Die Kraft der Kleinigkeit

Publiziert in: „Die Presse, Spectrum“

10.04.2020 um 17:49

von Vladimir Vertlib

Es ist nicht lang her, da hat man ihnen noch die Kinderbeihilfe gekürzt – den Heimhelferinnen und -helfern, die man jetzt in höchster Corona-Not vom Balkan einfliegt. Unsere Aufgabe wird darin bestehen, ihren Beitrag auch nach Ende der Krise nicht zu vergessen.

Krisen haben die Eigenschaft, Gesellschaften zu verändern, noch mehr aber Entwicklungen und Tendenzen, die ohnehin im Gange sind, zu verstärken oder sichtbar zu machen. So wie der Charakter eines Menschen mit all seinen positiven und negativen Seiten in einer Extremsituation meist deutlicher hervortritt als unter „normalen“ Umständen, werden bestimmte gesellschaftliche Ereignisse in schweren Krisenzeiten zu einer Metapher für den Zustand der Gesellschaft und können, je nachdem, als Wegweiser oder als Warnungen aufgefasst werden.

In Zeiten der Corona-Pandemie kann man dies auf der ganzen Welt seit Jänner sukzessive gut beobachten: In China lässt der Überwachungsstaat Orwells Alpträume harmlos erscheinen, in großen Teilen Europas wird die Gefahr verdrängt, bis es zu spät ist, in Indien werden Menschen, die gegen die Ausgangssperre verstoßen, von der Polizei verprügelt oder öffentlich gedemütigt, das Orbán-Regime schafft in Ungarn die Demokratie ab, in den USA werden die Schwächen eines kommerziell ausgerichteten Gesundheitssystems besonders deutlich …

Manchmal sind es aber auch oder gerade scheinbare Kleinigkeiten, die besonders aussagekräftig sind. Eine davon war zum Beispiel, dass sich Bundeskanzler Sebastian Kurz in seinen öffentlichkeitswirksamen und brillant inszenierten „großen“ Reden am Beginn der Corona-Krise zwar immer an die „Österreicherinnen und Österreicher“ wandte, die anderen Bewohnerinnen und Bewohner des Landes aber zu erwähnen „vergaß“.

Dabei liegt der Ausländerinnen- und Ausländeranteil in Österreich bei 16,7 Prozent. Das sind immerhin etwa eineinhalb Millionen Menschen, die das Schicksal des Landes teilen, für die dieselben Regeln gelten, die genauso mithelfen, unter Existenzängsten leiden und sich einschränken müssen wie alle Eingebürgerten und Eingeborenen mit und ohne Migrationshintergrund. Natürlich kann man davon ausgehen, dass die „ausländischen Mitbürger“, wie sie manchmal immer noch genannt werden, Teil des in den letzten Wochen so oft beschworenen „Team Österreich“ sind. Von den politisch Verantwortlichen wurden sie jedoch – von einigen Ausnahmen abgesehen – in den ersten Wochen der Krise nur selten öffentlich erwähnt oder gewürdigt.

Das mag vielen angesichts einer gefährlichen Pandemie als unbedeutender Nebenaspekt erscheinen. Die in Österreich lebenden Ausländerinnen und Ausländer seien stets „mitgemeint“, werden einige behaupten, wie ja auch Frauen früher natürlich mitgemeint waren, wenn man von „Kollegen“, „Lehrern“ oder „Ärzten“ sprach.

Auf jeden Fall ist dieser Umstand symptomatisch für eine Krisenzeit, in der nationale Zugehörigkeiten beschworen werden, während grenzüberschreitende Gemeinsamkeiten eine immer geringere Rolle spielen. Wertvolle Fremde scheinen heute nur mehr jene Heimhelferinnen und -helfer zu sein, denen man vor kurzem noch die Kinderbeihilfe gekürzt hatte, während der Krise aber mit Flugzeugen aus Rumänien nach Österreich eingeflogen hat. Währenddessen wird das Asylrecht de facto außer Kraft gesetzt, und die Geflüchteten auf den griechischen Inseln sind heute sogar den meisten „Gutmenschen“ kaum mehr eine Sorgenfalte wert.

Es mag auf den ersten Blick bizarr erscheinen, doch der sich global ausbreitende und alle Menschen der Welt gleichermaßen betreffende und treffende Corona-Virus bewirkt in vielen Ländern, darunter auch in Österreich – trotz aller Solidarität und Hilfsbereitschaft – die Rückbesinnung auf das Eigene, die Beschwörung des Vertrauten und die Errichtung von Sperren als bestes Mittel gegen einen unsichtbaren Feind. Während Grenzen geschlossen werden, spielen transnationale und internationale Organisationen eine immer geringere Rolle. Sogar die WHO ist in den Medien kaum präsent. Dabei wäre gerade in Zeiten der Pandemie eine gemeinsame, optimalerweise zentral gelenkte Bekämpfung der Seuche vonnöten. Dies ist derart logisch wie die Erkenntnis, dass es uneffektiv und fatal wäre, wenn jedes Bundesland oder gar jede Gemeinde eine eigene Strategie zur Bewältigung der Corona-Krise hätte. Stattdessen schafft es nicht einmal die EU, in dieser Krise eine starke Führungsrolle zu zeigen und integrative Kraft zu entfalten.

Das gesellschaftliche Klima ist derzeit keines, in dem Weltoffenheit gedeihen kann. Von einer „Schicksalsgemeinschaft Welt“ sind wir in Zeiten von Angst und anhaltender Unsicherheit weit entfernt. Dies ist mit einem meist unausgesprochenen, aber schleichenden und immer deutlicher spürbaren Verlust an Zugehörigkeit für jene verbunden, deren Identität immer schon etwas brüchig und prekär und in den Augen anderer nicht eindeutig war. Der politische und gesellschaftliche Rechtsruck der letzten Jahre könnte durch die gegenwärtige Krise noch weiter verstärkt werden. Dies wird besonders dann deutlich, wenn sich jemand nicht oder nur teilweise an die harten Sicherheitsmaßnahmen wie Ausgeh- und Kontaktverbote hält. Die von Einheimischen organisierten „Corona-Partys“ werden von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung schlichtweg „nur“ als dumm wahrgenommen; die in Gruppen spazieren gehenden oder im Park Fußball spielenden jungen Flüchtlinge würden sich hingegen aufgrund ihrer Herkunft und für ihren Kulturkreis „typisch“, sprich, gedankenlos und unsolidarisch, verhalten, heißt es. Gleichzeitig sind viele stolz darauf, dass Österreich bisher dank der Maßnahmen, die hier gesetzt wurden, und der Disziplin der hier lebenden Menschen von der Krise weniger getroffen ist als Länder wie Italien oder Frankreich. Endlich gibt es wieder einen nachvollziehbaren und gleichzeitig politisch unverfänglichen Grund zum nationalen Schulterschluss.

Letzteres bietet uns als Gesellschaft allerdings auch die Chance, im gemeinsamen Erleben und der Bewältigung der Krise etwas Integratives zu sehen. Gerade in den bislang gesellschaftlich wenig angesehenen Berufsgruppen wie jenen der Supermarktkassiererinnen und -kassierer, Krankenschwestern und -pfleger oder Heimhelferinnen und -helfer gibt es überdurchschnittlich viele ausländische Arbeitskräfte sowie Personen mit Migrationshintergrund. Heutzutage werden sie für ihre Arbeit und ihren Einsatz sowie das tägliche Risiko, das sie tragen, oft gelobt. Unsere gesellschaftliche Aufgabe wird darin bestehen, den Beitrag dieser Menschen auch nach dem Ende der Krise nicht zu vergessen, und die Tatsache, dass wir diese Krise nur gemeinsam überstehen konnten, zu einem Teil unseres kollektiven Gedächtnisses zu machen. Dies wird wohl die beste Antwort auf die dunklen Seiten des neuen Patriotismus sein, der jetzt überall spürbar ist.

(c) Vladimir Vertlib

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