Wohin und zurück

Eine Mischung aus Familienchronik, jüdischer Kultur- und Mentalitätsgeschichte und Witzesammlung: Das ist Erwin Javors „Ich bin ein Zebra“. Eine Autobiografie in Anekdoten.

Von Vladimir Vertlib (Die Presse, Spectrum, 9. Dezember 2017, S. V.)

08.12.2017 um 18:24

 

Ein verzweifelter jüdischer Vater beschwerte sich bitter bei Gott: „Wie konntest du das zulassen? Mein Sohn hat sich taufen lassen und ist Christ geworden.“ Gottes Stimme hallte tönend aus den Wolken: „Mir ist es genauso ergangen.“ Ein Funken Hoffnung regte sich in dem unglücklichen Vater: „Und was hast du dann gemacht?“

„Was werde ich schon gemacht haben?“, tönte die Stimme aus dem Off. „Ein neues Testament.“

 

Dies ist treffend, respektlos, hintergründig: ein klassischer jüdischer Witz eben. Zum ostjüdischen Selbstverständnis gehört es, allen Aspekten der Welt mit Humor begegnen zu dürfen. Dieser macht vor Gott selbst genauso wenig halt wie vor seinen Geboten oder Verboten. Warum auch? Wenn Gott die Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat, wird er sicher einen Witz vertragen.

Jüdische Witzeerzähler gibt es genug, Witzesammlungen ebenfalls. Seit kurzem ist eine weitere, wirklich lesenswerte, auf dem Markt: Erwin Javors „Ich bin ein Zebra. Eine jüdische Odyssee“. Diesem Buch, welches nicht nur Humorvolles und Anekdotisches zu bieten hat, sondern zudem eine Mischung aus Familienchronik und ostjüdischer Kultur- und Mentalitätsgeschichte darstellt, ist der eingangs zitierte Witz entnommen.

Erwin Javor, 1947 als Sohn von Schoah-Überlebenden in Budapest geboren, lebt seit seiner frühen Kindheit in Wien. Der erfolgreiche Unternehmer und Gründer des Nahost-Thinktanks „MENA Watch“ war viele Jahre Kolumnist und Herausgeber der jüdischen Zeitschrift „NU“. Sein kürzlich erschienenes Buch basiert auf einer originellen Idee. Javor erzählt – in groben Zügen – seine eigene Geschichte sowie die seiner Eltern und seiner Familie, berichtet über die jüdische Welt in Galizien und in Ungarn, über Krieg und Verfolgung, über Tod, Flucht und Überlebensstrategien, über Verlust und Neubeginn in Wien. Dieses Grundgerüst dient wiederum als Ausgangspunkt und als Stichwortsammlung, um über das Wesen traditionellen jüdischen Lebens und Denkens zu referieren, was wiederum durch zahlreiche jüdische Witze anschaulich ergänzt wird. Diese nehmen mehr als die Hälfte des Buches ein und bilden seinen literarischen Kern, denn der biographische Teil liest sich eher wie ein Bericht und der essayistische wie eine Gebrauchsanleitung zum Verständnis jüdischer Mentalität. Geburt, Beschneidung, Heiraten, Familie, Beruf, Sterben, Identität, Verhältnis zur nichtjüdischen Welt, Leben in Israel: dies alles wird thematisiert, aber erst in der Witzesammlung verdeutlicht und vertieft.

Treffen sich ein Pfarrer, ein Imam und ein Rabbiner zum ökumenischen Austausch über die Sintflut. „Wenn heute wieder eine Sintflut wäre“, fängt der Pfarrer an zu philosophieren, „was würdet ihr tun […]? Wir würden inbrünstig beten.“ Der Imam sieht das anders. „Das wäre Kismet. Wenn Allah das will, würden wir unser Schicksal annehmen. Und was würdet ihr tun?“, fragt er dann den Rabbiner. – „Wir würden lernen, unter Wasser zu leben.“

Die Witze sind gut ausgewählt und tragen sehr zum Lesevergnügen bei. Vielleicht sind es zu viele, einige hätten nicht sein müssen. Die Schwäche dieses Buches ist aber weder das noch die Konstruktion, sondern der Originalton des Autors selbst. Javor kann sich oft nicht zwischen beiläufiger Bemerkung und ernsthaftem Kommentar, zwischen knappem Bericht und nuanciertem Erzählduktus entscheiden. Stattdessen bleibt er in einem hybriden Zwischenraum. Das mag als Stilmittel gewollt sein, lässt aber manches allzu oberflächlich erscheinen. Vorhersehbares, aus anderen Biographien, Reportagen und Interviews Bekanntes machen die Sache nicht besser, Klischees und Verkürzungen noch weniger. „Zur Essenz des Jiddischen und somit der jüdischen Kultur [sic!] gehört der Zweifel am Edlen im Menschen“, heißt es zum Beispiel. Schade, dass das nicht als Witz gemeint ist.

Javors bescheidene und unprätentiöse Art, an ein großes Thema heranzugehen, vermag allerdings, die nicht immer überzeugende Qualität seines Textes zu kompensieren. Wirklich spannend und informativ sind jene Kapitel, in denen er seine eigenen Erlebnisse als Kind und als Jugendlicher schildert, die „wunderbar gestörte Beziehung“ zu seinem Vater beschreibt und dabei einfühlsam über die kleine jüdische Gemeinde in Wien der Nachkriegsjahrzehnte mit all ihren tragischen Figuren und kauzigen Typen, Alltagsritualen und Überlebensstrategien berichtet. Das „Schtetele Wien“ war ein Dorf in der großen Stadt – Reste der weitgehend zerstörten ostjüdischen Welt im Kleinformat, Kaleidoskop und Abgesang zugleich. In der jüdischen Parallelgesellschaft funktionierte die „für Dörfer typische soziale Kontrolle“. Unsichtbare Mauern trennten die einzelnen Gruppen, auch wenn man stets zueinander hielt, wenn es um Bedrohungen von außen ging.  Unter den wenigen Überlebenden und aus dem Exil zurückgekehrten Wiener Juden sowie den Flüchtlingen aus Osteuropa gab es eine klare Hierarchie: „Die ungarischen Juden wurden verachtet, weil sie assimiliert waren. Unter den polnischen unterschied man die aus dem Schtetl, die Jiddisch sprachen, von denen aus der Hauptstadt, die Polnisch sprachen. Auf die rumänischen schauten alle herunter, so, wie die assimilierten Wiener Juden auf die Gesamtheit der Ostjuden.“ Die meisten dieser Menschen fühlten sich „hartnäckig weiterhin auf der Durchreise“. Nach der Schoah war ihnen „konventionelles Denken“ unmöglich geworden, das Trauma zu groß. Viele empfinden auch heute die „schmerzhafte Zerrissenheit zwischen dem zentralen menschlichen Sehnen dazuzugehören und der Realität, es niemals zu schaffen“, eine Ambivalenz, die sich ebenfalls „im jüdischen Humor spiegelt.“

„Was ist Mythos? Was ist Erinnerung? Was Tatsache?“, fragt der Autor im Postscriptum zu seinem Buch. Sein Vater hatte sich nach der Schoah geweigert, je wieder an den Ort seiner Herkunft, das Schtetl Jablonica, welches heute in der Westukraine liegt, zurückzukehren. Der Sohn kannte es nur aus den Erzählungen des Vaters. Entsprachen diese der Wahrheit, oder waren sie gut erfundene Geschichten? War sein Vater wirklich so gewesen, wie er ihn immer gesehen hatte?

Im Sommer 2012, lange nach dem Tod seines Vaters, fährt Erwin Javor, inzwischen selbst längst Vater und Großvater, das erste Mal in die Westukraine. Die eindringliche Beschreibung dieser erschütternden Reise ist nicht nur der Abschluss, sondern auch der Höhepunkt des Buches… „Ich fuhr wieder nach Hause“, sagt Javor gegen Schluss über seine Rückreise nach Wien. „Selten war mir so bewusst, wie wenig selbstverständlich das war.“ Dazu gibt es keinen eigenen Witz, kann es keinen Witz geben. Aber vielleicht muss man alle anderen Witze gelesen haben, um zu verstehen, was diese Sätze wirklich bedeuten.

© VLADIMIR VERTLIB

 

Erwin Javor

Ich bin ein Zebra. Eine jüdische Odyssee

249 S., geb., € 25 (Amalthea Signum Verlag, Wien)

Comments
2 Responses to “Wohin und zurück”
  1. Pol Fekk sagt:

    es oberflächelt längst ausgelutschtes anbiedergetöse, der jüdische witz , die chuzpe, von hermann hakel vor vielen jahrzehnten zur hochblüte gebracht, von verlieb plagiatelt, mit axlzucken glesn.

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