Du fremdes, stummes Kind

19.10.2012 | 18:28 |  Von Vladimir Vertlib (Die Presse)

Crashkurse? Ein eigenes Vorschuljahr? Wie man am besten Deutsch lernt: Hinweise eines Zuwanderers, der selbst in einer Wiener Schulklasse saß, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen.

 

Spät, aber doch hat nun auch Österreich eine „Integrationspolitik“ oder zumindest etwas Ähnliches, was im Entstehen ist. Wollte man die Integrationspolitik mit einem Fußballspiel vergleichen, so befänden wir uns noch in der Aufwärmphase vor Spielbeginn. Aber immerhin: Das Publikum ist versammelt, und das Spiel soll angepfiffen werden, wenn nicht ein Platzregen alle Pläne zunichtemacht. Über die Spieltaktik herrscht so kurz vor dem Anpfiff jedoch immer noch keine Einigkeit.

Zumindest haben wir seit etwas mehr als einem Jahr einen Integrationsstaatssekretär. Allerdings ist es symptomatisch für die Verhältnisse und die Stimmung im Land, dass dem wichtigen Thema Integration kein eigenes Ministerium, sondern nur ein Staatssekretariat zugestanden wird, welches zudem ausgerechnet im Innenministerium angesiedelt wurde, so als sei Integration in erster Linie eine Frage von Sicherheit und Kontrolle und nicht etwa von Bildung und Kultur.

Dem jungen Staatssekretär Sebastian Kurz muss man jedoch zugestehen, dass er sehr engagiert ist. Zwar könnte man einiges von dem, was er sagt oder tut, mit gutem Recht kritisieren, doch viele seiner Überlegungen ergeben Sinn, so jüngst der Vorschlag, dass Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse die Sprache im Rahmen eines eigenen Vorschuljahres erlernen sollen, um später dem Unterricht inder Volksschule folgenzu können. Kinder, die bereits im schulpflichtigen Alter sind, wenn sie nach Österreich kommen, sollen sich die deutsche Sprache in drei- bis sechsmonatigen Crashkursen aneignen, einzelne Fächer jedoch mit allen anderen Kindern in ihrer Stammklasse absolvieren, in die sie schließlich Schritt für Schritt integriert werden.

Die Reaktionen auf diesen Vorschlag fielen zum Teil recht heftig aus. Im Unterrichtsministerium will man von „Ghettoklassen“ nichts wissen. Von „Segregation“ ist die Rede und davon, dass eine Trennung von Schulkindern keine Maßnahme auf dem Weg zur Integration sein könne. Die Argumente von Unterrichtsministerin Claudia Schmied und anderen Politikern, die den Vorschlag von Sebastian Kurz vorschnell abgelehnt haben, scheinen nur bei oberflächlicher Betrachtung stimmig.

Die Realität sieht anders aus. Ich selbst bin mit meinen Eltern im Alter von sechs Jahren nach Österreich gekommen und habe mich vor allem dann ghettoisiert und isoliert gefühlt, wenn ich von Kindern und Erwachsenen umgeben war, mit denen ich mich nicht verständigen konnte.

Als ich 1972 eingeschult wurde, sprach ich kein Wort Deutsch. In meiner Schulklassegab es neben einheimischen Kindern auch einige aus Jugoslawien und der Türkei. Ich war der einzige „Russe“, und ich konnte nur mit Gesten oder Geschrei auf mich aufmerksam machen. Dass ich erst Anfang Oktober, also vier Wochen nach Schulbeginn, in die Klasse kam, machte alles noch schlimmer. An meinem ersten Schultag war ich derart verängstigt und verwirrt, dass ich nach dem Unterricht nicht einmal den Weg aus dem Schulgebäude finden konnte und einige Maleaus dem vierten Stock in den Keller hinunter- und dann den ganzen Weg wieder hinauf lief. Andere Kinder versuchten, mir etwas zu erklären, doch ich verstand sie nicht. In den nächsten Tagen und Wochen war es nicht besser. Ich zeichnete die Buchstaben von der Tafel ab, ohne zu begreifen, was sie bedeuteten. Ich ging den anderen nach, wusste aber oft nicht, wohin wir unterwegs waren, welchen Sinn all unsere Spaziergänge und Schulausflüge hatten und was uns dabei gezeigt und erklärt wurde. Zu den Spielen meiner Mitschüler wurde ich nicht zugelassen, weil ich die Spielregeln nicht kannte. Ich wurde ausgelacht und begriff nicht, warum. Ich lebte mit dem ständigen Gefühl, ich sollte keine Fehler machen, und benahm mich dennoch immer wieder daneben. Manchmal wurde ich gescholten, weil ich angeblich etwas angestellt hatte, und ich dachte krampfhaft darüber nach, welchen Vergehens ich mich schuldig gemacht haben könnte. Ich war stumm, taub und fremd, aber es gab kaum jemanden, der bereit gewesen wäre, darauf Rücksicht zu nehmen.

Kurz gesagt: Es war keine schöne Zeit, und nachträglich betrachtet hätte ich viel dafür gegeben, wenn ich damals einen Crashkurs hätte besuchen können, der die allmähliche Integration in die gemischte „Nicht-Ghetto-Klasse“ beschleunigt hätte. Wenn ich an meine Erfahrungen und die anderer denke, die Ähnliches erlebt haben, scheint mir ein begleitender Sprachunterricht durch eine zusätzliche Lehrkraft in der Stammklasse, wie dies nun von einigen Experten und Politikern als Alternative zur Idee von Sebastian Kurz vorgeschlagen wurde, für einzelne Kindern zwar durchaus sinnvoll, generell aber die weniger stringente und zielführende Maßnahme zu sein. Ich selbst hätte viel lieber einen Unterricht in einer Vorschule gehabt, bei dem es wirklich primär um den Spracherwerb gegangen wäre – zusammen mit anderen Kindern, die in derselben Lage waren wie ich, denen ich mich nicht hätte unterlegen fühlen müssen, und mit einer Lehrkraft, die sich voll und ganz auf meine Sprachprobleme und Bedürfnisse eingestellt hätte.

Am vernünftigsten wäre es wohl, die Schulautonomie zu stärken, es also den einzelnen Schulen zu überlassen, je nach regionalen Gegebenheiten und den individuellen Bedürfnissen der Schüler eine adäquate Unterrichtsform für Kinder mit Migrationshintergrund zu finden, Mischformen der infrage kommenden Systeme, über die heute diskutiert wird, eingeschlossen. Natürlich sollte es in einem solchen Fall möglich sein, die Unterrichtsform ständig zu variieren und anzupassen. Allerdings müssten, um eine solche Flexibilität zu ermöglichen, gut ausgebildete Lehrkräfte in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. Letztlich ist das der entscheidende Punkt.

Vorschulen gab es in Österreich – im Unterschied zu manchen anderen Ländern – in meiner Schulzeit noch keine. Einen sogenannten Förderkurs im Ausmaß von zwei Stunden pro Woche konnte ich erst im zweiten Halbjahr der ersten Klasse besuchen, nachdem ich in eine andere Volksschule übergetreten war. Die Lehrerin lobte mich oft und sagte, ich sei besser als „diese Türken und Jugoslawen“. Deutsch für Ausländer unterrichtete diese ältere Dame, wie sie offen zugab, das erste Mal. Sie staunte, „was für brave und nette Gastarbeiterkinder“ wir seien. Als der Direktor sie gebeten hatte, diesen Förderkurs zu leiten, habe sie zuerst gezögert. Nun bereue sie es nicht, dass sie mithelfen dürfe, uns zu „ordentlichen und sauberen Menschen“ zu erziehen.

Trotz dieses „Sprachkurses“ lernte ich relativ schnell Deutsch. Am Ende des ersten Schuljahres konnte ich dem Unterricht im Großen und Ganzen folgen. Gegenüber anderen „Gastarbeiterkindern“ war ich allerdings privilegiert. Meine Mutter prüfte täglich meine Hausaufgaben und lernte mit mir gemeinsam Deutsch. Sie war in Russland selbst Lehrerin gewesen. Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten hatten weniger Glück. Wer nicht Deutsch konnte und Eltern hatte, denen die Schulleistungen ihrer Kinder egal waren, wer nicht aufgeweckt genug war, die Sprache selbst zu lernen, vor allem aber, wer sich in der neuen Umgebung nicht zurechtfand und womöglich den Unterricht störte, wurde in die Sonderschule abgeschoben. Daran scheint sich in den vergangenen 40 Jahren nicht viel geändert zu haben. Noch immer ist der Anteil von ausländischen Kindern in den Sonderschulen viel höher, mancherorts fast doppelt so hoch wie jener ihrer inländischen Mitschüler. In vielen österreichischen Volksschulen beschränkt sich der Sprachunterricht für Kinder aus Zuwandererfamilien auch heute noch auf wenige Stunden in der Woche. Dass jedes Kind mit nicht deutscher Muttersprache eine Sprachförderung im Ausmaß von elf Wochenstunden bekommen soll, ist eine Vorschrift, die oftmals nur auf dem Papier besteht. Vielmehr geht die Tendenz in die Richtung, den sprachfördernden Unterricht zu kürzen. Der „Fortschritt“ der vergangenen 40 Jahre ist also geringer, als manchen vielleicht bewusst ist.

Trotz eines verpflichtenden Kindergartenjahres gibt es weiterhin Kinder, die zwar in Österreich geboren wurden, an ihrem ersten Schultag jedoch nur wenig bis gar nicht Deutsch können. Für diese Defizite mag man in erster Linie die Eltern verantwortlich machen. Die unzureichende Sprachförderung in Kindergärten ist jedoch hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass es einen Mangel an Kindergartenpädagoginnen gibt und die Kindergruppen demnach zu groß sind. Dabei wäre gerade die Integrationsarbeit mit Kindern im Vorschulalter von essenzieller Bedeutung, vermag sie doch in den entscheidenden frühen Lebensjahren eine gute Grundlage zu schaffen. Doch der Beruf der Kinderpädagogin hat kein besonders hohes Ansehen in unserer Gesellschaft. Die Bezahlung der „Kindergartentanten“ ist schlecht, und die Ausbildung an einer Höheren Schule mit Matura (BAKiP) entspricht längst nicht mehr den Standards eines entwickelten europäischen Landes. Andernorts (in skandinavischen Ländern, aber auch zumBeispiel in Ungarn) absolvieren Kindergartenpädagoginnen ein Studium an Hochschulen oder Universitäten.

Es ist traurig, dass wir heute – mehr als 50 Jahre, nachdem die ersten „Gastarbeiter“ ins Land gekommen sind – immer noch über die „Basics“ der Integrationspolitik reden müssen. Dass integrative Maßnahmen, besonders jene im Bildungsbereich, zwar Geld kosten, dass sich diese Investition aber lohnt und letztlich billiger kommt als die Bewältigung von gesellschaftlichen Problemen, die der schlechten Ausbildung, Arbeitslosigkeit oder den mangelnden Sprachkenntnissen breiter Bevölkerungsschichten geschuldet sind, ist eine Binsenweisheit, die sich in einem Land wie Österreich schon herumgesprochen haben sollte.

Als 14-Jähriger verbrachte ich mit meinen Eltern ein Jahr in den USA. Die Lehrer der Schule, die ich in Boston besuchte, waren unterbezahlt und überfordert. Bestimmte Fächer wurden gar nicht oder nur oberflächlich unterrichtet. Schwere Konflikte zwischen schwarzen und weißen Schülern erforderten den Einsatz eines bewaffneten Sicherheitsdienstes. Der Besuch dieser „High School“ war also ebenfalls keine schöne Zeit für mich. Wenn es dort aber etwas gab, was einigermaßen gut funktionierte und professionell durchgeführt wurde, so war es dies: Sprachförderung für Zuwanderer. Schon am ersten Tag musste ich eine Sprachprüfung ablegen – ich wurde der vierten von insgesamt fünf Leistungsgruppen zugeteilt, in denen Englisch als Fremdsprache unterrichtet wurde. Diesen Crashkurs besuchte ich täglich für ein bis zwei Schulstunden. Ansonsten nahm ich selbstverständlich am allgemeinen Unterricht teil und empfand es keineswegs als „Ghettoisierung“, mit Jugendlichen aus Vietnam, Haiti, Kuba oder El Salvador einen begrenzten Zeitraum in einem Klassenzimmer zu verbringenund Englisch zu lernen. In der ersten Leistungsstufe waren Kinder, die noch kaum Englisch verstanden. Für sie dauerte der Sprachunterrichtmehrere Stunden am Tag, wurde aber von Stufe zu Stufe reduziert. Die fünfte Leistungsgruppe war nicht nur für Zuwanderer, sondern auch für Schüler mit englischer Muttersprache vorgesehen, die Sprachdefizite hatten.

In den USA verstand man schon damals, 1980, dass ein intensiver Sprachunterricht die Grundlage für Integration, Bildung und den beruflichen Erfolg von Einwandererkindern darstellt. In Österreich hingegen war damals noch nicht einmal das Wort „Integration“ bekannt, geschweige denn das, wofür es steht.

Das Entscheidende ist natürlich, wasdie Intention hinter einer Maßnahme ist. „Deutschkurse“, wie sie Staatssekretär Kurz vorgeschlagen hat, haben nur dann einen Sinn, wenn ihr Ziel wirklich darin besteht, Kinder so rasch wie möglich auf ein adäquates sprachliches Niveau zu bringen. Sie könnten aber genauso gut dafür missbraucht werden, Zuwanderer auf Dauer von ihren Mitschülern zu trennen und somit „normale“ Klassen von lästigen „Problemkindern“ zu befreien.

Umso wichtiger ist es also, darauf zu achten, wer einen Vorschlag macht oder diesen unterstützt. Wenn Herr Kurz für seine Ideen Applaus von FPÖ- und BZÖ-Politikern bekommt, kann man vermuten, dass es diesen nicht um Integration, sondern in erster Linie um die Ausgrenzung von Zuwanderern geht. Diese Vereinnahmung ändert allerdingsnichts daran, dass man über eine gute Idee ernsthaft, kritisch und sachlich, also ohne Vorurteile und ideologische Festlegungen, diskutieren sollte, auf dass wir in zehn, 20 oder 40 Jahren nicht immer noch vor denselben Problemen stehen. ■

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.10.2012)

© Vladimir Vertlib

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