Als ich Rassist war

Ist man ein kräftiger Underdog, wird man umgebracht – aus Angst; ist man angepasst und erfolgreich, wird man ebenfalls umgebracht – aus Neid. Vom Leben als Minderheit: Erfahrungen aus den USA, Russland – und Österreich.

Von Vladimir Vertlib

Erschienen in: Die Presse, Wien, 10. Oktober 2020, Spectrum, S. IV


Als ich vor vierzig Jahren in den USA gelebt habe, war ich Rassist. Nein, ich war kein ideologischer Rassist und hätte es niemals zugegeben, Rassist zu sein. In erster Linie hatte ich Angst. Ich war vierzehn Jahre alt und mit meinen Eltern als Migrant in den USA. Der Migrationsversuch sollte scheitern und im Herbst 1981 mit Schubhaft und Abschiebung enden. Doch bevor es so weit war, besuchte ich in Boston, Massachusetts, eine „Public High School“. Diese war in vielerlei Hinsicht typisch. Sie befand sich in einem so genannten „gemischten Viertel“, in dem es Sozialwohnungen und Einfamilienhäuser, schwarze und weiße Bewohner, Latinos, Zuwanderer aus der ganzen Welt, Flaniermeilen und Straßen gab, die man abends meiden sollte. Die Schule spiegelte die Sozialstruktur des Viertels wider, aber nicht nur das: Schüler aus anderen Vierteln der Stadt wurden mit Bussen zu uns gebracht, während Jugendliche aus unserem Viertel jeden Morgen in andere Schulen gekarrt wurden, um eine damals als „Desegregation“ bezeichnete soziale und ethnische Durchmischung zu erzwingen und dadurch Integration und die Chancengleichheit aller herbeizuführen. Der Erfolg dieser Methode war bescheiden. Morde fanden in Bostoner Schulen zwar nur selten statt, doch Schlägereien aus rassistischen Motiven, Messerstechereien, schwere Verletzungen, Überfälle und Diebstähle waren an der Tagesordnung. Schwarze und Weiße, Latinos, Vietnamesen oder russische Juden blieben unter sich. Die erzwungenen Fahrten mit dem Schulbus machten sie weder zu weltoffeneren noch zu besseren Menschen. Die „Desegregation“ fand in erster Linie in den Köpfen von politisch Verantwortlichen statt, die allesamt in gut geschützten, sauberen und hauptsächlich von reichen Weißen bewohnten Villenvierteln zu Hause waren.

            Wir „Russen“ bezeichneten Schwarze als „Schneeflocken“ und noch öfter als „Schneewittchen“, wenn wir miteinander redeten, weil die russischen Ausdrücke für „Neger“ und „Schwarze“ unseren schwarzen Mitschülern längst bekannt waren. Die weißen Amerikaner erschienen uns naiv und ungebildet, die Latinos waren laut und übergriffig, die Vietnamesen exotisch und lächerlich; „Schneewittchen“ waren kriminell und gefährlich. Wenn jemand überfallen, verprügelt oder bestohlen wurde, dann waren die Täter meist „Schneewittchen“. Das war kein rassistisches Vorurteil, das war wirklich so!

            Leider hat sich die Situation in den letzten vierzig Jahren nicht wesentlich verbessert. Obwohl es inzwischen eine schwarze Mittelschicht gibt, sind immer noch überdurchschnittlich viele Afroamerikaner arm, ungebildet oder kriminell. Das entschuldigt natürlich niemals die übertriebene Polizeigewalt gegen Schwarze, die in den USA zum Alltag gehört, doch wer der Polizei „Racial Profiling“ vorwirft, sollte die sozialen Tatsachen mitbedenken…

            Keiner von uns sprach darüber, warum so viele „Schneewittchen“ tatsächlich ihrem Klischee entsprachen. Sie waren aggressive Halbstarke, in deren Augen wir, die zugewanderten russischen Juden, schwach, stumm und deshalb zurecht prügelwürdig waren. Warum aber nahmen wir nur jene wahr, vor denen wir Angst hatten, und übersahen die anderen? Wussten wir, dass ihre Vorfahren als Sklaven nach Amerika gebracht worden waren? Dass ihre Ursprungskultur nach ihrer Versklavung systematisch zerstört, ihnen das Lesen und Schreiben verboten, ihnen ein beruflicher und wirtschaftlicher Erfolg versagt, die Bildung verwehrt und politische Rechte jahrzehntelang genommen worden waren, dass sie hundert Jahre in einem Apartheid-Staat gelebt hatten und immer noch in einem Polizeistaat lebten? Ja, das wussten wir, auch wenn die meisten von uns weder die Details kannten noch je etwas über die Geschichte der Schwarzen in Amerika gelernt hatten. Doch wenn man als Immigrant mit der harten Realität konfrontiert wird, lernt man schnell. So internalisierten wir bald die Perspektive der weißen, nichtelitären und somit unterprivilegierten Mehrheit, die in diesem Land mit Schwarzen und anderen Minderheiten Seite an Seite oder zumindest Rücken an Rücken leben muss: Angst, aber auch Wut, ein Gefühl der Überlegenheit, aber auch der Scham für all das, was „den anderen“ angetan worden war, wofür wir persönlich zwar in keiner Weise verantwortlich waren, uns aber auf eine seltsam hybride Weise dennoch verantwortlich fühlten.

            Schlimmer als die Angst ist das latente Misstrauen, mit dem die weiße Mehrheit Afroamerikanern oft heute noch begegnet. Kann man von den Nachkommen von Sklaven, von Gelynchten, Gefolterten, Verachteten, Gedemütigten überhaupt erwarten oder auch nur annehmen, dass sie ihr Land genauso liebten und sich damit identifizierten wie die große Mehrheit, deren Vorfahren freiwillig aus aller Welt in dieses Land eingewandert waren? Die Unterstellung von Ambivalenz, im schlimmsten Fall von böser Absicht und von Rachegelüsten gepaart mit rassistischen Projektionen rührt am eigentlichen Kern aller Probleme.

Die erwähnte Ambivalenz ist zweifellos Realität. Um eine persönliche Analogie zu wagen: Ich selbst bin seit fast 34 Jahren österreichischer Staatsbürger und fühle mich meinem Land zugehörig; völlig verdrängen kann ich die Tatsache aber natürlich nicht, dass ich, wäre ich nur einundzwanzigeinhalb Jahre früher hier, in diesem Land, geboren, sofort als Jude ermordet – erschlagen oder vergast und in einen Ofen geworfen – worden wäre. Diese mir stets bekannte Tatsache war beängstigend und verstörend und ist es bis heute geblieben. In meiner Kindheit und Jugend fragte ich mich oft, wenn ich älteren Menschen im Alltag begegnete, was sie damals, wäre ich schon auf der Welt, wohl mit mir gemacht hätten. Hätten sie mich gerettet? Hätten sie weggeschaut, während man mich tötete, oder gar mitgemordet?

            Selbstverständlich brachten mich weder die österreichische Vergangenheit noch der Antisemitismus und die Fremdenfeindlichkeit, die ich in diesem Land erleben musste, weder Ambivalenz noch Entfremdung jemals auf die Idee, anderen Menschen Gewalt anzutun, auf eine gute Ausbildung zu verzichten, eine kriminelle Karriere einzuschlagen oder mich gar einer Gang anzuschließen. Trotz aller offensichtlichen oder bemüht konstruierten Parallelen bin ich anders sozialisiert und gehöre einer anderen Minderheit an als die „Schneewittchen“. Meine Eltern hatten mir stets vermittelt, ich müsse fleißiger, gebildeter und optimalerweise auch klüger sein als „die Eingeborenen“, um hier und in dieser Welt zu bestehen.

Die eigentlich schlechte Nachricht ist jedoch: es gibt nur bedingt oder in nur geringem Maße einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem tendenziellen Verhalten einer Minderheit in der Gesellschaft und deren Behandlung durch die Mehrheit. Entscheidender als die so genannte Realität sind Emotionen, das kollektive Gedächtnis, vorgefasste Meinungen und kulturelle Codes. Fakten, aber auch Fake-News spielen eine untergeordnete Rolle. Die jüdische Minderheit, der ich entstamme, war in den letzten Jahrhunderten im Schnitt „erfolgreicher“ als Afroamerikaner oder manche andere Minderheiten in den USA oder anderswo. Zwar waren Juden im Russischen Reich niemals Leibeigene wie die meisten Bauern, aber ihr Leben war starken Einschränkungen unterworfen. Sie durften nur in bestimmten Regionen des Landes leben, durften kein Land besitzen oder pachten, die meisten Berufe waren ihnen verwehrt, sie wurden verachtet, schikaniert und bei Pogromen ermordet. Dennoch gab es unter den Juden – trotz vieler bitterarmer so genannter „Luftmenschen“ – schon damals einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Gebildeten und gesellschaftlichen Aufsteigern – Akademiker, Künstler, Intellektuelle, Unternehmer. Eine Großtante von mir, Jahrgang 1898, hatte sogar das Glück, ein zaristisches Mädchengymnasium besuchen zu dürfen. In einer Region mit einem jüdischen Bevölkerungsanteil von über 30 Prozent, hatte das Gymnasien eine Quote für Jüdinnen von nur einem Prozent. Hätte es keinerlei Beschränkungen gegeben, wären wahrscheinlich nicht 30, sondern 50 oder mehr Prozent der Schülerinnen Jüdinnen gewesen…

            Was aber hat es den Angehörigen meiner Familie und anderen Juden in Russland, in Österreich und manchen anderen Ländern gebracht, dass sie so fleißig, angepasst, ehrgeizig, integriert und zeitweise sehr erfolgreich waren? Sie wurden vertrieben, ermordet, in die Emigration gezwungen und oftmals auch dann wieder zu Juden „gemacht“, wenn sie sich längst an die Mehrheitsgesellschaft assimiliert hatten. Ähnlich erging es übrigens der gleichfalls sehr „fleißigen“ chinesischen Minderheit in Indonesien und anderenorts in Ostasien – Hunderttausende verloren bei Pogromen ihr Leben. Auf den Punkt gebracht, bedeutet dies: ist man ein kräftiger, maskuliner Underdog, wird man umgebracht – aus Angst; ist man angepasst und erfolgreich, wird man ebenfalls umgebracht – aus Neid. Wo sich die Vorurteile der Mehrheitsgesellschaften gegen Schwarze und Juden immer wieder treffen, ist die Unterstellung von übertriebener sexueller Potenz, Geilheit und Gewalt – ein besonders abscheulicher Gleichklang von Ängsten, Komplexen und Projektionen.

Wenigstens konnten meine Vorfahren im Alltag, solange sie kein „typisch jüdisches Aussehen“ hatten, ihre Herkunft verschleiern. Afroamerikaner haben nicht einmal diese Möglichkeit, es sei denn „sie gehen als Weiße durch“, was zwar Stoff für großartige Romane wie „Der menschliche Makel“ von Philip Roth bildet, in der Realität aber nur selten der Fall ist. Zweifellos ist es besser, ein angenehmes, bürgerliches Leben zu führen als in einem Slum zu überleben, bevor man gedemütigt, enteignet, ermordet oder vertrieben wird. Doch ist das schon ein hinreichender Grund für gesellschaftskonformes Verhalten?

            Dies alles bedeutet natürlich nicht, dass Gewalt oder eine kriminelle Karriere, genauso wie Rassismus, Vorurteile und Diskriminierung, in irgendeiner Form entschuldbar oder gar vertretbar wären. In letzter Konsequenz haben Menschen die moralische Pflicht, die eigenen Gefühle, vor allem Wut, Angst und Verstörungen, zu unterdrücken, wenn es darum geht, das Richtige zu tun. Zu den jüngeren Geschwistern der Moral gehören die ungeliebten, weil lästigen Zwillingsschwestern Politische Korrektheit und Heuchelei. Beide machen Menschen weder gut noch besser oder anständig, zwingen sie aber so zu tun, als ob sie es wären. Das mag in Extremfällen lächerlich oder gar schädlich sein, verhindert aber zumindest manch negative Folge menschlicher Infamie. Eine Methode, um gesellschaftliche Probleme nachhaltig zu lösen, ist dies jedoch auf Dauer genauso wenig, wie es rechtliche oder polizeiliche Maßnahmen, Massendemonstrationen, die Black-Lives-Matter-Bewegung, soziale Verbesserungen oder symbolische Gesten sind. Trotzdem sind all diese Dinge zweifellos eine Grundvoraussetzung dafür, dass sich etwas verändert.

Die wirklich nachhaltigen Auswege aus dem kollektiven Trauma einer Gesellschaft sind Erinnerungskultur, Trauer und vor allem Zeit. Persönliche Tragödien und Probleme kann man nur selten „bewältigen“, oftmals aber verblassen sie mit den Jahren. Gesellschaften reagieren ähnlich. Auch wenn Joe Biden im November zum US-Präsidenten gewählt wird, wenn umfassende Reformen und bessere Schulungen von Exekutivbeamten Polizeigewalt gegen Schwarze reduzieren und soziale Maßnahmen die Zustände in den hauptsächlich von Schwarzen bewohnten Slums verbessern, werden Angst, Scham, Wut und Verstörung in den Köpfen und Seelen der Menschen – sowohl der Schwarzen als auch der Weißen – bleiben, und dies leider noch sehr lange.  Im besten Falle werden die Folgen von Sklaverei und Unterdrückung erst irgendwann im 22. Jahrhundert überwunden sein. Dies sollten alle nüchtern zur Kenntnis nehmen und darauf hinarbeiten, dass es auch wirklich geschieht.

© Vladimir Vertlib

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