Der ewig währende Tag nach dem 7. Oktober 2023

Ich wusste schon vor dem Hamas-Massaker: Als Jude werde ich nie ganz sicher sein. Heute bin ich in Europa gefährdeter denn je.
07.10.2026 um 05:48: Gastkommentar von Vladimir Vertlib
Der Angriff der den Gaza-Streifen beherrschenden Terrorgruppe Hamas auf Israel – das Massaker an etwa 1200 Menschen, mit Misshandlungen, Folter, Vergewaltigungen, mit mindestens 4100 Verletzten und der Entführung von 250 Personen am 7. Oktober 2023 – war für viele Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt ein Schock, der ihr Leben veränderte. Kaum jemand hatte geglaubt, dass ein Massenmord an jüdischen Menschen von diesen Ausmaßen nach 1945 noch jemals passieren könnte. Ich selbst war geschockt, verängstigt, verstört. Überrascht hatte mich aber nicht die Tatsache des Massakers an sich sowie das, was danach geschah, sondern nur, dass die israelische Regierung und Armee den Angriff der Hamas nicht verhindern konnten. Die aus Rechtsradikalen und Kriminellen bestehende israelische Regierung hat sich in ihrer vermeintlichen Kernkompetenz, nämlich für die Sicherheit der israelischen Bevölkerung zu sorgen, als höchst inkompetent und korrupt erwiesen. Kein anderer israelischer Machthaber hätte derart versagt wie Netanjahu, keiner hätte mit Faschisten wie Smotrich und Ben Gvir, die maßgeblich für das Versagen des Staates verantwortlich sind, koaliert – davon bin ich überzeugt. Alles andere hingegen lief nach einem Schema ab, dessen Dramaturgie man genau so erwarten konnte.
Ich war und bin immer noch traurig und wütend, wenn ich an den 7. Oktober 2023 zurückdenke, aber seit meiner Kindheit schon hatte ich nur mehr wenige Illusionen, was das Leben und die Sicherheit von Jüdinnen und Juden auch nach 1945 betrifft. Meine Vorfahren hatten sowohl unter der Verfolgung durch die Nazis als auch unter dem judenfeindlichen Stalin-Terror der 1950er Jahre zu leiden. Als Migrant war ich selbst mit Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus konfrontiert, und wenn mir in jungen Jahren etwas klar war, dann die Tatsache, dass Judenfeindschaft und die damit verknüpften tiefen Ängste, Klischees und Vorurteile so stark in den christlichen wie auch den islamischen Gesellschaften, in ihrer Kultur, im kollektiven Gedächtnis – in seinen Mythen und seiner Symbolik – verankert sind, dass es nur einen entsprechenden Anlassfall und die „passenden“ Rahmenbedingungen braucht, um einen Massenmord an Jüdinnen und Juden wieder Realität werden zu lassen. Ein mehr als tausend Jahre altes Feindbild verschwindet nicht in wenigen Jahrzehnten, und leider gibt es keine Gesellschaft, die ohne Feindbilder auskommt. Ich bin Jude. Mein eigenes Leben wird nie ganz sicher sein, jenes meiner Verwandten in Israel, Russland oder anderswo auch nicht. Das wusste ich schon vor dem Hamas-Massaker, und heute bin ich hier, in Europa, gefährdeter als je zuvor.
Was am 7. Oktober 2023 passiert ist, war kein „Akt des Widerstands“, wie es oftmals von Pro-Palästina-Aktivist:innen behauptet wird, es war auch nicht auf nachvollziehbaren Hass oder verständliche Wut zurückzuführen. Nachvollziehbar ist, dass viele Palästinenser:innen im Westjordanland unter der Besatzung und der Gewalt jüdischer Siedler:innen leiden und Israel hassen. Der Überfall tausender Männer aus dem Gaza-Streifen, einem Gebiet, aus dem sich die israelische Besatzungsmacht schon 2005 zurückgezogen hatte, auf wehrlose Zivilpersonen in Israel, darunter Frauen, Kinder, Babys, die entsetzlichen Morde, Qualen, Vergewaltigungen und Demütigungen, die diese Menschen erleiden mussten, ist aber weder mit der israelischen Politik noch mit den schlechten Lebensverhältnissen im Gaza-Streifen zu erklären, sondern in erster Linie mit dem identitätsstiftenden, kulturell und religiös verankerten Judenhass der Täter. Dass sie auch Menschen ermordeten, die nicht jüdisch waren, weil sie diese als „Kollaborateure“ ansahen, relativiert den besagten Judenhass keineswegs. Es zeigt nur ihren Hass auf alle, die ihre Narrative nicht teilen und ihr Vorgehen ablehnen. Das mag auf die jahrlange Propaganda und Indoktrinierung durch die den Gaza-Streifen totalitär regierende Hamas zurückzuführen sein. Erinnert man sich allerdings daran, wie das Hamas-Massaker von Palästinenser:innen nicht nur in Gaza und im Westjordanland, sondern auch anderswo sowie in der gesamten arabischen Welt von vielen (wenn auch natürlich nicht von allen!) Menschen gefeiert wurde, wie sie frohlockten, den Tätern gratulierten und die jüdischen Opfer verhöhnten, dann weiß man, dass dies nicht nur an der Hamas-Propaganda liegen konnte.
Genauso erwartbar war es für mich, dass sich die Stimmung in Europa nach dem anfänglichen Entsetzen über das Hamas-Massaker sehr bald gegen die Opfer selbst, gegen Jüdinnen und Juden und gegen Israel, wenden würde. So war es dann auch: Schon am 8. Oktober 2023 wurde Israel in sozialen Netzwerken und auf Pro-Palästina-Demos ein „Genozid an Palästinenser:innen“ vorgeworfen. Es schien, als verzeihe man Jüdinnen und Juden nicht, dass sie wieder zu Opfern geworden waren, weil man nicht daran erinnert werden wollte, was ihnen die eigenen Vorfahren einst angetan hatten.
Der „Aktivismus“ gegen Israel dauert heute, drei Jahre später, immer noch an. Und er wendet sich nicht nur gegen die israelische Regierung, die Besatzungspolitik oder etwaige israelische Kriegsverbrechen im Gaza-Streifen (ich selbst kritisiere die israelische Politik seit Jahrzehnten), sondern gegen das Existenzrecht Israels, ja gegen Jüdinnen und Juden im Allgemeinen. Das war vor dem 7. Oktober 2023 so und ist schon am 8. Oktober 2023 viel stärker geworden. Dieser 8. Oktober scheint ein ewig währender Tag zu sein; alles, was heute Israel und seinen Bewohner:innen, alles, was Jüdinnen und Juden, direkt oder indirekt vorgeworfen wird, war damals schon zu lesen und zu hören gewesen. Es war also nicht, wie von manchen behauptet, der Gaza-Krieg mit seinen entsetzlichen Zerstörungen, seinen vielen Toten und tragischen Schicksalen, der dem Antisemitismus zusätzlich Auftrieb gegeben hat, sondern das Massaker der Hamas an Jüdinnen und Juden.
Der Konflikt im Nahen Osten ist der einzige, der für unzählige Menschen auf der ganzen Welt stets präsent bleibt, so als wären sie selbst ein Teil davon. Kein anderes Land als Israel und kein anderes Volk als das jüdische werden pauschal für die Politik einer Regierung oder das Vorgehen einer Armee verantwortlich gemacht. Auf jeder Pro-Palästina-Demo zwischen Los Angeles und Melbourne, zwischen London und Kapstadt, wird direkt oder indirekt die Zerstörung Israels gefordert. Menschen wurden und werden ausschließlich aufgrund ihrer jüdischen Religion oder Herkunft beschimpft, angegriffen, verletzt oder ermordet.
Für mich und für viele jüdische wie nichtjüdische Gleichgesinnte gibt es nur eine Konsequenz aus alledem: sich für die Opfer auf beiden Seiten einzusetzen und den vielen Lügen, der Propaganda und der Hetze entgegenzutreten, die diesen Konflikt wie keinen anderen prägen. Wahrhaftigkeit wird das viele Leid, das den Menschen im Nahen Osten und anderswo zugefügt wurde, nicht ungeschehen machen, wahrscheinlich nicht einmal lindern, aber es gibt ihnen vielleicht ein wenig von jener menschlichen Würde zurück, die ihnen schon so oft genommen wurde.
© Vladimir Vertlib


