Hilft Antisemitismus unseren Zuwanderern bei der Integration?
Der Tritt
Erstpublikation am 16. August 2014 in: Die Presse (Wien), Spectrum, S.III
Wer hätte noch nie eine gewisse „Erleichterung“ verspürt, wenn er erfuhr, dass ein Jude beschimpft wurde, der Täter aber ein muslimischer Zuwanderer war? Oder anders und geradeheraus gefragt: Hilft Antisemitismus unseren Zuwanderern bei der Integration? Erscheinen sie uns damit weniger fremd?
Gianni Vattimo ist ein angesehener Mann. Der 1936 in Turin geborene Begründer des so genannten „schwachen Denkens“ in der Philosophie und Verfasser Dutzender Bücher hat eine erfolgreiche Karriere vorzuweisen: linksdemokratischer Abgeordneter im Europaparlament, Träger des Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken und des Max-Planck-Forschungspreises, Universitätsprofessor in Turin, Gastprofessor an mehreren Universitäten in den USA… Zum gegenwärtigen Krieg im Nahen Osten hat der Kämpfer für bürgerliche Freiheiten eine klare Meinung. Im Rahmen der Sendung La Zanzara des italienischen Senders Radio 24 verkündete Vattimo, der sich selbst als „gewaltlose Person“ bezeichnet, vor Kurzem, man sollte in Europa Gelder für die Hamas sammeln, damit sie sich „bessere Raketen kaufen“ könne. Er würde die „zionistischen Bastarde“ am liebsten erschießen, erklärte der Philosoph, der sich, wie er betonte, über mehr getötete Israelis freuen würde. Die Israelis seien „reine Nazis und noch ein wenig schlimmer als Hitler“. Engagierte Europäer sollten, wie im Spanischen Bürgerkrieg, internationale Brigaden bilden, um auf Seiten der Hamas gegen Israel in den Krieg zu ziehen.
Vattimos Aussagen mögen extrem erscheinen, doch steht er mit seinen Ansichten in Europa leider nicht allein da. Für viele Intellektuelle und vor allem für Menschen, die sich für solche halten, gehört die Kritik an Israel seit Jahrzehnten zum guten Ton. Die meisten haben von den historischen und gesellschaftspolitischen Hintergründen des Konflikts, seiner Tragik, den Widersprüchen und Abgründen keine Ahnung. Die Grenze zwischen berechtigter oder unberechtigter Kritik an der israelischen Politik, zu der auch die Ablehnung der derzeitigen Militäraktion im Gaza-Streifen gehören kann, und Antisemitismus wird leicht überschritten. Die Hamas, eine Terrororganisation, die im Gaza-Streifen die eigenen Bevölkerung als lebende Schutzschilde missbraucht, wird als Befreiungsbewegung gesehen. Die Risiken, unter denen die israelische Bevölkerung leben muss, werden hingegen bagatellisiert.
Wenn Menschen wie Gianni Vattimo, die aufgrund ihrer Bildung und ihres Berufs fähig sein sollten, komplexe Zusammenhänge darzustellen und Widersprüche aufzuzeigen, Zionisten mit Nazis gleichsetzen und in der Öffentlichkeit stolz verkünden, sie würden gerne Juden töten, braucht sich niemand zu wundern, wenn Menschen, die bislang noch nie durch ihre Geistestiefe oder –schärfe aufgefallen sind, es ihnen gleichtun. Im Falle türkischer Jugendlicher, die in Bischofshofen ein Fußballfeld stürmten, weil dort eine israelische Mannschaft ein Testspiel absolvierte, oder arabischer Zuwanderer, die Mitte Juli während einer Demonstration in Antwerpen „Schlachtet die Juden!“ („Itbah al Jahud!“) skandierten, wird in diesem Zusammenhang allerdings vorschnell auf Unwissenheit, die sozialen Verhältnisse und das Umfeld der besagten Zuwanderer sowie auf deren Indoktrinierung durch das türkische Fernsehen, auf den Einfluss radikaler muslimischer Organisationen oder islamistischer Imame hingewiesen. Dass es sich hierbei um wesentliche Faktoren handelt, die das Verhalten judenfeindlicher und gewaltbereiter Muslime in Europa prägen, ist nicht zu leugnen. Es wird aber auch niemand der Behauptung widersprechen, dass der Antisemitismus vieler Europäer einen guten Nährboden für die immer stärker werdene Judenfeindschaft innerhalb der Zuwanderergruppen aus islamischen Ländern bildet.
Von den türkischen Jugendlichen, die gegen den israelischen Einmarsch in Gaza demonstrieren, haben manche wahrscheinlich noch nie einen Juden oder Palästinenser zu Gesicht bekommen, insbesondere dann nicht, wenn sie an einem Ort wie Bischofshofen aufgewachsen sind. Vielmehr solidarieren sie sich mit den Palästinensern, den (aus ihrer Sicht) einzigen Opfern des Konflikts, und wollen dabei eigentlich auf ihre eigene missliche Lage – Arbeitslosigkeit, Armut, mangelnde Bildung, Perspektivlosigkeit – aufmerksam machen. Sie attackieren Juden und meinen damit die westliche Gesellschaft sowie all jene Kräfte, die sie für ihre eigene Misere verantwortlich machen. Zweifellos passiert diese Übertragung unbewusst. Einen militärischen Konflikt in einem fernen Land kann man viel leichter durch die Brille eines Freund-Feind-Schemas betrachten als eine moderne Gesellschaft, mit deren Komplexitäten und Uneindeutigkeiten man tagtäglich konfrontiert ist. Eine Minderheit, die man nicht kennt, lässt sich leichter durch gängige Klischees definieren als die heterogene Mehrheitsgesellschaft, mit der man leben muss. Neid auf die „Opferrolle“ der Juden spielt ebenfalls eine Rolle. Indem man den Nachkommen der Opfer der Schoah eine Täterrolle zuordnet, sie mit Nazis gleichsetzt und ihnen Völkermord unterstellt, fordert man als Moslems, die sich mit jenen identifizieren, die unter der „zionistischen Aggression“ zu leiden haben, die besagte Opferrolle, die entsprechende Aufmerksamkeit und das Mitleid für sich selbst ein.
Doch warum demonstrieren Muslime – trotz alledem – vor allem gegen Israel? Warum lassen sie die Bürgerkriege in Lybien, Syrien, dem Irak und Afghanistan und die oft bürgerkriegsähnlichen Zustände in Ägypten kalt? Wer von ihnen protestiert dagegen, dass der syrische Präsident Baschar al-Assad seit Jahren einen Vernichtungsfeldzug – einen Krieg mit inzwischen mehr als 140.000 Toten – gegen das eigene Volk führt? Warum ist Israel für Europäer mit Migrationshintergrund, deren Eltern aus Algerien nach Frankreich, aus Marokko nach Belgien oder aus der Türkei nach Österreich eingewandert sind, der Feind Nummer eins?
Genauso gut könnte man fragen, warum ein honoriger älterer Herr wie Gianni Vattimo „Zionisten“ erschießen möchte und nicht etwa russische Separatisten in der Ukraine, IS-Kämpfer im Irak, Drogenhändler in Mexiko oder Taliban-Kämpfer in Afghanistan. (Man fragt sich, warum er überhaupt jemanden erschießen möchte, aber das ist wohl eine andere Geschichte.)
Die Antwort auf diese Fragen ist nahe liegend: Weil Juden auch heute noch das Bild des „anderen“ verkörpern, ein Bild, das tief im kollektiven Unterbewusstsein sowohl der christlichen als auch der muslimischen Gesellschaften verankert ist. Als „kolonialistischer Staat“, als „Eindringling“ in den Nahen Osten, repräsentiert Israel für viele Moslems die westliche Gesellschaft, von deren Kultur und wirtschaftlicher Überlegenheit sie sich bedroht fühlen. Israel steht für Ausbeutung und Landraub, für das Gefühl der eigenen Ohnmacht und der Unterlegenheit. Die Existenz eines jüdischen Staates verstärkt die Minderwertigkeitskomplexe, unter denen manche Ägypter, Algerier, Iraner oder Enkel türkischer Gastarbeiter zu leiden pflegen. Israel erinnert sie an das Zusammenleben von Moslems und Juden in der islamischen Welt, das in den 1940er und 1950er Jahre mit der Vertreibung der meisten Juden endete. Dass gerade Angehörige einer Minderheit, denen man sich Jahrhunderte lang überlegen gefühlt hatte, einen Staat mitten in der arabischen Welt aufgebaut haben, empfinden viele Moslems als Demütigung.
Wenn Zuwanderer aus islamischen Ländern oder deren Nachkommen gegen Israel demonstrieren, Juden beschimpfen oder Synagogen belagern, wie dies im Juli in Paris der Fall war, erreichen sie Provokation, Integration, Aufmerksamkeit.
Bei liberalen Europäern – bei Christen, Moslems und allen anderen – erwecken antisemitische Akte im besonderen Maße Abscheu, weil liberale und intelligente Menschen wissen, wie stark gerade der Antisemitismus mit den dunklen Seiten der eigenen Kultur und Geschichte (und nicht nur mit der Schoah) zu tun hat. „Der Jude“ war Jahrhunderte lang der Schatten der christlichen und der islamischen Gesellschaften. Wer auf Juden einschlägt, meint nicht nur diese, sondern auch sich selbst, Anteile des Eigenen, die man gerne verdrängt und in den anderen projiziert. Der Unterschied zwischen den monotheistischen Religionen ist nicht groß. Das Christentum ist aus dem Judentum entstanden, der Islam steht dem Judentum in mancherlei Hinsicht noch näher als dem Christentum. Die Normen und Zwänge, die der Eingottglaube mit seinem Totalitätsanspruch mit sich bringt, wurden internalisiert, die Wut über den Verlust an Vielfalt und Lebendigkeit, der damit einherging, auf jene übertragen, die am Ausgangspunkt dieser Entwicklung stehen: die Juden.
„Juden, erinnert Euch an Khaybar, Mohammeds Armee kehrt zurück!“, brüllten die Teilnehmer der schon erwähnten antiisraelischen Kundgebung in Antwerpen. Dies ist eine Anspielung auf ein Massaker an Juden im 7. Jahrhundert, das auf dem Gebiet des heutigen Saudi-Arabien stattgefunden hatte. Wenn es um wesentliche Aspekte der eigenen kulturellen Identität geht, spielt ein Zeitraum von vierzehn Jahrhunderten keine Rolle.
Das alles sollte man nicht vergessen, wenn man Gianni Vattimo, die gewalttätigen türkischen Jugendlichen in Bischofshofen oder die Demonstranten in Antwerpen verstehen möchte. Sie haben vieles gemeinsam. Ihre Wut hat unterschiedliche Ursachen, doch speist sie sich aus derselben Quelle. Zudem geschieht es wohl oft, dass man die eigenen positiven wie negativen Gefühle, die man Juden entgegenbringt, an Gewalttäter „mit Migrationshintergrund“ delegiert. Wer hat nicht schon eine gewisse „Erleichterung“ verspürt, wenn er erfahren hat, dass ein Jude beschimpft oder verprügelt wurde, der Täter aber – je nachdem, wo die Tat stattgefunden hat – kein „alteingesessener“ Deutscher, Franzose oder Belgier, sondern ein Zuwanderer aus Algerien oder der Türkei gewesen ist?
Und weil dem so ist, bedeutet die „Solidarität mit Gaza“ seitens muslimischer Zuwanderer in Europa eine Form von Integration, weil sie auf das für viele Christen und Moslems gemeinsame ambivalente Verhältnis zum Judentum verweist. Dies ist zwar weder intendiert noch ist es für die meisten Betroffenen selbst erkennbar, die Auswirkungen werden aber trotzdem jene sein, dass man die erwähnten Zuwanderer besser wahrnimmt und sich intensiver mit ihnen beschäftigt. Unabhängig davon, ob ihr Verhalten bei Einheimischen Entsetzen auslöst oder ob man sich direkt oder insgeheim mit ihnen solidarisiert: durch ihren Antisemitismus (ob er sich nun als Antizionismus oder Israelkritik oder als Solidarität mit dem palästinensischen Volk tarnt) erscheinen sie, so zynisch das auch klingen mag, weniger fremd. Ihre Rhetorik ist für viele nicht nachvollziehbar, aber vertraut, ihre Gewaltakte sind schockierend, aber nicht neu. Dies macht es nicht leichter, aber nahe liegender, sich mit ihnen auseinander zu setzen, weil eine ernsthafte Auseinandersetzung mit „Fremden“ immer auch eine Beschäftigung mit sich selbst und dem eigenen kulturellen und persönlichen Hintergrund darstellt.
„Antizionistische“ Kundgebungen hat es in verschiedenen Ländern Europas immer wieder gegeben. Der Judenhass unter Zuwanderern aus islamischen Ländern ist kein neues Phänomen. Wer in Bischofshofen oder anderswo hinschauen und hinhören wollte, konnte ihn schon vor Jahren und Jahrzehnten wahrnehmen. Doch erst jetzt, nach zahlreichen Akten der Gewalt, rückt das Problem ins Bewusstsein einer etwas breiteren Öffentlichkeit. Man erkennt, dass die Menschen im Zuwandererghetto nicht nur in einer Parallelgesellschaft leben, sondern präsent und somit Teil der eigenen (auch emotionalen) Wirklichkeit sind, dass man Fragen von Integration vielleicht anders diskutieren sollte als bisher, dass man bestimmte Ansichten und Handlungen nicht ausschließlich und leichtfertig auf die Mentalität einer fremden Kultur zurückführen darf, sondern im Guten wie im Schlechten die gemeinsamen Wurzeln erkennen und Strategien des Umgangs mit destruktiven gesellschaftlichen Phänomenen wie zum Beispiel dem Antisemitismus entwickeln sollte. Dass es dafür einen Krieg und mehrere Gewaltakte „braucht“, ist ein Armutszeugnis für die Zivilgesellschaft.
© Vladimir Vertlib