Günter Grass, Israel und die Blödheit

Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass genügt es nicht, ein großer Schriftsteller zu sein. Die Rollen des politischen Kommentators, des Nahost-Experten, des Militärstrategen und des hellsichtigen Psychologen gehören ebenfalls zu seinem Selbstverständnis. Vor allem aber sieht er sich als „Gewissen der Nation“, und da er „Gewissen“ und „Nation“ in einer globalisierten Welt auch global versteht, beschließt er, „ein Tabu zu brechen“, und formuliert in seinem Gedicht Was gesagt werden muss – bei dem es sich in Wirklichkeit nur um ein entsprechend arrangiertes Pamphlet handelt – etwas, das schon seit Jahren offen diskutiert und inzwischen auch an den Stammtischen von Gera, Rosenheim oder Buxtehude längst kein Geheimnis mehr und auf den Plakaten jeder zweiten Friedensdemo nachzulesen ist: Israel ist eine Atommacht! Außerdem erfahren wir, dass Israel der eigentliche Unruhestifter im Nahen Osten sei und mit einem „Erstschlag“ das iranische Volk auslöschen möchte. Der „ohnehin brüchige Weltfrieden“ sei gefährdet.
     Laut Grass ist Israel der Täter, die anderen, allen voran der Iran, dessen Opfer. Deutschland mache sich mitschuldig, indem es an Israel Waffen liefere. Der iranische Präsident Achmadinedschad, der Israel mehrfach mit der Vernichtung gedroht hatte, sei nur ein „Plauderer“, seine Worte nichts als „Rhetorik“. Menschenkenner und Psychoanalytiker Grass traut sich eine solche Ferndiagnose offenbar zu. Dass Israels Drohung, einen „Erstschlag“ gegen die iranischen Atomanlagen zu führen, ebenfalls nur politische Rhetorik sein könnte, räumt Grass in einem Interview zwar ein, hält die Worte und möglichen Taten der demokratisch gewählten Politiker Israels jedoch für viel gefährlicher als jene des bekanntermaßen unberechenbaren Präsidenten des klerikalen Gewaltregimes im Iran. Es ist das alte Muster: Für die eigenen Machtphantasien, Verdrängungen, Schuldgefühle und neurotischen Ängste müssen die Juden herhalten (wer spricht denn schon jemals von einer iranischen Weltverschwörung).
     Bei Grass’ Behauptungen handelt es sich um eine klassische Täter-Opfer-Umkehrung, die derart altbacken und unoriginell ist, dass die allgemeine Empörung darüber wie ein Sturm im Wasserglas anmutet. Sein Gedicht ist literarisch wertlos, seine Interviews peinlich, seine wehleidige Empörung über die Angriffe, denen er nun von vielen Seiten ausgesetzt ist, beinahe Mitleid erregend. Von einem Literatur-Nobelpreisträger hätte ich mir zumindest etwas mehr Raffinesse, Stil und Haltung erwartet.
    In einem Fernsehinterview wiederholt Grass einer tibetanischen Gebetsmühle gleich immer wieder, er sei ein Freund Israels, habe dieses Land schon in den Sechzigerjahren gegen Angriffe verteidigt, und sein Werk sowie seine jahrzehntelange politische Tätigkeit sprächen für sich. Ihm Antisemitismus vorzuwerfen, sei absurd. Nun aber könne er nicht mehr schweigen, müsse die Wahrheit sagen, es sei ihm, nachdem er seine politische Haltung klar und deutlich gemacht habe, eine kritische Bemerkung über Israel erlaubt. Seine Kritik sei ohnehin nur zum Besten dieses Landes. (Man hat den Eindruck, als liege ihm der klassische Sager, er habe „viele jüdische Freunde“, schon auf den Lippen.) Dies alles klingt so, als würde ein Mann behaupten, er habe sich sein Leben lang für die Gleichbehandlung von Frauen und Männern eingesetzt, und nun – nachdem er jahrzehntelang für Frauen und ihre Belange gekämpft habe – dürfe er sich einen sexistischen Witz erlauben und außerdem ein paar Bemerkungen darüber, was er wirklich von „diesen Weibern“ halte. Dies werde ihnen eine Lehre sein und sei damit nur zu ihrem Besten. Schließlich sei er lange genug politisch korrekt und brav gewesen und habe es sich redlich verdient, einmal die Sau rauszulassen…
     Über Grass’ Beweggründe ist in den letzten Tagen viel spekuliert worden, und so möchte ich nicht alles wiederholen, worüber im Feuilleton ohnehin schon ausführlich geschrieben wurde. Letztlich ist die Aufregung über Grass’ Gedicht und seine anschließenden Kommentare dazu überzogen. Ein guter Schriftsteller mag differenzierte Romane, einfühlsame Erzählungen, intelligente Theaterstücke oder hintergründige Gedichte schreiben, ansonsten aber haarsträubenden Unsinn von sich geben. Dabei ist Grass in guter Gesellschaft. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Literatur-Nobelpreisträger José Saramago verglich die israelische Armee mit der deutschen Wehrmacht und glaubte, in palästinensischen Flüchtlingslagern den „Geist von Auschwitz“ zu entdecken, und Literatur-Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn schrieb mit Zweihundert Jahre zusammen einen dicken Zweiteiler über die Geschichte der Juden in Russland – ein antisemitisches Machwerk, in dem Pogrome verharmlost und russische Juden nicht als vollwertige Russen anerkannt werden. Andere Autorinnen und Autoren gaben einfach „nur“ rechtschaffene Banalitäten von sich (oder tun es immer noch). Kreative und analytische Intelligenz sind nicht wesensgleich… Selbstverständlich gibt es Schriftsteller, die gute Bücher schreiben und intelligente politische Kommentare abgeben, es gibt mittelmäßige Schrifsteller, die intelligente und sehr treffende politische Kommentare abgeben, und es gibt Schrifsteller, die auf sich aufmerksam machen, indem sie politische Kommentare abgeben und dies so geschickt und immer zum richtigen Zeitpunkt zu tun vermögen, dass sowohl die Qualität der in Frage kommenden Kommentare selbst als auch jene ihres literischen Werks dabei in den Hintergrund treten.

Stark überzogen ist auf jeden Fall die Reaktion des offiziellen Israel auf die „Causa Grass“. Am 8. April 2012 erklärte die israelische Regierung den Schriftsteller zur „Persona non grata“ und strafte ihn mit einem Einreiseverbot. Diese Maßnahme ist nicht nur undemokratisch, sondern schlichtweg blöd. Klüger wäre es gewesen, genau den umgekehrten Weg zu wählen und Grass zu einer Lese- und Diskussionsreise nach Israel einzuladen. Wäre Grass darauf eingegangen – und das hätte er wohl tun müssen, wollte er nicht sein Gesicht verlieren und als Feigling dastehen – hätte er seine Ansichten vor einem israelischen Publikum vertreten und rechtfertigen müssen. „Israelkritiker Grass auf Einladung der israelischen Regierung als Gastredner in Jerusalem“ – das wäre mutig, das wäre originell, das wäre witzig!
     In Israel hätte Grass vehemente Befürworter wie auch entschiedene Gegner des so genannten „Erstschlags“ Israels gegen den Iran kennen gelernt, Menschen, die ihre Meinung oft mit seriösen Argumenten glaubhaft machen können, Menschen, die – egal, welchen Standpunkt sie in dieser Sache vertreten – die Folgen eines möglichen iranischen Angriffs auf Israel unmittelbar zu tragen haben werden.
     Doch die israelische Regierung hat weder den propagandistischen noch den ästhetischen Wert einer solchen Aktion erkannt. Sie hat es sogar verabsäumt, auf eine tragikkomische Geschichte einfach mit Gelassenheit und Ironie zu reagieren, und sie stattdessen durch das erwähnte Einreiseverbot zu einer Staatsaffäre aufgewertet. Dadurch lieferte sie Grass und seinen Verteidigern nur noch weitere Munition für die Behauptung, das unqualifizierte und entbehrliche Gedicht Was gesagt werden muss habe einen wunden Punkt getroffen…
     Etwas Gutes hat die Sache trotzdem: Sie entkräftet ein positives Klischee, das sich bis heute hartnäckig und allen Realitäten zum Trotz gehalten hat, nämlich jenes, dass „die Juden“ humorvolle und selbstironische Menschen wären. Den Herren Netanjahu, Barak und Liberman kann man, wie den meisten anderen Mitgliedern des derzeitigen israelischen Kabinetts, Humor wirklich nicht unterstellen, von Selbstironie ganz zu schweigen. Das hat sich wieder einmal bestätigt.
     Übrigens wurde Günter Grass bis jetzt gleichfalls nur selten mit Selbstironie in Verbindung gebracht. Nun gut, er ist ja auch kein Jude…

© Vladimir Vertlib, 16.04.2012

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