Gegenwärtig

Von Vladimir Vertlib

Erschienen in der Zeitschrift „Illustrierte Neue Welt“, Wien, 3/2026 (September 2026)

Bild von: (c) Maria Grünberger. Aufgenommen am 8. Oktober 2026 während des Publikumsgesprächs im Rahmen der Veranstaltung „Weitererzählen, Neuerzählen. Fluchtgeschichten aus NS-Europa heute“ – mit Julia Demmer, Tanja Eckstein und Dr. Yvonne Živković im Schreyvogelsaal der Wiener Hofburg

Heute spricht man immer öfter von einer „Veränderung des kulturellen Gedächtnisses“, von „neuen Wegen der Erinnerungsvermittlung“, von Brüchen und Übergangszeiten. Zeitzeugen sterben. Das Quellenmaterial verändert und erweitert sich, die Interpretation desselben und die Schwerpunktsetzung ebenfalls. Nun bin ich kein großer Theoretiker, ich bin Schriftsteller, ein Erzähler, und so kommen mir in diesem Zusammenhang zwei für mein Gedächtnis, für meine Wurzeln und mein Selbstverständnis prägende Geschichten in den Sinn.

Die erste Geschichte hörte ich von meiner Tante, die 1935 in einer Kleinstadt südlich von Kiew geboren wurde und mit ihren Eltern und ihrem Bruder 1941 vor der anrückenden deutschen Wehrmacht in den Osten, nach Russland, geflüchtet war. Ihr Großvater, eine Tante sowie einige Cousins und Cousinen waren hingegen in der Ukraine geblieben. Ihr Großvater, so meine Tante, habe keine Angst vor den Deutschen gehabt. Er habe die deutsche Besatzungszeit während des Ersten Weltkriegs erlebt und dabei gute Erfahrungen gemacht, habe er beteuert. Die Deutschen seien zivilisierte Leute, habe er gemeint, sie würden sich auch diesmal anständig verhalten.

Der Großvater meiner Tante und alle anderen in der Ukraine zurückgebliebenen Verwandten überlebten die Besatzungszeit nicht. Noch bevor die Nazis ihrer habhaft werden konnten, weil sie Juden waren, wurden sie von ihren ukrainischen Nachbarn aus ihren Häusern geholt, zusammengetrieben und an den Stadtrand geführt. Dort mussten sie eine Grube ausheben. Danach wurden sie erschossen oder erschlagen und in die Grube gestoßen, die anschließend wieder zugeschaufelt wurde. Offenbar aber waren die Mörder nicht gründlich genug gewesen. Die Erde bewegte sich, sie wurde rot, und ein Stöhnen drang aus der Tiefe.

Die Mörder wussten offenbar nicht, was sie nun tun sollten, oder es war ihnen zu mühsam, die Oper wieder auszugraben und die noch Lebenden ein zweites Mal zu erschießen oder zu erschlagen. Stattdessen baten sie die deutschen Besatzer um Hilfe. Diese schickten einen Panzer.

Der Panzer fuhr an die Stelle, an der sich die Grube befunden hatte, und hielt dort an. Dann drehte er sich einige Male um die eigene Achse. Danach war die Erde still.

Meine Tante und ihre Eltern erfuhren von alledem, als sie 1945 in die Ukraine zurückkehrten. Jeder im Städtchen wusste, was geschehen war, alle wussten, wer die Täter und die Opfer waren, doch offiziell, nach sowjetischer Diktion, hatte es keinen Massenmord an den Juden gegeben. Diesen verschwieg man und sprach nur ganz allgemein von den „Opfern des Faschismus“ und von „Sowjetmenschen“, die gelitten hatten.

Die zweite Geschichte hörte ich von meiner Mutter, die im Jänner 1938 in Leningrad geboren wurde und zu Kriegsbeginn 1941 dreieinhalb Jahre alt war. Im September dieses Jahres begann die Belagerung der Stadt Leningrad durch die deutsche Wehrmacht, welche die Stadt aushungern wollte. Meine Mutter, ihr Bruder, ihre Eltern und Großeltern waren wie Millionen andere in der Stadt eingeschlossen. Im Herbst begann der Massenhunger, im Dezember 1941 erhielten Kinder nur mehr 125 Gramm Brot am Tag und sonst kaum etwas zum Essen. Während der Leningrader Blockade, die bis 1944 andauerte, verhungerte oder starb an den Spätfolgen des Hungers eine knappe Million Menschen.

Meine Mutter hatte einen Verehrer, einen Nachbarsjungen. Sie war vier, er war sechs Jahre alt, hieß Vladimir und wurde von allen Wowka genannt. Wowka hatte eine Mutter, der es einige Male gelungen war, für ihren Sohn irgendwo winzig kleine Butterbrote zusätzlich zu seiner offiziellen Lebensmittelration aufzutreiben. Sie gab ihm diese Brote, doch er aß sie nicht gleich, sondern ging hinunter in den Hof und teilte die Brote mit meiner Mutter. Er gab ihr immer die Hälfte. „Wieso tust du das?“, fragte ihn meine Großmutter. „Die Brote sind doch für dich, deine Mutter hat sich so bemüht, sie für dich aufzutreiben.“ „Aber Sofa [Sofia, der Name meiner Mutter] braucht sie genauso wie ich zum Überleben“, erklärte das Kind altklug. Und wahrscheinlich hatte er recht.

Meine Mutter überlebte, wenn auch nur knapp. An den Spätfolgen des Hungers hatte sie noch lange zu leiden. Doch schon als Kind hatte sie beschlossen, dass wenn sie einmal einen Sohn hat, dieser den Namen Vladimir tragen werde – Wowka zu Ehren. Und so ist es auch gekommen. Ich wurde nach jenem legendären ersten Verehrer meiner Mutter benannt, den sie leider nach dem Krieg nie mehr gesehen hat. Sie weiß nur, dass er ebenfalls überlebt hat.

Für mich hängen beide Geschichten unmittelbar zusammen. Vielleicht muss man als Mensch die eigene, das heißt dem Menschen immanente, abgrundtiefe Erbärmlichkeit und seine beizeiten unvorstellbare Größe, seine Hingabe und seinen Opfermut erkennen und nachvollziehen können, um an dieser Welt nicht völlig zu verzweifeln oder – was noch schlimmer wäre – ihr mit völliger Gleichgültigkeit zu begegnen. Wenn man beide Geschichten nebeneinanderstellt, machen sie einen wütend und traurig, sind aber auch eine Quelle der Inspiration, um diese Welt positiv mitzugestalten. Die erste Geschichte zeigt, wohin es führen kann, wenn man das nicht tut; die zweite Geschichte zeigt, dass sich das lohnt, dass der Mensch – trotz allem – seine Existenzberechtigung noch nicht verwirkt hat.

Dafür sind neben Empathie und Mitgefühl vor allem Wissen, sind Erinnerung, persönliches, familiäres und kollektives Gedächtnis wichtig. Die Vergangenheit ist gegenwärtig. Die Zukunft auch, denn diese wird unmittelbar davon geprägt, wie wir mit unserer Vergangenheit umgehen, was die Vergangenheit aus uns gemacht hat. Wer sich nicht erinnern will, den holt die Erinnerung ohnehin ein, dann allerdings in einer Art und Weise, die ihm nicht immer geheuer ist. Für mich ist mein Name Programm, die Tatsache, dass ich nach Wowka benannt wurde, kein Zufall …

Manchmal frage ich mich, was aus dem Panzerfahrer geworden ist, der die Juden der erwähnten ukrainischen Kleinstadt zu Tode gewalzt hatte. Vielleicht ist er im Krieg gefallen oder in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gestorben. Vielleicht aber – und das ist gar nicht so unwahrscheinlich – hat er den Krieg überlebt, um dann in Westdeutschland oder Österreich ein ganz normales Leben zu führen. Ich stelle ihn mir Anfang der 1960er Jahre als beleibten Mann um die vierzig vor, Hornbrille, Glatze im Ansatz, leicht ergrautes Haar, der mit Frau und drei Kindern in einem VW-Käfer nach Lignano Sabbiadoro in den Urlaub fährt. Die Kinder quengeln, seine Frau schimpft, er ist genervt, bleibt aber gleichmütig. Er kann sich beherrschen. Die Fahrt ist lang, aber es lohnt sich. Bald liegen sie am Strand unter einem Sonnenschirm – eingehüllt vom angenehmen Duft von Meer, Sand, Schweiß und Sonnencreme -, und er denkt, dass das Leben eigentlich schön ist, und dass er es sich gut gerichtet hat, nächstes Jahr sollte er befördert werden, und übernächstes Jahr werden sie sich die neue Wohnung leisten können. Seit kurzem haben sie einen Kühlschrank und eine Waschmaschine und ein Fernsehgerät, und mit den Kindern kann er eigentlich auch zufrieden sein; sie machen nicht mehr Probleme als andere. Plötzlich fragt ihn die halbwüchsige Tochter, die bald fünfzehn wird: „Papa, was hast du eigentlich im Krieg gemacht? Du redest nie darüber.“ Wie kommt sie dazu, ihn so etwas zu fragen. Unerhört! „Wieso fragst du das? Ist dir langweilig? Es war eine schwierige Zeit, die Gott sei Dank vorüber ist. Ich habe nur meine Pflicht getan wie alle anderen. Da hast du zweihundert Lire, geh, hol dir ein Eis und lass mich in Ruhe.“ Sein Tag ist verdorben, die alten Bilder kommen hoch, die gute Laune ist verflogen … Oder auch nicht. Das Schlimme ist, dass seine Laune wahrscheinlich nicht schlechter wird, und die Bilder lassen ihn kalt. Das eine Bild von damals – die Grube, der Panzer, der sich um die eigene Achse dreht – wird von anderen, ähnlichen überlagert. Welche Rolle spielen denn schon Orte und Jahreszahlen?

Und Wowka? Ich kann mir Wowka nicht als erwachsenen Mann vorstellen. Ich weiß nicht, wie er gelebt und wie er (wahrscheinlich schon) gestorben ist. Wohl deshalb, weil es keine Rolle spielt. Eines glaube ich aber bestimmt zu wissen, nämlich, dass er die Brote, die er mit meiner Mutter geteilt hat, nicht vergessen hat. Und meine Mutter auch nicht.

Der ehemalige Panzerfahrer ist auf jeden Fall schon gestorben; seine Tochter ist heute vermutlich Großmutter, vielleicht sogar Urgroßmutter. Ich denke, sie hat nie erfahren, was ihr Vater während des Krieges getan hat, aber dass der kein Held war und Dinge getan hat, auf die man nicht stolz sein darf, das weiß sie bestimmt, weil man Derartiges immer weiß oder spürt, auch dann, wenn darüber jahrzehntelang geschwiegen wurde.

Inzwischen redet man hierzulande, so wie überall in Mittel- und Westeuropa sowie in einigen anderen Regionen, offen über die Vergangenheit, und das schon seit einigen Jahrzehnten. Spätestens seit der sogenannten „Wehrmachtsausstellung“ Ende der 1990er Jahre gibt es bei uns in Österreich und in Deutschland keine Tabus mehr. Man könnte meinen, dass „die Vergangenheit“ – JENE Vergangenheit – aufgearbeitet ist. Die Täter sind inzwischen gestorben, die meisten Opfer ebenfalls. Sie haben Spuren hinterlassen, Spuren, die keine früheren Generationen, als es noch keine Bild- und Tonaufnahmen, kein Internet, keine langen Interviews, keine öffentliche Podiumsdiskussion, kein Recht, die eigene Meinung zu sagen, und – noch früher – auch keine relativ billigen Zeitungen, Zeitschriften und Bücher gegeben hatte, jemals hinterlassen konnten. Wer hat den Zeugen des Dreißigjährigen Krieges denn in dieser Weise zugehört, wie wir Schoa-Überlebenden in den letzten fünfzwanzig Jahren zugehört hatten (nachdem man von ihnen allerdings mindestens vierzig Jahre lang nichts hören wollte), wer wollte erfahren, was sie erlebt, erlitten oder empfunden hatten oder was ihr Vermächtnis ist? Kaum jemand. Haben wir den Dreißigjährigen Krieg also vergessen? Ganz sicher nicht. Wer das nicht glaubt, mag unsere Sprache genauer erforschen, bestimmte Verhaltensweisen, Ängste oder Alltagsrituale hinterfragen … Im Falle des Zweiten Weltkrieges und der Schoa gaben wir den Opfern eine Stimme und haben die Täter an den Pranger gestellt. Wir haben Gedenkstätten errichtet, Gedenkfeiern, Schulveranstaltungen, Tagungen und Treffen organisiert, für die Erinnerungskultur passende Universitätsinstitute gegründet und ganze Bibliotheken und Filmarchive gefüllt. Wir haben offen bekannt, dass Unrecht auch Unrecht genannt werden soll, dass Schuld eingestanden werden muss, und dass Verbrechen wie jene von den Nazis begangenen nie wieder passieren dürfen.

Und dennoch sind wir nun fassungslos, viele von uns überrascht und ungläubig darüber, was gerade um uns herum geschieht. Waren es früher Schmierereien von Jugendlichen, die provozieren wollten, indem sie Hakenkreuze auf jüdische Gräber malten, waren es früher Randgruppen wie Rechtsradikale und Islamisten, die jüdisches Leben bedrohten, so scheinen heute Judenhass und Demokratiefeindlichkeit, Lüge, Verdrängung und Ignoranz wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein. Was ist geschehen? Die Massaker von Putins Soldateska in der Ukraine oder der von der Hamas und ihren Sympathisanten durchgeführte Massenmord in Israel am 7. Oktober 2023 haben eine frappierende Ähnlichkeit mit dem, was vor 85 Jahren überall in Europa geschehen ist. Man muss nicht mit Zeitzeugen gesprochen haben, um das zu erkennen. Das kollektive Gedächtnis ist gegenwärtig. Die Jüngeren spüren es, auch wenn ihnen nicht immer bewusst ist, woher dieses latente Wissen und die dahinterstehenden Gefühle kommen.

Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet nach dem 7. Oktober 2023 der offene Antisemitismus in Europa und anderswo rasant angestiegen ist, und das noch lange bevor der Gaza-Streifen zerstört und die israelische Regierung und Armee vermeintlich und auch erwiesenermaßen Kriegsverbrechen angeordnet oder begangen haben. Schon am 8. Oktober 2023 wurde auf Pro-Palästina-Demos von einem „Genozid“ an Palästinensern gesprochen und Israel als Apartheid- und Terror-Staat bezeichnet. Es scheint, als hätten weder die Aufklärungsmaßnahmen noch die damit verbundene Erinnerungskultur der letzten Jahrzehnte ausgereicht, um den nun als Anti-Zionismus getarnten Antisemitismus so weit einzudämmen, dass er gesellschaftlich keine Rolle mehr spielen würde. Vielmehr kommen alle antisemitischen Klischees in abgewandelter Form und einer erschreckenden Breitenwirkung wieder zurück: Die „jüdische Weltverschwörung“ als angeblicher Einfluss Israels auf die Welt; die „Allmacht der Juden“, weil man angeblich nichts gegen Israel oder die israelische Politik sagen darf; die „alttestamentarische Unerbittlichkeit“, weil Israel angeblich an den Palästinensern in einer Form Rache für den 7. Oktober 2023 übt, dass ihr Schuldige wie Unschuldige gleichermaßen massenweise zum Opfer fallen. Dass die Terrorgruppe Hamas einen großen Teil der Schuld an der Tragödie der Bevölkerung im Gaza-Streifen trägt, dass die Hamas den derzeitigen Krieg mit einem von ihr verübten Massaker begonnen hat, wird verschwiegen, verharmlost oder sogar gutgeheißen. Zu den Leidtragenden dieser Entwicklung gehören nicht nur die Menschen in Israel, im Gaza-Streifen oder im Westjordanland, sondern auch viele Juden und pro-israelisch eingestellte Menschen in Europa, die bedroht, angegriffen, ausgrenzt oder sogar ermordet werden.

Die Konflikte, Kriege und Gefahren der Gegenwart sind uns so nahe gerückt, weisen dabei so viele Parallelen zur Vergangenheit auf und berühren so viele immer noch heikle Themen, dass die Gesellschaft mit einer Art regressivem Reflex darauf reagiert. Nein, es ist noch lange nicht so schlimm wie in den 1930er Jahren, auch wenn das manchmal behauptet wird, aber die Tendenz weist genau in diese Richtung. Eine Regression, eine rückwärtsgewandte Entwicklung, die viel stärker ist als der inzwischen so oft zitierte Backlash, ein so massiver Rückgriff auf tiefste, archetypische judenfeindliche wie auch auf viele andere Vorurteile und Ängste, deren kulturelle Grundlagen Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende zurückreichen, erfolgt oftmals in Zeiten einer erahnten, gefühlten und befürchteten Apokalypse. Der 11. September 2001, die Wirtschaftskrise ein knappes Jahrzehnt später, die Flüchtlingskrise, Covid, die Klimakrise, der Ukraine-Krieg, der Nahost-Konflikt, die Wiederaufrüstung und Remilitarisierung Europas. All das erinnert sowohl an die Zeit unmittelbar vor 1914, als der kommende Krieg schon spürbar wurde, als auch an die Zeit unmittelbar vor 1939, als kaum ein vernünftiger Mensch noch zweifeln konnte, dass der nächste Krieg kommen wird. Zeiten erahnter, erwarteter oder beginnender Katastrophen sind schlecht für Minderheiten, besonders für Juden, aber auch für Homosexuelle, für sozial Schwache, für Zuwanderer und Flüchtlinge, für Menschen anderer Hautfarbe oder für Frauen und natürlich auch für die Demokratie, weil diese verängstigen Menschen zwar Freiheit, aber keine Sicherheit verspricht. Für die meisten Menschen jedoch kommt die Sicherheit an erster Stelle, gefolgt von der Bequemlichkeit und der Befriedigung persönlicher Eitelkeiten. Freiheit folgt dann irgendwann unter „ferner liefen“. In unserer Zeit verstärken die neuen Medien diese Tendenz ins Unermessliche. Wenn jeder Schwurbler oder Verschwörungstheoretiker die Möglichkeit bekommt, von Zehntausenden, Hunderttausenden oder mehr gehört und bestätigt zu werden, dann wird die Echo-Kammer wichtiger als jede seriöse Tageszeitung und die differenzierten Stimmen werden immer leiser, bis sie verstummen.

Alles, was wir heute beobachten können, ist nicht neu. Der Antisemitismus von links und von rechts, der Islamismus und die im arabischen Raum vorherrschende Judenfeindlichkeit, die nun auch in Europa immer präsenter wird, der Anti-Zionismus als eine Form des „Antikolonialismus“, das Misstrauen der Demokratie gegenüber, die Sehnsucht nach einer starken Exekutive, am besten repräsentiert durch solche Figuren wie Trump, Putin, Erdogan oder Kickl, der Wunsch, wegen der Vergangenheit des eigenen Landes endlich kein schlechtes Gewissen mehr haben zu müssen, nachdem einige Nachkommen der einstigen Opfer ebenfalls Schuld auf sich geladen haben (wie frohlockt man doch, wenn sich Juden nicht besser verhalten als andere oder wenn sie nicht nur Opfer sein möchten!) … Das alles war immer da, bei einigen Menschen mehr, bei anderen weniger. Darüber lag eine zivilisatorische Tünche, die in Zeiten des Wohnstands und der Sicherheit durch die erwähnte Erinnerungskultur noch verdichtet und verfestigt werden konnte. Man gab sich weltoffen und vorurteilsfrei und glaubte zeitweise selbst daran. Nun bricht diese Tünche rasch weg, so als würde jemand dagegen schlagen – nur ganz leicht und ohne Anstrengung, das genügt schon, weil die Tünche immer oberflächlich und dünn und mehr Illusion als Wirklichkeit war.

Was also ist schiefgelaufen? Ich glaube nicht, dass man das beantworten kann, ja, nicht einmal, dass man behaupten müsste, es sei etwas schiefgelaufen. Manchmal machen äußere Umstände etwas zunichte oder lenken es unabwendbar in eine bestimmte Richtung. Man hätte dies nicht einmal dann abwenden können, wenn man es vorhergesehen hätte. Zudem gab es nie nur eine einzige Erinnerungskultur, und es gibt auch heute mehrere Formen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Was sich in letzter Zeit wirklich verändert hat? Zum Beispiel, dass ein Schüler im August 2026 mit der Palästinafahne und dem Konterfei von Dalal Mughrabi, einer Terroristin, die Dutzende Menschen in Israel ermordet hatte, auf seinem T-Shirt in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen auftaucht. Warum? Um zu provozieren? Schon möglich. Doch in erster Linie wohl, weil für ihn Mauthausen eher ein Meme ist als ein realer Ort, ein Symbol und ein Slogan für etwas, das es niemals war und nie sein darf. Die Neonazis oder Stalinisten, die vor dreißig, fünfzig oder siebzig Jahren Orte wie diesen und andere Gedenkstätten propagandistisch missbrauchten, taten dies bewusst. Der Schüler mit der Palästinafahne in Mauthausen weiß nicht, was er mit seiner Aktion tatsächlich ausdrückt, oder kann es nicht einordnen, hat weder eine Ahnung von Geschichte noch von der Gegenwart. Er glaubt wohl wirklich, dass das, was Palästinensern von Israelis angetan wird, mit dem vergleichbar oder sogar gleichzusetzen ist, was in Mauthausen passiert ist, und er hält eine Terroristin, die wahllos Zivilisten ermordet hat, für eine Freiheitskämpferin und Antifaschistin.

Was sollte geschehen? Was sind die eingangs zitierten „neuen Wege der Erinnerungsvermittlung“, über die immer öfter diskutiert wird? Aus meiner Sicht gibt es einen wesentlichen Punkt, etwas, das heute wichtiger ist als vor zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren: Man muss der Gegenwart die Beispiele der Vergangenheit entgegenstellen, um eben diese Gegenwart verstehen und einordnen zu können. Dazu gehören sowohl die Beschäftigung mit historischen Narrativen aus verschiedenen Regionen und ihren Vergleichen als auch Einzelbeispiele mit dem Versuch ihrer Erklärung und Zuordnung.

Wenn ich zum Beispiel die Geschichte erzähle, wie der Großvater meiner Tante ermordet wurde, wäre es gleichzeitig auch wichtig über die damalige Judenfeindschaft in der Ukraine zu sprechen, dabei aber unbedingt auch zu erwähnen, dass dies nur mehr bedingt etwas mit der Situation heute zu tun hat. Wenn das Putin-Regime behauptet, die Ukraine sei ein Nazi-Land, aktiviert bzw. triggert es genau das kollektive Gedächtnis jüdischer und nichtjüdischer Menschen, die unter den ukrainischen Nazi-Kollaborateuren und Mördern gelitten hatten oder deren Nachkommen. Nur ist die Ukraine heute ein anderes Land als vor 85 Jahren und hat einen jüdischen Präsidenten. Es ist ein demokratischer Staat, der nicht antisemitischer oder rassistischer ist als andere Staaten in Europa. Dass dort heutzutage manche Nazi-Kollaborateure wie zum Beispiel Stepan Bandera als Helden gefeiert werden, kann und soll man dennoch thematisieren und kritisieren, ohne davor zurückzuschrecken, weil man Angst hat, dann gleich als „Träger russischer Propaganda“ bezeichnet zu werden. So etwas muss man in Kauf nehmen, aushalten und zurückweisen. Den Mut zur Wahrhaftigkeit sollte man immer aufbringen, es sei denn, man lebt in einer Diktatur und riskiert dadurch sein Leben oder gefährdet das Leben anderer.

Wenn ich die Geschichte meiner Mutter während der Blockade erzähle, sollte ich erwähnen, dass die Leningrader Blockade nicht nur eine militärische Belagerung war, sondern darauf abzielte, die gesamte Bevölkerung dieser Großstadt verhungern zu lassen. Das ist historisch längst belegt. Das NS-Regime wollte die Stadt Leningrad zerstören und die Bevölkerung beseitigen. Der Hunger erschien den Nazis die beste Variante dieser geplanten Beseitigung zu sein, weil man dadurch Munition, Zeit und andere Ressourcen sparen könnte, die man sonst für die Exekution so vieler Menschen hätte aufbringen müssen. Außerdem wollte man den eigenen Truppen die Umsetzung an einer solchen Massenexekution nicht zumuten. Die Leningrader Blockade war ein bewusst geplanter und durchgeführter Genozid. Letztlich verhungerten etwa 40 Prozent der in der Stadt eingeschlossenen Menschen. Die Absperrung des Gaza-Streifens, oft ebenfalls als Belagerung bezeichnet, und der Krieg gegen die Hamas waren hingegen kein Genozid, zielten ja sowohl die Absperrungen als auch der Krieg auf die Vernichtung einer Terrororganisation, nicht aber auf die Auslöschung der gesamten Bevölkerung ab. Der Krieg kostete etwa 3 Prozent der Bevölkerung des Gaza-Streifens das Leben. Das ändert nichts daran, dass viele militärische Aktionen unverhältnismäßig brutal und mit wenig Rücksicht auf das Leben von Zivilpersonen durchgeführt wurden. Das zu kritisieren ist legitim und notwendig, aber man muss es interpretieren, vergleichen und zuordnen können. Und genau das ist heute eine wesentliche Aufgabe der Erinnerungskultur – neben dem zu sagen, was war und was ist, es in einen korrekten Zusammenhang zu stellen, und somit den vielen Fake-News, gezielten Desinformationen, der Propaganda, den Dummheiten und Verschwörungstheorien in sozialen Medien (und nicht nur dort!) entgegenzutreten. Geschichte war immer ein wesentliches Propagandamittel der Tagespolitik gewesen, nur dass diese Propaganda und Verlogenheit und die damit einhergehende Heuchelei und Selbstgerechtigkeit heutzutage eine bislang ungeahnte Breitenwirkung erreicht haben.

Das Unbehagen ist eine der Grundvoraussetzungen für Wahrhaftigkeit. Dafür muss man sich erinnern wollen, auch dann, wenn einem die Erinnerung hin und wieder einen Streich spielt. Diesen Streich sollte man in Kauf nehmen, eine bewusste oder erkannte Lüge aber nicht. Dass ich anderen und mir selbst Unbehagen bereiten kann, muss ich in Kauf nehmen, besonders dann, wenn ich Workshops in Schulen leite oder Streitgespräche führe. Doch gerade Jugendliche sind die wichtigste Zielgruppe, wenn es um Themen wie Erinnerungsarbeit geht. Jugendliche sind im Unterschied zu den meisten Erwachsenen, die sich eine, oft leider vorgefasste und auf Vorurteilen beruhende Meinung gebildet haben und aus Prinzip nicht mehr davon abrücken, in vielen Fällen immer noch offen für Argumente und fähig zu erkennen, dass sie sich geirrt haben. Das allein ist für mich schon Motivation genug, aufklärerisch zu wirken, zu informieren, Workshops zu leiten, Texte zu schreiben und dabei die eigene Haltung stets kritisch zu hinterfragen. Und wenn ich müde oder resigniert oder mit mir selbst unzufrieden bin, wenn ich nicht weiter weiß, wenn ich Ambivalenzen und Unsicherheiten, wenn ich die Welt kaum mehr ertragen kann, fallen mir die beiden Geschichten ein, die ich eingangs erzählt habe, und geben mir Kraft – die erste Geschichte als Mahnung, die zweite als Antrieb, als Verpflichtung, Wowkas Beispiel gerecht zu werden.

(c) Vladimir Vertlib

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