Bei mir wird alles zur Sucht

Ich hatte Gewichtsprobleme, seit ich sechs Jahre alt war, und weiß, dass ich auch heute kein schlanker Mensch bin, sondern ein Übergewichtiger, der abgenommen hat, so wie ich auch ein Leben lang ein Raucher bleibe, nur eben einer, der nicht raucht.

Von Vladimir Vertlib

DIE PRESSE, Spectrum, 3. Oktober 2026, S. I und II

Allen Carrs Klassiker Endlich Nichtraucher las ich mindestens dreimal und rauchte danach jedes Mal mehr als zuvor. Der britische Autor, der sein Leben dem Kampf gegen die Nikotinsucht gewidmet hatte, dann aber leider doch an Lungenkrebs starb, war geistreich, witzig und verstand, was Sucht bedeutete. Er hatte selbst jahrzehntelang geraucht. Nachdem er aufgehört hatte, tat er alles, um anderen, die das Rauchen aufgeben wollten, zu helfen. Und er konnte schreiben. Sein Buch war voller gleichsam amüsanter wie erschreckender Anekdoten – Erfahrungen, die jeder Raucher und jede Raucherin in der einen oder anderen Form selbst gemacht und erlitten hatte.

Besonders gefallen hat mir in Carrs Buch die Geschichte von einem Mann, der mit Freunden eine Segeltour macht und plötzlich feststellt, dass er seine Zigaretten vergessen hat. Er gerät in Panik und besteht darauf, zurückzufahren, um im Hafen Zigaretten zu kaufen. Seine Freunde sind wütend, aber noch wütender macht es sie, dass er später – nach erfolgter Rückkehr und neuerlichem Aufbruch – auf der ganzen Fahrt keine einzige Zigarette raucht.

Ein exemplarischer Fall! Welcher „Süchtler“ kennt das nicht? Man muss der Sucht nicht unbedingt immer frönen, aber wehe, man hat keine Drogen mehr oder weiß, dass man sie nicht jederzeit konsumieren darf … Das und fast alles andere in Allen Carrs Buch fand ich großartig, aber es half mir nicht. Suggestion, Manipulation, subtile Überredungskünste oder schlichtweg Gehirnwäsche zeitigen bei mir keine Wirkung. Sagt mir jemand: „Los, kaufen Sie drei Hemden zum Preis von zwei, ein Sonderangebot speziell für Sie, kaufen Sie rasch, das Angebot gilt nur hier und jetzt!“ (ja, das ist mir passiert!), kaufe ich garantiert kein Hemd.

Allen Carr versucht mir einzureden, dass mir (und allen anderen Raucherinnen und Rauchern) der Nikotinkonsum nichts bringt; die positive Wirkung sei nichts als Illusion, nur die Linderung von Entzugserscheinungen, die nach wenigen rauchfreien Tagen vorbei seien. Wenn man das einmal erkannt habe, sei das Aufhören ganz einfach!, behauptet Carr. Was du nicht sagst!, dachte ich, während ich diese Zeilen zum wiederholten Male las, zündete mir genüsslich die nächste Zigarette an und dachte an die schönen Momente, die ich in meinem Leben rauchend erlebt hatte.

Allerdings wusste ich, dass mich meine Sucht früher oder später umbringen würde. Sämtliche männlichen und einige weibliche Vorfahren von mir väter- wie mütterlicherseits sind im Alter zwischen Anfang fünfzig und Ende sechzig an Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestorben. Meine beiden Großväter, mein Vater, mein Onkel und eine Tante sowie eine Reihe entfernterer Verwandter waren tot umgefallen oder starben nach einem Herzinfarkt innerhalb kürzester Zeit. Ein schöner, weil schneller, wenn auch meist sehr früher Tod für sie selbst, ganz und gar nicht schön jedoch für die Hinterbliebenen. Meine hohen Cholesterinwerte, mein Übergewicht und mein Lebensstil machten mich, als ich fünfzig war, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum nächsten Kandidaten für einen solchen Exitus. Das wusste ich, aß aber trotzdem zu viel Süßes, war beruflich und privat unter Stress, legte nur wenige Erholungsphasen ein und rauchte weiter.

Ich bin eine Suchtpersönlichkeit. Mit der sehr erfreulichen Ausnahme von Alkohol (ich mag den Effekt eigentlich nur in Kombination mit Rauchen), Wetten oder Spielen (Zocken, Sportwetten, Börsenspekulationen und ähnlicher Unsinn interessieren mich nicht) wird bei mir alles zur Sucht – sogar Kaugummikauen und Blutdruckmessen. Streamingdienste sind für mich eine gefährliche Drohung, besonders, wenn sie mir Serien ins Haus liefern, in die ich abends leicht „hineinfalle“, aus denen ich aber nur schwer, oft erst am frühen Morgen, wieder herauskomme. Und von einem Kuchen, der mir schmeckt, esse ich nicht nur ein oder zwei Stück zum Nachmittagskaffee, sondern gleich fünf oder sechs, wenn ich mich nicht unter Kontrolle habe. Zucker ist wahrscheinlich die schlimmste Droge, die es gibt. Eine Tafel Schokolade, die von anderen unbewacht auf dem Tisch liegt, kann von mir innerhalb kürzester Zeit „vernichtet“ werden.

Während meiner letzten Diät aß ich statt Süßigkeiten so viele Radieschen, dass meine Mundschleimhäute gereizt darauf reagierten. Seitdem greife ich bei Heißhungerattacken zu Tomaten und Paprika. Sie sind bekömmlich und haben wenig Kalorien. Was härtere Drogen als Tabak betrifft (die vier Joints, die ich in meinem Leben geraucht habe, nicht mitgerechnet), so war ich klug genug, davon die Finger zu lassen. Im Falle sozialer Netzwerke war ich leider nicht ganz so klug. Hunderte Stunden meiner Lebenszeit verschwendete ich darauf, irgendwelchen Leuten, die ich im realen Leben nicht einmal beachtet hätte, in diversen Blogs, auf Facebook, Instagram oder in der YouTube-Kommentarfunktion zu erklären, dass der Klimawandel keine Erfindung der „grünen Mafia“, Covid keine harmlose Grippe, Israel kein Terrorstaat und die Ukraine kein von Nazis regiertes Land sei. Es nützte nichts, weil es meinen Gesprächspartnerinnen und -partnern nicht um Fakten und Argumente, sondern um Emotionen und persönliche Kränkungen ging. Mir übrigens bei manchen Diskussionen ebenfalls.

Auf die Frage, warum Sucht für mich ein so großes Problem, ja ein Lebensthema ist, gibt es keine simple Antwort. Es kommen wohl mehrere Faktoren zusammen, die in ihrer Kombination einen schlechten Cocktail abgeben. Eine genetische Prädisposition ist wahrscheinlich ausschlaggebend. Ein Großvater von mir war Kettenraucher, der andere nahm als junger Mann innerhalb kürzester Zeit Dutzende Kilo zu und dann wieder ab, wodurch er sich das Herz ruinierte. Beide waren in den Fünfzigern, als sie starben. Hinzu kommen familiäre Prägungen, erlernte Verhaltensweisen und daraus folgende „Programme“, die nicht einfach „gelöscht“ werden können, auch wenn man sie erkannt, verstanden und therapeutisch bearbeitet hat.

Das Gehirn ist keine Festplatte, und das menschliche Verhalten folgt nicht immer Algorithmen. Meine Eltern und Großeltern haben Kriege, Stalinterror, Antisemitismus, Flucht, Hunger und Mangelwirtschaft erlebt. Ihre Ängste, Essstörungen und Sehnsüchte nach einem besseren Leben haben sie – ungewollt – an mich weitergereicht. Für meine Eltern, die als Kinder während der Leningrader Blockade in den Jahren 1941 und 1942 fast verhungert wären, wurde Essen zur Obsession, zum Zwang. Belohnung lief primär über das Essen, Entspannung, die Reaktion auf Langeweile sowie Trost für erlebte Enttäuschungen und Katastrophen ebenfalls.

Als Reaktion darauf aß ich noch mehr

Die Folgen dieses Verhaltens waren Übergewicht und gesundheitliche Probleme, was zu Frustration, einem Gefühl des Versagens und als Reaktion darauf zu noch mehr Essen führte. Es ist nicht leicht, aus diesem Circulus Viciosus auszubrechen, für manche Menschen sogar ganz und gar unmöglich … Ich selbst habe weder gehungert noch einen Krieg erlebt, jedoch als Kind und als Jugendlicher eine langjährige Migration durch mehrere Länder durchmachen müssen, was oft mit wirtschaftlicher Not, in vielen Fällen mit Ausgrenzung, Sprachlosigkeit, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit, Übergriffen, Ängsten, Mobbing und viel Einsamkeit verbunden war. Dieses Schicksal teile ich allerdings mit Millionen anderer, die noch viel Schlimmeres erlebt haben und dennoch keinerlei Suchtsymptome zeigen. Andererseits gibt es Drogenabhängige oder Alkoholiker, die unter stabileren und besseren Verhältnissen aufgewachsen sind als ich. Bei dem Thema, um das es hier geht, gibt es keine festen Regeln oder immer klar erkennbare Kausalketten.

Sucht ist eine Krankheit. Vieles an ihr ist nachvollziehbar und kann behandelt werden, sie ist selten heilbar, aber man kann mit ihr leben; Prävention ist das Um und Auf, doch in seinem tiefsten Inneren gehört suchtbedingtes Verhalten zu den größten Geheimnissen von uns Menschen. Wäre es stets erklärbar und in seiner Entstehung, Entfaltung und Konsequenz berechenbar, hätten wir es bestimmt schon längst überwunden.

Die Worte Sucht und Sehnsucht haben dieselbe Wurzel. Sucht weist demnach auf ein Defizit hin, auf unerfüllte oder schwer erfüllbare Wünsche und Hoffnungen, auf Pläne, Träume und Enttäuschungen. Doch wer hat sie nicht? Die Dicken und die Hageren haben sie, die großen Sünder und die Heiligen, die Hedonisten und die Asketen ebenfalls. Und auch alle anderen. Zwischen Magersucht und Adipositas, zwischen Abstinenz und Komatrinken liegt irgendwo die Normalität. Diese muss erst ausfindig gemacht werden, bietet aber auch dann, wenn man glaubt, ihrer habhaft geworden zu sein, keinerlei Auswege oder Garantien an. Im Falle des Rauchens scheint hingegen alles einfach zu sein. Es gibt keine „vertretbare“ Menge, denn Rauchen ist immer schädlich. Sollte man also nicht schlichtweg aufhören, ohne viel nachzudenken?

Mindestens tausend Mal hatte ich versucht, nicht mehr zu rauchen, und bin stets daran gescheitert. Vierundzwanzig Jahre lang habe ich das Rauchen genossen, aber gleichzeitig darunter gelitten und ein schlechtes Gewissen gehabt. Ich suchte nach dem „idealen“ Tag, dem „idealen“ Datum, der „idealen“ Stunde, dem „idealen“ Ort, um aufzuhören, und beschäftigte mich sogar intensiv mit Numerologie, um die „ideale“ Anzahl von Zigaretten an meinem letzten Tag zu errechnen. Doch es half nichts. Die immer wieder misslingenden Aufhörversuche wurden schließlich selbst zu einer Obsession, zur Sucht: die Rituale, die Euphorie eines vermeintlichen Neuanfangs, die Entzugserscheinungen, die Frustration des Scheiterns bei gleichzeitiger Erleichterung, wieder rauchen zu „dürfen“ … Hatte nicht einst Albert Camus geschrieben, Sisyphos sei ein glücklicher Mensch?

Sogar nach meinem im Alter von 51 Jahren erlittenen Herzinfarkt, nach zwei Tagen auf der Intensivstation und zwei Stents, die in mein Herz implantiert wurden, rauchte ich weiter, wenn auch nur mehr wenige Zigaretten. Wirklich aufgehört habe ich erst, als ich nach einer Panikattacke, einem exorbitant hohen Blutdruck von 270 zu 150 und einem Ruhepuls von 120 Schlägen pro Minute wieder in einem Krankenhaus landete. Ein sportlich aussehender und äußerst dynamisch wirkender Oberarzt untersuchte mich und schüttelte den Kopf. „Ihr Blutdruck ist viel zu hoch. Dagegen müssen Sie etwas unternehmen! Der Blutdruck ist ein Killer; er bringt sie still und leise um, und Sie merken gar nichts davon“, erklärte er mir. „Aha“, murmelte ich. „Wir sind ja ungefähr gleich alt“, sagte er, „ich werde in zwei Monaten fünfzig, und mein Blutdruck ist perfekt, 120 zu 80; mein Herz läuft wie ein Uhrwerk.“ Schön für dich, dachte ich, und musste auf einmal innerlich lachen. Meine Angst war verfolgen, mein Blutdruck und mein Puls begannen zu sinken. Ist das Leben denn nicht schön?, fragte ich mich. Ist es nicht schön, gerade weil es so absurd, so aberwitzig und oftmals so bizarr ist? Ich sollte mich selbst und die eigene Befindlichkeit nicht so ernst nehmen und mit dem Rauchen aufhören, um hier und jetzt noch etwas erleben zu dürfen, dachte ich. Ich wusste, dass für die meisten Raucherinnen und Raucher, die nach dem ersten Herzinfarkt weiter geraucht hatten, der bald folgende zweite Herzinfarkt tödlich war.

Ich hörte Ende 2017 ohne jegliche Rituale auf, denn ich nahm mir nicht mehr vor, nie mehr zu rauchen. Nur der aktuelle Tag ist es, der zählt, und ich bin froh und stolz auf mich, wenn ich diesen ohne Rückfall überstehe. So war es am Anfang, so ist es bis heute geblieben und bleibt so Tag für Tag. Nicht einmal im Rehabilitationszentrum, in dem ich zwei Monate nach meinem Herzinfarkt vier Wochen zugebracht habe, ließ ich mich zum Nikotinkonsum verführen, obwohl in dieser Einrichtung viele Patientinnen und Patienten rauchten und sogar mein behandelnder Arzt nach Tabak roch.

So plötzlich wie ich mit dem Rauchen aufgehört hatte, gelang es mir später auch abzunehmen. Wog ich bei einer Größe von 175 Zentimetern vor einigen Jahren noch 96 Kilo und im Frühjahr 2025 86 Kilo, so war ich im Herbst desselben Jahres nur mehr 71 Kilo schwer. Wie mir das gelungen ist? Ohne irgendwelche Spezial- oder Wunderdiäten jedenfalls. Diese sind in den meisten Fällen nichts weiter als Erfindungen gewiefter Geschäftemacher. Abnehmen braucht Zeit, Disziplin und Durchhaltevermögen; diesen Weg kann man sich nicht ersparen. Während meiner Diät ernährte ich mich im Wesentlichen „normal“ weiter – eine ausgewogene Mischkost -, nur etwas weniger als zuvor, verzichtete auf Alkohol, Zucker und Süßigkeiten mit Ausnahme von Honig, aß nichts zwischen den Mahlzeiten, vor allem nicht am Abend, und ging drei- bis viermal in der Woche regelmäßig mindestens zwanzig Minuten bergauf.

Heute genieße ich jeden Tag, schaue gerne in den Spiegel und staune, wie leicht mir jede Bewegung fällt, während ich früher schon nach zehn Stufen zu keuchen begann. Ich hatte Gewichtsprobleme, seit ich sechs Jahre alt war, und weiß, dass ich auch heute kein schlanker Mensch bin, sondern ein Übergewichtiger, der abgenommen hat, so wie ich auch mein Leben lang ein Raucher bleibe, nur eben einer, der nicht raucht. Es gibt keinen Tag, an dem ich das vergessen darf, so wie ein trockener Alkoholiker sich nie der Illusion hingeben sollte, er sei kein Alkoholiker mehr.

Warum es gerade in den letzten Jahren geklappt hat, wesentliche Facetten meines Suchtverhaltens zu überwinden? Wahrscheinlich, weil ich älter und milder zu mir selbst geworden bin. Ich hatte gelernt, mit meinen Enttäuschungen zu leben, anderenfalls wäre ich ein noch größerer alter Narr, als ich es ohnehin schon bin. Meine Sehnsüchte hatten sich größtenteils in einen melancholischen Fantasieraum verabschiedet, wo sie gut aufgehoben und meist nur dann abrufbar sind, wenn ich sie als Inspirationsquelle für meine kreative Arbeit als Schriftsteller brauche.

Ein großer Teil des Drucks ist weg

Vieles hat sich nicht erfüllt, doch auf manches, was ich in meinem Leben erreicht habe, kann ich stolz sein und habe noch einiges vor – Wünsche, Träume, Hoffnungen, die sich in einem altersadäquaten realistischen Rahmen bewegen. Das heißt nicht, dass ich alle meine Neurosen und Ängste, alle Zwänge und Süchte überwunden hätte, aber wenn ich morgen sterben sollte, dann hat sich, so empfinde ich es jedenfalls, mein Leben trotzdem gelohnt. Vor zehn Jahren hätte ich das noch nicht behaupten können. Nun aber ist ein großer Teil meines inneren Drucks weg, und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es mir wohl gerade deshalb leichter gefallen ist, endlich etwas hinter mir zu lassen, woran ich jahrzehntelang gelitten hatte. Wenn es noch etwas gegeben hatte, das ich mir selbst beweisen wollte, dann war es das.

VLADIMIR VERTLIB, geboren 1966 in Leningrad, UdSSR. 1971 emigrierte die Familie nach Israel, dann nach Österreich, nach Italien, in die Niederlande, wieder nach Israel, nach Österreich und in die USA, bevor sie sich 1981 endgültig in Österreich niederließ. Vertlib lebt als Schriftsteller in Wien und Salzburg und wurde unter anderem mit dem Anton-Wildgans-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien heuer der Roman „Der Jude der Kaiserin“ (Residenz Verlag).

© Vladimir Vertlib

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