Die richtige Seite

„Die Presse“, Wien, „Spectrum“, S. IV

08.05.2020 um 18:25

von Vladimir Vertlib

Mein Großonkel Natan hat als Rotarmist gegen Nazi-Deutschland gekämpft. Ob ich auf ihn deshalb stolz bin? Nein, denn er war auch Vergewaltiger und Dieb. Ob ich dankbar dafür bin, dass er in diesem Krieg gekämpft hat? Ja, das bin ich. Geschichte und ihre Widersprüche: eine Selbsterfahrung.

Der aus Weißrussland stammende Ingenieur Natan Bregman beschreibt in seiner 2008 erschienenen Autobiographie den Zweiten Weltkrieg aus der Perspektive eines einfachen Soldaten der Roten Armee. Sein Bericht ist nüchtern und selbstkritisch. In der deutschen Kleinstadt Steinau an der Oder, erinnert er sich, seien im April 1945 deutsche Zivilisten in einem Raum gefangen gehalten worden. „Bis heute kann ich nicht vergessen“, schreibt Bregman, „wie ich zu einem älteren, intelligent aussehenden Deutschen hingegangen und ‚Uhr!‘ gesagt habe. Schweigend gab er mir seine Armbanduhr. Bis an mein Lebensende werde ich an diese schändliche Tat denken und mich dafür schämen.“ Sein „zweites Verbrechen“ habe er ebenfalls in Steinau begangen, erzählt Bregman: Er wird Zeuge, wie Rotarmisten in einem Kloster Nonnen vergewaltigen, unternimmt aber nichts dagegen, macht weder Meldung bei seinem Kommandeur noch erzählt er sonst jemandem davon… Gruppenvergewaltigungen seien keine Seltenheit gewesen, berichtet er. Immer noch in Steinau betritt er eines Tages mit einem Kameraden ein Haus, in dem sich viele Frauen aufhalten. Vor dem Eingang zum Haus stehen Rotarmisten Schlange. In einer Ecke sieht Bregman eine gut aussehende Frau Mitte zwanzig. Was dann passiert, beschreibt er folgendermaßen: „Ich habe sie hergewunken. Sie stand auf und kam zu mir. Das überraschte mir sehr, aber ich ließ mir nichts anmerken. Sie ging mit mir in ein leeres Zimmer. Ohne ein Wort zu sagen, zog sie ihre Hose aus und legte sich aufs Bett. ‚Bist du Jungfrau?‘, fragte ich sie. Sie schüttelte den Kopf.“

„Ich war zwanzig Jahre alt, und der Teufel hat meine Sinne getrübt“, erzählt er weiter. „Diese Deutsche war meine erste Frau. Ich weiß noch, dass ich zum Abschied ‚Danke‘ zu ihr sagte. […]“ Warum, fragt sich Bregman mehr als sechzig Jahre später, habe sich die Frau nicht gewehrt? Warum habe sie nichts gesagt, nicht protestiert, ja überhaupt nicht geredet? „Auch diese Sünde, die ich begangen habe, werde ich bis an mein Lebensende nicht vergessen“, gesteht er und fügt hinzu, dass er sich manchmal fragt, ob er nicht vielleicht der Vater eines Kindes in Deutschland geworden sei. Zwei bis drei Millionen Kinder, die nach dem Krieg in Deutschland geboren wurden, hätten, „als Folge unseres Aufenthaltes in Deutschland“, wie sich Bregman euphemistisch ausdrückt, Rotarmisten als Väter.

Ob sich die Ereignisse, die Bregman beschreibt, wirklich genau so zugetragen habe? War seine eigene Rolle womöglich eine noch viel schlimmere? Ich weiß es nicht und kann es nicht einschätzen. Ich habe Natan Bregman, den Cousin meiner Großmutter, niemals persönlich kennen gelernt. Ein besonders tiefschürfender Denker war er jedenfalls nicht. Passagenweise liest sich seine Autobiographie als lapidare Aufzählung von gleichsam grauenvollen, abgründigen wie auch belanglosen Ereignissen, die weder bewertet noch in einen stimmigen Kontext gestellt werden. Dass er vieles auslässt, verdrängt oder verharmlost, erkennt man bald an der Struktur seines Textes und an dessen sprachlichen Gestaltung. Immerhin nennt er viele Dinge beim Namen, die in der Sowjetunion tabu waren, und die man im heutigen Russland ebenfalls oft verschweigt. Die wenigen noch lebenden Veteranen des „Großen Vaterländischen Krieges“ werden heute in der offiziellen Hagiographie meist nicht nur zu Übermenschen stilisiert, sie dienen auch als Projektionsfläche für all das, was im kollektiven russischen Bewusstsein als wertvoll, edel und gut angesehen wird. Das heutige Russland mag in den Augen seiner Bewohner korrupt, rückständig und verkommen sein, seine Geschichte voller Verbrechen und selbstverschuldeter Misserfolge, doch gibt es ein Ereignis, das über jeden Verdacht erhaben und jeden Bewohner auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion mit Stolz erfüllen sollte: der Sieg über Nazi-Deutschland und die Errettung der Welt vor dem Faschismus.

An keiner Stelle seiner Autobiographie stilisiert sich Natan Bregman zu einem Helden. Nach dem Überfall des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion im Juni 1941 meldet sich der in Leningrad Flugzeugmechanik studierende jüdische Junge aus der weißrussischen Provinz freiwillig zur Roten Armee, wird aber vorerst nicht genommen, weil er erst sechzehn Jahre alt ist. Während der bald folgenden Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht verhungern Hunderttausende Zivilisten. Bregman überlebt diese Zeit mit viel Glück als Fabrikarbeiter. Im Studentenheim, in dem er untergebracht ist, herrschen furchtbare Zustände. „Wir aßen alles“, erinnert er sich. „Katzen, Hunde. Ein Student brachte uns Fleisch, angeblich Katzenfleisch. Später stellte sich heraus, dass es Menschenfleisch war und der Leiche eines verhungerten Studenten entnommen war.“

Im Frühjahr wiegt Natan Bregman nur mehr 45 Kilo, rückt aber trotzdem im März 1942 zur Roten Armee ein. Als Soldat in einem Bautrupp, später in einer Pionierbrigade und im Entminungsdienst ist seine Überlebenschance größer als bei der Infanterie. Einige Male wird er verwundet, monatelang liegt er mit Tuberkulose im Lazarett, beschreibt aber weder große Schlachten noch persönliche Heldentaten. Das Kriegsende erlebt Bregman in Böhmen. Der heute in Russland mit so großem Pomp gefeierte „Tag des Sieges“ wird in seinem Bericht überhaupt nicht erwähnt. „Der letzte Kampf unserer Division fand am 7. Mai statt“, heißt es. „Über die Kapitulation wussten da schon alle Bescheid. […] Unser Bataillon rückte weiter Richtung Westen vor, kam aber nicht bis Prag. In der Stadt Nechanice, etwa 80 Kilometer von Prag entfernt, blieben wir stehen und quartierten uns ein.“ Das war’s.

Nach der Demobilisierung im Herbst 1945 schließt Bregman sein Studium in Leningrad ab, übersiedelt in die westsibirische Großstadt Omsk, ist sehr erfolgreich in seinem Beruf, heiratet eine Russlanddeutsche, deren Vater als vermeintlicher deutscher Spion fünfzehn Jahre in einem sowjetischen Lager eingesperrt war, gründet eine Familie, wird Vater, Großvater und stirbt hochbetagt im Jahre 2015. Seine Tochter lebt heute mit ihrer Familie in Deutschland.

Fünfundsiebzig Jahre ist es nun her, dass der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende gegangen ist. Ob der 8. Mai und der 9. Mai („Tag des Sieges“ in Russland) für mich Freudentage sind? Selbstverständlich. Ob ich auf meinen Großonkel Natan stolz bin? Natürlich nicht. Er war ein Vergewaltiger und ein Dieb. Es gibt nichts, was seine Verbrechen in irgendeiner Weise relativieren würde. Nichts rechtfertigt Raub, Nötigung und das Wegschauen bei schweren Verbrechen. War Natan stolz auf seinen Kriegseinsatz? Seine Autobiographie verrät nur, dass er überleben wollte.

Ob ich froh und dankbar dafür bin, dass Natan in diesem Krieg gekämpft hat? Ja, das bin ich. Wenn Natan und meine anderen Verwandten, die an der Front waren, so wie Millionen anderer Rotarmisten nicht unter Einsatz ihres Lebens gegen Deutschland und seine Verbündeten gekämpft hätten, dann gäbe es mich schlichtweg nicht, und die Welt, in der wir leben, wäre auch für jene, die heute am Leben wären, ein viel entsetzlicherer Ort, als sie es heute ist. Es mag sich jeder selbst ausmalen, wie Europa nach einem „Endsieg“ des Dritten Reiches umgestaltet worden wäre. Der Krieg gegen Nazi-Deutschland musste gewonnen werden! Das allerdings macht die Sieger zu keinen besseren Menschen.

Das Besondere an der Beurteilung des Zweiten Weltkrieges ist, dass sie so ambivalent, so voller Widersprüche und Grauzonen und gleichzeitig doch so simpel ist. Im Unterschied zu vielen anderen Konflikten, ist es völlig klar, welche Seite die „richtige“ war. Diese Erkenntnis ist unumstößlich, auch wenn sich manche in Deutschland und Österreich immer wieder in regelmäßigen Abständen bemühen, dieses Faktum zu relativieren. Dies wird seit Jahrzehnten mit großem Aufwand betrieben – von den „Landserheftchen“ der 1950er Jahre über die gebetsmühlenartig beschworenen „Verbrechen der Alliierten“, so als könnten diese den Holocaust und den Vernichtungskrieg der Wehrmacht in einem anderen, sprich günstigeren oder zumindest weniger düsteren Licht erscheinen lassen, bis zu der so genannten Historikerdebatte der 1990er Jahre und der niederträchtigen Behauptung des AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland im Jahre 2017, man dürfe als Deutscher auf die Leistungen deutscher Soldaten beider Weltkriege stolz sein. Erschreckend wie viele Menschen hierzulande oder in Deutschland immer noch glauben oder hoffen, den Zweiten Weltkrieg und die Rolle ihre Großeltern und Urgroßeltern genauso betrachten zu dürfen, wie es Briten, Franzosen, Amerikaner, Neuseeländer oder Russen tun. Dies aber wird nie möglich sein, es sei denn, sie belügen sich selbst. Es wäre genauso falsch, wie den 8. Mai in Deutschland oder Österreich zum Feiertag zu erklären, wie es heute von einigen allzu eifrigen Antifaschisten gefordert wird. Tatsache ist nun einmal, dass die meisten Österreicher und Deutschen die Tage im Mai 1945 nicht als Befreiung, sondern als brutale Eroberung und als Niederlage erlebt haben. Jene, die tatsächlich befreit wurden, hatten auch nach dem Krieg unter Ausgrenzung und Misstrauen zu leiden. Sie waren Außenseiter im eigenen Land, weil sie Juden oder Roma waren, weil sie im Exil, im Widerstand, im KZ und nicht „ihre Pflicht getan“ und an der Front gewesen waren, oder weil sie desertiert waren, statt den Heldentod zu sterben.

Meine Aufgabe sehe ich darin, jeglichem Geschichtsrevisionismus entgegenzutreten, denn die Gaulands dieser Welt treten das Andenken der Opfer des Nationalsozialismus mit Füßen. Sie tun dies bewusst und böswillig, oft aus politischer Berechnung, vielleicht sogar als Vorbereitung auf jene gewissenlosen Taten, die sie für die Zukunft geplant haben. Das Schlimme ist der große Zuspruch, den sie immer noch (oder schon wieder!) dafür bekommen.

Nicht minder abstoßend finde ich es, wenn in den Hauptstädten der ehemaligen Gegner Nazi-Deutschlands zum 8. oder 9. Mai große Militärparaden stattfinden, vor allem, wenn in Russland Kinder in Soldatenuniformen patriotische Lieder singen, wenn Siegesfeiern verkitscht, mit rollenden Panzern, Fahnen und den üblichen Standardphrasen geschmückt werden und zu schäbigen Propagandashows für das autoritäre Putin-Regime verkommen. Demzufolge freut es mich, dass die Corona-Pandemie öffentliche Feiern zum 75. Jahresjubiläum des Sieges über Nazi-Deutschland unmöglich macht. Wann immer sie nachgeholt werden sollen, werden sie nicht mehr an den Pomp, die Bombastik und die anmaßende Selbstüberhöhung dessen herankommen, was ursprünglich geplant war.

Ich selbst werde am 8. Mai und am 9. Mai, dem „Tag des Sieges“, an all die Opfer dieses Krieges denken, daran, wie er Menschen nicht nur getötet und gequält, sondern auch gebrochen hat, wie er ihnen die Seele nahm und für immer zerstörte. Ich werde an meine Verwandten denken, die von den Nazis ermordet wurden, im Krieg umgekommen oder gefallen sind, an jene, die für diesen Sieg gekämpft haben – an Natan Bregman zum Beispiel, den ich verachte und verurteile, auch wenn ich nicht wissen kann, ob ich an seiner Stelle ein besserer Mensch gewesen wäre, dem ich dankbar bin, ohne ihn für einen Helden zu halten, der auf der richtigen Seite stand, ohne dass dies sein Verdienst war. Ich werde eine Kerze anzünden und im autobiographischen Roman „Verdammt und getötet“ des unvergleichlichen russischen Autors Wiktor Astafjew (1924-2001) blättern, der den Krieg als das beschrieben und gebrandmarkt hatte, was er ist: ein „Verbrechen gegen die Vernunft“.

© Vladimir Vertlib

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