Der Erste, der nicht hungerte


Bei der Leningrader Blockade vor 80 Jahren starben Hunderttausende. Meine Mutter und mein Vater überlebten. Die Folgen des Krieges spüre ich bis heute.

Von Vladimir Vertlib

„Die Presse, Spectrum“, 20. November 2021, S. III


Mein Vater wollte mich Viktor nennen, meine Mutter bestand auf Vladimir. „Böse Zungen“ behaupteten daraufhin süffisant, sie habe mich nach Wladimir Iljitsch Lenin benannt. Eine solche Unterstellung konnte in der Zeit, als ich geboren wurde, den tristen Jahren der Stagnation und des Niedergangs, als in der Sowjetunion kaum mehr jemand an den Kommunismus glaubte, natürlich nicht ernst gemeint sein. Meine Mutter entgegnete meist gleichermaßen scherzhaft, sie habe mich nicht nach Lenin, sondern nach dem heiligen Kiewer Fürsten Wladimir I., der im 10. Jahrhundert das Christentum nach Russland gebracht hatte, benannt. In Wirklichkeit jedoch ist mein Name der ersten großen Liebe meiner Mutter, Wolodja (die Koseform von Wladimir), dem Burschen aus dem Nachbarhaus, geschuldet. Als die Kinder einander begegneten, war er sechs, meine Mutter noch keine vier Jahre alt. Bald danach, im Herbst und Winter 1941, standen beide kurz vor dem Hungertod. Und es war Wolodja, der meiner Mutter wahrscheinlich das Leben rettete.

Zweieinhalb Jahre lang, vom 8. September 1941 bis 27. Jänner 1944, dauerte die sogenannte „Leningrader Blockade“, belagerte die deutsche Wehrmacht die Stadt Leningrad, das heutige St. Petersburg. Nachdem es der Heeresgruppe Nord nicht gelungen war, die Stadt im Sturm zu erobern, sollte sie systematisch ausgehungert werden. Dies, so die NS-Führung und ihre Militärstrategen, hätte außerdem den Vorteil, dass Munition gespart werde. Der Führer habe an dieser Stelle ohnehin keine zivile Siedlung vorgesehen, hieß es. Die Ermordung oder Vertreibung sämtlicher Zivilisten wäre jedoch eine kostspielige Angelegenheit und eine starke seelische Belastung für die eigenen Truppen. Wenn die Zivilbevölkerung verhungere, erledige sich das Problem jedoch von selbst, meinten die deutschen Eroberer. Doch der Plan ging nicht auf. Es verhungerten nicht alle, Leningrad wurde nie eingenommen, die deutsche Heeresgruppe Nord in mehreren Schlachten von der Roten Armee besiegt und zerschlagen. Schon Anfang 1943 konnte in den Belagerungsring eine erste Bresche geschlagen werden.

In der hungernden Stadt waren meine Mutter, mein Onkel, meine Großeltern und Urgroßeltern eingeschlossen, genauso wie mein Vater, damals ebenfalls noch ein Kind, mit seiner Schwester und seinen Eltern sowie zahlreiche weitere Verwandte. Vor genau 80 Jahren, im Spätherbst und Winter 1941 sowie im Frühjahr 1942 war die schlimmste Zeit, verhungerten in der Stadt Hunderttausende, bis Ende der Blockade würden es zwischen 700.000 und einer Million Menschen sein. Außerdem kamen Tausende bei dem täglichen Artilleriebeschuss oder den vielen Fliegerangriffen ums Leben. Als der Krieg begann, starben in Leningrad 1941 während des ganzen Monats Juni 3.273 Menschen – das war die „normale“ Sterberate -, im Jänner 1942 waren es nach offiziellen Angaben 96.751 Menschen, wahrscheinlich aber noch mehr. Ende 1941 betrug die Brotration für Angestellte, Kinder und andere nichtarbeitende Familienmitglieder 125 Gramm Brot am Tag, für Arbeiter 250 Gramm. Haustiere und Ratten waren längst verspeist; in der ganzen Stadt gab es keine Vögel mehr; man kochte Leder und Schuhsohlen, riss Tapeten von den Wänden, um an den Klebstoff auf Stärkebasis zu kommen. Fälle von Kannibalismus häuften sich. Im Studentenheim, wo der siebzehnjährige Cousin meiner Großmutter wohnte, schnitt ein Student die Leichen seiner verhungerten Kommilitonen auf und aß ihre Innereien. Zudem gab es kein Heizmaterial, keinen Strom, keine funktionierende Wasserleitung und keine Verkehrsmittel mehr. Der Winter war einer der kältesten seit Beginn der Messungen, zeitweise sank die Temperatur auf unter Minus 30 Grad, und die Frostperiode dauerte von 11. Oktober bis 7. April. Man verheizte Möbel und Bücher. Mein Vater, damals zehn Jahre alt, sah wie Menschen auf der Straße tot umfielen. Bald konnte er schon vorab erkennen, wer von den Passanten demnächst sterben würde. Die Familie meines Vaters überlebte, weil mein Großvater, ein Uhrmacher, alle goldenen Uhren, die er besaß, auf dem Schwarzmarkt gegen Lebensmittel tauschte. Es war in diesen Tagen und Wochen, als Wolodjas Eltern für ihren Sohn irgendwo ein paar zusätzliche Scheiben Brot, ja sogar Butterbrote, auftreiben konnten – Brote, die er, obwohl selbst am Verhungern, mit meiner Mutter teilte. Es gibt wohl keinen größeren Liebesbeweis.

Die beiden Kinder spielten oft im Hof miteinander, bis der Sechsjährige die Vierjährige eines Tages ins Kino mitnahm (ja, es gab trotz allem noch Kulturveranstaltungen in der hungernden Stadt!), ohne dass ihre Eltern davon etwas wussten. Meine Großeltern befürchteten das Schlimmste. Unbeaufsichtigte Kleinkinder waren im besonderen Maße gefährdet, konnten dem Artilleriebeschuss zum Opfer fallen oder waren leichte Beute für Kannibalen. Als die Großeltern schließlich erfuhren, wo die Kinder waren, mussten sie warten: es gab Fliegeralarm, sämtliche Kinobesucher hatten sich in einen Luftschutzkeller geflüchtet …

Nach dem unerlaubten Ausflug erhielt meine Mutter Wolodja-Verbot. Im September 1942 wurde die Familie meiner Mutter mit einem Schiff über den Ladoga-See aus der belagerten Stadt evakuiert. Den kleinen Wolodja sah sie nie wieder.

Mir blieb das Leben, dass ich euch bewein“, dichtete die große russische Lyrikerin Anna Achmatowa 1942. „Und nicht als Trauerbaum still überm Tod, sondern um eure Namen in die Welt zu schrein. […]

Die Flucht aus der Stadt war noch lange nicht das Ende des Leidens. Hunderttausende starben auf dem Weg ins Landesinnere, an ihren Zielorten und auch später an Entkräftung oder an Krankheiten. Noch zwei Jahre nach der Evakuierung würde eine Lehrerin im fernen Joschkar-Ola, Tausende Kilometer von der Front und von Leningrad entfernt, meine Mutter aus dem Klassenzimmer wieder nach Hause schicken. Sie habe Angst, das Kind würde während des Unterrichts an Unterernährung sterben, erklärte sie meinen Großeltern. Monatelang konnte oder wollte meine Mutter nichts essen, und wenn sie aß, blieb sie dürr und schwach, „dystrophisch“, wie es damals hieß. Es war ein Wunder, dass sie schließlich doch zu Kräften kam und überlebte, vielleicht auch deshalb, weil ihre Großmutter einen Trick anwandte. Nachdem sich meine Mutter weigerte, zu Hause zu essen, brachte meine Urgroßmutter Lebensmittel zu einer Nachbarin. Dort, im Nachbarhaus, war meine Mutter bereit, etwas zu sich zu nehmen, und das obwohl sie wusste, dass das Essen von ihrer eigenen Großmutter stammte. Warum sie sich so verhalten hatte, kann sie bis heute nicht erklären.

Ich selbst bin der erste in meiner Familie, der niemals gehungert hat. Meine Eltern haben gehungert. Die Großeltern und Urgroßeltern mütterlicher- wie väterlicherseits erlebten sogar mehrere Hungersnöte. Allein im 20. Jahrhundert verhungerten in Russland Millionen in den Jahren 1921 und 1922, während der Kollektivierung Anfang der 1930er Jahre, während des Krieges und in den Jahren unmittelbar nach Kriegsende.

Wie instinktlos sind wir Menschen doch! Wir fliegen ins All oder in 24 Stunden um die Welt, bauen ausgefallene Maschinen jeglicher Art, haben ein immenses Wissen über uns selbst, wir können fast alles beherrschen, gestalten oder zerstören und sind dennoch nicht fähig, die Grundbedürfnisse aller Menschen auf unserem Planeten zu befriedigen, Kriege, Seuchen und Hungersnöte, gefährliche Ideologien, religiösen Wahn und offensichtlichen gedanklichen Unsinn zu verhindern. Derzeit verhungern Menschen in Jemen, in Äthiopien, Madagaskar, Brasilien oder Afghanistan, Millionen fallen Epidemien zum Opfer, bringen einander um oder sind auf der Flucht. Der Wohlstand, den wir in der sogenannten Ersten Welt haben, ist historisch betrachtet so jung, dass er weder emotional, mental noch genetisch prägend ist. In einigen Tausend Jahren werden Historikerinnen und Historiker unsere Zeit wohl noch dem Spätneolithikum zuordnen. Erst wenn fundamentale Probleme wie Hunger gelöst sein werden, wird man von einer entwickelten Zivilisation und einem menschenwürdigen Dasein sprechen können.

Als junge Frau war meine Mutter nicht sicher, ob sie überhaupt Kinder haben könnte. Wie bei vielen Überlebenden, die im sensiblen Alter von drei bis fünf Jahren gehungert hatten, waren bei ihr manche inneren Organe unterentwickelt, so auch die Gebärmutter zu klein. Es verging viel Zeit, bis sie schwanger wurde, und bevor sie mich gebar, lag sie drei Tage lang in den Wehen. Das sowjetische Gesundheitssystem war nicht darauf ausgelegt, Frauen das Gebären einfacher oder weniger schmerzvoll zu machen. Immerhin überlebten sowohl sie als auch ich die Tortur. Ich kam gesund zur Welt und entwickelte sofort einen außergewöhnlichen Appetit. Schon beim Stillen aß ich mehr als es nach dem damaligen Stand der medizinischen Forschung ratsam schien. Statt der vorgesehenen Viertelstunde konnten es in meinem Fall auch dreißig oder vierzig Minuten werden. Ich saugte, ich biss mich fest wie ein Vampir, bis die Haut meiner Mutter rund um die Brustwarzen platzte, und trank ihre Milch zusammen mit ihrem Blut. Sie musste mir die Nase zuhalten, damit ich den Mund öffnete und losließ. In den Nächten, in denen ich – laut dem damals gültigen Lehrbuch für Säuglingspflege – gar nicht gestillt werden durfte, brüllte ich mir die Seele aus dem Leib. Hier blieb meine Mutter standhaft und wartete, wie vorgeschrieben, von Mitternacht bis sechs Uhr morgens, bevor sie mir wieder die Brust gab. Später sorgten meine Großmutter, Eltern und andere Verwandte dafür, dass es mir in einem Land der Mangelwirtschaft und der langen Warteschlagen vor Lebensmittelläden an nichts mangelte, wenn es ums Essen ging.

Seit meiner Kindheit leide ich an Übergewicht. Mein Vater war ebenfalls übergewichtig, und meine Mutter wurde es im Alter. Man aß viel, oftmals zu viel, in unserer Familie, aber man genoss es nicht. Man hortete Lebensmittel, so als stünde die nächste Hungersnot unmittelbar bevor. Nur zu besonderen Anlässen oder wenn Besuch kam, speiste man im Wohnzimmer. Normalerweise nahm man die Mahlzeiten schnell und unbequem in der Küche ein. Mein Vater aß mehr, als ihm gut tat, und verzichtete trotz seiner Zuckerkrankheit nicht auf Süßigkeiten. Ich selbst aß oft so lange, bis mir übel wurde, weil ich nicht aufhören konnte, schmierte mir Butter- und Marmeladebrote zwischen den Mahlzeiten, und wenn es Schokolade oder Süßigkeiten im Haus gab, „vernichtete“ ich sie rasch. Meine Eltern meinten, ich sei zu fett, sollte mich mehr bewegen und weniger essen, doch gingen sie selbst mit schlechtem Beispiel voran.

Später erfuhr ich, dass das menschliche Erbgut als Vorratskammer der Erfahrungen unserer Vorfahren angesehen werden kann. Nicht nur individuelle Begabungen, besondere Talente oder Krankheiten werden an nachfolgende Generationen weitergereicht, sondern auch Traumata, darunter Hungersnöte und lange Phasen von Mangelernährung. Natürlich gibt es dabei keinen Automatismus, jeder Mensch verarbeitet seine genetischen Informationen anders. Was mich betrifft, so brauche ich Essbares nur anzuschauen und nehme schon zu; meine Verdauung ist träge, Diäten schlagen sehr langsam an.

In den letzten zwanzig Jahren nahm ich gut sechzig Kilo ab und wieder zu; die meiste Zeit wog ich bei einer Größe von einem Meter 75 etwas mehr als 80 Kilo – genauso viel übrigens wie meine Mutter, die allerdings zwanzig Zentimeter kleiner ist als ich. Dabei isst sie heute gar nicht viel und bewegt sich regelmäßig. Ihr Körper scheint nichts vergessen zu haben, auch das nicht, was 80 Jahre zurück liegt.

Immerhin haben meine Eltern und Großeltern überlebt; auch wir, die Nachgeborenen, leben, wir, die Unerwünschten, die es sonst nicht gegeben hätte. „Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teils dieser großstädtischen Bevölkerung besteht in diesem Existenzkrieg unsererseits nicht …“, hieß es in der „Geheimen Weisung Nr. 1a 1601/41“ des deutschen OKW vom 23. September 1941.

Das allein schon ist für mich eine Verpflichtung – der geplanten Vernichtung zum Trotz – ein sinnvolles Leben zu leben.

© Vladimir Vertlib

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