Der gekränkte Mensch schlägt zurück

Ignoranz bedeutet Bequemlichkeit,und der Mensch tendiert von Natur aus dazu, es sich bequem zu machen.
26.08.2023 um 18:36
In: „Die Presse“, Wien, „Spectrum“, S. I und II. Von Vladimir Vertlib
Ob Covid-, Klima- oder Gesundheitskrise: Wissen macht Angst. Das Verarbeiten von Information zwingt zum Filtern und zum Nachdenken und manchmal sogar dazu, Entscheidungen zu treffen. Die Welt musste immer schon für die persönlichen Probleme Einzelner herhalten, doch erst in unserer Zeit wurde dies zu einem Massenphänomen.
Als ich vier Jahre alt war und mit meinen Eltern noch in Russland lebte, saß ich gern im Wohnzimmer auf einem Hocker vor einem aufklappbaren Plattenspieler, der wie ein Hartschalenkoffer aussah, und hörte mir alte Chansons auf Grammofonplatten an. Damals gab es natürlich noch keine DVD-Player, ja in Russland noch nicht einmal Kassettenrekorder. Die meisten Menschen hatten kein Telefon. Es gab keine Kopiergeräte, kaum Farbfernseher, nur wenige Transistorradios, keine Taschenrechner und selbstverständlich noch keine Heimcomputer. Unsere Wohnung lag an der Leningrader Nordbahn, und wenn ich aus dem Fenster schaute, sah ich neben S-Bahnen auch Züge, die von Dampflokomotiven gezogen wurden. Heute, mehr als 50 Jahre später, lebe ich in Zeiten von Microchips, Mobiltelefonen, Netflix, Facebook, TikTok, Railjets, Flatscreens so groß wie eine Schultafel und Computern, die bald mit uns reden und wohl auch unsere Gedanken werden lesen können. Ich bin „erst“ 57 Jahre alt, und doch scheint mir die Zeit meiner Kindheit heute so fern wie das 19. Jahrhundert zu sein.
Trotz alledem hat sich die Welt um uns herum nicht so stark verändert wie ihre Oberfläche, und oftmals bekommt man den Eindruck, Geschichte wiederhole sich, ja es sei alles sogar schlechter, aussichtsloser und bedrohlicher geworden als früher. Das macht mir große Angst, und damit bin ich keineswegs allein. Während die einen angesichts der sich häufenden Umweltkatastrophen in der Klimakrise ein apokalyptisches Szenario erkennen, glauben andere, dass fundamentale Werte und Vorstellungen wie Ehe, Familie, Geschlecht oder althergebrachte Hierarchien zerstört werden und dadurch jegliche Sicherheit verloren geht. Hinzu kommen Kriege, Terror, Krankheiten, steigende Armut, soziale und berufliche Perspektivlosigkeiten, resignative Gleichgültigkeit sowie ein erstarkender Rechtsradikalismus mit den altbekannten Begleiterscheinungen wie religiöser Extremismus, Kulturchauvinismus, Rassismus, Homophobie, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit.
Dabei ist die Welt heute – nüchtern betrachtet – keineswegs schlechter als in meiner frühen Kindheit. Im Gegenteil. Um 1970 herum gab es einige noch brutalere Kriege als heute, noch mehr Diktaturen, Massenmorde (wieviele Millionen Menschen starben in Vietnam oder wurden während der Kulturrevolution in China ermordet?!), den Eisernen Vorhang und Rechtsextremismus in unterschiedlichen Formen. Hinzu kam, dass Menschen insgesamt, und zwar überall auf der Welt, viel ärmer waren, öfter an Krankheiten starben oder verhungerten.
In einem „fortschrittlichen“ Land wie Österreich zum Beispiel waren 1970 homosexuelle Liebe oder Abtreibungen verboten. Frauen durften ohne Einwilligung ihrer Ehemänner nicht arbeiten; Vergewaltigungen in der Ehe waren nicht strafbar; die meisten Menschen empfanden es als normal, die eigenen Kinder zu schlagen; Kindesmissbrauch war ein Tabuthema und wurde verdrängt, NS-Verharmlosung und latenter Antisemitismus waren Teil des kollektiven Selbstverständnisses; und hätte ich damals jenen Herzinfarkt erlitten, den ich vor ein paar Jahren dank moderner Medizin überlebt habe, lägen meine Überreste längst auf einem Friedhof. Ich denke, kein Mensch von heute würde gerne ein Krankenhaus des Jahres 1970 als Patientin oder Patient von innen sehen. Besser als heute war in jener Zeit wohl nur die Musik.
Damit möchte ich die lokalen und globalen Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind, keineswegs bagatellisieren oder relativieren. Die Klimakrise könnte dazu führen, dass der Ausdruck „letzte Generation“ mehr als nur ein plakativer Slogan sein wird, und der Krieg in der Ukraine bringt die ganze Welt in Gefahr. Was unsere Zeit von vergangenen Epochen unterscheidet, ist die Sichtbarmachung, die schier unendliche Möglichkeit vieler Menschen, und das nicht nur in westlichen Demokratien, sich zu informieren, sich ein Bild von der Welt zu machen und autonome Entscheidungen zu treffen. Leider nützen nur relativ wenige Menschen die sich ihnen bietenden Chancen.
Die österreichischen Erfahrungen mit der Corona-Krise mögen dafür als exemplarischer Fall und als Metapher dienen. Spätestens seit dem Sommer 2021 hätte sich unser Land Tausende Tote, an Long Covid-Erkrankte, zusätzliche Lockdowns, gesellschaftliche Konflikte und wirtschaftliche Schäden erspart, wenn sich mehr Menschen rechtzeitig gegen Covid-19 hätten impfen lassen. Ein schnelleres Ende der Krise war buchstäblich einen Nadelstich entfernt. Jeder, der es wollte, hatte unzählige Möglichkeiten, sich innerhalb kürzester Zeit alle nötigen Informationen über die Vorteile und etwaigen Gefahren der Impfung zu besorgen und diese mit den Risiken einer Covid-Erkrankung zu vergleichen. Stattdessen glaubte etwa ein Viertel der Bevölkerung absurden Behauptungen, die im Internet kursierten, statt seriösen wissenschaftlichen Erkenntnissen, folgte abstrusen Verschwörungstheorien und der hetzerischen Propaganda der FPÖ oder leugnete die Existenz der Seuche überhaupt.
Manchmal kommt es mir vor, als sei ein bedeutender Teil der Menschheit in eine von Jahr zu Jahr leidenschaftlicher werdende sadomasochistische Beziehung zu Leid und Schmerz verstrickt und trage dabei das eigene törichte Denken und schädliche Verhalten stolz vor sich her. Auswege stünden durchaus zur Verfügung. Wir könnten die schlimmsten Auswirkungen der Klimakrise abwenden, den Sozialabbau stoppen, die Armut erfolgreich bekämpfen, unser Gesundheitssystem reformieren und die Mieten senken. Von einer größeren sozialen Sicherheit und von Umweltmaßnahmen profitieren letztlich alle. Wer will, kann sich jederzeit zu diesen und anderen Themen umfassend informieren. Doch Wissen macht Angst. Das Verarbeiten von Information zwingt zum Filtern und zum Nachdenken und manchmal sogar dazu, Entscheidungen zu treffen. Das aber bedeutet Stress. Ignoranz wiederum heißt Bequemlichkeit, und der Mensch tendiert von Natur aus dazu, es sich bequem zu machen und Stress zu vermeiden.
So folgt man, oft gegen besseres Wissen, jenen Narrativen, die der eigenen Bequemlichkeit dienen und zu den eigenen Emotionen und Erfahrungen passen. Die entsprechenden Narrative stehen zur Verfügung, oder aber man produziert und verbreitet sie selbst, und in der modernen Welt findet man immer Gleichgesinnte, mit denen man sich rasch vernetzen kann. Der eine sucht und findet eine „Erzählung“, um ohne schlechtes Gewissen auf den eigenen SUV in der Stadt nicht verzichten zu müssen, der andere verteidigt Angriffskriege oder unterstellt dem Sieger einer Präsidentenwahl Wahlmanipulation und ruft zum gewaltsamen Widerstand auf. Wer irgendwann in seinem Leben beleidigt, verhöhnt oder missachtet wurde, kann nun zurückschlagen. Die Welt musste immer schon für die persönlichen Kränkungen einzelner herhalten, doch erst in unserer Zeit wurde dies zu einem Massenphänomen.
Ich wage zu behaupten, dass es im Jahre 1970 leichter gewesen wäre, Klimaschutzmaßnahmen durchzusetzen, und zwar nicht nur, weil Menschen jener Zeit obrigkeitshöriger und gutgläubiger waren und dem Durchschnittsmenschen weniger Informationen zu diesem wie auch zu jedem anderen Thema zur Verfügung gestanden wären, sondern weil damals Menschen eher bereit waren, Kompetenzen anzuerkennen, anstatt sich einzubilden oder nach außen den Anschein zu erwecken, besonders schlau zu sein. Vielmehr wollten sie „normal“ sein, sprich angepasst, konform. Konformität versprach Akzeptanz und Sicherheit. Heute möchte eine stetig wachsende Minderheit sowohl „normal“ als auch „gegen das System“, konservativ und revolutionär zugleich sein. Widersprüchlichkeit ist kein Problem, solange der Wohlfühlfaktor stimmt.
Das alles erklärt die erschreckende Aggression, mit der viele Menschen darauf reagieren, wenn heute in zunehmendem Maße das infrage gestellt wird, was bislang zu den letzten scheinbar eindeutigen Selbstverständlichkeiten gehörte: die kulturelle Identität mit ihren überkommenen Stereotypen von Geschlecht und Gender, Herkunft, Religion, Sprache oder sexueller Orientierung. Die identitätsstiftenden Rückzugsorte der bis vor kurzem noch unhinterfragten und unangefochtenen Kontrolle werden mit Zähnen und Klauen verteidigt.
Als Kind und Jugendlicher war ich als Zuwanderer und Jude oftmals mit Ablehnung, Vorurteilen und Unverständnis konfrontiert. Einer meiner Lehrer in Österreich meinte, ein Ausländer gehöre nicht ins Gymnasium, und versuchte, mich loszuwerden. Ich ließ mich allerdings weder von ihm noch von anderen vertreiben, ja ich bestand meine Matura sogar mit Auszeichnung. Latenter und offener Antisemitismus waren an der Tagesordnung. In einem Salzburger Bus erklärte mir ein betrunkener Fahrgast, man habe vergessen, mich zu vergasen, und in einer Wiener Straßenbahn ging ein alter Mann mit seinem Spazierstock auf mich los, nachdem ich ihn wegen einer rassistischen Äußerung zur Rede gestellt hatte.
Noch schlimmer als das waren allerdings die Reaktionen vieler meiner österreichischen Mitmenschen, wenn ich mein Anderssein selbst thematisierte, von Judenfeindschaft, der NS-Vergangenheit oder Fremdenfeindlichkeit sprach, wenn ich mich nicht brav und angepasst präsentierte, sondern aufmüpfig, provokant oder gar sarkastisch wurde und von meinen negativen Erfahrungen berichtete. Ob sich denn alle Juden ständig mit dem Thema Holocaust beschäftigen, wurde ich gefragt. Warum ich denn die alten Wunden immer wieder aufreißen wolle, warum ich nur das Negative sehe oder meine Herkunft und meine Biographie wie eine Uniform zur Schau stelle? Als ehemaliger Flüchtling und Migrant solle ich dankbar dafür sein, dass ich hier sein darf, und mein neues Heimatland nicht mit Schmutz bewerfen …
Der nostalgische Wunsch nach der Unsichtbarmachung des Anderen kann mancherorts der erste Schritt auf dem Weg zu seiner emotionalen, kulturellen, schlimmstenfalls auch physischen Auslöschung sein. Der Antisemitismus ist sowohl weltweit als auch bei uns immer noch stark, ja er wird leider wieder stärker. Was aber früher vor allem Juden betraf, die sich in Österreich nach 1945 optimalerweise still und unauffällig verhalten sollten, anstatt andere Menschen mit einer aufmüpfigen jüdischen Präsenz zu ängstigen, zu verstören oder ihnen gar ein schlechtes Gewissen zu bereiten, betrifft heute primär Homosexuelle und Transgender-Personen, Feministinnen, Geflüchtete, Muslime oder Klima-Aktivistinnen. Sätze wie zum Beispiel: „Ich habe nichts gegen Homosexuelle, aber müssen sie ihr Schwul- und Lesbischsein denn immer wieder zur Schau stellen und andere Menschen damit belästigen?“, höre und lese ich immer öfter.
Es gab Zeiten, da warf man Juden vor, sie würden christliche Kinder zu rituellen Zwecken töten, christliche Frauen schänden und die Gesellschaft „zersetzen“. Heute wirft man Schwulen und Lesben vor, sie würden Kinder missbrauchen oder zur Homosexualität „erziehen“. Rechtsradikale und Erzkonservative in Deutschland oder den USA sprechen von „frühkindlicher Sexualisierung“ und laufen gegen Sexualaufklärung in den Schulen Sturm. Früher hat man Juden vorgeworfen, sie würden die Welt beherrschen. Heute werden Angehörige von Minderheiten in rechten Kreisen oft einer „Elite“ zugerechnet, die angeblich großen Einfluss hat und Andersdenkende „canceln“ würde.
Ob es sich nun um Geflüchtete, um Black Lives Matter, um meToo oder um LGBTQ handelt: Die Reaktionen auf neue Gegebenheiten folgen einem altbewährten Muster – es ist nie ganz dasselbe, aber eine Variation zum selben Thema. Diktaturen wie Russland, China oder der Iran werden zunehmend restriktiver und reaktionärer. In westlichen Demokratien übernehmen, wie so oft, die USA eine Vorreiterrolle. Warum die Informationsflut und die immer lauter werdende Präsenz jener, die bis vor kurzem noch verfolgt wurden oder geschwiegen hatten, nicht dadurch stoppen, indem man Bibliotheken säubert, Schulpläne bereinigt und der Zivilgesellschaft die Förderungen entzieht? Solchen und ähnlichen Maßnahmen sollten Betroffene (weiterhin) mit Radikalität begegnen – mit radikaler, sprich differenzierter und konsequenter Aufklärung, mit Präsenz, Sichtbarkeit und Lautstärke. Den Nerv der Gesellschaft kann man nur dann treffen, wenn man ihr auf die Nerven geht. Das war früher auch schon so!
© Vladimir Vertlib



1.) VV glaubt also wirklich, daß die Menschheit durch die angeblich menschengemachte Klima-„krise“ vom Aussterben bedroht ist. Da schweigt die Höflichkeit.
2.) Sätze wie zum Beispiel: „Ich habe nichts gegen Homosexuelle, aber müssen sie ihr Schwul- und Lesbischsein denn immer wieder zur Schau stellen und andere Menschen damit belästigen?“, höre und lese ich immer öfter. –
Ich verstehe nicht, was daran falsch sein soll. Es hat doch tatsächlich niemand das Recht, Mitmenschen grundlos zu provozieren. Wenn ich andere Lebenseinstellungen zu tolerieren habe, kann ich dasselbe auch für mich verlangen.
3.) „Ein erstarkender Rechtsradikalismus mit den altbekannten Begleiterscheinungen wie religiöser Extremismus, Kulturchauvinismus, Rassismus, Homophobie, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit.“ –
Das sind nun sechs fürchterliche „Begleiterscheinungen des Rechtsradikalismus“, aha, die nicht in eine Reihe passen. Aber man lernt ja nie aus.
Natürlich bin ich Kulturchauvinist, weil ich mein Leben lang gemerkt habe, daß die Menschen nicht gleich sind und selbstverständlich auch nicht ihre Kulturen. Und ich bin so frei, hier Abstufungen vorzunehmen und naturgemäß Wertungen. Das ist normal und geht schon so seit der Vertreibung aus dem Paradies. Die Utopie der Sozialisten von der totalen Gleichheit ist lächerlich und bleibt Unsinn. Und mit Rechtsradikalismus hat meine Einstellung überhaupt nichts zu tun. – Daß ein zivilisierter Mensch Rassismus und Antisemitismus als falsch beurteilt, muß nicht gesagt werden. Aber Frauenfeindlichkeit unter Rechtsradikalismus zu subsumieren, ist doch idiotisch.
Fazit: Es ist ja lobenswert, die Menschen immer mal wieder zu ermahnen, in der Zivilisation, die schwer genug errungen worden ist, zu verharren und sich auch weiter darum zu bemühen. Aber hier schreibt ein stark verwirrter Autor, den die Unklarheit seiner Anschauungen um den Erfolg seiner Mahnungen bringt. Und das ist sehr bedauerlich.
„mit Radikalität begegnen – mit radikaler, sprich differenzierter und konsequenter Aufklärung, mit Präsenz, Sichtbarkeit und Lautstärke. Den Nerv der Gesellschaft kann man nur dann treffen, wenn man ihr auf die Nerven geht.“ – Weil VV mit diesem Satz recht hat, werde ich seinen exzentrischen Narrheiten, sooft er sie von sich gibt, entgegentreten, genau so, wie er es empfiehlt! In dieser Zeit des grassierenden Wahnsinns dürfen die wenigen normal Gebliebenen nicht schweigen.
Schön, dass Sie Ihre reaktiönere und rechtsextreme Gesinnung so ehrlich und offen zur Schau stellen. Wer Ihren Kommentar liest, wird sich schnell eine Meinung über Sie bilden. Ich werde Menschen wie Sie immer bekämpfen.
„Ich werde Menschen wie Sie immer bekämpfen.“ Was fällt Ihnen eigentlich ein? Womit verdiene ich eine derartige Ansage? Inwiefern habe ich eine „reaktionäre und rechtsextreme Gesinnung“? Wie kommen Sie dazu, sich eine solche Kriegserklärung zu erlauben? Ich kann nur wiederholen, daß Sie den Eindruck einer gewissen Verwirrtheit hinterlassen.
Sie haben eine zusammenhanglose Sammlung von „Begleiterscheinungen des Rechtsradikalismus“ aufgeboten, die mit Rechtsradikalismus nichts oder wenig zu tun haben. Es tut mir leid, daß Sie die Form verlieren, wenn ich darüber lachen muß. Mir ist unklar, was Sie erreichen wollen, wenn Sie so wütend auf mich losgehen. Viel besser wäre es, wenn Sie Ihre Standpunkte und dann die Texte, die Sie aus ihnen herleiten, sorgfältiger durchdenken würden. Wenn Sie mich schon nicht leiden können, dann geben Sie mir doch weniger Anlaß, bei Ihnen einzuhaken!
Wenn Sie offen homophobe und kulturchauvinistische Gedanken ausbreiten, dann werde ich Sie als das bezeichnen, was Sie sind. Mit Wut hat das nichts zu tun. Vielmehr tun Sie mir leid, weil Ihnen offenbar gar nicht bewusst ist, wie beleidigend oder kränkend das, was Sie schreiben, für viele Menschen sein könnte. Allein, dass Sie offen zugeben, dass Homosexuelle Ihnen auf die Nerven gehen (wodurch eigentlich?), zeugt nicht nur von fehlender Empathie, sondern auch von Menschenverachtung. Ich hatte Sie das schon auf auf fb gefragt, und Sie konnten es mir nie wirklich schlüssig beantworten. Was stört Sie an Homosexuellen, von denen Sie behaupten, dass sie Sie stören? Sind es die Love-Parades? Die Tatsache, wie manche sich kleiden? Die Präsenz mancher Homosexueller in den Medien, in Kunst und Kultur? Und bei alledem – was ist eigentlich daran schlimm, was stört, irritiert oder ärgert Sie, und darüberhinaus: Was geht Sie das eigentlich alles an? Niemand zwingt Sie zu Love-Parades zu gehen, sich bestimmte Shows im Fernsehen anzuschauen oder Bücher von Homosexuellen zu lesen. Erklären Sie mir bitte also, wo für Sie das Problem liegt? Ach ja: Nur für alle, die hier mitlesen. Auf Ihrer fb-Seite haben Sie ein Bild gepostet, in dem die Regenbogenfahne mit der Hakenkreuzfahne gleichgesetzt oder zumindest verglichen wurde. Deshalb habe ich Sie auf fb auch entfreudet.
Und nein, es steht Ihnen nicht zu, bestimmte Kulturen höher zu bewerten als andere. Aus dem einfachen Grund, weil Sie von den meisten anderen Kulturen überhaupt keine Ahnung haben. Außerdem: Welche Kriterien legen Sie denn bei der Bewertung an? Und warum sollen Ihre Kriterien gelten, und die anderer Menschen nicht?
Dass Sie den menschengemachten Klimawandel leugnen – nun ja, darüber mit Ihnen zu diskutieren ist mir jetzt zu langweilig.
Seltsam, daß wir bei grundsätzlichen Zwischenmenschlichkeiten angekommen sind.
Die Homosexualität, die für Sie von so riesiger Wichtigkeit ist, gehört doch gar nicht in den öffentlichen Raum. Das ist Privatsache. Wer auf den Einfall kommt, solche Befindlichkeiten den Mitmenschen vor die Augen zu halten, muß natürlich mit Reaktionen rechnen. Und wer da öffentliche Umzüge veranstaltet, provoziert eben. Das ist noch lange keine Wertung. Aber es bleibt die Frage nach dem Sinn. Wenn solche Privatissima, nicht anders als religiöse Einstellungen, öffentlich angeprangert und verfolgt worden sind und noch werden, ist das verwerflich, aber kein Anlaß, ein öffentliches Theater zu veranstalten und über Antworten zu klagen, die man selber hervorgerufen hat. Warum machen Sie derart viele Worte um ein Problem, das keines sein müßte? –
Zweitens: ich hatte keineswegs ein Bild gepostet, „in dem die Regenbogenfahne mit der Hakenkreuzfahne gleichgesetzt oder zumindest verglichen wurde.“ Das Bild ist nicht mehr sichtbar, aber da ging es überhaupt nicht um die Fahne, sondern es waren Fähnchen, auf beiden Bildern in den Händen von glücklichen Kindern. Die Parallelisierung bestand in der vermutlichen Beeinflussung der Kinder. Und Ihre Reaktion war ein – wie ich befürchte – absichtliches und bewußtes Mißverständnis. –
Was schließlich den Kulturchauvinismus betrifft: Es besteht nun einmal ein Wettbewerb zwischen den Menschen, und die Entwicklungen sind in verschiedene Richtungen gegangen. Natürlich kann man da auch unterschiedliches Niveau feststellen. Ich bin im abendländischen Bereich, in Deutschland, aufgewachsen, ziehe den mir vertrauten Bereich vor und bewege mich dauernd in ihm. Auch hier besteht keine Notwendigkeit, dem Mitmenschen alles mögliche. möglichst Andersartige aufzuzwingen und bei Ablehnung von Diskriminierung zu faseln. Es kann nicht verlangt werden, daß jeder alles für gleich wichtig, ja, nicht einmal für gleich wertvoll hält. Natürlich ist man in gewisser Weise verpflichtet, sich zu informieren und zur Kenntnis zu nehmen, was es alles gibt. Kein falsch verstandener Sozialismus aber wird die Menschen so vollkommen gleich machen können, daß sie alles gleich gut finden. Das ist ja auch nicht einmal wünschenswert.
Was also wollen Sie eigentlich? Kehren Sie doch vor Ihrer eignen Tür, und lassen Sie die Mitmenschen in Ruhe!
Niemand zwingt Ihnen etwas auf. Sie müssen sich ja mit den Gegebenheiten gar nicht beschäftigen, die Sie nicht interessieren. Was Sie aber wollen, ist Menschen, die anders sind als Sie, oder andere Kulturen unsichtbar zu machen. Denn allein schon deren öffentliche Existenz ist für Sie offenbar eine Provokation. DAS allerdings ist eine menschenverachtende Anmaßung. Wir leben – Gottlob – in einer Demokratie. Love-Parades finden statt, ob Ihnen das gefällt oder nicht. Sie müssen ja nicht hingehen und brauchen sich auch keine Berichte darüber anzusehen. Aber warum ist das für Sie eine Provokation? Erklären Sie mir das bitte? Halten Sie ihre sexuelle Orientierung für besser oder „normaler“ als jene von Homosexuellen? Oder finden Sie Homosexuelle eklig und halten dies für normal? Wenn ja, dann SIND Sie homophob und faschistoid … Andere Kulturen und Menschen, die in irgendeiner Weise anders waren, wurden jahrhundertelang verfolgt, unterdrückt, aus der Öffentlichkeit gedrängt. Sie wollen diese Zeit wieder zurück? Dann werde ich Sie und Ihresgleichen mit allen Mitteln bekämpfen, die mir legal zur Verfügung stehen. Aus gutem Grund!
Es hat keinen Sinn, Ihnen nochmals zu antworten. Was Sie da schreiben, spricht für sich. Sie halten sich für den Vertreter einer Zukunft. Aber Sie können mich gerne bekämpfen, wie Sie wollen. Denn da, wo Sie mich suchen und zu treffen glauben, bin ich ja gar nicht.