Armut, Elend oder Krankheiten als vor fünfzig oder hundert Jahren.

Auf die Frage, warum gerade Europa so erfolgreich gewesen ist, haben Historiker, Anthropologen oder Ökonomen zahlreiche Antworten gefunden, die aber in den meisten Fällen unbefriedigend sind. Man spricht von günstigen geographischen und klimatischen Bedingungen, doch finden sich diese auch in großen Teilen Asiens, Nord- und Südamerikas. Das humanistische und intellektuelle Potenzial im Judentum und Christentum sei ausschlaggebend für die Aufklärung und die Formulierung der Menschenrechte gewesen, heißt es oft. Doch gibt es dieses Potenzial in der einen oder anderen Form auch in anderen Religionen – im Buddhismus, im Zoroastrismus, im Islam, im Hinduismus, in vielen Naturreligionen … Manche führen Europas Aufbruch in ein Erfolgszeitalter auf den Buchdruck und die Reformation zurück, doch radikale Reformbewegungen und fundamentale Veränderungen gab es auch in Russland oder in Zentralasien, und der Buchdruck wurde in China erfunden. Vielen sehen, so wie übrigens auch Jergović, Europas Erfolgsgeschichte als ein Produkt seiner Vielfalt. Doch gibt es auch andere Weltregionen der Vielfalt wie Indien oder Indonesien, wo ein Zusammenleben offensichtlich möglich ist, ohne dass es mit jenem in Europa vergleichbar ist.

Dennoch haben alle Interpretatoren des Erfolgsmodells Europa auf ihre Weise recht. Der Erfolg ergibt sich allerdings erst im Zusammenwirken aller genannten Faktoren, die allein betrachtet für einen solchen Erfolg zu wenig gewesen wären und nur deshalb wirksam geworden sind, weil sie sich durch eine Verkettung von Zufällen, die ihrerseits Entwicklungen in Gang setzten, gleichzeitig und in derselben Region entfalten konnten. Es mag ja nichts weiter als ein Zufall gewesen sein, dass Kopernikus, Galilei, Newton oder Montesquieu genau zum richtigen Zeitpunkt ihre bahnbrechenden Gedanken hatten und diese in den dafür besonders geeigneten Ländern gut und erfolgreich verbreiten konnten. Es mag ein Zufall sein, dass die Reformation in Europa etwa zur selben Zeit erfolgte wie die großen Seereisen und Entdeckungen und der Aufstieg der Niederlande als erste globale Wirtschafts- und Handelsmacht.

In der sogenannten Chaos-Theorie gibt es die berühmte These, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Neuseeland durch eine unvorhersehbare Verkettung von Folgewirkungen einen Orkan in der Karibik auslösen kann. Vielleicht sähe die Welt ja heute anders aus, wenn Isaak Newton dreißig Jahre früher oder in Algerien statt in England auf die Welt gekommen wäre. Vielleicht aber hätte auch jemand anderer seine Gedanken zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort entwickelt …

Meiner Ansicht nach kommt zu den erwähnten Faktoren ein entscheidender hinzu: Was die europäische Kultur von anderen wesentlich unterscheidet, ist der Wille zur kreativen Gestaltung, die Sehnsucht nach Veränderung der Welt hin zu einem besseren Ort.

Flügelschläge vieler Schmetterlinge

Diese Sehnsucht hat der Menschheit zwar viele zwangsbeglückende Ideologien faschistischer und marxistischer Prägung, zahlreiche Kriege, Vertreibungen und Massenmorde sowie den religiösen Fundamentalismus als Reaktion auf die Moderne beschert, gleichzeitig aber auch jeglichen Fortschritt und jegliche Verbesserung der Lebensverhältnisse erst ermöglicht. Bis vor etwa fünfhundert Jahren wurde Geschichte entweder als Kreislauf, als unabänderliches Schicksal oder als Gottes Werk gesehen, dessen Vollendung nur IHM allein oblag. Man fügte sich den Gegebenheiten und entwickelte nie den Ehrgeiz, den vorgegebenen Rahmen zu sprengen. In großen Teilen der Welt ist das heute noch so. In Europa aber passierte etwas Unglaubliches – die Flügelschläge vieler Schmetterlinge, deren erstaunliche Gleichzeitigkeit Europa in eine bessere Zukunft entführte, an der wir heute teilhaben dürfen.

VLADIMIR VERTLIB, geboren 1966 in Leningrad, UdSSR. 1971 emigrierte die Familie nach Israel, dann nach Österreich, nach Italien, in die Niederlande, wieder nach Israel, nach Österreich, in die USA, bevor sie sich 1981 endgültig in Österreich niederließ. Vertlib lebt als Schriftsteller in Wien und Salzburg. Zuletzt erschienen: „Der Jude der Kaiserin“, Roman (Residenz Verlag).

© Vladimir Vertlib

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