In endlosen Wäldern

In endlosen Wäldern

Heute fast vergessen: Vor genau 80 Jahren begann der blutige „Winterkrieg“ zwischen der Sowjetunion und Finnland. In den 105 Tagen des Krieges starben 127.000 Soldaten der Roten Armee, 26.000 Soldaten fielen auf finnischer Seite.

Von Vladimir Vertlib

Es gibt Konflikte, deren Wirkung nachhaltiger ist, als es den meisten Menschen – soweit sie überhaupt jemals davon gehört haben – bewusst ist. In der Geschichte meines Geburtslandes, der Sowjetunion, gab es Ereignisse, die im kollektiven Gedächtnis der Bewohner der Nachfolgestaaten dieses Landes kaum mehr vorhanden sind, außerhalb dieser Region erst recht unbekannt sind, für die Weltgeschichte jedoch von entscheidender Bedeutung gewesen sind. Dazu gehört zum Beispiel der so genannte Winterkrieg zwischen der Sowjetunion und Finnland, der vom 30. November 1939 bis 13. März 1940 dauerte, in Russland aber nicht als Teil des Zweiten Weltkrieges gesehen wird, obwohl er sowohl zeitlich als auch politisch diesem zugeordnet werden müsste. Weder zu Sowjetzeiten noch später erinnerte man sich gerne an diesen Krieg, der vor genau achtzig Jahren geführt wurde, war er doch kein Verteidigungskrieg wie der „Große Vaterländische Krieg“, der eineinhalb Jahre später am 22. Juni 1941 mit dem Angriff Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion begann. Weder hatte er etwas „Heldenhaftes“ an sich noch einen bleibenden Wert für die nachfolgenden Generationen. In Finnland hingegen wird er als existenzieller Abwehrkampf ums Überleben gesehen.

Die besondere Konstellation dieses Krieges ist, dass er zu einem Zeitpunkt stattfand, als der Nichtangriffspakt zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion in Kraft war, was die beiden größten Diktaturen der Welt de facto zu Verbündeten machte. Hitler und Stalin hatten Osteuropa durch geheime Zusatzprotokolle in Einflusssphären eingeteilt. Der Sowjetunion wurde dabei neben Ostpolen, die Bukowina und Bessarabien auch das Baltikum und Finnland zugesprochen. Ostpolen wurde besetzt, die Bukowina und Bessarabien von Rumänien unter deutschem Druck an die Sowjetunion abgetreten, die baltischen Staaten mit „Freundschaftsverträgen“ geknebelt, militärisch besetzt und schließlich annektiert. Beide Diktaturen überzogen ihre jeweiligen Machtbereiche mit Massenterror und arbeiteten wirtschaftlich und politisch eng zusammen, was so weit ging, dass Stalin deutsche Antifaschisten, die in die Sowjetunion geflüchtet waren, an Nazi-Deutschland auslieferte, die Kritik am Nationalsozialismus in den Medien weitestgehend einstellen ließ und den sowjetischen Außenminister Litwinow, einen Juden, durch den Nicht-Juden Molotow ersetzte.

Finnland hatte Ende 1917 seine Unabhängigkeit von Russland erlangt. Im Bürgerkrieg 1918 sowie den nachfolgenden Grenzkämpfen gegen Sowjetrussland, die bis 1920 andauerten, setzten sich antikommunistische Kräfte durch. Fast das gesamte von Finnen bewohnte Gebiet fiel dem neuen Staat zu. Die sowjetisch-finnische Grenze verlief nur knapp 50 Kilometer nördlich von Leningrad (heute St. Petersburg). Finnland hatte sowohl einen Zugang zum Ladoga-See als auch zum Nördlichen Eismeer und wurde von Stalin als mögliches Aufmarschgebiet von potenziellen Feinden der Sowjetunion gesehen.

Über die wahren Gründe des Krieges wird auch heute noch spekuliert. Ging es Stalin „nur“ darum, die Grenze von der Großstadt Leningrad wegschieben und diese „Flanke“ militärisch abzusichern, wie er behauptete, oder ging es ihm um eine Sowjetisierung Finnlands? Schon 1938 verlangte die Sowjetunion von Finnland einen Militärpakt und die Verpachtung einzelner Inseln im Finnischen Meerbusen, die als Militärbasen für die Rote Armee dienen sollten. 1939 kam die Forderung nach einer Grenzkorrektur hinzu. Finnland sollte einen Teil Kareliens in der Nähe von Leningrad an die Sowjetunion abtreten, im Gegenzug dafür aber größere, von Finnen bewohnte Gebiete weiter im Norden erhalten. Doch Finnland, eine parlamentarische Demokratie, in der jedoch damals nationalistische und faschistische Tendenzen stark waren, lehnte diese Forderungen ab. Carl Gustav Emil Mannerheim (1867-1951), Oberbefehlshaber der finnischen Streitkräfte, früher jahrzehntelang Offizier der russischen Armee, hatte in Karelien nördlich der Grenze eine Verteidigungslinie bauen lassen – die „Mannerheim-Linie“, wie sie später genannt wurde. Mannerheim vertraute auf die Stärke seiner Bunker im scheinbar undurchdringlichen finnischen Sumpf und Wald. Ob Finnland sowohl diesen Krieg als auch eine mögliche Sowjetisierung vermeiden hätte können, wenn es auf Stalins Forderungen eingegangen wäre? Mag sein. Die Vernichtung der benachbarten baltischen Republiken, die dem sowjetischen Druck kampflos nachgegeben hatten, spricht eher dagegen.

Am 26. November 1939 kam es zu einer sowjetischen Provokation, die jener der Nazis gegen Polen am 1. September 1939 in nichts nachstand. Der sowjetische Geheimdienst inszenierte den so genannten Mainila-Zwischenfall, bei dem Einheiten der Rote Armee in der Nähe des Grenzdorfes Mainila angeblich von finnischer Artillerie beschossen wurden. Das waren „Fake-News“, die so durchsichtig waren, dass die Sowjetunion dafür am 14. Dezember aus dem Völkerbund, der Vorläuferorganisation der UNO, als Aggressor ausgeschlossen wurde.

Laut sowjetischer Propaganda hatten die finnischen Streitkräfte die ersten Schüsse abgegeben. Ab dem 30. November wurde zurückgeschossen. Nun sollte Finnland vom kapitalistischen Joch, die Bauern aus den Klauen der Großgrundbesitzer und das finnische Proletariat aus seinem Elend befreit werden. Die Soldaten der Roten Armee, die in die finnische Grenzregion einmarschierten, staunten allerdings über den Reichtum und die Sauberkeit der Dörfer, die sie angeblich „befreit“ hatten. Die Bevölkerung war zudem fast in ihrer Gesamtheit vor den Befreiern geflüchtet. „Empfange uns, Suomi [Finnland], du Schöne!“, heißt es in einem pathetischen Propagandalied jener Zeit. Die Schöne brachte sich lieber in Sicherheit… Das finnische Proletariat zog es vor, unterjocht zu bleiben. Den Bauern waren Großgrundbesitzer viel lieber als Kolchosen. Die Errichtung eines kommunistischen Marionettenstaates, der „Finnischen Demokratischen Republik“, deren „Regierung“ im „befreiten“ Grenzdorf Terijoki residierte, änderte nichts daran.

Die Überlegenheit der Roten Armee gegenüber den Finnischen Streitkräften war überwältigend. Sie hatte fünfmal so viele Kanonen, 21 Mal so viele Flugzeuge und fast 50 Mal so viele Panzer als der Gegner (30 finnischen Panzern standen Ende November 2289 sowjetische gegenüber). Die sowjetische Seite nahm den Krieg nicht ernst. Ihn zu gewinnen, war Aufgabe des Leningrader Militärbezirks (weitere Truppen waren anfangs nicht vorgesehen). Spätestens an Stalins 60. Geburtstag am 21. Dezember 1939 sollte die Rote Armee in Helsinki eine Siegesparade abhalten. Die Sowjetunion hatte 190 Millionen Einwohner, Finnland knapp 3,7 Millionen.

Sehr bald stellte sich jedoch heraus, dass die Rote Armee schlecht vorbereitet und schlecht geführt war. Im kältesten Winter seit Jahrzehnten mit Temperaturen auch unter minus 40 Grad Celsius hatten die Soldaten keine warme Kleidung, oft keine passenden Winterschuhe und keine Skier, während die finnische Armee mit warmer, weißer Tarnkleidung ausgerüstet sehr mobil auf Skiern unterwegs war und überall Scharfschützen in den dichten Wäldern postiert hatte. Dass diese Schützen auf Bäumen saßen, wie oft behauptet wurde, gehört allerdings ins Reich der Legende. Gut getarnt waren auch die ausgedehnten Bunkeranlagen, Geschützstellungen und Maschinengewehrnester der Mannerheim-Linie, die die Rote Armee durch Frontalangriffe zu erobern trachtete. Die Folgen waren fatal.

Wenn sie keine oder wenig Munition hatten, setzten die finnischen Kämpfer eine simple, aber wirksame Waffe ein: mit Benzin gefüllte Flaschen, die angezündet und geworfen wurden. Um den sowjetischen Außenminister, der sich mit billiger antifinnischer Propaganda hervorgetan hatte, zu verhöhnen, wurde diese einfache Waffe „Molotowcocktail“ genannt – eine Bezeichnung, die sich bis heute erhalten hat.

Die Truppen des Leningrader Militärbezirks reichten bald nicht mehr aus. Einzelne sowjetische Divisionen mussten mehr als zehnmal aufgefüllt werden. Soldaten aus dem Süden – aus der Ukraine, Transkaukasien oder Zentralasien – litten im besonderen Maße unter der Kälte. Die Rotarmisten starben zu Tausenden bei sinnlosen Attacken der Infanterie gegen befestigte Ziele, bei der Überquerung von Flüssen oder der Eroberung von Anhöhen, die von Ortskundigen gut verteidigt wurden. Sie verirrten sich in den endlosen Wäldern, erfroren, verhungerten oder starben an Entkräftung und Krankheiten.

Die sowjetische Führung versuchte, die hohen Verluste zu verheimlichen. Rotarmisten, die den Krieg überlebt hatten, erzählten jedoch vom katastrophalen Ausgang vieler Schlachten, von Desorganisation und Inkompetenz. Besonders im frontnahen Leningrad hatte sich bald herumgesprochen, dass der Krieg keineswegs leicht und siegreich verlief. Zu den Überlebenden, die über ihre traumatischen Erlebnisse berichteten, gehörte auch mein Großonkel Me‘ir Bregman, der diesen Krieg bei einer nicht mehr ganz zeitgemäßen Waffengattung, der Kavallerie, mitgemacht hatte. In den 105 Tagen des Krieges verlor die Rote Armee nach neuesten Forschungsergebnissen etwa 127.000 Soldaten an Gefallenen und 265.000 an Verwundeten. Etwa 26.000 finnische Soldaten wurden getötet, mehr als 43.000 verwundet. 900 Zivilisten starben bei sowjetischen Luftangriffen auf Helsinki und andere Städte.

Erst Mitte Februar 1940 konnte die Rote Armee die finnischen Verteidigungslinien durchbrechen. Anfang März waren die finnischen Streitkräfte kurz vor dem Zusammenbruch. Am 12. März wurde ein Friedensvertrag unterzeichnet. Alle Kampfhandlungen sollten am 13. März um 12 Uhr mittags enden. Aber noch am Vormittag dieses Tages erfolgte der für beide Seiten sehr verlustreiche, aber völlig sinnlose Sturm der Roten Armee auf die Stadt Vyborg (Viipuri), die zweitgrößte Stadt Finnlands, die laut Friedensvertrag ohnehin an die Sowjetunion abgetreten werden sollte. Man vermutet, dass der Befehl zum Angriff gegeben wurde, bevor die Nachricht über das bevorstehende Kriegsende die Front erreicht hatte.

Die Folgen des Krieges: Der sowjetische Volkskommissar (Minister) für Verteidigung, Kliment Woroschilow, wurde von Stalin seines Amtes enthoben. Finnland musste 11 Prozent seines Territoriums (mit ungefähr 30 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes) an die Sowjetunion abtreten – viel mehr als Stalin im Herbst 1939 gefordert hatte. Die Grenze war nun 200 Kilometer von Leningrad entfernt. Fast die gesamte finnische Bevölkerung – mehr als 400.000 Menschen – war aus dem abgetretenen Gebiet nach Finnland evakuiert wurden. Diese Menschen verloren ihre Heimat und wurden zu Flüchtlingen im eigenen Land. Die Halbinsel Hanko in der Nähe von Helsinki musste an die Sowjetunion verpachtet werden. Dort entstand ein Flottenstützpunkt. Finnland wurde aber im Unterschied zu den baltischen Staaten nicht sowjetisiert. Die „Finnische Demokratische Republik“, die sowieso nur auf dem Papier existiert hatte, wurde wieder aufgelöst. Historiker vermuten, dass die sowjetische Führung vom heftigen Widerstand Finnlands und den hohen Verlusten des Krieges derart geschockt war, dass sie vor einer Eroberung und Besetzung des gesamten Landes zurückschreckte. Außerdem hatten Großbritannien und Frankreich Finnland Unterstützung zugesagt. Hätten sie in den Konflikt eingegriffen, wäre die Sowjetunion wohl auf Seiten Deutschlands in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen worden. Die geplante Parade der Roten Armee in Helsinki fand jedenfalls nie statt. Finnland wurde keine „Volksdemokratie“.

Besonders beeindruckt vom Verlauf dieses Krieges war aber Adolf Hitler. Die Katastrophen der Roten Armee hatten ihn in seiner Überzeugung bestärkt, dass die Sowjetunion kein ernst zu nehmender Gegner war. Nun, vermuten Historiker, fasste er endgültig den Entschluss, den „Plan Barbarossa“ (den Plan zum Überfall auf die Sowjetunion) so rasch wie möglich in die Tat umzusetzen…

© Vladimir Vertlib

Erschienen in: Die Presse, Wien, Spectrum, S. III, 30. November 2019

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