Vladimir Vertlib über sein Leben zwischen den Kriegen: Juden sind auch nicht anders

„DIE PRESSE“, Wien, „Spectrum“, S. I-II, Printausgabe: Samstag, 21. Oktober 2023
Von Vladimir Vertlib
In einem Lied heißt es über Israel, es sei „ein ganz normales Land, aber nur fast“. Das stimmt nicht. Israel ist nicht fast, sondern einfach nur ein normales Land. Wenn Massenmörder mehr als tausend Menschen – Frauen, Kinder, Babys – ermorden, foltern, vergewaltigen, reagieren Israelis mit Entsetzen und Angst, aber auch mit Hass und Wut.
Ich hätte es gern gehabt, dass die Geschichte kein Kreislauf ist. Dass Vergangenes irgendwann zur historischen Metapher für das menschliche Drama wird, das man aus sicherer zeitlicher Distanz betrachten, analysieren und künstlerisch verarbeiten kann: ein ferner Spiegel, in den man blickt, um etwas zu lernen und sich selbst besser zu verstehen. Stattdessen bin ich gezwungen, Katastrophen und Traumata früherer Zeiten in modernem Gewand immer wieder im Hier und Jetzt zu erleben …
Der Holocaust kann niemals „historisch“ werden, weil Juden vielerorts weiterhin (wie im vergangenen Jahrhundert und den Jahrhunderten davor) mit Terror, Hass und Vorurteilen konfrontiert sind. Arabische Einwanderer skandierten in Europa immer wieder „Ithab al Jahud!“ („Schlachtet die Juden!“). Die Terrorgruppe Hamas hat die Aufforderung in die Tat umgesetzt. In Israel, dem Land, in dem heute die meisten meiner Verwandten leben, hat die Hamas am 7. Oktober das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust verübt.
Ich fürchte, dass dieses Verbrechen radikalisierte Muslime in Europa dazu inspirieren wird, Terroranschläge zu verüben. Dies wäre nicht das erste Mal. Angriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen hat es in den vergangenen Jahren europaweit so viele gegeben, dass man sich fast daran gewöhnt hat. Ich weiß, dass es Rechtsradikale und Islamisten gibt, die mich töten wollen, weil ich Jude bin, und Muslime auf der ganzen Welt werden mich hassen, wenn sie erfahren, dass ich Israel unterstütze.
In einem Lied heißt es über Israel, es sei „ein ganz normales Land, aber nur fast“. Das stimmt nicht. Israel ist nicht fast, sondern einfach nur ein normales Land. Wenn Massenmörder ins Land kommen und mehr als tausend Menschen – Frauen, Kinder, Babys – ermorden, foltern, vergewaltigen und knapp zweihundert weitere entführen, reagieren Israelis mit Entsetzen und Angst, aber auch mit Hass und Wut, jagen die Mörder, machen deren Städte dem Erdboden gleich, lassen die Zivilbevölkerung hungern und dursten oder töten sie bei Raketenangriffen. Ist das richtig oder vertretbar? Natürlich nicht. Ist es zu verurteilen? Gewiss. Aber es ist menschlich. Wahrscheinlich würde sich jedes andere Land nach einem solchen Angriff genauso oder ähnlich verhalten. Bald jedoch wird man sagen, dieses Vorgehen sei „typisch jüdisch“, und wird alle Juden der Welt dafür an den Pranger stellen. Manches, was man uns vorwirft, stimmt sogar: Einige von uns sind geizig, gierig, verschlagen, lüstern, brutal und rachsüchtig – so wie Shylock im Stück „Der Kaufmann von Venedig“. Aber nicht, weil wir Juden, sondern weil wir Menschen sind. Shakespeare hatte das erkannt, die Nazis nicht, die Hamas und ihre vielen Freunde und Unterstützer auch nicht.
»In dem verkitschten Weltbild, dem viele Menschen anhängen, sollte ein Opfer sympathisch und schwach sein. «
Kein aktueller Konflikt, und sei er noch so grausam und blutig, nicht einmal jener in der Ukraine, der uns viel unmittelbarer betrifft, in Berg-Karabach, in Kurdistan, auf dem Balkan und schon gar nicht in Westafrika, auch nicht die Proteste im Iran erregen die Gemüter so sehr wie der Kampf um das winzige Land im Nahen Osten, das nicht einmal halb so groß ist wie Österreich. Das mag damit zu tun haben, dass es sich für Christen, Juden und Muslime um ein „Heiliges Land“ handelt, vor allem aber liegt es wohl daran, dass es dort neben Palästinensern um Juden geht.
Kaum jemand zum Beispiel macht die bei uns lebenden Menschen türkischer Herkunft für die von Erdoğan angeordneten Bombardierungen kurdischer Gebiete in Syrien oder im Irak verantwortlich, und niemand verlangt von Zuwanderern aus China Rechenschaft für die Unterdrückung von Tibetern oder Uiguren.
Wenn es aber um Juden geht, hat fast jeder eine dezidierte Meinung. Die einen behaupten, nach all den Verfolgungen, Vertreibungen und Massakern, die Juden erleiden mussten, sei ihnen und ihrem Staat mehr erlaubt als anderen. Sie gehen davon aus, dass ich oder andere Juden uns über ihre Haltung freuen und ihnen dankbar sein würden; wenn wir es nicht sind und ihnen widersprechen, sind sie im besonderen Maße gekränkt. Andere hingegen – und diese Gruppe wird mit Fortdauer jedes Konflikts im Nahen Osten immer größer und lauter – fragen sich empört, wieso gerade Juden, die selbst jahrhundertelang Opfer waren und den Holocaust erleiden mussten, nach dem Zweiten Weltkrieg zu Tätern wurden und nun ein anderes Volk unterdrücken oder vertreiben. Die Mär, die Israelis seien „die Nazis von heute“, taucht in fast jedem Krieg auf, den Israel führt, sobald unschöne Bilder und Berichte ins Haus geliefert werden. Wurden gestern noch wichtige Sehenswürdigkeiten in Europa wie z. B. das Brandenburger Tor in Berlin in den Farben Israels beleuchtet, werden heute israelische Fahnen heruntergerissen und Juden bedroht.
Was der jüdische Staat tut oder unterlässt, wird die öffentliche Meinung weltweit tendenziell allen Juden anlasten. Vor ein paar Tagen wurde ich bei einer Veranstaltung gefragt, ob ich als Jude Angst habe, in der Öffentlichkeit zu stehen, ob ich mich bedroht fühle oder jemals attackiert wurde. Ich habe das verneint, weil ich in diesem Augenblick nicht den Mut hatte, mir die Wahrheit selbst einzugestehen. Was sind schon meine kleinen, nichtigen Ängste und unangenehmen Erfahrungen angesichts Tausender Ermordeter und der vielen anderen, die auf beiden Seiten noch sterben werden?!
Es scheint, als dienten der Zionismus, Israels Politik und seine Kriege vielen Menschen als eine Art Katalysator für ihr Verhältnis zu und ihren Umgang mit Juden, aber auch mit sich selbst und ihrer eigenen Geschichte. Juden – Judentum – Israel – Palästina: Das alles hat sich in den Köpfen der Leute längst von der Realität emanzipiert, ist zu Symbolen und Codewörtern geworden. Einige freuen sich insgeheim, wenn Israelis gegenüber Palästinensern Härte zeigen oder sogar Kriegsverbrechen begehen, relativiert das doch scheinbar jene Verbrechen, die die Generationen der eigenen Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern an den Juden verübt hatten. In dem verkitschten Weltbild, dem viele Menschen – oftmals unbewusst – anhängen, sollte ein Opfer schwach, sympathisch und unschuldig sein. Ist es das nicht, erscheint das Unrecht, das diesem Opfer angetan wurde, plötzlich etwas weniger infam oder ungeheuerlich. In Folge dessen kann man Juden kritisieren, ohne sich dem Vorwurf des Antisemitismus auszusetzen und muss die eigenen latenten Vorurteile gegen Juden nicht mehr so stark verdrängen wie zuvor.
Wohlfühlfaktor Philosemitismus
Andere sind von „den Juden“ enttäuscht. Plötzlich bieten sie nicht mehr die gewohnte Projektionsfläche und das Bild, das man sich von ihnen gemacht hatte. Der Wohlfühlfaktor, der mit dem eigenen Philosemitismus verbunden war, geht verloren, denn die Juden verhalten sich nicht so, wie sie sollten. Dass der idealisierte „Andere“ plötzlich normal, einem selbst ähnlich wird, dieselben Abgründe, Aggressionen und Schattenseiten hat, wird wohl als der größte Verrat empfunden.
Und schließlich gibt es immer noch in der christlichen und der islamischen Welt viele offene Judenhasser, die sich durch die harte Reaktion Israels und der Welt auf die Massaker der Hamas bestätigt fühlen. Ihr Hass ist tief in der Tradition ihrer eigenen Kulturen und in ihrem Religionsverständnis verwurzelt, und dass die politisch Verantwortlichen der USA und der EU sich demonstrativ hinter Israel stellen, nährt die absurde Vorstellung von einer jüdischen Dominanz in der Welt oder gar einer jüdischen Weltverschwörung. „Die Protokolle der Weisen von Zion“ sind in der arabischen Welt immer noch ein Bestseller.
Doch Juden sind weder besonders mächtig noch schlechter oder besser als andere Menschen. Jahrhundertelange Verfolgung hat in den jüdischen Gemeinschaften keineswegs zu einer kollektiven Läuterung oder Weisheit beigetragen. Auschwitz war keine Erziehungsanstalt. Was jüdische Menschen von anderen unterscheidet, ist eine der historischen Erfahrung geschuldete Angst, aufgrund der eigenen jüdischen Herkunft oder Identität wieder verfolgt, gedemütigt oder ermordet zu werden. Diese Angst begleitet alle Juden seit dem Holocaust noch viel massiver als früher. Es ist ein kollektives Trauma, das durch das harte Vorgehen Israels niemals bewältigt werden kann. Dennoch bietet dieses Land allen Juden der Welt einen gewissen Schutz. Seine Politik und seine Kriege mögen zu mehr Antisemitismus beitragen; gäbe es Israel jedoch nicht, hätten Juden kein Land, wohin sie in schlimmen Zeiten auswandern oder flüchten könnten.
Das harte Vorgehen der israelischen Armee im Gaza-Streifen, die seit Jahrzehnten andauernde Besetzung des Westjordanlandes, der hohe Preis, den man für Geiselbefreiungen zu zahlen bereit ist – all dies ist neben anderen Faktoren vor allem den erlittenen Traumata und der Sehnsucht nach Sicherheit geschuldet. Auf Dauer werden Zäune, Mauern, große Armeen oder Kriege keinen Konflikt lösen, sondern nur verlängern und zeitlich verschieben. Aber sie geben vielen Juden zumindest das Gefühl, nicht mehr hilflos ihren Feinden ausgeliefert zu sein wie in den Jahrhunderten davor. Das ist nicht immer gut und noch seltener zielführend, aber es ist emotional nachvollziehbar – „normal“ wie das ganze Land Israel.
Als ich Bilder von bestialisch ermordeten Israelis sah, empfand ich kurzzeitig Hass und Wut. Doch diese Gefühle wichen bald einer tiefen Trauer. Neben der Sorge um meine Verwandten und Freunde in Israel, die vor den Raketen der Hamas in Luftschutzkeller flüchten müssen oder zur Armee eingerückt sind, der Trauer um Frauen und Kinder in Gaza, die nun ebenfalls zu leiden haben, den Erinnerungen an meine Kindheit in Israel, musste ich an meinen Freund und Kollegen Jad Turjman denken, dem syrischen Flüchtling, der zum österreichischen Schriftsteller wurde und letztes Jahr bei einem tragischen Unfall ums Leben kam. Zusammen waren wir in Schulen, um jungen Leuten zu zeigen, dass Juden und Araber nicht automatisch Feinde sein müssen. Zusammen gestalteten wir mit einem weiteren Kollegen das Internet-Projekt „Zwei Moslems und ein Jude“ und haben 2021, während des letzten Gaza-Krieges, einen gemeinsamen Aufruf zum Frieden formuliert. Verständnis für den Anderen, Empathie aufbringen, Hinhören, klar Position beziehen, Konflikten nicht aus dem Weg gehen, den Dialog suchen und niemals die Hoffnung verlieren, etwas verändern oder verbessern zu können, auch dann, wenn alle Wege offensichtlich in Sackgassen führen. Das ist es, was Jad mir vermittelt hat.
Es wird nicht das letzte Mal sein
Ich bemühe mich, danach zu handeln, auch wenn mir das angesichts der entsetzlichen Ereignisse im Nahen Osten und dem mit unverminderter Brutalität weiter geführten Krieg in der Ukraine schwerfällt. Ich mache meine Arbeit, ich kommuniziere, ich funktioniere, und doch scheine ich auf eine seltsame, bedrückende Weise neben mir zu stehen, glaube, mich und die Welt von außen zu betrachten. Das letzte Mal habe ich mich am 24. Februar 2022 und den Tagen danach so gefühlt. Ich hatte gehofft, diesen Zustand nicht wieder erleben zu müssen. Inzwischen fürchte ich, es werde nicht das letzte Mal bleiben.
In einem Gedicht, das Jad Turjman kurz vor seinem Tod geschrieben hatte, heißt es: „Der Vogel weinte, als er einer Seele ohne Panzer begegnete. / Er schwor, niemandem wieder die Frage zu stellen, woher er komme. / Denn er habe […] gelernt, dass die Angst der Schleier ist, nicht sehen zu können, wie ähnlich wir einander sind.“
(c) Vladimir Vertlib


