Afghanistan 2021, Russland 2021 – verblüffend ähnlich

01.09.2021 um 16:18, Die Presse, Wien, Sparte: Debatte

Von Vladimir Vertlib

Zufällige Ähnlichkeiten oder wegweisende Parallelen? Was gerade in Afghanistan passiert, erinnert an Russland vor hundert Jahren.

Geschichte ist ein Kreislauf, sagten die alten Griechen und Römer. Einige Jahrhunderte später behauptete dies auf seine originelle Art auch der Tunesier Ibn Khaldun, der größte Historiker des Mittelalters. Die Vorstellung, Geschichte wiederhole sich und kehre dabei scheinbar zu ihrem Ausgangspunkt zurück, ist allerdings genauso falsch wie die Idee, sie habe – einer christlichen Eschatologie folgend – ein bestimmtes Ziel, strebe auf Erlösung und das Ende der Welt zu, die Menschheit entwickle sich stetig oder in dialektischen Sprüngen weiter oder folge einem Naturgesetz. Ibn Khaldoun orientierte sich in seinem heute so modern anmutenden Werk jedoch an der klassisch islamischen, rückwärtsgewandten Zeitvorstellung, es habe eine ideale Epoche unter dem Propheten Mohammed und seinen unmittelbaren Nachfolgern gegeben. Aus dieser Epoche heraus hätte sich die Geschichte der islamischen Welt entwickelt; dorthin, zu einer idealen Utopie einer imaginierten Vergangenheit, müsse letztlich alles wieder zurückkehren. Für die Taliban in Afghanistan, den IS und andere Islamisten hat diese Vorstellung heute noch Gültigkeit. Die Stärke dieser Terrorgruppen liegt darin, dass sie genau wissen, was sie anstreben.

An eine Utopie glaubten und glauben auch die Kommunisten weltweit. Was Islamisten in die Vergangenheit projizieren, sehen sie in einer utopischen Zukunft: wenn Geschichte sich erfüllt, tritt mit dem Idealzustand auch das Ende der Geschichte ein.

Beide – Kommunisten wie Islamisten – glauben an eine sakrale Zeit, die anders gemessen wird als durch eine simple Chronologie von Ereignissen. Dass es auffällige Parallelen zwischen den Ereignissen in Russland vor genau hundert Jahren und in Afghanistan heute gibt, ist kein Zufall.

 Der russische Bürgerkrieg dauerte in seiner Hauptphase von 1918 bis 1921. Auf die kommunistische Machtübernahme 1917 folgte der Aufstand reaktionärer Kräfte und eine internationale Intervention: Deutsche und Österreicher, Tschechen und Türken, später Franzosen, Briten, Amerikaner und Japaner engagierten sich gegen Ende und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg militärisch und politisch in Russland. Sie alle scheiterten. Ihre Truppen verließen das Land. Ähnlich wie die Westmächte in Afghanistan heute konnten die Mächtigen der damaligen Zeit im russischen Chaos nichts ausrichten. Zeitweise bewegte sich die Front in wenigen Wochen oder Monaten tausende Kilometer weiter. Die kommunistischen Herrscher verloren im Sommer 1918 ganz Sibirien in nur wenigen Wochen an eine relativ kleine Gruppe von Aufständischen. Schon im Herbst 1919 eroberte die Rote Armee das meiste davon – immerhin ein Fünftel der Erdoberfläche – mit Kavallerie und einigen Panzerzügen in wenigen Monaten wieder zurück. Verglichen damit erscheint der kurze Siegeszug der Taliban auf Pick-Ups und Motorrädern gegen eine hoch gerüstete Armee gar nicht einmal so außergewöhnlich. Im Vergleich zu Russland ist Afghanistan ein winziges Land, und ein Motorrad bewegt sich immerhin viel schneller als ein Pferd…

Als die Kommunisten im Bürgerkrieg siegten, gehörte die Mehrheit der Bevölkerung keineswegs zu ihren Unterstützern. Die Einwohner des Russischen Reiches, damals größtenteils Bauern, wollten – soweit sie nicht einer unterdrückten Minderheit angehörten und nach Unabhängigkeit oder Autonomie strebten – in erster Linie Land, ein nach alten lokalen Traditionen geführtes Leben, vor allem aber in Ruhe gelassen werden. Kaum jemand wollte soziale oder wirtschaftliche Experimente, den Kommunismus oder erwartete gar ein Paradies auf Erde. Doch genauso wenig wollten die Menschen für die „Konterrevolutionäre“, also größtenteils für ihre alten Herren, die Großgrundbesitzer und Industriellen, die Bourgeoisie, ein intellektuelles Bürgertum oder für ausländische Interessen in den Krieg ziehen, um die linken Fanatiker abzuwehren. So blieben viele Bauern passiv, entzogen sich dem Militärdienst oder wechselten je nach eigenem Vorteil die Seiten.

Was gerade in Afghanistan passiert, ist dem, was vor hundert Jahren in Russland geschah, verblüffend ähnlich. Nur eine Minderheit unterstützt die Taliban, doch offensichtlich wollte kaum jemand für eine korrupte Elite, für ausbeuterische Clans, die das Land in Jahrzehnten des Bürgerkriegs zerstört hatten oder die abstrakten Ideen von Demokratie und Menschenrechten, die auch in den letzten zwanzig Jahren nur auf dem Papier existierten, sein Leben hingeben. Wenn Menschen verzweifelt und desillusioniert sind, haben es Fanatiker mit klar definierten Zielen leicht, mögen diese Ziele noch so verwerflich sein. Wenn die Katastrophe zum Dauerzustand wird, wird zudem sakrale Zeit zum Fluchtpunkt aus der realen, der säkularen Zeit, in der alle Projekte – einschließlich Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und ein Mindestmaß an persönlicher Sicherheit – scheitern. Vor hundert Jahren glaubten, auch wenn es eine Minderheit war, immer noch genügend Menschen an eine ideale, kommunistische Zukunft, um auf dem Fundament dieses Glaubens ein Regime aufzubauen, und die Taliban haben schon bewiesen, dass sie trotz Handys und Pickups das 7. Jahrhundert, so wie sie es sich vorstellen, nachstellen können. Kann man es den Soldaten der Regierungstruppen in Afghanistan verübeln, dass sie den Taliban wenig Widerstand geleistet hatten, wenn sogar die USA mit ihnen schon 2020 ein Friedensabkommen geschlossen hatten, und die ganze Welt seit Monaten davon gesprochen hatte, die Machtübernahme der Islamisten sei ohnehin nur mehr eine Frage der Zeit? Die Taliban eroberten das Land in nur einer Woche, weil ihre Gegner sich verraten und verkauft fühlten, keinerlei Zukunftsvisionen hatten und längst nicht mehr an einen Sieg glaubten.

Was nun? Russland wurde in den Jahren 1921-22 von einer noch nie da gewesenen Hungersnot erschüttert. Mindestens fünf Millionen Menschen starben. In großen Teilen des Landes kam es zu Bauernaufständen, die von der Roten Armee mit einer gleichfalls noch nie dagewesenen Brutalität unterdrückt wurden. Auf den Bürgerkrieg folgten Hunger und Terror, die den Beginn einer apokalyptischen, keiner sakralen Zeit markierten, welche bald nicht nur auf die Nachfolgestaaten des Russischen Reiches beschränkt blieb. Ähnliches kündigt sich in Afghanistan schon an – Elend und Hunger sind eine reale Gefahr, Widerstand gegen die Taliban und Terror schon Realität. Von einer Destabilisierung der ganzen Region ist auszugehen. Bolschewismus und Faschismus, linker und rechter Totalitarismus bedingen einander. Islamismus ist letztlich eine weitere, spezifische Spielart totalitärer Herrschaft. Afghanistan heute, Russland vor hundert Jahre – nicht nur zufällige Ähnlichkeiten, sondern wegweisende Parallelen? Geschichte ist manchmal leider wirklich ein Kreislauf.

(c) Vladimir Vertlib

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