Osteuropa – ein persönlicher Rundumschlag

Vortrag gehalten im Rahmen der Vorlesungsreihe Ost-West-Passagen an der Universität Salzburg (Institut für Slawistik) am 26. Jänner 2017

„Ich wohne im Dunkeln, im Hinterhaus, den Klingelknopf reißt wie Fleisch man heraus […]“

(Ossip Mandelstam)

 

Osteuropa – ein persönlicher Rundumschlag

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Herr Deutschmann, es ist mir eine große Freude und eine Ehre, heute Abend hier zu sein!

Warum lautet der Titel meines Vortrags Osteuropa – ein persönlicher Rundumschlag? Nun stamme ich zwar selbst aus Osteuropa, bin in Leningrad, UdSSR (heute St. Petersburg, Russland), geboren, und habe einige Romane geschrieben, die sich intensiv mit russischer, sowjetischer, vor allem aber mit russisch-jüdischer Geschichte auseinander setzen, doch kann man mich, nachdem ich weder ein Slawist noch ein Kulturwissenschaftler, weder Historiker noch Politologe bin, keineswegs als Osteuropa-Experten im engeren Sinne bezeichnen. Ein „Exepertentum“ wird mir zwar oft zugeschrieben, und das nicht nur im Bezug auf Osteuropa. Manche Menschen glauben zum Beispiel, allein die Tatsache Jude zu sein, mache mich zu einem Nahost-Experten, erwarten von mir stimmige Analysen oder gar Lösungsansätze für einen leider seit hundert Jahren andauernden Konflikt, an dessen „Bewältigung“ schon viel Kompetentere als ich gescheitert sind. Ich selbst maße mir allerdings nicht an, solchen oder ähnlichen Erwartungen wirklich entsprechen zu können. Unter anderem aus diesem, wenn auch nicht ausschließlich aus diesem Grunde habe ich für den heutigen Abend kein vorab eingegrenztes und klar definiertes Spezialthema gewählt, sondern werde mich heute dem Thema Osteuropa in essayistischer Weise annähern: ein persönlicher Rundumschlag, eine durchaus parteiische, manchesmal auch etwas polemische Bestandsaufnahe in vier „Versuchen“ („Essays“) soll es werden. Flüchtlingskrise, Nationalismus, Rechtspopulismus, Globalisierung, Zivilgesellschaft: Ost- und Ostmitteleuropa reagieren anders. Aber tun sie das wirklich? Und wenn, inwieweit und warum? Ist das, was in Russland und der Ukraine, in Polen oder Ungarn passiert für uns im Westen ein ferner oder ein naher Spiegel? Und ist es überhaupt ein Spiegel? Als ehemaliger Flüchtling und Migrant mit russisch-jüdischen Wurzeln versuche ich die Brüche und Ambivalenzen auch in mir selbst aufzuspüren, einen Bogen zu spannen…

  1. Versuch:

Nicht in Russland möchte ich meinen Vortrag beginnen und in keinem anderen osteuropäischen Land, sondern in der Türkei. Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, die ich vor Jahren in dem 1997 erschienen Buch mit dem Titel Café Istanbul. Alltag, Religion und Politik in der modernen Türkei gelesen hatte. In den Neunzigerjahren machte in Istanbul ein sehr verstörendes Gerücht die Runde (ob es einen wahren Kern hat oder nicht, sei dahingestellt): ein japanischer Konzern habe der Stadtverwaltung den Vorschlag gemacht, das Goldene Horn, das damals eher einer stinkenden Kloake glich, zu reinigen, und zwar unentgeltlich. Als Entschädigung erhebe der Konzern nur den Auspruch auf die Schätze, die er im Zuge besagter Reinigung am Grunde des Goldenen Horns finden würde. Die Stadtverwaltung habe diesen Vorschlag abgelehnt und damit – so jedenfalls dachten damals viele Bewohner Istanbuls – absolut richtig gehandelt, denn, bekam man damals in Istanbul immer wieder zu hören, besser, es bleibe alles beim Alten und die Kostbarkeiten verborgen, als dass sie außer Landes gebracht würden.

„In meiner Deutung dieser Geschichte“, schreibt Günter Seufert, der Autor von Café Istanbul, „steht Japan hier mit seiner Technologie und Aktivität, mit seinem Know-How und Unternehmergeist für die moderne und vom Westen geprägte Zeit, steht stellvertretend für ‚die Anderen’, die diese Zeit beherrschen. Das Goldene Horn hingegen repräsentiert die eigene, keineswegs rosige Lage, ‚den Osten’, die Türkei und, aus der Sicht der Sprecher, ‚UNS’. Die Episode beschwört die Überzeugung, dass ‚der Osten’ über Schätze verfügt, unzählbar und unmessbar in ihrer Fülle, und dass trotz aller Widrigkeiten das eigentlich Kostbare und Überdauernde bei ihm [also im Osten] daheim ist. Kostbarkeiten sind das, die nichts von ihrem Glanz verlieren, auch wenn sie heute bis zur Unkenntlichkeit mit Schmutz und mit Fäkalien bedeckt sind.“ Also, auf den Punkt gebracht: Mit Fäkalien bedeckt, aber dennoch schöner als alles andere, denn nichts ist schöner als die Heimat…

Sie können sich denken, warum ich Ihnen diese Geschichte erzähle. Als ich sie das erste Mal las, dachte ich mir: es geht in diesem Buch zwar um die Türkei, doch was hier geschildert wird, ist eine Metapher, die auch für „UNS“ Gültigkeit hat. Wir, das sind jene, die aus dem so genannten „Osten“ stammen, ein Ausdruck, den stimmigerweise auch Günter Seufert selbst in der soeben zitierten Passage, wenn auch unter Anführungszeichen, verwendet, spricht er doch bezeichnenderweise nicht vom Orient, vom Nahen Osten oder der islamischen Welt, sondern vom Osten ganz allgemein. Nun kann man darüber diskutieren, wo der „Osten“ beginnt, ob schon in Eisenach, Ustí nad Labem oder Bratislava, in Mukatschewo, Narwa oder Maribor oder vielleicht doch erst in Istanbul. Über den Begriff wird seit Jahrhunderten diskutiert, doch Seufert lässt ihn bewusst offen, verwendet ihn salopp, weil es weniger um eine klare geographische Zuschreibung, sondern vielmehr um eine Geisteshaltung und Weltsicht, um Selbst- und Fremdwahrnehmung und vor allem um Gefühle geht…

Fünf Jahre war ich alt, als meine Eltern und ich die Sowjetunion verließen. Als ich nach der Emigration das erste Mal in meine Geburtsstadt zurückkehrte, hieß sie nicht mehr Leningrad, sondern wieder St. Petersburg, es war Herbst 1993, die Stadt wirkte wie paralysiert, trist und niedergeschlagen nach den vielen Jahren der Diktatur und den wenigen Jahren der Perestrojka, welche nach der anfänglichen Euphorie und der Aufbruchstimmung zum Niedergang und Elend, Kriegen, Lebensmittelkarten, Hyperinflation und Vermögensverlust geführt hatte. Ein Kilo Brot kostete 200 Rubel; zwei Jahre zuvor war dies noch ein gutes Monatsgehalt. Außerdem fand in Moskau gerade ein Machtkampf zwischen Präsident Jelzin und dem noch aus Sowjetzeiten stammenden Kongress der Volksdeputierten statt, der für Verunsicherung und Angst sorgte und bekanntermaßen blutig ausgetragen wurde. Dennoch hatten viele Menschen die Hoffnung noch nicht verloren, glaubten oder hofften insgeheim, dass alles bald oder zumindest in absehbarer Zeit besser werde, auch wenn die Lebensrealität der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung keineswegs danach aussah. Es schien mir, als befinde sich die ganze Stadt in einer schweren depressiven Verstimmung, wenn auch noch nicht in einer echten Depression. Düster und schäbig war die Stadt, und doch hatte keine Katastrophe vermocht, ihre Schönheit zu zerstören, weder davor noch danach.

Kaum war ich angekommen, wurde ich von sämtlichen Verwandten vor den Gefahren gewarnt, denen ich mich auf den Straßen St. Petersburgs aussetzte. Beschimpft, gedemütigt, bestohlen, betrogen, ausgeraubt, ermordet oder noch Schlimmeres könne mir, einem deutlich als „Westler“ erkennbaren jungen Mann, geschehen (mein Onkel berichtete von „abgemurksten“ Touristen und verwendete dabei das schwer zu übersetzende Wort ukokóschili), und so beschloss ich, mich zu verkleiden, zog die alten Hosen, Schuhe, Hemden und den Mantel meines Onkels an – die Sachen passten mir (mehr oder weniger), und auf einmal sah ich nicht nur einheimisch, sondern richtig abgetackelt, also für russische Verhältnisse normal aus. Man nahm mir den Einheimischen ab, obwohl mein Russisch für manche etwas antiquiert klang. Mein in St. Petersburg lebender Cousin erklärte mir, ich gebrauche Ausdrücke, die üblicherweise von siebzigjährigen Damen und nicht von jüngeren Leuten (ich war damals 27) verwendet würden. Hin und wieder runzelte jemand die Stirn oder war erstaunt, wenn ich nach Worten rang oder holprige Formulierungen verwendete, doch hatte ich mich bald so weit angepasst, dass ich Museen und andere Sehenswürdigkeiten zum billigen Tarif für GUS-Bürger, der damals etwa ein Zehntel von dem ausmachte, was Ausländer zahlen mussten, betreten durfte. Keiner fragte nach oder kontrollierte meinen Ausweis. Das machte mich stolz, manchmal sogar ein bisschen glücklich, und Sie verstehen natürlich, dass dies nichts mit den für mich lächerlich geringen Beträgen zu tun hatte, die ich dabei sparte… Vor dem Eingang zur Zarenpalais und dem berühmten Park von Petergof, der damals noch Petrodworets hieß, hatte ein älterer Mann einen Stand (es war, soweit ich mich erinnern kann, nichts weiter als ein Holztisch) aufgebaut und bot Ansichtskarten zum Verkauf an. Ich blieb stehen, schaute mir die Bilder an. Sie waren von minderer Qualität, sowjetische Massenware, die Abbildungen waren grobkörnig, manchmal verwaschen, die Farben blass. Doch gerade deshalb gefielen sie mir, erinnerten sie mich doch sehr an jene Ansichtskarten, die ich in meiner Kindheit von meiner Großmutter geschenkt bekommen hatte.

„Nein, das ist nichts für Sie“, erklärte mir plözlich der Verkäufer. „Das ist für Touristen aus dem Westen. Gehen Sie um die Ecke, dort hinüber, hinter der Mauer, dort finden Sie einen anderen Stand mit qualitativ viel besseren Ansichtskarten, die außerdem nur halb so teuer sind. Die sind für unsere Leute.“

Ich zögerte.

„Gehen Sie schon!“, insistierte der Verkäufer. „Ich gebe Ihnen diesen guten Rat, in Ihrem eigenen Interesse, auch wenn mir dadurch ein Geschäft entgeht. Gehen Sie lieber zu meinem Kollegen.“ Er zeigte mit dem Finger in die entsprechende Richtung. „Dort finden Sie einige wirklich gelungene und außerdem billige Fotos von Petrodworetz und von einigen anderen Schlössern.“

Ich zögerte immer noch.

„Wissen Sie“, erklärte er mir. „Die Ausländer merken den Unterschied ohnehin nicht. Sie schätzen unser kulturelles Erbe nicht und erkennen nur selten seinen Wert. Aber wenn Sie schauen, wie schäbig und heruntergekommen bei uns alles ist, kann ich das den unwissenden Touristen aus Europa oder Amerika nicht wirklich verübeln. Sie sind oberflächlich. Für sie muss alles strahlen, damit sie es sehen.“ Ich murmelte etwas, ich hatte Angst etwas zu sagen, was mich verriet. „Es gibt diese besondere, die schöne Perspektive auf die Dinge“, sinnierte der Verkäufer, „eine Perspektive, die das Wesen der Dinge zum Vorschein bringt. Doch diese können nur wir erkennen, und nur wir wissen sie zu schätzen und verstehen, was sie bedeutet. Gehen Sie um die Ecke – zum Stand meines Schwagers. Dort bekommen Sie alles billiger. Ich kenne übrigens den Fotografen gut, der die Bilder gemacht hat.“

So oder so ähnlich sprach der Verkäufer, er sprach ernst, ruhig, sogar bedächtig, keineswegs insistierend, sondern eher resignativ. Ich kaufte bei ihm trotzdem einige Ansichtskarten und nicht bei seinem Schwager um die Ecke. Warum? Aus Trotz vielleicht. Vielleicht auch, weil ich hinter dieser Geschichte irgendeine Gaunerei befürchtete.

Heute denke ich, dass der Verkäufer alles genau so meinte, wie er es mir gesagt hatte. Vielleicht aber lag der Grund, warum ich mich zum Kauf gerade dieser minderwertiger, überteuerter Ansichtskarten entschieden hatte, darin, dass ich ein schlechtes Gewissen hatte, ein schlechtes Gewissen, weil ich mich verkleidete und für jemanden anderen ausgab, weil ich das Glück gehabt hatte, rechtzeitig der Welt, in der ich mich gerade befand, zu entfliehen, weil ich zwar jeden Tag, jede Stunde, jede Minute meines Russlandaufenthaltes als existenziell und wichtig erlebte und doch froh war, jederzeit wieder wegfahren zu können. Und selbstverständlich war es mir unangenehm, ja geradezu peinlich den Erwartungen des Verkäufers, der gut zweimal älter war als ich, nicht zu entsprechen. Musste er mich nicht für undankbar und dumm halten? „Wie Sie wollen“, sagte er mit einer Mischung aus Enttäuschung und Erstaunen, als ich auf dem Kauf insistierte. „Es ist Ihr Geld.“ Die Ansichtskarten kamen mir teurer zu stehen, als ihm bewusst war.

  1. Versuch:

Im Jahre 2010 hatte der ukrainische Fernsehsender Inter, einer der größten Sender des Landes, eine originelle Idee. Er beschloss 14 Videoclips zu drehen, die zum ukrainischen Unabhängigkeitstag am 24. August gesendet werden sollten, Videoclips in denen die ukrainische Nationalhymne in insgesamt 14 Sprachen, nämlich neben Ukrainisch selbst in den Sprachen von 13 Minderheiten des Landes, gesungen werden sollte. Die Sängerinnen und Sänger (etwas zehn waren es in jedem Clip) entstammten selbst den jeweiligen Volksgruppen und präsentierten sich stets in ihren Nationalkostümen. Die Übersetzungen des Textes der Hymme wurden von den jeweiligen „ethnischen Ensembles“ (so wurden sie in den ukrainischen Medien genannt) selbst vorgenommen. Für die Übersetzung ins Georgische konnte sogar der georgische Dichter Ssosso Tschotschija gewonnen werden. Doch die beiden Regisseure – Anna und Mark Gresj – hatten sich noch etwas ganz Besonderes einfallen lassen. In jedem Clip wird nicht nur gesungen, sondern auch eine dem feierlichen Anlass „angemessene“ kleine Geschichte erzählt. Der jüdische Clip beginnt zum Beispiel mit einer Unterrichtsstunde in einer Synagoge. „Sag mir doch, Jossi“, fragt der Lehrer einen seiner Schüler. „Was geschah am 13. Av des Jahres 5751 nach der Erschaffung der Welt?“ „Unser Land wurde unabhängig!“, antwortet der Knabe euphorisch. „Alles Gute zum Geburtstag, Ukraine!“, schreit der Lehrer begeistert, woraufhin alle die Nationalhymne singen – auf Jiddisch. Ein Schriftzug auf Ukrainisch wird eingeblendet: Ukraine – Heimat für 103.000 ukrainische Juden.

Alle Clips folgen diesem Muster: Ein armenischer Schuhmacher beschwert sich über einen Mangel an Aufträgen. „Warte bis nächste Woche“, sagt ihm seine Frau. „Dann wirst du wieder viele Aufträge haben. Dann ist Unabhängigkeitstag, am Feiertag wollen die Menschen wieder gutes Schuhwerk haben.“ Begeistert rufen alle: „Alles Gute zum Geburtstag, Ukraine!“ und singen die Hymne auf Armenisch.

„Ich wollte Motive finden, die für die jeweiligen Minderheiten typisch sind, also etwas, womit man bei uns die jeweiligen Völksgruppen assoziiert“, erklärte Regisseur Mark Gresj in einem Interview. „Die Ungarn beispielsweise assoziiert man gemeinhin mit Gulasch, Armenier mit Schuhmachern, ein großer Teil der armenischen Diaspora in Kiew übt immer noch dieses Gewerbe aus. Bevor ich die Szenen schrieb, setzte ich mich mit Vertreten der jeweiligen Minderheiten in Verbindung. Ich wollte niemanden beleidigen oder den Nationalstolz von irgendwem verletzten.“

In der Auswahl werden Russen und Byelorussen, Ungarn und Rumänen, Gagausen und Roma (die in der Ukraine auch heute noch „Zigeuner“ genannt werden), Ungarn und Rumänen vorgestellt. Die Krimtataren kommen übrigens nicht vor. (Eine besondere Affinität zu dieser Minderheit entwickelte sich in der Ukraine erst nach der Besetzung der Krim durch Russland.) Sie werden allerdings in einer der Varianten dieses Video (es gibt einige Kurz- und Langfassungen davon, die man sich auf YouTube anschauen kann) am Ende, also nach dem letzten Clip, in einer Aufzählung aller in der Ukraine lebenden „Nationalitäten und Völkerschaften“ erwähnt – eine lange Liste, in der unter anderem die etwa 10.000 Tschuwaschen, 6575 Araber, 4712 Udmurten, 3143 Assyrer, 584 Niwchen, 281 Wepsen und 153 Eskimos erwähnt werden, welche in der Ukraine leben und die ukrainische Staatsbürgerschaft besitzen. Auch 112 „ethnische Österreicher“ werden hier als Bürgerinnen und Bürger der Ukraine angeführt. Die Ukraine kennt sie alle, liest man abschließend zum feierlicher Klang der ukrainischen Nationalhymne (diesmal wieder auf Ukrainisch). Sie liebt sie, heißt es. Schätzt sie. Jeden einzelnen.

Das Video ist zweifellos gut gemeint. Die Ästhetik ist sowjetisch, die Bedienung von Klischees bedenklich, die „nationale Zuordnung“ nach ethnischen Kriterien vom westeuropäischen Standpunkt und Verständnis aus betrachtet mehr als angreifbar. Andererseits frage ich mich, ob wohl der ORF den Mut hätte, zum 100jährigen Jubiläum der Ausrufung der Republik, welches bei uns nächstes Jahr ohne Zweifel gefeiert werden wird, ein Video zu produzieren, in dem Land der Berge, Land am Strome nicht nur auf Deutsch und nicht nur auf Slowenisch, Kroatisch, Ungarisch und Romanes, sondern auch auf Türkisch, Serbisch, Bosnisch, Kurdisch, Arabisch, Farsi und noch in einigen anderen Minderheitensprachen gesungen wird. Die Reaktionen darauf (insbesondere vom politischen Lager „weit rechts von der Mitte“) kann sich jeder ausmalen.

Das Video kann man sich heute – wie schon gesagt – in mehreren Varianten, in einer Lang- und Kurzversion sowie in Form einzelner „Nationalitätenclips“ auf YouTube anschauen. Bei einer dieser Varianten, nämlich jener Kurzfassung, welche die meisten Clicks und Likes bekommen hatte, wurde die Kommentierfunktion inzwischen abgeschaltet – wegen unzähliger menschenverachtender und rassistischer Kommentare, wie es heißt. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, einige von ihnen noch lesen zu können, bevor sie gelöscht wurden. Manche dieser abscheulichen „Beiträge“ waren einem wahrlich subversiven Einfall der Regisseure geschuldet, den man, wenn man möchte, als kosmopolitisches Ausrufezeichen deuten kann: In jenem Clip, wo die Nationalhymne in der Originalsprache, also auf Ukrainisch, gesungen wird, kommen drei dunkelhäutige Sänger vor: zwei junge Frauen und ein junger Mann. Dieser Umstand löste sowohl bei russischen als auch bei einigen ukrainischen Kommentatoren Hohn, Spott, Unverständnis, Entsetzen und Scham aus. Wie kann es denn sein, hieß es sinngemäß in vielen Kommentaren, dass ausgerechnet drei Neger in ukrainischer Nationaltracht mitten in einem Sonnenblumenfeld stehen und ‚Schtsche nje wmerla Ukrainy i slawa i wolja’ (Noch sind Ukraines Ruhm und Freiheit nicht gestorben) singen. Früher hätte es so etwas nicht gegeben!

Ihr Ukrainer seid ja das Letzte!, höhnten die russischen Kommentatoren. Ihr seid als Volk derart armselig und degeneriert, dass ihr für einen solchen Videoclip nicht einmal echte Ukrainer finden konntet. Ihr seid erbärmlich, nicht einmal ein richtiges Volk. Geht eure Anbiederung an den Westen und den schwarzen Affen Obama schon so weit, dass ihr vergessen habt, wer ihr seid? Ausdrücke wie Ukry, Chochly, Majdanutye und ähnliche Beleidigungen, mit denen solche Aussagen oftmals „angereichert“ wurden, übersetze ich nicht.

Die ukrainischen Entgegnungen fielen in diesem Falle eher lauwarm aus. Neben den üblichen Angriffen auf „Putler“ (Putin) und die Beschimpfung der russischen Gesprächspartner als Kazapy, Moskali, Watniki und Bydlo (das übersetze ich jetzt ebenfalls nicht) bekannten einige (wiewohl natürlich nicht alle) kleinlaut, dass sie sich als Ukrainer für diesen Clip schämen würden. Was dem Regisseur denn eingefallen sei, ein Video, welches das nationale Gefühl bedienen und bei den Betrachtern Ergriffenheit und Identifikation auslösen solle, mit „diesen Negern zu verunstalten“. Wer sie überhaupt seien, wird gefragt. Adoptiert? Aus gemischten Ehen? Als ob das von Bedeutung wäre…

Die Videoclips und die Reaktionen darauf mögen angesichts der tragischen Ereignisse in der Ukraine, des brutalen Krieges mit Tausenden von Toten, als Marginalie erscheinen, sind es aber keineswegs.

Zweifellos: Während des Massensterbens der Jahre 2014-15 (und auch heute sterben Menschen trotz Waffenstillstand in diesem Krieg) wurden die Massenmedien – wie in jedem Krieg – zu Propagandazwecken missbraucht, das Internet mit widerwärtiger nationalistischer und rassistischen Propaganda, mit Desinformation und Lügen, Beleidigungen, Angriffen und Drohungen der übelsten Sorte zugemüllt. Rassismus und Antisemitismus sind in beiden Ländern leider immer noch sehr stark, und eine extreme, äußerst widerwärtige Homophobie verbindet Menschen aller politischen Überzeugungen und Bildungsschichten. Verglichen mit dem, was sich die Anhänger der Ukraine und jene Russlands an manchen Stellen schrieben oder immer noch schreiben, lesen sich die Kommentare auf der Facebook-Seite von H.C. Strache wie nette Komplimente auf hohem sprachlichen und intellektuellem Niveau (okay, jetzt übertreibe ich ein bisschen).

Jene, die nicht selbst töten und sterben und die Befehle dazu erteilen, sorgten für einen Krieg der Worte, der in Zeiten des Internets fast alle zu erreichen vermag, die von diesem Krieg direkt oder indirekt betroffen sind oder glaubten, davon in der einen oder andereren Form betroffen sein zu müssen. Im Unterschied zu früheren Konflikten kann heute zudem jeder sehr bequem zu Hause am eigenen Computer zum Propagandakrieger werden. Diese „Couchkämpfer“ und „Sofahelden“ (auf beiden Seiten!) tragen wesentlich dazu bei, dass der Krieg in den Köpfen vieler Menschen fortdauern wird, und zwar noch Jahrzehnte nachdem der letzte Schuss der unmittelbaren Kampfhandlungen abgegeben sein wird…

Die Ästhetik dieses Propagandakrieges ist zu einem großen Teil sowjetisch. Das geht so weit, dass alte sowjetische Schlager sowie Kriegslieder aus dem 2. Weltkrieg umgedichtet, ironisch gebrochen oder auf zynische Weise pervertiert werden, wobei die erschreckende Tendenz zu sehr deftigen Formulierungen der übelsten Sorte beinahe schon zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Sowjetisch ist auch das Nationalitätenkonzept, das hinter dem erwähnten ukrainischen Video (das lange vor dem Krieg produziert wurde) steht. Die Präsenz dunkelhäutiger Ukrainer im „ukrainischen Clip“ hingegen ist eine Reverenz an westeuropäische, mehr kulturell als ethnisch definierte, wiewohl weiterhin ambivalente Vorstellungen von Nation und Volkszugehörigkeit.

Eines haben der „Westen“ und der „Osten“ gemeinsam: Jegliche ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Eigenen und dem Anderen, mit Identität, Selbstverständnis und einer Wahrnehmung der Welt, die im wahrsten Sinne des Wortes befremdet, bedeutet stets einen Spießrutenlauf hinab in die Abgründe der eigenen Seele.

Was ist zum Beispiel ein ukrainischer Aserbaidschaner, ein ukrainischer Russe oder ein ukrainischer Tschuwasche? Die meisten der 10.000 Menschen, die bei der Volkszählung Tschuwasche als ihre Volkszugehörigkeit angaben, haben sicher nicht Tschuwaschisch als Muttersprache und wohl kaum Affinitäten zur tschuwaschischen Kultur oder Geschichte. Ein Großteil von ihnen spricht wahrscheinlich Russisch als Erst- und Ukrainisch als Zweitsprache (bei manchen wird dies auch umgekehrt sein) und lebt schon seit drei bis fünf Generationen in der Ukraine.

In Frankreich wird (mit Ausnahme von ein paar Rassisten) niemand Herr Nicolas Sarkozy als französischen Ungarn oder Michel Platini als französischen Italiener bezeichnen; und bei uns wird niemand auf die Idee kommen, Herbert Prohaska oder Hans Peter Doskozil seien „österreichische Tschechen“, obwohl sie zweifellos tschechische Vorfahren haben. Und was wäre der Herr Sarrazin? Ein französischer oder gar ein arabischer Deutscher? In Deutschland gibt es allerdings die Zuschreibung „Deutschtürken“, was damit zu tun hat, dass Türken eben Türken sind und nicht mit einer Selbstverständlichkeit als Deutsche angesehen werden wie beispielsweise die Nachkommen von Hugenotten (wie z.B. Sarrazin), auch dann, wenn sie, die Deutschen mit türkischem Migrationshintergrund, gleichermaßen integriert, akkulturiert oder assimiliert sind. Sie sehen: wir bewegen uns auf einem etwas schlüpfrigen Terrain…

Kehren wir aber wieder in den postsowjetischen Raum zurück: Viele von Ihnen werden den historischen Hintergrund für das dort immer noch vorherrschende Nationalitätenverständnis kennen: Die Definition der Volkszugehörigkeit (bzw. „Nationalität“) nach ethnischen Kriterien wurde in der Sowjetunion Anfang der Dreißigerjahre festgelegt. Durch die Nennung der ethnischen Herkunft der Eltern in Geburtsurkunden und anderen Dokumenten und der Festschreibung einer ethnisch definierten „Nationalität“ (in Wirklichkeit aber Herkunft) in Personalausweisen, sollten, so die ursprüngliche offizielle Begründung, vor allem Minderheiten vor der Assimilierung geschützt werden. Bei Ausstellung eines Personalausweises, den jeder Sowjetbürger nach Vollendung des 16. Lebensjahres erhielt, konnten sich Kinder, deren Eltern verschiedene „Nationalitäten“ hatte, sich für eine der beiden entscheiden. Ein Konzept der Uneindeutigkeit, Ablehnung und Transkulturalität war nicht vorgesehen. Dabei wurden unter anderem auch Juden als eigene Ethnie (Volk) definiert. Die Religionszugehörigkeit spielte hierbei keine Rolle, sondern ausschließlich die Herkunft. Die verpflichtende Nationalitäten-Zuschreibung in Dokumenten diente jedoch sehr bald keineswegs dem Schutz von Minderheiten, sondern war die Grundlage von Diskriminierung und Verfolgung von Menschen nach rassischen Gesichtspunkten: Juden, Deutsche, Krimtataren waren davon besonders betroffen. Ganze Völker wurden unter Stalin deportiert, verfolgt, stigmatisiert, zu Menschen zweiter Klasse degradiert, bei der Ausbildung und im Berufsleben benachteiligt; ihren Nachkommen stand kein „Ausweg“ offen. Sie konnten ihre Herkunft nicht abschütteln, selten verschleiern, und man sorgte dafür, dass sie sie niemals vergaßen. Das sowjetische Konzept der Nationalität führte sich dabei selbst ad absurdum. Hatte beispielsweise jemand einen Vater, der halb Armenier und halb Weißrusse war und sich als Weißrusse deklariert hatte, und eine Mutter, die halb Tatarin und halb Udmurtin und laut Pass Tatarin, konnte er sich mit 16 Jahren zwischen einer weißrussischen und einer tatarischen Nationalität entscheiden. Hätte sich allerdings der Vater mit 16 als Armenier deklariert und die Mutter als Udmurtin, hätte dieselbe Person mit denselben Eltern wiederum nur zwischen der armenischen und der udmurtischen Nationalität wählen können. Mit großer Wahrscheinlichkeit war eine solche Familie übrigens russischsprachig und russisch akkulturiert. Kinder aus gemischten Ehen entschieden sich meist, wenn dies möglich war, für die im öffentlichen Leben „opportunere“ Nationalität. Wer einen jüdischen Vater und eine russische Mutter hatte, optierte eigentlich immer für die russische Volkszugehörigkeit. Ich selbst kenne eine Ausnahme. Der Sohn einer Bekannten meiner Mutter – Isaak (Isja) Rabinowitsch – deklarierte sich mit 16 als Jude. „Beruhige dich, Mama“, erklärte er seiner weinenden russischen, also nichtjüdischen Mutter, der er stolz seinen eben erst ausgestellten Personalausweis gezeigt hatte. „Isja. Isaak Abramowitsch Rabinowitsch. Russe? Das ist doch ein Witz; schau dir meine Nase an.“ Diese Geschichte zeigt, wie sehr dieses Konzept der nationalen Identität von den Betroffenen selbst schon internalisiert worden war, was natürlich nicht bedeutet, dass sie glücklich damit waren.

Die verpflichtende Angabe der Herkunft wurde in der Russischen Föderation 1992 abgeschafft. Der berüchtigte „Punkt 5“ – „Nationalität“ – wurde aus den Personalausweisen gestrichen. Die anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion taten dasselbe. In der Ukraine verschwand der Passus 1996, als die alten sowjetischen Ausweise durch neue ukrainische ersetzt wurden. In manchen Ländern gibt es die Möglichkeit, die Volkszugehörigkeit freiwillig anzugeben. Bei Volkszählungen wird sie weiterhin abgefragt, wobei allerdings die Wahl der jeweiligen „Nationalität“ frei ist. In der Russischen Föderation wurde allerdings vor einiger Zeit die Auswählmögichkeit auf real existierenden Völker beschränkt, nachdem sich einige Menschen als Vulkanier oder Hobbits deklariert hatten. In den Köpfen vieler Menschen bleibt die alte Kategorisierung allerdings bestehen. Umfragen in Russland ergaben, dass etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung die Wiedereinführung der Nationalitätsrubrik im Pass befürworten würde. Viele andere lehnen dies jedoch vehement ab. Übrigens wird in Russland, um Missverständnissen vorzubeugen, zwischen den Begriffen Russkij, Russe, und Rossijanin, Bürger der Russischen Föderation (der ja nicht immer Russe ist), unterschieden. Westliche Länder kommen meist ohne solch übergeordnete Begriffe aus. Ein Österreicher mit türkischem Migrationshintergrund kann sich als Österreicher, Salzburger, Wiener oder Vorarlberger UND als Türke fühlen. Das geht doch. Oder etwa doch nicht?

Das Wesen von autoritären Herrschaftssystemen (ob nun von absoluten Monarchien, faschistischen Regimen, sozialistischen Volksdemokratien oder islamischen Republiken) ist, dass sie Menschen kategorisieren, bewerten und ablegen. Die Schablone ist ein gutes Machtinstrument für Herrscher, den Beherrschten wiederum gibt es Sicherheit, ein Gefühl der Zugehörigkeit, die zum unabänderlichen Schicksal wird. Dadurch kommt man nie unter Stress, dieses Schicksal ändern zu müssen. Viele Menschen haben eine ausgesprochen sinnliche Beziehung zu ihrer eigenen Schablone. Dies wusste schon König Hammurabi, der vor etwa 3000 Jahren die erste umfassende Gesetzessammlung anfertigen ließ, die wir kennen. Dort wird klar zwischen Freien, Hörigen und Sklaven unterschieden. Wer einen Sklaven tötet, muss eine Strafe zahlen, wer einen Hörigen tötet, muss eine viel höhere Strafe zahlen, wer einen Freien töten, wird selbst getötet. Wer die Tochter eines Freien tötet, dessen eigene Tochter soll getötet werden. Den Zeitgenossen König Hammurabis erschien dies alles sowohl selbstverständlich als auch gerecht. Vielen Menschen in Osteuropa erscheint es heute selbstverständlich und gerecht, dass ein dunkelhäutiger Mensch nicht der Titularnation in einem Land wie der Ukraine angehören kann. Bei uns und in anderen Teilen Westeuropas ist eine solche Haltung rassistisch. Doch zu dieser offenen, altbackenen Form des Rassismus bekennen sich bei uns nicht einmal mehr die Rechtspopulisten (jedenfalls nicht offen), und die Neonazis sind inzwischen größtenteils zu Identitären mutiert. Für sie wäre es wichtiger, dass die Schwarzen (am Stammtisch, wenn sie unter sich sind, sagen sie sicher trotzdem „Neger“) eine „einheimische Identität“ haben, optimalerweise im Land geboren wurden und keine Moslems sind. Aber fragen Sie eine „besorgte Bürgerin“ oder einen „besorgten Bürger“, ob ein gläubiger Moslem ein „echter Österreicher“ ist. Ist eine Muslima, die ein Kopftuch trägt, eine echte Österreicherin? Fragen Sie auch gleich, ob es einen Unterschied ausmacht, ob der Moslem zum Islam konvertiert ist und weiterhin Huber oder Mayer heißt, oder das Kind türkischer Gastarbeiter ist. Die Antworten können Sie sich denken. Vorausgesetzt natürlich, Sie bekommen auf eine solche Frage eine ehrliche Antwort. Oder überhaupt eine Antwort.

Jene Ukrainer, die sich darüber empören, dass irgendwelche dunkelhäutigen Menschen, die übrigens akzentfrei Ukrainisch sprechen, der ukrainischen Nation zugerechnet werden, sind aber nicht unbedingt Rassisten, jedenfalls sehen sie sich nicht als solche. Was sie haben, ist ein Identitätskonzept, das vor allem ausschließt und nicht einschließt. Das hatten wir, hier bei uns, vor gar nicht so langer Zeit allerdings auch, und so wie es aussieht, kriecht es aus den Niederungen der Geschichte wieder hervor, breitet sich aus und feiert einen Etappensieg nach dem anderen – sowohl im Westen als auch im Osten. 1970 druckte die ÖVP vor der Nationalratswahl Plakate mit einem Bild ihres Spitzenkandidaten und damaligen Bundeskanzlers Josef Klaus und dem Slogan, er sei ein „echter“ Österreicher (im Unterschied zum Juden Bruno Kreisky). Kreisky gewann trotzdem. Das war vor mehr als 45 Jahren. Und heute? Heute haben wir eine „soziale Heimatpartei“, deren Chef sich vor ein paar Jahren beschwerte, man mache in unserem Land keine Politik für die „ärmsten der Armen, sondern für die wärmsten der Warmen“. Kein Wunder, dass es zwischen der FPÖ und dem Putin-Regime so viele Affinitäten gibt. Früher wäre das nicht ganz so stimmig gewesen, unter Jörg Haider, meine ich. Aber das ist eine andere Geschichte…

Die französische Revolution war keine nationalistische, sondern eine nationale. Sie schloss alle ein, die sich zur französischen Nation bekannten, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrer Religionszugehörigkeit, und machte sie zu Franzosen. Das hinderte viele Franzosen nicht daran, rassistisch zu sein, es hinderte sie 150 Jahre später nicht daran, mit den Nazis zu kollaborieren, und es hindert sie heute nicht daran, die Front National zu wählen. Der Nationalsozialismus schloss alle aus, die rassisch nicht dazugehörten, und machte sie zu Untermenschen. Diese Zeiten sind natürlich längst vorbei und überwunden. Man sollte nur an keiner Pegida-Demo teilnehmen, sonst glaubt man das nicht so recht. Der „real existierende Sozialismus“ berief sich auf den Internationalismus, auf die Überwindung nationaler Grenzen und die Gleichheit aller, entwickelte aber ein klar etatistisches und hierarchisches Herrschaftsmodell, kategorisierte Menschen nach ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft, behauptete jedoch, das eine sei nur vorübergehend, das andere keineswegs diskriminierend, tat aber genau das Gegenteil von dem, was er behauptete. Man war chauvinistisch und rassistisch, verschlüsselte dies jedoch durch eine spezifische Form von „sozialistischer politischer Korrektheit“, so dass der Rassismus wie Freundschaft der Völker und der Chauvinismus und der Imperialismus wie eine Befreiungsideologie klangen. Juden, die man mit antisemitischen Beleidigungen angriff, wurden als „Kosmopoliten“ (und niemals als Juden) bezeichnet, das „große Russland“ habe andere Völker befreit und vereinigt (dies konnte man sogar in der sowjetischen Hymne hören), und die „große, reiche und mächtige russische Sprache“ sei die Sprache Lenins gewesen, der die Weltrevolution und die Befreiung aller Völker gepredigt hatte… Nach dem Zusammenbruch des Regimes verschwand diese Form der allzu offensichtlichen Heuchelei und verlogenen Rhetorik, die dahinter stehende Denkungsart blieb jedoch bestehen. (Ein Regimewechsel führt ja nicht dazu, dass alle Menschen plötzlich anfangen, anders zu fühlen und zu denken; die Transformation dauert Generationen.) Was vor allem erhalten blieb, ist das Konzept der Kategorisierung und Ausschließung als konstitutives Merkmal des eigenen Selbst. Im schlimmsten Fall führt dies zu Verfolgung und Vernichtung, im besten Fall zu mulitikulturellem Kitsch wie die erwähnten ukrainischen Video-Clips. Das sowjetische Nationalitätenkonzept wird hier konstruiert, gleichzeitig aber gebrochen und neu gedeutet, ohne es allerdings ganz aufzugeben. Man muss den Regisseuren zugute halten, dass sie transkulturelle Komponenten, die auf Mehrfachidentitäten verweisen, eingeführt haben.

Wer die Ereignisse in der Ukraine der letzten Jahren verfolgt hat, wird unschwer feststellen, dass sich in diesem Land ein äußerst pathetischer, oftmals peinlicher und vulgärer Nationalismus breit gemacht hat. Das Land liegt darnieder, die Oligarchen sind weiterhin reich, die große Masse der Bevölkerung bitterarm, die Korruption grassiert, das politische Establishment ist niveaulos, und die Perspektiven für die nächste Zeit sind düster. Andererseits haben die Ereignisse am Euromajdan in Kiew sowie der bald darauf folgende lange und blutige Krieg – eine Folge von Putins Aggression – dazu beigetragen, dass sich, wenn auch zaghaft, eine ukrainische Identität abseits sowjetischer Muster und überkommener osteuropäischer Chauvinismen zu entwickeln begonnen hat, eine Identität, die sich auf Werte beruft und dabei Mehrfachidentitäten impliziert. Es ist sicher kein Zufall, dass sich heute viel mehr Menschen, die Russisch als Muttersprache sprechen und sich als Russen bezeichnen (und auch andere) zur Ukraine als Staat bekennen. Auf dem Euromaidan waren übrigens mehr Juden anwesend als Anhänger der rechtsradikalen Partei „Swoboda“ (Freiheit) oder des faschistischen „Rechten Sektors“ zusammen, und auch viele andere „Volksgruppen“ waren dort vertreten, egal, nach welchen Kriterien, ob nun ethnisch, identitär, ein- oder ausschließend, kulturell, religiös oder auch ganz willkürlich man dies definieren möchte.

Dass aber in einigen russischen Medien die Mär von der „jüdischen Junta in der Ukraine“ kolportiert wurde, dass auf die angebliche jüdische Herkunft von Poroschenko, Jazenjuk und Timoschenko verwiesen wurde (sogar Klitschko habe jüdische Vorfahren, wurde manchmal behauptet) und von einer jüdischen Verschwörung die Rede war, und dass dieser Unsinn bei sehr vielen Menschen in Russland gut ankam und auch heute noch gut ankommt, während zur gleichen Zeit in der Ukraine die Nazi-Kollaborateure Bandera und Schuschkewitsch sowie der Ultranationalist Petljura, dessen Truppen im Jahre 1919 für die Ermordung Zehntausender Juden verantwortlich waren, als „Helden der Ukraine“ geehrt werden und Neonazis sich in paramilitärischen Einheiten organisieren dürfen, zeigt, wie schwach die Zivilgesellschaften in beiden Ländern immer noch sind.

Im März 2016 wurde in den ukrainischen Medien stolz darüber berichtet, dass der große amerikanische Schauspieler Dustin Hoffman ukrainische Wurzeln habe. Dustin Hoffman, auch einer von uns!, hieß es sinngemäß. Dustin Hoffman – ein Ukrainer!, lauteten manche Artikelüberschriften. Der Schauspieler sei gerührt gewesen, als er davon erfuhr. Er habe Tränen in den Augen gehabt.

Doch warum hatte Dustin Hoffman wirklich geweint? Er weinte während eines Interviews, als er darüber bereichtete, dass in der ukrainischen Stadt Belaja Tserkov (Bila Tserkva), aus der seine Vorfahren stammen, vor knapp hundert Jahren, im Februar 1919, ein furchtbarer jüdischer Pogrom stattgefunden hatte. Als Dustin Hoffmans Großvater, der Anfang des 20. Jahrhunderts in die USA ausgewandert war und in Chicago eine neue Heimat gefunden hatte, davon erfuhr, kehrte er nach Belaja Zerkow zurück, um seine Eltern zu retten. Seine Eltern hatten den Pogrom überlebt. Er selbst und sein Vater wurden allerdings von den Bolschwiken erschossen, die Mutter, also Dustin Hoffmans Urgroßmutter, musste fünf Jahre in einem sowjetischen Lager verbringen. „Ich bin Jude“, sagte der weinende Schauspieler. „Meine Vorfahren haben überlebt, damit ich leben kann.“

Die Täter des Massakers an Juden im Jahre 1919 waren Anhänger Petljuras, genau jenes so genannten „Helden der Ukraine“, dem heute in diesem Land Denkmäler errichtet werden. Diesen Umstand thematisierten die ukrainischen Massenmedien allerdings nicht, als sie über Dustin Hoffmans Geschichte berichteten.

  1. Versuch

Der junge österreichische Autor, Journalist und Sozialarbeiter Thomas Wallerberger (geboren 1987 in Gmunden, lebt heute in Wien) betreut seit einigen Jahren minderjährige, größtenteils afghanische Flüchtlinge. Am Höhepunkt der Flüchtlingskrise, Mitte September 2015, fuhr er nach Ungarn, um auch dort Menschen in Not zu helfen. In seinem Artikel mit dem Titel Inhumanität als nationales Recht, der in der Zeitschrift Zwischenwelt erschienen ist, schreibt er über seine Erfahrungen in Ungarn Folgendes:

Durch Ungarn rollen seit Wochen Sonderzüge in Richtung österreichische Grenze. […] Zusammen mit anderen Helfern aus Deutschland und Österreich sah ich – anfangs wie gelähmt – zu, wie sie am letzten Tag der offenen Grenze zu Serbien im ungarischen Grenzort Hegyeshalom einfahren. Blaue Sonderzüge der ungarischen Staatsbahn. Ein jeder transportierte zumindest tausend Flüchtlinge. Durch einen Polizeikordon wurden die Ankommenden zu einem Umschlagplatz geleitet. Scharfe Kommandos auf Ungarisch und Englisch. Die Flüchtlinge, zumeist in größeren Familienverbänden unterwegs, wurden gesammelt, umkreist und in einen fünf Kilometer langen Fußmarsch in Richtung Nickelsdorf gezwungen. Vor Ort gab es weder Lebensmittel, Wasser, Medikamente noch Sanitäter oder Ärzte. Keine Transportmittel für Alte, Kranke und Verletzte. Flüchtlinge stolperten durch einen regennassen, nachtschwarzen Korridor. Vorbei an Bewohnern des Ortes, die in den Vorgärten ihrer Einfamilienhäuser standen, filmten und Fotos knipsten. Nach den ersten paar Tausend, verschanzten sie sich hinter Rollläden, durch die hindurch das blaue Licht der Fernsehapparate schimmerte.

Fünf PKWs und ein Kleinbus bedeuteten bedrückend wenige Plätze um zumindest denen Hilfe zu leisten, die sie am dringendsten benötigten. Die ungarische Polizei machte die Aufgabe noch schwieriger. Um eine Frau, deren Bein blutete, einen Mann mit Kriegsverletzungen oder eine hoch Schwangere mit dem Auto zur Grenze bringen zu dürfen, mussten Schreiduelle mit der Exekutive ausgefochten werden. Die wenigen mitgebrachten Regenjacken und Hilfsgüter waren binnen Minuten vergeben. Erdrückend die schon beantwortete Frage: „Wo bleibt bloß die ungarische Zivilbevölkerung?“. An der Grenze wurden Flüchtlinge, die unter dem Flugdach der ungarischen Grenzstation rasteten und medizinische Versorgung benötigten, dazu aufgefordert diese in Österreich zu suchen: „We don´t have a doctor here, go to the Austrian border“. Ein Flüchtling dolmetschte ins Arabische, vor Ort gab es keine Übersetzer.

Die Reaktion der ungarischen Zivilbevölkerung überraschte Thomas Wallerberger sehr. Mich nicht. Was gehen uns irgendwelche Araber an?, dachten wohl die meisten Menschen in Hegyeshalom. Was tun sie überhaupt hier? Was geht uns Syrien an? Wir haben genug eigene Probleme, jedem ist sein eigenes Hemd am nächsten, und jeder soll selbst schauen, wo er bleibt.

Ich hoffe, Sie verstehen mich nicht falsch. Es gibt eine Zivilgesellschaft in Ungarn, und so wie in anderen Ländern Osteuropas gibt es auch dort Menschen, die Flüchtlingen geholfen haben und weiterhin helfen, Menschen, die eine andere Haltung einnehmen als die oben geschilderte, Menschen, für die Humanität und universales Menschenrecht keine leeren Phrasen sind. Auf der anderen Seite gibt es bekanntermaßen auch bei uns und anderswo in Westeuropa Leute, für die jegliche Erwähnung universaler Werte nur „naives Gutmenschentum“ bedeutet, die Merkel-Muss-Weg- und Der-Islam-Gehört-Nicht-Nach-Europa-Schreier, Leute, die z.B. schreiben: Wir werden Asche regnen lassen, aber es wird nicht unsere sein. Strache- und Le Pen-Wählerinnen und –wähler, Trump-Fans in den USA (die auf jeden Fall!), AfD-Anhänger in Deutschland; sie alle sind auf dem Vormarsch, und manche schauen dabei mit stiller oder gar offener Bewunderung gen Osten: nach Ungarn, Tschechien, Polen oder nach Russland. Unsere „besorgten Bürgerinnen und Bürger“ wollen unsere westlichen Werte gegen unliebsame Fremde und „gefährliche Moslems“ verteidigen, indem sie genau diese Werte Schritt für Schritt verwässern oder aufgeben. Um das Zitat von Günter Seufert am Beginn dieses Vortags zu paraphrasieren: Unsere Werte sind Kostbarkeiten, die nichts von ihrem Glanz verlieren, auch wenn man sie bis zur Unkenntlichkeit mit Schmutz und mit Fäkalien bedeckt.

Der Unterschied liegt in der Gewichtung. Während ein bestimmter „besorgter“ Menschenschlag weit rechts von der Mitte bei uns immer noch in der Minderheit ist, bildet er jenseits unserer östlichen und nördlichen Grenze längst, besser gesagt schon seit langem, die Mehrheit. Das Selbstverständnis, die Identifikation und Definition des Eigenen und seine Abgrenzung gegenüber dem Fremden, ist sicher ein wichtiger Grund dafür. Was ich dazu vorhin am Beispiel des postsowjetischen Raumes gesagt habe, lässt sich, wenn auch natürlich nicht eins zu eins und mit jeweils ganz eigenen regionalen Spezifika, auf andere Staaten Osteuropas übertragen. Die Schwäche moderner identitätsstiftender Modelle, die auf demokratischen, egalitären Werten basieren sowie auf einer Kultur, die diese Werte widerspiegelt, ist ein wichtiger Faktor.

Die weißrussische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch schreibt in ihrem Buch Secondhand – Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus: „Der Kommunismus hatte den aberwitzigen Plan – den ‚alten’ Menschen umzumodeln […]. Und das ist gelungen, es ist vielleicht das Einzige, das gelungen ist.“ Die Menschen zwischen Eisenach und Wladiwostok sind auch heute noch, die einen mehr, andere weniger, ein Produkt des „real existierenden Sozialismus“, tragen die Prägungen und Verletzungen jener Zeit in sich und geben diese, direkt oder unbewusst, an die nächsten Generationen weiter. Gegen Ende der kommunistischen Ära war ein resignativer Zynismus vorherrschend, ein Zynismus, der sich vor allem im Witz manifestierte. Wenn die offiziellen Regeln ständig gebrochen werden und alles, was geglaubt werden soll, das Gerede von Humanität, Internationalismus und einem besseren Menschen zur leeren Hülse verkommt, während in Wirklichkeit Gewalt und Korruption das Leben bestimmen, ist „Authentizität“ nur mehr im Lachen über die Welt und über sich selbst zu finden. Breschnew war ein Diktator, aber er war auch eine Witzfigur. Inzwischen gibt es in Russland auch Witze über Putin, was ein gutes Zeichen ist. Als Wladimir Putin 2012 zum dritten Mal zum Präsidenten gewählt wurde, fanden in Moskau Massenkundgebungen gegen ihn statt. An einer von ihnen nahm eine junge Frau teil, die ein russisches Nationalkostüm trug und „Mütterchen Russland“ symbolisieren sollte. Sie trug ein Transparent mit der Aufschrift: Du willst schon zum dritten Mal, aber ich habe Kopfschmerzen.

Witz und resignativer Zynismus prägten den Menschen des Ostblocks. Als das System schließlich zusammenbrach, war es nur eine engagierte Minderheit, die konzeptuell etwas ganz Neues, eine alternative Gesellschaft anstrebte. Die Mehrheit hingegen wollte Bananen, größere Wohnungen, gute Gehälter, Urlaubsreisen nach Frankreich oder Amerika. Dass gerade dies jedoch auf Dauer nur dann erreicht werden kann, wenn man genau daran glaubt, was man jahraus, jahrein als heuchlerische Tünche eines korrupten Regimes erlebt hatte – dazu gehören vor allem ethische Grundsätze, Rechtssicherheit und der gesellschaftliche Diskurs -, haben viele nicht verstanden.

Zum Wesen einer Zivilgesellschaft gehört ihre Fähigkeit, Fiktionen zur Realität werden zu lassen, ohne ihren fiktionalen Charakter zu vergessen. Anders ausgedrückt: es geht um den Glauben an bestimmte gemeinsame Werte (Fiktionen) und die Fähigkeit, diese und demzufolge auch die eigene Haltung zu begründen, zu hinterfragen und zu ändern, weil man weiß, dass die besagten Werte weder von Gott gegeben noch im Sinne des Naturrechts von Anfang an vorhanden und somit zeitlos sind, sondern stets auf Konventionen beruhen und im historischen Kontext gesehen werden müssen. Der Lebenswille ist Realität, das Recht auf Leben aber Fiktion, es sei denn man glaubt daran und setzt es durch. Es gibt keine Rechte per se. In der kommunistischen Diktatur wurden Fiktionen immer absolut gesetzt und waren dabei nichts als Scheinrealitäten, Schablonen, und auch in der postkommunistischen Zeit überwog der Glaube an das einzige, was – gesellschaftlich betrachtet – keine Fiktion ist, nämlich reale Macht. Ein Vertrag ist nur ein Fetzen Papier, wenn die Vertragspartner an seine Gültigkeit nicht mehr glauben wollen. Eine Kalaschnikow ist hingegen immer eine Waffe, wenn sie geladen ist und man weiß, wo der Abzug ist. Tendenziell ist die Dominanz der „realen Macht“ überall zu finden, wo der Sozialismus einst „real existierte“. Nepotismus, Korruption und mafiose Strukturen sind gleichermaßen eine Folge davon wie ein ungehemmter Neoliberalismus, Chauvinismus, Homophobie, Diskriminierung von Minderheiten oder Antisemitismus. Ja, auch der Chauvinismus, wie er sich vor allem in den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien und im postsowjetischen Raum manifestierte, ist ein Ausdruck der erwähnten Machtrealität, dient doch ein radikaler Nationalismus oft dazu, Gleichgesinnte zu finden, um die Kalaschnikows auf jene zu richten, die einem im Wege stehen, also gemeinsame Interessen durchzusetzen. Reinen „Fiktionen“ wie universale Menschenrechte oder die Verpflichtung, irgendwelchen Menschen aus dem Orient oder aus Afrika zu helfen, die ungebeten über die Grenze kommen, begegnet man entweder mit Aggression oder mit Zynismus.

Der eigene Opfermythos verstärkt diese Haltung noch. Wenn jemand überzeugt ist, mehr gelitten zu haben als andere, auf jeden Fall aber mehr als die westlichen Nachbarn, die man deshalb beneidet und bewundert, gleichzeitig aber belächelt, weil man sie für naiv, rührselig und in ihrer saturierten Humanität, die man sich natürlich erst leisten können muss, für selbstgefällig, verweichlicht und gleichzeitig manipulierbar hält, dann hat man auch keine Einsicht dafür, warum man einen Teil jener Flüchtlinge, die der „reiche Westen“ aus Schwäche und aus emotionalem Überschwang nach Europa gelassen hat, plötzlich selbst aufnehmen soll. Stattdessen tendiert man zu simplen Lösungen und beruft sich dabei auf eine scheinbar harte Faktenlage. Die „besorgten Bürgerinnen und Bürger“ hierzulande kommen zu ähnlichen Lösungen: Man solle den jungen Flüchtlingen aus Syrien Waffen geben und sie nach Syrien zurückschicken, damit sie mit der Waffe in der Hand für den Frieden in ihrem eigenen Land kämpfen. So etwas kann jemand in Österreich genauso sagen wie in Bulgarien, Lettland oder Russland. Dennoch ist die Tiefendimension und die Nuancierung in Osteuropa eine andere. Darauf möchte ich jetzt abschließend, als Abrundung dieser Rede, eingehen und komme somit zum diesmal eher kurzen:

  1. Versuch:

Der ukrainische Journalist Anatolij Scharij (geboren 1978 in Kiew) lebt seit einigen Jahren in Westeuropa. Er produziert YouTube-Videos auf Russisch zu aktuellen politischen Themen, welche die Ukraine und den postsowjetischen Raum betreffen. Sein Schwerpunkt ist die Kritik an der ukrainischen Politik, an ukrainischen Medien und das Aufdecken von Fakes. Mit seinem YouTube-Kanal Schari.net hat er großen Erfolg. Scharij ist eine zwielichtige Figur, und manches von dem, was er sagt, ist tendenziös, polemisch und vulgär, aber er ist zweifellos ein talentierter Journalist.

Am 17. Mai 2016 stellte er ein Video ins Netz, in dem es um das Schicksal der Krim-Tataren geht (ein längeres Interview mit einem Vertreter der tatarischen Minderheit auf der Krim). Auf den Inhalt des Videos möchte ich hier nicht näher eingehen, das würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen.

Das Schicksal der Krim-Tataren wird in Russland und der Ukraine heftig diskutiert. Das gesamte Volk der Krimtataren, damals knapp 200.000 Menschen, wurde in den drei Tagen vom 18. bis 20. Mai 1944 aus ihrer Heimat nach Zentralasien deportiert. Der „Vorwurf“ lautete, die meisten von ihnen hätten während der Besatzungszeit (1941-44) mit den Nazis kollaboriert. Von der Deportation waren alle Krimtataren betroffen, Frauen, Kinder, Säuglinge, Greise, also nicht nur jene, die während der Okkupationszeit tatsächlich in Bürgerwehren, eigenen Einheiten der Wehrmacht oder SS gedient hatten. Gerade die Kollaborateure waren von der von Stalin befohlenen Kollektivstrafe am wenigsten betroffen, weil viele von ihnen mit der deutschen Wehrmacht aus der Krim abgezogen waren. Während der Deportation und den Jahren danach sind viele Krimtataren gestorben – während des Transports verdurstet, verhungert, oder sie fielen Krankheiten zum Opfer. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung umgekommen ist. Erst ab 1989 durften Krimtataren auf die Krim zurückkehren. Ihre Bevölkerungszahl beläuft sich heute wieder auf etwa 250.000 – etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung der Halbinsel. Der Besetzung der Krim durch Russland stehen viele ablehnend gegenüber, aber bei weitem nicht alle. Darum geht es in diesem Video: es geht um die Deporation, die Rückkehr, das Leben der Krimtataren heute, um die Ukraine, Russland und die Krim-Annexion.

Unter seinem YouTube-Video schreibt Anatolij Scharij, er werde alle Kommentatoren, die auch heute noch die Deportation eines ganzen Volkes für gerechtfertig halten, blockieren (dabei drückt er sich etwas deftiger aus, als ich es hier wiedergebe). Dies hätte er nicht vorschnell versprechen sollen, weil Tausende Kommentare genau in diese Richtung gehen. Gelöscht hat er sie nicht. Er hätte die Kommentierfunktion vielleicht ganz ausschalten sollen, was er allerdings ebenfalls nicht getan hat.

Hier ein paar Kostproben (die ganz Schlimmen erspare ich Ihnen):

Wenn Stalin die Krim-Tataren nicht deportiert hätte, dann wären sie dem gerechten Zorn der einheimischen Bevölkerung zum Opfer gefallen. Sie wären erschlagen worden. Alle. Wenn sie nicht deportiert worden wären, hätten die nach dem Krieg heimkehrenden Soldaten der Roten Armee sie alle umgebracht. So waren damals eben die Zeiten. Stalin hat sie gerettet. Die Deportation war eine gute Sache.

Der Verfasser dieses Kommentars ist zweifellos ein luzider Denker. Seine Logik ist bestechend. Manche Leute bei uns in Österreich argumentieren übrigens ähnlich. Vor einiger Zeit schrieb mir ein Facebook-Freund, wir dürften keine Flüchtlinge mehr ins Land lassen, weil unsere Rechtsradikalen sonst, wenn zu viele Fremde da sind, irgendwann wirklich brutal werden könnten. Man solle Asylwerber abschieben – zu ihrem eigenen Schutz!

Ein weiterer Kommentar:

Glauben die etwa, wir haben etwas vergessen? Nein, haben wir nicht. Die gesamte Familie meines Großvaters ist ermordet und mein Vater als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert worden. Wer hat das getan? Die Tataren. Man hat sie zurecht deportiert.

Nein, Krieg und Nachkriegszeit sind noch lange nicht vorbei.

Ein anderer Kommentar:

Eine Massendeporation ist zweifellos schlimm, aber welche andere Möglichkeit hatten wir denn sonst mitten im Krieg, potenzielle Feinde und Diversanten loszuwerden? Im Krieg ist nun einmal wenig Zeit, um zu differenzieren und sich jeden Fall einzeln anzuschauen. Man muss handeln, und das rasch! Ich persönlich bin natürlich KEIN Befürworter von Massendeportationen, aber die damalige Entscheidung kann ich nicht kritisieren.

Ja eh. Krieg ist Krieg, und wo gehobelt wird, dort fliegen Kollateralschäden. Und so.

Eigentlich hätte man alle Kollaborateure erschießen können. Stattdessen gab man ihnen und ihren Familien die Chance, in der Verbannung ein neues Leben zu beginnen. Stalin war viel zu human!

Ja, natürlich: Stalin war ein richtiger Menschenfreund.

Wir Slawen sind eigentlich sehr friedfertig und haben ein besonders ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit, aber […]

Den Rest erspare ich Ihnen lieber.

Die Krimtataren sollen zuerst ihre eigenen Verbrechen bekennen und erst dann über ihr schlimmes Schicksal lamentieren. Die Deutschen haben schließlich ebenfalls ihre Schuld für die Naziverbrechen eingestanden.

Ja, ganz dasselbe.

Ich habe mein halbes Leben in Taschkent verbracht – zusammen mit deportierten Tataren, deportierten Deutschen, Deportierten aus dem Kaukasus, deportierten Koreanern. Mein Vater wurde als Zwölfjähriger zusammen mit meiner Großmutter in einem Güterwaggon aus dem Kaukasus ins südliche Usbekisatan deportiert. Ich wuchs mit Angehörigen vieler Völker auf, habe mich mit allen immer gut verstanden, Taschkent war ein Nationenbabel, und die Familien der meisten meiner Freunde waren deportiert worden. Und nun frage ich mich: Was ist das Besondere an den Krimtataren? Warum redet man ständig gerade über sie? Sind sie etwas Besseres? Mein Vater hat sich während der Deportation als Kind eine Reihe von chronischen Krankheiten eingehandelt, an denen er sein Leben lang gelitten hat. Und glaubt denn jemand, die Koreaner zum Beispiel haben es leichter, wenn sie nach Wladiwostok zurückkehren? Wer freut sich denn schon, wenn die Vertriebenen wieder zurückkommen?

Ja sicher: Wir sitzen alle im selben Deportationszug!

Ja, warum baut man gerade den Krimtataren Denkmäler auf der Krim?, fragt ein anderer. (Ja, warum baut man für Krimtataren Denkmäler? Und das auch noch auf der Krim!) Meine Urgroßeltern wurden während der Kollektivierung auch deportiert, und dabei sind wir Russen. Wieviele Russen wurden deportiert? Millionen!

Frei nach Orwell: Alle Menschen sind traumatisiert, aber manche sind traumatisierter als andere? Nein, das geht natürlich nicht!

Meine Oma wurde ebenfalls deportiert, schreibt noch jemand, und es folgen viele weitere, ähnliche Kommentare. Erschütternde Familiengeschichten werden erzählt. Es lohnt sich, manches zu archivieren, was in solchen Blogs geschrieben wird.

Selbstverständlich finden sich unter den Tausenden Kommentaren auch andere Stimmen. Es sind Menschen, für die Humanismus keine naive Gefühlsduselei und Anteilnahme kein Fremdwort ist, Menschen, die historische Zusammenhänge kennen oder erkennen und richtig deuten können, doch sind diese Menschen erschreckenderweise in der Minderzahl.

Ich aber denke: Man kann die Türen des Deportationszuges öffnen und hinausspringen, wenn man will, man sollte, ja man muss zurückschauen, und man darf nichts vergessen. Wer zu vergessen versucht, den holt die Geschichte ein. Doch wer es verabsäumt, die Türen zu öffnen, vergisst allzu leicht, dass er immer noch in einem Güterwaggon sitzt.

Ob dies alles nun ein ferner oder ein naher Spiegel für uns Mitteleuropäer, uns Österreicherinnen und Österreicher, ist? Das mag jede und jeder selbst beurteilen und eigene Schlüsse ziehen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Copyright: Vladimir Vertlib

Ossip Mandelstam

Leningrad

Zurück in der Stadt, in Tränen geschaut,

bis zu Schmerzen und kindlicher Krankheit vertraut.

Du bist wieder zurück – also schlucke nur schnell

jenes Fischfett der Lampen am Fluss, die noch hell!

Und sieh den Dezember, bevor er erlischt,

wo dem Unheil des Teeres das Eigelb gemischt.

Petersburg! Noch ein Weilchen lebe ich still,

da bei dir alle Nummern, die ich anrufen will.

Petersburg! Paar Adressen besitze ich hier,

finde Stimmen, die nun schon im Totenrevier.

Und ich wohne im Dunkeln, im Hinterhaus,

den Klingelknopf reißt wie Fleisch man heraus.

Teure Gäste erwarte ich nachts bei mir,

an den Fesseln rühr’ ich, den Ketten der Tür.

Dezember 1930

Осип Мандельштам

Ленингрaд

Я вернулся в мой город, знакомый до слез,
До прожилок, до детских припухлых желез.

Ты вернулся сюда, так глотай же скорей
Рыбий жир ленинградских речных фонарей,

Узнавай же скорее декабрьский денек,
Где к зловещему дегтю подмешан желток.

Петербург! я еще не хочу умирать:
У тебя телефонов моих номера.

Петербург! У меня еще есть адреса,
По которым найду мертвецов голоса.

Я на лестнице черной живу, и в висок
Ударяет мне вырванный с мясом звонок,

И всю ночь напролет жду гостей дорогих,
Шевеля кандалами цепочек дверных.

Декабрь 1930

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