Die große Spaltung der Herzen und Seelen

Die aktuelle Impfdebatte ist die größte und gefährlichste gesellschaftliche Polarisierung der jüngeren Vergangenheit.

Publiziert in: „Die Presse“, Wien, S. 22-23

08.11.2021 um 17:48
von Vladimir Vertlib

Auf einer Anti-Corona-Demo Ende Oktober in Wien wurde ein Transparent mit der Aufschrift „Mückstein ist Mengele in Sneakers!“ getragen. Schutzimpfungen und Menschenversuche des berüchtigten Nazi-Arztes in einem Atemzug? Der ungeheuerliche Spruch ist in gewisser Weise aber auch typisch österreichisch. Was anderswo derb und vulgär daherkommt, präsentiert sich bei uns oft als „Witz“, der auf eine infame Pointe hinausläuft.

Die meisten Menschen wissen, dass bei einer Impfquote von mehr als achtzig Prozent, die Corona-Epidemie in der betroffenen Region weitgehend besiegt werden kann. Trotzdem ist die Impfquote in manchen Ländern mit ausreichend verfügbarem Impfstoff erschreckend niedrig. Bei uns, in Österreich, ist sie mit nicht einmal 65 Prozent immer noch unter dem EU-Durchschnitt. Gefälschte Impfnachweise, missachtete Corona-Regeln im Alltag sowie bewusst gezeigte Gleichgültigkeit komplettieren das Bild von Teilen der Bevölkerung, die scheinbar den Verstand verloren haben. Die „Argumente“ der Impfgegner sind bekannt und sollen hier nicht wiederholt werden: sie reichen von Verschwörungstheorien, Fake-News bis zur Verharmlosung der Gefahr, die vom Virus ausgeht. Das Ergebnis sieht man auf Intensivstationen und Friedhöfen oder in Rehabilitationszentren für Long-Covid-Patienten. Und die Traumata jener Kinder, die ihre Eltern oder Großeltern verloren haben, werden die Welt noch Jahrzehnte beschäftigen.

Was sind nun die besonderen Kennzeichen und Eigenheiten der zahlreichen Impfgegner und Coronaleugner? Entlang welcher demographischen oder ideologischen Bruchlinien verläuft die Front unserer bislang wohl größten und gefährlichsten gesellschaftlichen Polarisierung der letzten Jahrzehnte? Erstaunlicherweise sind diese Bruchlinien viel schwerer auszumachen als bei anderen Spaltungen und Konflikten der jüngeren Vergangenheit. Nimmt man Österreich als Beispiel, so waren es, wenn man sukzessive in die Vergangenheit zurückschaut, vor allem das Phänomen Sebastian Kurz, die Bundespräsidentenwahl 2016, die Flüchtlingskrise, die schwarz-blaue Koalition unter Schüssel, der Aufstieg der FPÖ unter Jörg Haider und die Waldheim-Affäre, die die Gesellschaft entzweiten und in feindliche Lager teilten. Meist jedoch war es – manchmal mehr, manchmal weniger – ziemlich klar erkennbar und erklärbar, wer welchem Lager zuzuordnen war und warum. Dies hing vom jeweiligen Milieu, von der politischen Sozialisation, dem Alter, der Herkunft, von spezifischen Facetten der Biographie, dem Bildungsgrad und oftmals auch vom Wohnort ab. Junge, urbane Akademiker mit linksliberalem Hintergrund hätten niemals Waldheim oder Haider oder Hofer gewählt, in nur sehr seltenen Fällen Schüssel oder Kurz und hätten wohl kaum jemals eine Festung Europa und einen Flüchtlingsstopp befürwortet. Die Lagergrenze zwischen Impfbefürwortern und -gegner aber geht heute quer durch dieses Milieu wie auch durch alle anderen Schichten und sogar Familien. Eltern und Kinder, Menschen mit derselben Sozialisation, mit ähnlichen Berufen, Interessen und vergleichbaren politischen Ansichten werden, wenn es um das Thema Corona und die Impfung geht, zu erbitterten Gegnern, ohne dass es psychologisch oder gar soziologisch stichhaltig erklärbar wäre, warum.

Gewiss: manche Tendenzen lassen sich in groben Zügen schon ausmachen. Unter FPÖ-Anhängern ist die Zahl der Impfunwilligen überdurchschnittlich hoch, weil diese Gruppe eher bereit ist, „das System“ abzulehnen und an Verschwörungstheorien zu glauben. Ein „von oben“ geforderter Eingriff in den eigenen Körper wird von vielen als Übergriff und Kontrollverlust empfunden, aktiviert Urängste und gibt manchen das Gefühl, dem Staat und den Mächtigen dieser Welt – ähnlich wie einst Juden den Nazis – für medizinische Experimente mit einem neuen Impfstoff ohnmächtig ausgeliefert zu sein. In Österreich ist die Skepsis gegenüber den Maßnahmen der Obrigkeit und der Wunsch, diese zu umgehen, traditionell hoch. Dies lässt sich bis in die Zeit der Gegenreformation zurückverfolgen, als die Untertanen lernten, sich zu verstellen, Gefühle und Ansichten zu verbergen und den Anmaßungen der Herrschenden mit „Schmäh“ zu begegnen. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass heute die Impfquote gerade in jenen Teilen Österreichs vergleichsweise niedrig ist, die einst im großen Maße protestantisch waren und dann sehr gründlich mit Gewalt „rekatholisiert“ wurde: in Oberösterreich, im Salzburger Tennengau oder in Kärnten.

Das alles jedoch sind nur grobe, oftmals auch hinterfragbare Erklärungsmuster. In vielen Fällen gibt es keine Erklärung für das Verhalten von Zeitgenossen. Gebildete, einfühlsame, solidarisch denkende Menschen werden plötzlich zu Impfgegnern, während sich Verschwörungstheoretiker und „Kämpfer gegen das Establishment“ impfen lassen, als wäre das für sie das Selbstverständlichste auf der Welt. Die Gründe dafür sind stets individuell, liegen oftmals derart tief in den Abgründen der einzelnen Biographien, der Erlebnisse und des Unterbewusstseins verborgen, dass sie für die Betroffenen selbst schwer fassbar sind und sich in kein Muster pressen lassen. Hinter irrationalen Vorstellungen lauern Ängste, die mit logischen Argumenten nicht zu beseitigen sind. Niemand wird mir meine Flugangst nehmen, indem er mich darauf hinweist, dass ich bei jeder Fahrt mit dem Fahrrad ein größeres Unfallrisiko eingehe als bei einem Transatlantikflug. Ich fürchte mich weiterhin, fliege aber trotzdem …

Wer heute noch ungeimpft ist, wird sich mit Argumenten wohl nicht mehr umstimmen lassen. Die einst Unschlüssigen haben sich schon größtenteils entschieden. Ein paar Bequeme und Gleichgültige werden sich noch durch die Verschärfung der Maßnahmen gegen Ungeimpfte zur Impfung bewegen lassen. Allerdings ist zu befürchten, dass dies nur mehr ein kleiner Prozentsatz ist. Der Rest hat sich längst eingebunkert, wird in der Opferrolle verharren, egal, ob die Anti-Covid-Maßnahmen radikal oder aus falscher Rücksichtnahme nur moderat verschärft werden. Während einer Pandemie, die Millionen Menschen das Leben gekostet hat, kann aber nicht jedem Impfgegner ein eigener Therapeut zur Verfügung gestellt werden, um seine ganz individuellen Ängste zu ergründen und zu bearbeiten. Die große gesellschaftliche Polarisierung, die Spaltung der Seelen und Herzen, ist ohnehin längst eine Tatsache und wird nur durch jahrelange mühsame Aufarbeitung des kollektiven Traumas zu überbrücken sein. Die Zukunft wird schwer genug. Jetzt aber heißt es, die Pandemie mit aller Härte zu bekämpfen – schnell und kompromisslos, mit einer Ausweitung der jüngsten 2G-Regeln auf alle wesentlichen Bereiche des öffentlichen Lebens, wenn es sein muss, auf dass wir nicht in einem Jahr gegen die sechste oder siebente Corona-Welle zu kämpfen haben.

© Vladimir Vertlib

Comments
3 Responses to “Die große Spaltung der Herzen und Seelen”
  1. Du vollidiotisches, instrumentalisiertes SUPERARSCHLOCH…u auf die Idee, dass die IMPFSTOFFE für Arsch & Friedrich sind, kommst du mit deinem Fliegenhirn gar nicht…!!!!!?????
    Dr Michael Martzak-Görike

    • Vielen Dank für Ihren differenzierten, freundlichen und vor allem so informativen und kultivierten Kommentar. Nur weiter so! Nun ja, irgendwann wird man Ihnen den Stich schon geben! Am besten in Ihren Allerwertesten! -:)

  2. Jasmine Argang sagt:

    Lieber Herr Vertlib,
    Sie bringen es auf den Punkt. Diese skurrile Entwicklung könnte man natürlich auch – sofern man über einigermaßen klaren Verstand verfügt – mit der Dummheit des Volks erklären. doch das stimmt so ja auch wieder nicht, betrifft es doch nicht nur ein Volk. Ihre auf die lokalhistorische Besonderheit anspielende Analyse kann ich jedenfalls nur bestätigen, vielleicht sollte man die kryptoprotestantische Widerständigkeit noch um die alpine Sturschädelhaftigkeit, die unverbrüchlich an die eigene naturburschenhafte (Gendern wär da wohl weit hergeholt) Unverwüstlichkeit glaubt, ergänzen. Mir san mir, solang wir unsern Schnaps brennen, die gscherten Wiener wern uns nix dazöhn. Bisweilen verstellen hohe Berge, so schön sie sind, den Blick. Der Teller, über dessen Rand manche Zeitgenoss*innen nicht zu blicken vermögen, hat oft einen sehr kleinen Durchmesser. Geistige Beschränktheit ist zwar wie gesagt universell, der genius loci hat aber seine unverwechselbare Eigenheit. Ich hoff jedenfalls immer noch auf die Impfung gegen Trottelei. Aber bitte dann wirklich mit Impfpflicht. Mit freundlichen Grüßen aus den Kärntner Bergen, jasmine argang.

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