„Ganz schön fies“

24.07.2020 um 18:44
Rezension erschienen in: „Die Presse, Spectrum“, Wien

von Vladimir Vertlib

Hans Raimunds Essayband „Neigungen“ hat Potenzial, berichtet er doch von symptomatischen Auseinandersetzungen im heimischen Literaturbetrieb. Leider aber nur aus Sicht des Autors – in einem oft verschrobenen Schreibstil.

Hans Raimunds Essayband „Neigungen“ hat Potenzial, berichtet er doch von symptomatischen Auseinandersetzungen im heimischen Literaturbetrieb. Leider aber nur aus Sicht des Autors – in einem oft verschrobenen Schreibstil.

Im Frühjahr 2001 wird der österreichische Autor Hans Raimund gebeten, Mitglied der Jury für den in Salzburg vergebenen renommierten Georg-Trakl-Preis für Lyrik zu werden. Der Autor, eher ein Außenseiter des Literaturbetriebs, der bis dahin stets jegliche Jury-Tätigkeiten abgelehnt hatte, lässt sich diesmal „einfangen“. Einige Jahre zuvor hat Raimund selbst den Trakl-Preis erhalten. Seine beiden Jury-Kollegen sind – eine sehr rührige und erfolgreiche Literaturwissenschaftlerin, die schon in vielen Jurys gesessen ist, und ein angesehener Universitätsprofessor aus Salzburg.

Hans Raimund sucht nach einem geeigneten Preisträger und schlägt den aus Prag stammenden, seit langem in der Schweiz lebenden, jüdischen Dichter Franz Wurm (1926-2010) vor. Doch die beiden anderen Mitglieder der Jury haben sich längst für einen anderen Kandidaten entschieden – für den arrivierten österreichischen Autor Andreas Okopenko (1930-2010).

Die Jury-Sitzung dauert nur zehn Minuten. Eine Diskussion über das Werk von Wurm oder über jenes von Okopenko findet nicht statt. Vielmehr wird Hans Raimund von einem anwesenden Herrn der Kulturabteilung „nahe gelegt, der Einstimmigkeit der Entscheidung nicht im Wege zu stehen“. Widerwillig gibt Raimund nach. Bei einem anschließenden gemeinsamen Kaffeehausbesuch erklärt ihm die Literaturwissenschaftlerin: „Unter den derzeitigen Umständen in Österreich [gemeint ist die schwarz-blaue Regierung unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel] wäre das [also die Verleihung des Preises an einen jüdischen Autor und Emigranten] eine eindeutig politische Entscheidung.“

Hans Raimund ist über „diese Ungeheuerlichkeit“ schockiert. Er schreibt über die von ihm als skandalös erlebte Jury-Erfahrung einen Artikel, der am 22. August 2001 in „Die Presse“ veröffentlicht wird. Was folgt, ist der wohl größte Sturm im Wasserglas aller Zeiten. Die Literaturwissenschaftlerin verfasst eine Entgegnung und schildert die Ereignisse aus ihrer Sicht, der Salzburger Germanistikprofessor versucht, eine versöhnliche Zwischenposition einzunehmen. Große Teile des österreichischen Literaturbetriebs, darunter auch namhafte Autoren wie Karl-Markus Gauß oder Anna Mitgutsch, ergreifen entweder für oder gegen Raimund Partei. Die Interpretationsmöglichkeiten des Vorgefallenen sind vielfältig. „Die Wahrheit“ bleibt letztlich eine Frage der Haltung, der persönlichen Befindlichkeiten und der Perspektive …

Heute, knapp zwanzig Jahre später, legt der Schriftsteller Hans Raimund einen Sammelband mit dem Titel „Neigungen“ vor, in dem unter anderem auch der erwähnte leidige Skandal rund um den Trakl-Preis 2002 wieder aufgewärmt wird. Im Kapitel „Erregungen“ kann man sowohl Raimunds damaligen Presse-Artikel wie auch eine Reihe seiner Briefe und Repliken auf die Stellungnahmen von Kolleginnen und Kollegen nachlesen. Hierbei finden sich oftmals klare Worte. „Sehr geehrte Frau Mitgutsch“, beginnt zum Beispiel Raimunds Brief an die Kollegin, „ganz schön fies ihr Artikel ‚Die lachenden Dritten‘ im Standard vom 20. Oktober!“ Was folgt, ist nicht wesentlich freundlicher …

Leider kann man weder Mitgutschs Standard-Artikel noch die Briefe und Artikel der anderen Raimund-Kritiker im Sammelband nachlesen. Allenfalls zieht man aus Raimunds Repliken indirekt Rückschlüsse auf die Argumente seiner Gegner. Dies ist vielleicht einfach darauf zurückzuführen, dass der Autor keine Abdruckrechte für die in Frage kommenden Texte erhalten hat. Trotzdem wäre es angemessen und fair gewesen, wenn er zumindest Zusammenfassungen verfasst, oder eben eine andere Form der Darstellung gewählt hätte.

Grundsätzlich eignet sich der beschriebene Vorfall, den man je nach Laune als Posse, als Infamie oder als absurdes Theater wahrnehmen kann, auch heute gut dafür, um sowohl auf bestimmte Abgründe der austriakischen Mentalitäten und die damit verbundenen, leider stets aktuell bleibenden gesellschaftlichen Folgen hinzuweisen. Hans Raimund nützt diese Chance leider nur im Ansatz. Trotz der großen zeitlichen Distanz fehlt ihm die nötige Abgeklärtheit, um die damaligen Vorkommnisse als exemplarischen Fall darzustellen. Der aufgeregte, überbordende, oftmals verschrobene, um nicht zu sagen verschwurbelte Schreibstil seiner Briefe und Artikel hätte für einen Sammelband, der zwanzig Jahre später erscheint, verknappt, zumindest aber besser aufbereitet, kommentiert und optimalerweise an manchen Stellen ironisch gebrochen werden sollen. Nüchternheit und Lakonie wären hier auf jeden Fall angemessen gewesen!    

Ähnliches gilt leider auch für die meisten anderen Beiträge dieses Sammelbandes. Raimunds Reden, Artikel und Reflexionen aus mehreren Jahrzehnten sind grundsätzlich lesenswert, handelt es sich doch um zum Teil hoch interessante, meist einfühlsame und auf profundem Wissen beruhende Einblicke in Leben und Werk bekannter und weniger bekannter Autoren (Klaus Sandler und Hermann Hakel zum Beispiel, aber auch Georg Trakl, Anton Wildgans, Erich Fried und Umberto Eco), um persönliche Erinnerungen, um transkulturelle Räume oder um Beispiele aus Übersetzerwerkstätten. Leider vermag die Form der Darstellung auch hier nicht zu überzeugen. Originelle Überlegungen gehen in langatmigen Passagen, stimmige poetische Formulierungen in Schachtelsätzen und die Spannung in überflüssigen gedanklichen Einschüben verloren. Des Autors Vorliebe für das im Deutschen meist altbacken und manieriert wirkende Partizip Präsens macht die Sache noch schlimmer. Raimunds oftmaliges Lamento gegen den literarischen Mainstream und die „abgegriffen glatte, flache, seichte, für den problemlosen Konsum bestimmte, durch Computerprogramme reglementierte Alltagssprache von heute“ ist klischeehaft, oberflächlich und somit entbehrlich. Geistreich und unterhaltsam ist das Buch vor allem dort, wo der Autor sich seinen Themen – leider zu selten – mit Ironie, insbesondere mit Selbstironie, mit Esprit und abgründigem Witz annähert.

© Vladimir Vertlib

Hans Raimund

Neigungen
Zuneigungen. Abneigungen. Verneigungen. Porträt des Autors als Leser. 295 S., broschiert (Löcker Verlag, Wien 2019).  

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