Gedanken über Corona: Das Leben ist wie eine Insel

Ein Essay des österreichischen Schriftstellers Vladimir Vertlib

Publiziert in: „Salzburger Nachrichten-Online“, am 31. Mai 2020, 13:37 Uhr

Am 16. März, dem Tag, an dem bei uns in Österreich der Lockdown begann, habe ich Kommentare aus alles Welt aus dem Netz kopiert und archiviert. Heute habe ich einiges davon wieder gelesen. Nur einige Wochen sind seit jenem 16. März vergangen, und doch klingt heute vieles von dem, was damals behauptet wurde, albern und anachronistisch. Der Klassiker: Covid-19 sei eine „ganz normale Grippe“. Die Panikmache zielte nur darauf ab, uns zu entmündigen, zu kontrollieren, zu beherrschen und zu manipulieren. Manche meinten sogar, das Virus existiere gar nicht, sei eine Erfindung Trumps oder der chinesischen Führung oder aber des linken oder rechten Establishments. Bill Gates, die Zionisten oder die Islamisten oder sie alle zusammen hätten das Virus in einem chinesischen Labor entwickelt und freigelassen. Die meisten glaubten allerdings, es sei alles sowieso nicht so schlimm.

Eine deutsche Ärztin war anderer Ansicht. Sie schaute eher pessimistisch in die Zukunft. „Die italienischen Ärzte sieben mittlerweile die Behandlung nach Alter aus“, schrieb sie. „Wenn Sie zu alt sind, dann sterben Sie leider. Die Patienten auf der Intensivmedizin werden ins künstliche Koma versetzt, erhalten einen Luftröhrenschnitt, und liegen dann zu Dutzenden nebeneinander an ihren Beatmungsmaschinen. Und jetzt kommt das Schlimmste: Ihre Angehörigen dürfen Sie nicht besuchen. Aufgrund der absoluten Überlastung des Systems werden sie nicht einmal mehr informiert, wenn Sie sterben. Dafür fehlt nämlich schlichtweg die Zeit. Die Krematorien arbeiten Tag und Nacht. Wer da noch Witze darüber macht oder beschwichtigt, der hat ein Rad ab. Wir sind exakt acht Tage hinterher. In acht Tagen spätestens ist hier [in Deutschland] alles zusammengebrochen.“

            Glücklicherweise kam es in Deutschland nie zu italienischen oder spanischen Verhältnissen. Trotzdem hatten in den Augen vieler Menschen die politisch Verantwortlichen in Deutschland versagt. „Die Bundesregierung hat total versagt. Spahn ist ein Trottel, und Merkel muss weg!“ Alles klar?

„Es WÄRE möglich gewesen zu verhindern, dass so viele Großmütter und Großväter in Deutschland vorzeitig sterben müssen“, schrieb ein besorgter deutscher Bürger. „Aber statt sich für einen solchen Fall vorzubereiten, hatte die deutsche Politik ja anderes zu tun: Kampf gegen „rechts“, Entwertung der Ehe, sexuelle Umerziehung, Windräder, von bewaffneten Zollbeamten kontrollierter Mindestlohn und natürlich die Organisation der Migration ins bedingungslose Grundeinkommen.“ Andere pflichteten ihm bei: „Hoffen wir, dass das Schlimmste noch verhindert werden kann: Nämlich die 70 Prozent Infizierten, die Merkel bereits eingeplant zu haben scheint, und damit zwei Millionen Tote. Nach der Verflachung der Kurve breitet sich das Virus nur deshalb nicht weiter aus, weil es fast alle gehabt haben werden und deshalb immun sind – so der deutsche Plan, bei dem eben zwei Millionen Tote mit eingeplant sind durch Merkel und Spahn.“ Manche erdreisteten sich, noch präzisere Prognosen zu machen: „Alle drei Tage verdoppeln sich die Fallzahlen in Deutschland. Ende März hat Deutschland bei gleichbleibender Ausbreitungsgeschwindigkeit 160.000, Mitte April wird die Millionenmarke überschritten. Ende April werden über 30 Millionen Deutsche an Covid-19 erkrankt sein!“ Wenn alles nicht so traurig wäre, könnte man heute darüber lachen.

            Fast scheint es, als gäbe es eine neue Modeerscheinung: die beinahe romantisch anmutende Sehnsucht nach der Todesziffer, vor der man wohlig erschaudern kann. Für die oben zitierte Ärztin gilt dies vielleicht nur zum Teil, für die anderen aber sehr wohl. Das Sterben und der Tod bleiben für sie abstrakt, eine Zahl und im schlimmsten Fall ein Instrument, um die eigene politische Agenda durchzubringen.

            Abstrakt bleibt, von Ausnahmen abgesehen, der Tod meist auch in der Fernsehberichterstattung, in Gesprächen oder in Interviews. Gewiss: Fast jeder kennt die Bilder von italienischen Militärfahrzeugen, die Verstorbene in Krematorien transportierten, oder der mit Holzsärgen gefüllten Massengräber auf einer Insel in New York. Hin und wieder erzählen Ärzte und Krankenschwestern vor laufender Kamera, was Triage wirklich bedeutet, ringen nach Worten und brechen in Tränen aus, noch seltener kommen Angehörige von Verstorbenen zu Wort, und noch seltener als das und seltener als in Zeiten vor der Krise wird über Sterben und Tod, und zwar nicht als Zahl oder als Gegner in einem „Krieg gegen einen unsichtbaren Feind“, sondern als unvermeidlichen Teil des Lebens gesprochen. Sogar zu Ostern wurde, und zwar durchaus löblich, viel über Opfer und Solidarität, über Durchhalten und Hoffnung für die Zukunft, aber im Vergleich dazu erstaunlich wenig über Tod und Auferstehung gesprochen. Dies ist insofern bemerkenswert, als in den kommenden Wochen und Monaten, besonders dann, wenn es zur befürchteten „zweiten Welle“ kommt, auf der ganzen Welt noch Zehntausende Menschen, wenn nicht mehr, dem tödlichen Virus zum Opfer fallen werden – Menschen, die sich heute gesund fühlen, scheinbar alles richtig machen, „Social Distancing“ pflegen, in manchen Fällen weder  alt sind noch Vorerkrankungen haben. Es sind Menschen wie wir alle, jede und jeder von uns kann es sein, alle kann es treffen. Sie werden sterben, sie wissen es nur noch nicht, so wie Anfang März Zehntausende Menschen bei uns und in unseren Nachbarländern nicht ahnen konnten, dass sie schon in wenigen Wochen tot sein würden.

            Mein lieber Kollege, der österreichische Schriftsteller Dimitré Dinev, bemerkte einige Wochen vor Beginn der Corona-Krise während einer Lesung in Salzburg: Unser Leben ist wie eine Insel, eine Insel, die umgeben ist von Tod. Er wird mir bestimmt verzeihen, wenn ich ihn nur sinngemäß aus dem Gedächtnis und nicht wortwörtlich zitiere. Unser Leben ist kurz und ein einmaliges Glück, der Tod ist unausweichlich, und was danach kommt, ist ungewiss. Jeder von uns weiß allerdings, dass er oder sie mit größerer Wahrscheinlichkeit bei einem Auto- oder Radunfall als an den Folgen von Covid-19 sterben wird. Doch spielt das überhaupt keine Rolle, denn der Unfalltod ist ein Trauma, gegen das wir als Gesellschaft schon eine Immunität entwickelt haben. Eine Seuche von biblischen Ausmaßen hingegen ist eine leibhaftig gewordene Metapher. Dies böte eine gute Gelegenheit, innezuhalten und darüber nachzudenken, wofür dieses Virus eigentlich steht. Die Menschen des Spätmittelalters taten dies zum Beispiel sehr wohl und stellten die Pest in den meisten Abbildungen jener Zeit entsprechend drastisch dar: oft als Schnitter Tod, auf einer Schindmähre reitend, mit einer Sense in der Hand. Das Corona-Virus hingegen kennt man als behaarten, bunten Ball, der an Kinderspielzeug erinnert. Der Tod trifft „die Anderen“, jene Alten und Schwachen, die man schützen soll, und wenn er auftritt, dann als Zahl oder als Prozentsatz. Man durchleidet wirtschaftliche Existenzängste, diskutiert darüber, ob man Masken tragen soll oder nicht, denunziert Nachbarn, die den Lockdown nicht allzu ernst genommen haben, und freut sich, dass die Einkaufszentren wieder offen sind. Die Corona-Krise ändert wenig an den grundsätzlichen Prinzipien und Regeln der Welt. Das Konsum- und Sozialverhalten wird – mit leichten Verschiebungen und ein paar neuen Schwerpunkten – dort ansetzen, wo es vor der Krise aufgehört hat, und bald wieder dort sein, wo es einmal war.

            Der Umgang mit dem Corona-Virus zeigt die ganze Ambivalenz der post-postmodernen Welt auf: Man unternimmt alles, bis hin zum Niedergang der Weltwirtschaft und einen nachhaltigen Wohlstandsverlust, um das Leben von Menschen zu retten, ohne dass dies zu einem intensiven gesellschaftlichen Diskurs über den Wert und die Bedeutung des menschlichen Leben an sich führen würde. Dabei wäre dies die Gelegenheit, über Themen wie Euthanasie und Abtreibung, über Hunger und Armut, Wirtschaft und Soziales, den Klimawandel, über Seuchen (jedes Jahr sterben immer noch Millionen Menschen an Malaria, Gelbfieber, der Schlafkrankheit, Tuberkulose, Aids und mancherorts sogar noch an der Cholera) und den alltäglichen Tod, den wir hinnehmen, den wir verdrängen und vor dem wir Angst haben, auf eine neue Weise zu diskutieren. Das heißt nicht, dass alles neu verhandelt werden muss, doch zumindest angedacht und neu besprochen sollte es werden. Wird man die Angehörigen der Opfer mit ihrer Trauer allein lassen? Ich fürchte ja. Allenfalls wird man sie zu Symbolen stilisieren, zu gefühlsbeladenen Projektionsflächen der anderen, Edelkitsch in den Händen jener, die rasch genug zur Stelle sind, um die ersehnten Symbole zu formen…

            Man vergleicht also täglich Sterbezahlen, spricht aber selten über Sterben und Tod. Man spricht viel über alte Menschen und versucht alles, um sie zu schützen, obwohl man gerade sie in den letzten Jahrzehnten immer öfter als Bürde und als ökonomisch wertlos angesehen hat, und sie auch jetzt erstaunlich selten selbst zu Wort kommen lässt.

            Man beschwört Werte wie Solidarität und Nachbarschaftshilfe, wird dabei aber immer nationalistischer und lokalpatriotischer und kocht letztlich sein eigenes Süppchen. 

Und über allem liegt die Angst – latent und manifest, bewusst, halb bewusst und unbewusst, die Angst um uns selbst und um jene, die uns nahe stehen. Todesangst! Urangst, viel älter als wir selbst! Eine Angst, die noch Jahre und Jahrzehnte unser Selbstverständnis, unsere Mentalität und Kultur prägen wird. Doch kaum jemand spricht das aus. Vielmehr diskutiert man, ob die Fußballbundesliga fertig gespielt werden kann, und ob man an einem See spazieren gehen darf, so als ahnte man, wie wertvoll das Leben und das Erleben des Augenblicks ist.

Was ängstigt uns am meisten? Der Kontrollverlust? Vielleicht. Doch eigentlich wissen wir alle, wie wenig wir im Leben wirklich unter Kontrolle haben. Wir wachen morgens fröhlich, voller Tatendrang und Pläne auf und liegen abends schon in der Kühltruhe des Leichenschauhauses, weil uns eine Wespe gestochen hat, und wir nicht gewusst hatten, dass wir gegen Wespenstiche allergisch sind. Um überhaupt leben zu können, verdrängen wir ständig, aber wir vergessen nicht, dass das Leben eigentlich eine Zumutung ist.

Ist es die Dimension dieser Pandemie, die uns in Panik versetzt? Wohl kaum. Es gab viel schlimmere Epidemien, und es gibt, wie schon erwähnt, heute noch Krankheiten und Seuchen, die jedes Jahr sehr viel mehr Menschenleben kosten, ohne dass dies jemals einen Bericht in den Nachrichten wert wäre. Jedoch handelt es sich um Krankheiten, die wir seit langem kennen. Wir können die mit ihnen verbundenen Gefahren einschätzen, wir wissen wie wir sie bekämpfen, wie wir uns vor ihnen schützen (oder nicht schützen können) und welche Wirkung sie auf uns haben. Covid-19 jedoch ist immer noch die große Unbekannte. Noch weiß man nichts über die Spätfolgen dieser Krankheit, über die Immunität, über etwaige Resistenzen gegen noch nicht entwickelte Impfungen, über die Tücken der Ausbreitung, über weitere Wellen der Krankheit oder mögliche Mutationen des Virus Bescheid. Genau das aber aktiviert unsere tiefsten, unsere ureigensten Ängste, die noch tiefer liegen als viele andere.

Die Angst vor den großen und unbekannten Seuchen, die plötzlich, überfallsartig, die Bevölkerung heimsuchen und dezimieren, ist wohl tief in unseren Genen und unserem kollektiven Gedächtnis gespeichert. Unsere Reaktion auf den Corona-Virus und Covid-19 ist einerseits hypermodern, andererseits aber sehr archaisch. Niemand von uns hat die großen Pest- und Choleraepidemien und die von den Opferzahlen her noch größeren Pockenepidemien vergangener Jahrhunderte erlebt, doch jede und jeder trägt instinktiv den absoluten Horror davor in sich: das Ausgeliefertsein an einen „unsichtbaren Feind“, den man nicht kennt und überhaupt nicht einschätzen kann, dem man ohnmächtig ausgeliefert ist wie einer unsichtbaren, metaphysischen Kraft, sei dies nun Gott oder Teufel oder das Schicksal, welches uns unaufhaltsam hin zum Abgrund schiebt.

Um zu überleben, haben wir gelernt, anderen Menschen zu vertrauen. Das diesem Vertrauen zugrunde liegende Grundgefühl kann bei einzelnen Menschen, die Missbrauch, Krieg, Verfolgung, Konzentrationslager oder Deportationen erlebt haben, verloren gehen, kehrt aber in den nachfolgenden Generationen wieder zurück. Der Horror vor der „großen Seuche“, dem unsichtbaren Feind, ist viel tiefer und nachhaltiger und ist wohl nur mit der Angst vor der noch größeren und noch älteren Geißel der Menschheit vergleichbar – dem Hunger. Schon gibt es Menschen, die vor den wirtschaftlichen Folgen der Lockdowns und einem Massenhunger in Ländern der Dritten Welt warnen. Wir sollten unsere Alten und Kranken, die ohnehin bald sterben, opfern, auf dass nicht morgen noch mehr Kinder sowie gesunde, junge Menschen verhungern. Glücklicherweise ist diese Meinung (noch?) nicht mehrheitsfähig!

© Vladimir Vertlib

Comments
One Response to “Gedanken über Corona: Das Leben ist wie eine Insel”
  1. Marilya Veteto Reese sagt:

    Habe ich das noch vor Mitternacht geschafft?

    Dir alles Gute und liebe Grüße an Euch beide! Marilya

    Marilya Veteto Reese, Ph.D. preferred pronoun: she/her Professor of German, ONLINE ONLY until further notice Office Hours T/TH 2-3 via ZOOM Sprechstunden: Di/Doi 14-15 via ZOOM Dpt of Global Languages & Cultures, Flagstaff Arizona

    ________________________________ From: Vladimir Vertlib – Schriftsteller Sent: Tuesday, June 2, 2020 2:38 PM To: Marilya Veteto Reese Subject: [Neuer Eintrag] Gedanken über Corona: Das Leben ist wie eine Insel

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    Ein Essay des österreichischen Schriftstellers Vladimir Vertlib

    Publiziert in: „Salzburger Nachrichten-Online“, am 31. Mai 2020, 13:37 Uhr

    Am 16. März, dem Tag, an dem bei uns in Österreich der Lockdown begann, habe ich Kommentare aus alles Welt aus dem Netz kopiert und archiviert. Heute habe ich einiges davon wieder gelesen. Nur einige Wochen sind seit jenem 16. März vergangen, und doch klingt heute vieles von dem, was damals behauptet wurde, albern und anachronistisch. Der Klassiker: Covid-19 sei eine „ganz normale Grippe“. Die Panikmache zielte nur darauf ab, uns zu entmündigen, zu kontrollieren, zu beherrschen und zu manipulieren. Manche meinten sogar, das Virus existiere gar nicht, sei eine Erfindung Trumps oder der chinesischen Führung oder aber des linken oder rechten Establishments. Bill Gates, die Zionisten oder die Islamisten oder sie alle zusammen hätten das Virus in einem chinesischen Labor entwickelt und freigelassen. Die meisten glaubten allerdings, es sei alles sowieso nicht so schlimm.

    Eine deutsche Ärzt

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