SCHREIBEN IN ZEITEN VON FACEBOOK

 

Schreiben in Zeiten von Facebook

Pladoyer: Seriöse journalistische Berichterstattung ist heute nötiger denn je

 

Jüdische Allgemeine, Nr. 26/16, 30. Juni 2016

 

Ich bin ein linkslinker Gutmensch und schreibe für die Lügenpresse. Die Regierungen, unterstützt von einer Minderheit von Aktivisten, haben die Medien in der Hand, um ihren Willen der Mehrheit aufzudrücken und alles, was sie wollen, durchzusetzen. Ich selbst, ein geförderter Staatskünstler, Vorzeigerusse, Vasall und Spitzel, bin ein Handlanger der Mächtigen, an deren Futtertrogen ich nasche. Angela Merkel und andere Linke haben die Grenzen für Zuwanderer aus dem Nahen Osten geöffnet, um Lohndumping zu betreiben und uns besser beherrschen zu können. Hinter ihr steht der Multimilliardär George Soros als sinstrer zionistischer Strippenzieher im Dienste der USA. Erwiesenermaßen ist Merkel selbst Jüdin, aber sie hält ihre Herkunft geheim. Die Bundespräsidentenwahlen in Österreich wurden naturgemäß zugunsten des linken Bewerbers Alexander Van der Bellen manipuliert. Aus sicherer Quelle weiß man, dass das rot-schwarz-grüne Establishment High-Tech-Bleistifte in den Wahlurnen platziert hat, welche die Kreuze für den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer auf den Stimmzetteln ausradiert und dann für Van der Bellen abgestimmt hatten. Es läuft alles nach Plan: in genau vier Jahren soll unser Kontinent zu Eurabien werden…

Was hier wie das wirre Gerede schwer alkoholisierter Zeitgenossen am Stammtisch klingt, ist in den sozialen Netzwerken Alltag. Alles, was sich auf mich als Person bezieht, wurde mir schon mehrfach unterstellt (die Drohungen erwähne ich nicht). Die abstrusesten Dinge werden behauptet, geglaubt, mit „Quellen“ belegt, verlinkt, weitergesponnen und in die reale Welt getragen. Während der klassische Stammtisch auf eine Runde – meist männlicher – Freunde begrenzt ist, wird im Zeitalter des Internets die ganze Welt zu einem riesigen Stammtisch, zu dem alle, unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft oder Bildung eingeladen sind. Dankend nehmen sie diese Einladung an. Wer sich bemüht, bekommt „Likes“ aus Argentinien und Australien und zählt bald Menschen, die er nie gesehen hat und im realen Leben wahrscheinlich nie beachten würde, zu Freuden, Followern und Mitverschwörern. Dies kann weitreichende Folgen haben – auch und gerade im politischen Bereich. Der israelische Journalist Nir Baram zitiert in seinem beeindruckenden Buch „Im Land der Verzweiflung“ einen Palästinenser, der ihm erklärt, die palästinensische Gesellschaft, welche jahrzehntelang über die ganze Welt verteilt gewesen sei, werde durch die sozialen Netzwerke „wieder vereint“. In den Netzwerken werde aber nicht nach Kompromissen im Nahostkonflikt, nach einem Ausgleich mit Israel, gesucht, sondern „nach Gerechtigkeit und Wahrheit“…

Eines ist klar: Die sozialen Netzwerke tragen zur Polarisierung bei; jedes Ereignis hat innerhalb kürzester Zeit verschiedene Narrative, die einander gegenüber gestellt und in der daraus resultierenden Auseinandersetzung wiederum verschärft und zugespitzt werden. Beschimpfungen und Drohungen sind an der Tagesordnung. Das macht die Suche nach Kompromissen in der Welt des 21. Jahrhunderts noch schwerer als in früheren Zeiten.

Die Grenzen zwischen seriösem Journalismus und fundierter, sachlicher Analyse einerseits und Verschwörungstheorien, Hetze oder schlichtweg völligem Humbug andererseits verschwimmen. Dies hat oft mit der Form der Präsentation zu tun. Youtube-Kanäle mit seriös klingenden Namen stellen scheinbar perfekte, beziehungsweise perfekt gemachte Reportagen ins Netz, in denen zum Beispiel „bewiesen“ wird, dass die Twin Towers in New York vom FBI gesprengt wurden. Herren mit Anzug und Krawatte und Damen in Lady-Boss-Kostümen erklären in gesetzten Worten in professionell gestalteten Studios, dass die USA oder Israel an der Flüchtlingskrise in Europa schuld seien, oder dass die ukrainische Regierung eine „jüdische Junta“ sei. „Experten“ werden eingeladen und interviewt, weitere „sensationellen Enthüllungen“ angekündigt. Diese und ähnliche Berichte werden Zehntausende Male oder noch viel öfter verlinkt oder als „Quellen“ angegeben. Heutzutage braucht man ein viel geringeres Budget als früher, um die öffentliche Meinung zu manipulieren.

Angesehene und seriöse Zeitungen und Fernsehkanäle bieten wiederum selbst Online-Foren oder einen Übergangsbereich zwischen Berichterstattung und Posting für „Gastkommentare“ an, wo nicht immer klar erkennbar ist, ob es sich um einen Leserbrief oder einen Artikel handelt. Und während in früheren Zeiten anonyme Leserbriefe meist nicht gedruckt wurden und stets mit Schäbigkeit und Denunziation in Verbindung gebracht wurden, kann heute jeder damit rechnen, mit einem Fantasienamen und einem niedlichen Katzenfoto im Profil ernst genommen zu werden.

Vor kurzem beklagte Unionsfraktionschef Volker Kauder die zunehmende Hetze im Internet und meinte: „Mittlerweile macht sich jedoch mehr und mehr Ernüchterung breit, ob wir deshalb tatsächlich in einer besseren Medienwelt angekommen sind.“ Auf eine Minderheit mag dies zutreffen. Die Mehrheit ist aber leider weit und immer weiter von einem Zustand entfernt, den man auch nur annähernd als nüchtern bezeichnen dürfte.

Können Zeitungen, Zeitschriften oder Fernsehkanäle, in denen der Berufsethos ernst genommen, wo also wirklich professionell gearbeitet wird, diesem Trend entgegenwirken? Wohl kaum. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Was man allerdings tun kann, ist jenen, bei denen sich die erwähnte „Ernüchterung“ tatsächlich breit macht, sowie jenen, die immer nüchtern geblieben waren, eine seriöse und traditionelle Form der Berichterstattung anzubieten. Dazu gehören Printausgaben von Zeitungen und Zeitschriften genauso wie die sachliche Wiedergabe von Fakten ohne implizite Wertung, ausführliche Analysen und Kommentare mit und ohne Wertung, ein Feuilleton und eine klare Abgrenzung von Bereichen. Letzteres ist in einer Zeit, in der zwischen einer ironischen Bemerkung, einem polemischen Seitenhieb und klaren Tatsachen immer seltener unterschieden wird (und Smileys sowie andere Emoticons als Denkhilfe gebraucht werden), besonders wichtig.

Die Tendenz im Medienbereich geht leider in die andere Richtung. Was in den sozialen Netzwerken nur ein marginales Nischendasein fristet, nämlich die differenzierte Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur, die Annäherung an komplexe Themen in der Form von Essays oder Texte von literarischer Qualität, wird in vielen Qualitätszeitungen konsequent zurückgedrängt. Das frustriert jene kleine, aber dennoch (wieder!) im steten Wachstum begriffene Minderheit, die sich das haptische Vergnügen nicht nehmen lassen möchte, in einer richtigen Zeitung aus Papier vor- und zurück zu blättern, statt auf dem Bildschirm den „Stream“ hinunterzuscrollen, eine Minderheit, die weiß, dass es nicht ausreicht, eine Tastatur bedienen zu können, um einen guten Artikel zu schreiben, und die von der Lektüre einen Mehrwert an Erkenntnis und nicht nur einen Mehrwert an Emotion gewinnen möchte. Doch den Mut zur anspruchsvollen Sprachgestaltung und zur Differenzierung kann man heutzutage beinahe schon als revolutionären Akt bezeichnen. Die damit verbundenen Anfeindungen muss man aushalten. Wenn die Lüge immer öfter zur „Wahrheit“ wird, weil so viele Menschen daran glauben, ist „Lügenpresse“ kein Schimpfwort mehr. Es lebe die Lügenpresse!

Gleichzeitig wäre es der falsche Weg, den „Mainstream“ jenen staatlichen und privaten Manipulatoren auf der ganzen Welt zu überlassen, die sich in immer größerem Maße der professionellen Desinformation, Angstmache und Hetze widmen. Umso wichtiger ist es, dass anspruchsvolle Medien im Netz präsent sind, dass Journalistinnen und Journalisten, die diesen Namen verdienen, sich nicht scheuen, in den Netzwerken Kommentare abzugeben und an Diskussionen teilzunehmen, um der Demogogie und der Lüge mit fundierten Argumenten zu begegnen, um zu deeskalieren oder manches mit Ironie zu entschärfen. Viele tun das ohnehin. Manche lassen sich vom allgemeinen Niveau verführen und von der Eigendynamik der Netzwerke blenden. Manchmal lohnt es sich aber, auf eine Pointe im Tweet zu verzichten oder eine besonders lustig scheinende Karikatur oder Grafik nicht zu verlinken. Noch wichtiger ist es allerdings, hinzuschauen, wo andere wegschauen, und ob der scheinbaren Aussichtslosigkeit nicht zu verzweifeln. Dabei geht es weniger darum, hartgesottene Verschwörungstheoretiker, Rassisten oder gar bezahlte Agitatoren zu überzeugen oder von Gleichgesinnten „Likes“ und Anerkennung zu bekommen, sondern der großen Masse an Unsicheren, Verwirrten und Desinformierten zu zeigen, was Recherche, sachliche Argumentation, professioneller Umgang mit Quellen und – im Idealfall – was eine humanistische Gesinnung bedeutet. Ob das ein Kampf gegen Windmühlen ist? In vielen Fällen schon. Aber wie arm, traurig und düster wäre doch die Welt, in der es alle aufgegeben hätten, gegen Windmühlen zu kämpfen…

© Vladimir Vertlib

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