Der neue alte Mensch

Hundert Jahre ist es her, dass eine straff organisierte Gruppe revolutionärer Fanatiker, die sich auf den Marxismus beriefen, in Russland die Macht ergriff. Es wird weitere hundert Jahre dauern, bis die Folgen dessen, was in den Jahrzehnten danach geschah, überwunden sind.

Von Vladimir Vertlib
27.10.2017 um 18:41

(Die Presse, Spectrum, S. III, Printausgabe vom 28.10.2017)

Die in Moskau lebende Lyrikerin, Essayistin und Journalistin Maria Stepanova berichtet in einem Aufsatz mit dem Titel „Im Raum der toten Geschichte“ über den Traum einer jungen Frau aus Russland: Ein neues Gesetz ist erlassen worden, nach dem jeder, der seine Papiere verloren hat, erschossen werden soll. Die Träumende hat tatsächlich ihren Pass verloren, hat aber Glück: sie wird nicht erschossen, sondern nur verbannt. Bald sitzt sie in einem ungeheizten Waggon in einem fahrenden Zug, der sie nach Sibirien oder weit in den Norden bringt, und denkt: „Komisch, eigentlich habe ich immer gewusst, dass es so kommen wird, […] dass es überhaupt nur diesen Waggon gibt auf der Welt und sonst nichts. Dass ich für ihn geboren bin.“
Die Menschen in Russland, so Stepanova, vertrauen der „sanften Oberfläche dieser Welt“ nicht. Bei jedem Konflikt, wie zum Beispiel jenem zwischen Russland und der Ukraine, werden sie auf die „eisigen Grundlagen“ zurückgeworfen, auf das „unerbittliche Entweder-Oder von Freund oder Feind“ oder das Wissen, „dass es nichts gibt, was nicht passieren kann“.
Es gibt kaum jemanden im postsowjetischen Raum, in dessen Familie nicht irgendwer vor zwei oder drei Generationen im Deportationszug gesessen ist, der nicht verfolgt wurde, der nicht selbst schuldig geworden war, denunziert oder gemordet hatte oder zumindest in irgendeiner Weise Träger des Regimes gewesen war, der nicht fest an etwas geglaubt hatte und desillusioniert wurde.

Genau hundert Jahre ist es her, dass sich eine straff organisierte Gruppe revolutionärer Fanatiker, die sich auf den Marxismus beriefen, in Russland die Macht ergriff. Es wird wohl weitere hundert Jahre dauern, bis die Folgen dessen, was in den Jahrzehnten danach geschah, überwunden sind. Die am 7. November 1917 (am 25. Oktober nach dem damals in Russland noch gültigen Julianischen Kalender) erfolgte „Oktoberrevolution“ war ein Umsturz. Gestürzt wurde nicht etwa das „alte Regime“, sondern die von Sozialisten und Bürgerlichen geführte „Provisorische Regierung“, die sich selbst als revolutionär verstand. Der Zar hatte schon im März abgedankt, Russland war eine demokratische Republik. Diese stand allerdings kurz vor dem Zusammenbruch. Die Lage an der Front war katastrophal, die Wirtschaft in Auflösung begriffen, die öffentliche Ordnung kaum mehr aufrecht zu erhalten. Der „Oktoberumsturz“, wie er heute oft bezeichnet wird, war keine Revolution der Massen, wie die sowjetische Propaganda stets behauptet hatte, er wurde von bolschewistischen Soldaten und Matrosen durchgeführt, war aber trotzdem kein Militärputsch im engeren Sinne. Die Bolschewiken hatten durchaus Rückhalt in Teilen der Bevölkerung. Seit einiger Zeit schon kontrollierten sie die Arbeiter- und Soldatenräte der Hauptstadt, die sich nach dem Sturz des Zaren als Parallelmacht zur Regierung und den staatlichen Einrichtungen etabliert hatten. Die Bolschewiken, ein radikaler Flügel der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, versprachen das sofortige Ende des Krieges, eine Landreform, Gleichheit und Gerechtigkeit für alle. Sie waren straffer organisiert, hatten mit Lenin einen schlaueren und rücksichtsloseren Führer als andere Parteien und wollten die Macht um jeden Preis. Sie wurden vom Kriegsgegner Deutschland finanziert, verkündeten aber nichtsdestotrotz, der „imperialistische Krieg“ werde alsbald überall in einen Bürgerkrieg übergehen, der zur Weltrevolution führe. Ein „neuer Mensch“ sollte erschaffen werden – frei von Standesdünkeln, religiösen oder nationalen Vorurteilen und schädlichen Traditionen.
In den Ende 1917 durchgeführten und von den Bolschewiken noch tolerierten freien Wahlen zur Konstituierenden Versammlung (einem Vorparlament, welches eine Verfassung für die junge Republik ausarbeiten sollte) erhielten die Sozialrevolutionäre (eine linke, nichtmarxistische Partei, die ihren Rückhalt vor allem bei der Landbevölkerung hatte) 51,7 Prozent der Stimmen, die Bolschewiken 24,5 Prozent. Doch Lenin und Trotzki, Swerdlow, Stalin und andere führende Persönlichkeiten des neuen Regimes ließen sich von Wahlergebnissen wenig beeindrucken. Die Konstituierende Versammlung wurde im Jänner 1918 nach nur einer einzigen Sitzung in der Hauptstadt Petrograd (St. Petersburg) aufgelöst. Was folgte, war eine offene Diktatur, ein Separatfrieden mit Deutschland und ein langer Bürgerkrieg, der bis 1923 dauerte.
Bei oberflächlicher Betrachtung folgte dieser Systemwechsel ähnlichen Regeln wie andere Revolutionen und Umstürze: Eine entschlossene Gruppe von Menschen mit klaren Zielen, überzeugt von der eigenen Sendung, das Land in bessere Zeiten führen zu müssen, ergreift die Macht und sichert sie gegen alle Feinde, sobald ein ausreichend großer und aktiver Teil der Bevölkerung – nicht unbedingt immer die Mehrheit – sie unterstützt. Die Englische Revolution Mitte des 17. Jahrhundert, die Amerikanische sowie die Französische Revolutionen Ende des 18. Jahrhunderts, um drei erfolgreiche, ebenfalls ideologisch motivierte Revolutionen zu nennen, waren nach diesem Muster abgelaufen. Es gab allerdings in allen drei Fällen einen wesentlichen Unterschied zu dem, was in Russland 1917 und in den Jahren danach geschehen würde: die Englische Revolution beseitigte zwar das Königtum und verschob die religiösen Schwerpunkte, doch ließ sie den Staat, das Rechtswesen und die Machtverhältnisse zwischen Ober- und Unterschichten so, wie sie gewesen waren, die Amerikanische Revolution erschuf einen neuen Staat, doch die alten Eliten blieben an der Macht, die Französische Revolution beseitigte den alten Staat und die alten Eliten, für die meisten Menschen änderte sich jedoch im Alltag wenig. Der Bäcker hatte weiterhin seinen Laden, die Magd erhielt wie immer einen Bettellohn, und die Preise auf den Märkten entstanden durch Angebot und Nachfrage. Die Russische Revolution zerstörte hingegen alles: den Staat, das Rechtswesen, das alte Machtgefüge, die Eigentumsverhältnisse, die Umgangsformen, die Alltagskultur, sie veränderte die gesamte Perspektive auf das Leben und sogar die Sprache. Dies alles erfolgte in kürzester Zeit: die Auflösung sämtlicher Institutionen und Behörden, einschließlich der Gerichte und der Bildungseinrichtungen, Verstaatlichung aller privaten Unternehmen, Kampf gegen alle Kirchen und Religionen, Vernichtung des Adels, des Bürgertums und großer Teile der Intellektuellenschicht durch Ermordung oder Vertreibung, die komplette Umkehrung aller Machtverhältnisse. Nur noch Arbeiter und armen Bauern oder deren Nachkommen hatten Zugang zu einflussreichen Positionen, durften studieren oder stolz auf ihre Herkunft sein.
Die Vernichtung des „alten Systems“ und der bis dahin geltenden „natürlichen Ordnung“ und deren Ersatz durch etwas absolut Neues transformierte auch alles, was man als Oberfläche der Welt wahrnahm. Private Geschäfte, Restaurants, Kaffeehäuser, Werbeplakate, bunte Schaufenster und saubere Gehsteige verschwanden aus dem Straßenbild der Städte. Die einst bürgerlichen Wohnungen teilten sich nun mehrere Familien, von denen die meisten vom Land in die Stadt gezogen waren. Die Menschen kleideten sich anders als früher, redeten anders, ja, sie schrieben sogar anders, denn eine der ersten Maßnahmen der neuen Machthaber war eine Rechtschreibreform.
In wenigen Jahrzehnten wurde das einstige Agrarland industrialisiert, die Landwirtschaft kollektiviert, der Bauernstand zerstört. Millionen von Menschen verhungerten, wurden deportiert, eingesperrt, als Zwangsarbeiter ausgebeutet oder umgebracht, mehrere Völker zur Gänze umgesiedelt, Landschaften völlig verändert, Tausende von Städten komplett umgebaut und neu benannt.
Allein der Bürgerkrieg, der von allen Seiten mit großer Brutalität geführt wurde, kostete etwa zehn Millionen Menschen das Leben – fünfmal mehr als die russischen Verluste im Ersten Weltkrieg. Die meisten Opfer waren Zivilisten, vor allem Bauern, die in diesen Jahren den Hungertod starben oder ermordet wurden. Die auf den Bürgerkrieg folgende etwas liberalere Zeit der 1920er Jahre, als die freie Marktwirtschaft in begrenztem Umfang wiedereingeführt wurde, das Land sich ein wenig erholte und eine kulturelle Blüte erlebte, war nur ein kurzes Zwischenspiel, welches von Stalin brutal beendet wurde.

Bis heute streiten Historiker, wie und warum es in Russland zu dieser Katastrophe kommen konnte. Waren es Armut, soziale Ungleichheit und die nach der Bauerbefreiung von 1861 oft diskutierte, aber niemals konsequent durchgeführte Bodenreform? War es die Resistenz der Großgrundbesitzer? Die in der Zarenzeit stets verweigerte Demokratisierung? Die brutale Niederschlagung der Revolution von 1905? Die Niederlangen im Erste Weltkrieg? Ein unfähiger Herrscher? Die Schwäche und Kurzsichtigkeit der bürgerlichen und sozialistischen Politiker, die ihn ersetzt hatten? Die destruktive Brillanz einer kleinen Gruppe von Fanatikern und Massenmördern, die den richtigen Zeitpunkt erkannt hatten, um die Macht zu ergreifen? Sicher war es eine Mischung all dieser Faktoren sowie eine Verkettung mehrerer Zufälle. Geschichte kennt keine Zwangsläufigkeiten.

Als alle „Klassenfeinde“ vernichtet waren, wurde schließlich beinahe die gesamte Führungs- und Mitläuferschicht des Regimes selbst zu einem Opfer desselben. Stalin ersetzte die alten Revolutionäre durch neue. Von den 15 Mitgliedern der ersten sowjetischen Regierung, dem Rat der Volkskommissare, der im November 1917 gleich nach der Revolution geschaffen wurde, waren Mitte der 1930er Jahre außer Stalin noch zehn weitere am Leben. Neun von ihnen wurden 1937 und 1938 im Zuge der „großen Säuberungen“ hingerichtet. Trotzki fiel 1940 im mexikanischen Exil einem Mordanschlag zum Opfer.
Die 1930er Jahre waren nicht nur die schlimmste Zeit des Massenterrors, sondern markierten – eine bittere Ironie der Geschichte – auch den Beginn einer reaktionären Konsolidierung, eines „Backlashs“ mit faschistischen Zügen, der sich später, nach dem gewonnenen Krieg gegen Nazi-Deutschland, noch verstärkte und nach Stalins Tod fortgesetzt wurde. Trotz des Internationalismus, der weiterhin Staatsideologie blieb, wurde der russische Nationalismus, verstärkt durch Antisemitismus und die Verfolgung zahlreicher anderer Minderheiten, als einigendes Element eingesetzt. Traditionelle bürgerlicher Werte wie Ehe und Familie spielten in der Propaganda auf einmal eine große Rolle, begleitet von Sexismus und Prüderie und der biederen Ästhetik des „sozialistischen Realismus“. Sogar die Volkskommissariate hießen ab 1946 wieder Ministerien – wie vor der Revolution.
Der Versuch, einen „neuen Menschen“ zu erschaffen, war kläglich gescheitert. Stalin hatte sich diesbezüglich nie irgendwelchen Illusionen hingegeben. Die „Diktatur des Proletariats“ mutierte zu einer kleinbürgerlichen Spießergesellschaft. Der bescheidene, aber dennoch private Kitschraum im Plattenbau, die relative Sicherheit trotz Armut in der sowjetischen Spätzeit ist ein Idyll, das von vielen heute noch beschworen wird. Die Sowjetunion der Jahre 1970 oder 1985 hatte mit jener von 1930 nur mehr wenig gemeinsam. Was überdauerte, war die Einparteienherrschaft, die Planwirtschaft, die alten Mythen und eine kommunistische Rhetorik, an die niemand mehr glaubte…

Und was sind die nachhaltigen Folgen der Sowjetzeit? Radikale Lösungen zu fordern und dabei katastrophale Folgen für andere, widrigenfalls auch für sich selbst, in Kauf zu nehmen, ist ein Wesenszug des „Homo Post-Sovieticus“. Dies erklärt die Tendenz zu chauvinistischer Selbstüberhöhung genauso wie die Popularität des autoritären Putin-Regimes. „Ich weiß, dass Putin korrupt ist und sein Volk bestiehlt“, schrieb kürzlich ein „typischer“ Russe in einem Blog. „Alle Machthaber sind Diebe, daran wird sich nie etwas ändern. Aber immerhin hat Putin Russland wieder groß gemacht und uns die Krim zurückgeholt.“
Die Umgestaltung der Gegenwart macht die Menschen völlig blind für die Zukunft, meint Maria Stepanova. Dies wird sich erst ändern, wenn sie es schaffen, aus dem Deportationszug auszusteigen.

(c) Vladimir Vertlib

Zitat aus: Maria Stepanova: „Im Raum der toten Geschichte“, erschienen in: Katharina Raabe (Hg.): „Gefährdete Nachbarschaften – Ukraine, Russland, Europäische Union“, Wallstein Verlag, Göttingen 2015

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