Leben können, wie alle anderen

Jede Minute zählt, und jeder Tag ist eine Chance? „Wenn der Jasmin auswandert“: Der syrische Flüchtling Jad Turjman erzählt über den Krieg und das Elend auf der Balkanroute. Ein Erlebnisbericht, spannend wie ein Krimi.


Von Vladimir Vertlib

Die Presse, Spectrum, 24.05.2019 um 18:39


„Ich habe mir nie darüber Gedanken gemacht, wie ich als Syrer, als Flüchtling, aufgenommen werden würde. Ich habe gedacht, mit der Ankunft in dem fremden Land würde ich das Schlimmste hinter mir haben und wie alle anderen dort leben können.“ Dieser in vielerlei Hinsicht erhellende Satz ist dem Bericht eines jungen syrischen Flüchtlings in Österreich entnommen. „Wenn der Jasmin auswandert. Die Geschichte meiner Flucht“ heißt das Buch des 1989 in Damaskus geborenen Jad Turjman, der seit 2015 in Salzburg lebt.

Drei Jahre nach Schließung der so genannten Balkanroute, handelt es sich um die erste sowohl umfassende als auch sprachlich und inhaltlich anspruchsvolle Beschreibung der Flüchtlingskrise auf Deutsch aus der Perspektive eines unmittelbar Betroffenen. Auch wenn man annehmen darf, dass Turjman, der vor fünf Jahren noch kein Wort Deutsch gesprochen hatte, bei der Arbeit an seinem Manuskript Hilfe von Freundinnen und Freunden (eine von ihnen, Doris Brandl, erwähnt er dankend im Nachwort zu seinem Buch) bekommen hat, handelt es sich in jedem Fall um eine außergewöhnliche Leistung dieses hoch begabten jungen Flüchtlings.

Sein Buch ist nicht nur ein wertvolles Zeitdokument, sondern trifft – nicht einmal fünf Jahre nach den geschilderten dramatischen Ereignissen – den richtigen Ton, schafft eine stimmige Mischung zwischen Distanz und Betroffenheit, zwischen einer nüchternen, aber äußerst plastischen Schilderung der Ereignisse und erklärenden Passagen, in denen gar nicht versucht wird, den persönlichen Blickwinkel zu verleugnen. „Wahrscheinlich“, schreibt „Presse“-Korrespondent Karim El-Gawhary in einem Vorwort, „werden in den nächsten Jahren mit zunehmendem Spracherwerb diese Flüchtlingsgeschichten bei den Sachbüchern und in der Literatur ein eigenes Genre werden. Aber noch sind sie die große Ausnahme.“ Genauso wahrscheinlich ist es aber, dass man sehr lange auf einen authentischen Bericht von vergleichbar hohem literarischem Wert wie Turjmans „Wenn der Jasmin auswandert“ wird warten müssen.

            Seine Geschichte ist typisch für einen jungen Syrer, der nach Europa geflüchtet ist. Seine Familie führt vor dem Krieg ein eher bescheidenes Leben, ist aber nicht arm. Der Hintergrund ist urban, kleinbürgerlich. Die Ansichten sind traditionell, aber nicht in einem religiösen Sinne rückwärtsgewandt, dogmatisch oder gar antiwestlich. Jad hat eine Freundin – Sarah. Die Beziehung ist allerdings sowohl in seiner als auch in ihrer Familie unerwünscht, weil Sarah Alevitin, Jads Vater aber Sunnit ist. Jad, ein ehemaliger Student der Englischen Literatur, arbeitet als Beamter im Magistrat seiner Heimatstadt, als er im November 2014 den Einberufungsbefehl zur syrischen Armee erhält. Zu diesem Zeitpunkt hat sich Damaskus, die „Stadt des Jasmins“, längst in ein Schlachtfeld verwandelt. Der Weg zur Arbeit ist lebensgefährlich. Menschen werden ermordet, kommen im Bombenhagel um oder verschwinden in den Folterkerkern des Regimes, und Jad möchte für eine Regierung, die „bis zum Hals korrupt und dem Blut der Unschuldigen befleckt“ ist, nicht in den Krieg ziehen. Die unzähligen Regierungsgegner sind allerdings nicht besser. Ein Jahr zuvor ist Jad von Kämpfern der Al-Nusra-Front, einem Ableger der al-Quaida, entführt, gefoltert und erst nach Zahlung eines Lösegeldes freigelassen worden. In der Zentrale dieser Terrorgruppe, wo ein so genannter „Prinz“ als selbsternannter Herrscher über Leben und Tod entschied, wurden Aleviten ermordet und Frauen systematisch vergewaltigt: „Für die Islamisten war es halal, das heißt, erlaubt, Frauen anderer Religionen, die im Krieg „erbeutet“ worden waren, zu vergewaltigen.“

Um an diesem Krieg nicht teilzunehmen, bleibt Jad nur noch die Flucht. Das Ziel ist Schweden, wo schon ein geflüchteter Bekannter ein neues Zuhause gefunden hat. Ein Freund des Nachbarn, ein Schlepper, fordert 5000 Euro, um Jad nach Schweden zu bringen. Die hohe Summe, für Jad ein Gehalt von fast zwei Jahren Arbeit, bringt die Großfamilie auf. Was folgt, ist eine dramatische Reise, die sich Jad allerdings größtenteils selbst organisiert, während der Schlepper keine große Hilfe ist.

Schon der Grenzübertritt in den Libanon wird zu einem bizarren „Abenteuer“, einer grotesken Verkettung glücklicher Zufälle, die eine scheinbar hoffnungslose Lage doch noch zum Guten wenden. Ähnliches wiederholt sich später, wenn auch unter viel dramatischeren und tragischeren Rahmenbedingungen, bei der Überfahrt von der Türkei nach Griechenland mit einem Boot, bei Gewaltmärschen und Autofahrten durch Mazedonien und Serbien oder der Zugfahrt von Budapest nach Wien. Das alles hätte Jad nicht ohne seine „fünf Schutzengel“ geschafft – Zufallsbekanntschaften, Menschen, die ihm geholfen haben, die sich in einem entscheidenden Augenblick, in dem es um Sein oder Nicht-Sein ging, für ihn einsetzten, ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen.

            Die Geschichte spielt Ende 2014 und Anfang 2015: Bis zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise ist es noch etwas mehr als ein halbes Jahr, doch ist die Krise schon voll im Gange. Noch hat sich die Lage nicht dramatisch zugespitzt, doch von Tag zu Tag sind mehr Menschen unterwegs. Noch werden die Grenzen bewacht und Flüchtlinge zurückgeschickt, aber die Beamten in den Ländern der Balkanroute sind längst überfordert. Es gibt keine Sicherheit und keinen Automatismus; die Flucht kann gelingen oder zum Desaster werden. Jad hat Glück. „Jede Minute zählt, und jeder Tag ist eine Chance, um mein schönes verlorenes Leben zurückzugewinnen.“ Dies wird ihm aber erst nach der Flucht bewusst. „Serbien hat viele Gemeinsamkeiten mit Syrien“, stellt Jad fest. „Auch die Polizisten sind genauso steif und korrupt.“ Budapest, meint er, sei schön und entspreche „dem Bild, das man sich in Syrien von Europa macht.“

Doch die Behandlung der Flüchtlinge ist schlecht, und so bemüht man sich, das Land so schnell wie möglich zu durchqueren. Jads Freunde, ebenfalls Flüchtlinge aus Syrien, mit denen er einen großen Teil des Weges zusammen ist, haben nicht so viel Glück wie er. Sie werden von der mazedonischen, serbischen oder ungarischen Polizei festgenommen, nach Griechenland zurückgeschickt oder dürfen nicht weiterreisen. Er selbst kommt weiter, schafft es aber letztlich doch nicht bis nach Schweden. Zwei österreichische Beamte holen ihn bei einer Ausweiskontrolle aus dem Zug nach Deutschland. Heute ist er ihnen unendlich dankbar dafür. Verblüffend, wie ein Wink aus einer völlig anderen Zeit, kommt es einem heute, nur wenige Jahre später, vor, dass einer der Beamten Jad den Rat gegeben hat, in Österreich zu bleiben: „Österreich kennen nicht viele, aber es ist ein wunderschönes Land“, habe ihm der Beamte gesagt. „Die Menschen sind freundlich, und du wirst schnell Freunde finden. Du bleibst nicht alleine.“

            In diesen und ähnlichen Passagen erweist sich der Autor als begabter Erzähler. Trotz der entsetzlichen Ereignisse, von denen er berichtet, trotz der Tatsache, dass die Lektüre mancher Szenen derart beklemmend ist, dass man sich zwingen muss, weiterzulesen, ist Jad Turjmans Buch dramaturgisch so gekonnt aufgebaut, dass es spannend wie ein Krimi ist. Der Autor erschafft sich in diesem autobiographischen Bericht selbst als literarische Figur, mit der man als Leser mitleidet und mitfiebert, der man das Beste wünscht und sich am Ende freut, dass ihr die Flucht nach Mitteleuropa geglückt ist. Genau das ist die große Stärke dieses Buches. Vielleicht ist dies auch, unabhängig von der Intention des Autors, seine eigentliche Bedeutung und sein gesellschaftlicher Auftrag: es plädiert für Empathie und zeigt den echten, den Menschen aus Fleisch und Blut hinter dem Asylwerber und Flüchtling, der vielen Einheimischen in erster Linie als Projektionsfläche für die eigenen positiven oder negativen Bilder und Gefühle oder Ängste dient. Der reale Flüchtling ist aber in den seltensten Fällen das Klischee des freundlichen, bescheidenen, die Gesellschaft bereichernden „Menschen in Not“ wie es die „Willkommenskultur“ suggeriert hatte, in den allermeisten Fällen aber auch kein Verbrecher, kein religiöser Fanatiker, potenzieller Terrorist oder integrationsunwilliger Lump, der es nur auf unsere Sozialleistungen abgesehen hat, wie es Rechtspopulisten und „besorgte Bürger“ behaupten. Er ist nur selten ein „echter“ Flüchtling im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention, doch ist er durch eine Reihe von „sicheren Drittstaaten“ nach Mitteleuropa gezogen, die nicht wirklich sicher sind und wo für einen Asylwerber das Leben kaum zumutbar ist. Er ist nicht der Ärmste der Armen, sonst könnte er die Flucht nicht bezahlen, aber kein Europäer wird mit ihm tauschen oder das erlebt haben wollen, was er erlebt hat. Er ist uns auf eine verblüffende Weise nahe, weil seine Handlungen so nachvollziehbar sind, weil uns Syrien (wie auch manche andere fremde Länder) kulturell doch nicht ganz so fremd ist, wie viele glauben, weil an seiner Stelle wohl jeder andere ebenfalls vor dem Krieg flüchten, das Elend im Libanon und Griechenland verlassen, die korrupten Beamten bestechen, mit gefälschten Pässen Grenzen überqueren und einzelnen hilfsbereiten Menschen unendlich dankbar sein würde.

            Zu den (wenigen) Schwächen des Buches gehören die leider allzu oft vorkommenden Sprüche, Zitate und Lebensweisheiten, deren emotionale und psychologische Bedeutung für den Autor zwar nachvollziehbar ist, die sich aber nicht immer stimmig in den Text einfügen und sich noch seltener als Paraphrase oder als Metapher eignen. Manche Aussagen bedienen alte Klischees, die offenbar in allen Kulturen gleichermaßen zu finden sind. „Der Schmerz ist für die Seele genau so wie Sport für den Körper und Bildung für den Geist.“ Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man glauben, der Autor habe eine reaktionär-katholische Erziehung genossen. „Entscheidungen zu treffen, ist der einfachere Teil. Schwerer ist, mit den Konsequenzen der Entscheidungen zu leben.“ Überflüssige Sätze dieser Art verzeiht man dem Autor aber rasch, wenn man die brillanten Passagen liest, in denen er die dramatischen Momente im Flughafengebäude von Athen, die Begegnung mit einem pensionierten Offizier in Belgrad oder die Ankunft in Österreich schildert. Gleichermaßen vielschichtig, glaubwürdig und plastisch sind Jads Personenbeschreibungen oder die sowohl poetischen als auch nostalgischen Erinnerungen an das Leben in Syrien vor dem Krieg.

Jad Turjmans Bericht ist kein Plädoyer für die eine oder eine andere Form von Asyl- oder Migrationspolitik. Es ist kein Pamphlet für offene oder geschlossene Grenzen und bietet keine Lösungen für die gesellschaftlichen Probleme an, über die „Wutbürger“ und „Gutmenschen“ seit Jahren streiten. „Wenn der Jasmin auswandert“ ist ein berührendes, vielleicht ein exemplarisches, ein emotionales, aber nur bedingt ein politisches Buch. Im Nachwort bemerkt der Autor, sein Leben in Österreich sei „wunderschön“. An einer anderen Stelle schreibt er, dass Ungewissheit zu den schlimmsten Dingen gehört habe, die er auf der Flucht erlebt hatte. Dasselbe Gefühl hatte er später im Asylheim in Österreich: „Ich fand mich wieder in derselben Lage wie auf der Flucht, langes Abwarten, Angst und Sorgen um die Zukunft, Ungewissheit, Perspektivlosigkeit…“ Dies alles habe er, so erzählt er uns in seinem Buch, nach Erhalt seines positiven Asylbescheids hinter sich gelassen, und wenn man von einem Flüchtling mit Recht behaupten kann, dass er eine Bereicherung für das Land, das ihn aufgenommen hat, darstellt, dann ist dies ohne Zweifel Jad Turjman. Es ist zu hoffen, dass „Wenn der Jasmin auswandert“ nicht sein einziges Buch bleiben wird.

© Vladimir Vertlib


Jad Turjman

Wenn der Jasmin auswandert.
Die Geschichte meiner Flucht. Mit einem Vorwort von Karim El-Gawhary. 254 S., geb., 22,- (Residenz Verlag, Salzburg-Wien)

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