Ein alternativloses Ende der Sowjetunion?

„Die Presse“, Wien, 23.12.2021 um 18:37

von Vladimir Vertlib

Vor 30 Jahren, am 26. 12. 1991, wurde die Sowjetunion offiziell aufgelöst. Heute können wir wichtige Lehren daraus ziehen.

Der Staat entstand durch einen Gewaltakt und endete gleichermaßen. Seine formale Gründung hingegen so wie auch die Auflösung waren unspektakulär. Als er erschaffen wurde, existierte er de facto schon unter einem anderen Namen; als er aufgelöst wurde, war er de facto schon zerfallen und bestand nur mehr auf dem Papier. Die Rede ist von einer einstigen Weltmacht, der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, früher wie heute meist salopp Sowjetunion genannt.

Ihr Anfang wird gemeinhin mit der Oktoberrevolution 1917 und dem Russischen Bürgerkrieg in Verbindung gebracht, das Ende mit Glasnost und Perestrojka, mit dem wirtschaftlichen Niedergang, dem Massenelend, Nationalitätenkonflikten, Terror, dem organisierten Verbrechen und einem gescheiterten Putsch gegen Präsident Gorbatschow im August 1991. Das sind die historischen Eckpfeiler des kommunistischen Regimes. Offiziell jedoch wurde die Sowjetunion erst am 30. Dezember 1922 gegründet – als Zusammenschluss Sowjetrusslands und einiger weiterer, von den kommunistischen Machthabern kontrollierter Gebiete; aufgelöst wurde die Sowjetunion vor genau dreißig Jahren – am 26. Dezember 1991.

Bizarre Ironie

Am 25. Dezember war Michail Gorbatschow vom Amt des Präsidenten der UdSSR zurückgetreten und hatte seine Agenden an den Präsidenten der Russischen Föderation Boris Jelzin überantwortet. Um genau 19:35 Uhr wurde die Flagge der Sowjetunion, die seit fast siebzig Jahren über dem Kreml geweht hatte, heruntergeholt und an ihrer Stelle um 19:45 Uhr die russische Trikolore gehisst. Am nächsten Tag erstellten und ratifizierten die Mitglieder der Oberen Kammer des Obersten Sowjets die Deklaration Nr. 142-H, welche offiziell das Ende der UdSSR verkündete. Es mag als bizarre, wenn auch durchaus stimmige Ironie der Geschichte erachtet werden, dass es sich bei den zu diesem Zeitpunkt noch in Moskau anwesenden Abgeordneten dieser Kammer nur mehr um die Vertreter von Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan, Tadschikistan und Turkmenistan handelte – also um Delegierte aus „Mittelasien“, wie Zentralasien damals oft noch genannt wurde. So fiel ausgerechnet den Vertretern der ehemals vom Russischen Reich eroberten und später auch von der Sowjetunion beherrschten und ausgebeuteten Kolonien die Aufgabe zu, das Ende des Imperiums durch einen Formalakt symbolisch zu besiegeln. Kein ehemals wichtiger sowjetischer Politiker, kein kritischer Intellektueller oder Dissident, sondern der wenig bekannte kasachische Schriftsteller und Funktionär Änuar Älimschanow (1930-1993), damals Erster Vorsitzender der Oberen Kammer, setzte seine Unterschrift unter die erwähnte Deklaration.

In Wirklichkeit hatten zu diesem Zeitpunkt alle ehemaligen Sowjetrepubliken längst ihre Unabhängigkeit erklärt und diese de facto umgesetzt. Die am 8. Dezember 1991 im belarusischen Wiskuli von den Präsidenten von Russland, der Ukraine und Belarus gegründete „Gemeinschaft Unabhängiger Staaten“ (GUS) blieb nichts weiter als ein loses Bündnis sowjetischer Nachfolgestaaten ohne besondere völkerrechtliche oder praktische Bedeutung. Die Eliten waren an keinem Fortbestand des Staatsgebildes interessiert. Mit dem Zusammenbruch des Regimes und dem Verbot der Kommunistischen Partei hatte das als „Sowjetstaat“ konzipierte Land seine Existenzberechtigung verloren.

Reichtum und Nationalismus

Die alten (und neuen) Eliten strebten nach mehr Macht in ihrem lokalen Umfeld, nach einer „Privatisierung“, also der Überführung der ehemals gemeinschaftlichen Vermögenswerte in ihr persönliches Eigentum, und nach einer Kontrolle der Bevölkerung durch nationalistische Rhetorik. Das gelang ihnen auch: einige wenige wurden unermesslich reich und mächtig. Die Mehrheit der Menschen hingegen hatte unter Verelendung, Hyperinflation, Chauvinismus, Kriminalität und Kriegen zu leiden.

Noch am 17. März 1991 hatten sich bei einem Referendum 76 % der Bürger für einen Weiterbestand der Sowjetunion ausgesprochen. Was bis heute nicht verschwunden ist, sind die vielen kulturellen, sozialen und familiären Verflechtungen, die transkulturellen, grenz- und milieuüberschreitenden Identitäten, die im gesamten postsowjetischen Raum mit einem kollektiven Gedächtnis und einem kollektiven Bewusstsein verbunden sind. Kaum jemand wünscht sich den Kommunismus oder gar totalitäre Verhältnisse wie unter Stalin zurück, eine Nostalgie nach der einstigen „Stabilität und Sicherheit“ (die es allerdings niemals wirklich gegeben hatte), nach dem gemeinsamen Wirtschafts- und Kulturraum ohne Grenzen und vor allem der Stolz auf den gemeinsamen Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ sind aber sehr wohl noch vorhanden.

War das Ende der Union wirklich zwangsläufig und alternativlos, waren nationalistisch motivierte Massaker ein „naturgemäßer“ Schlusspunkt für den einst von oben dekretierten „Internationalismus“? Gewiss: die kommunistische Völkerfreundschaft war eine Lüge gewesen. Im Sowjetstaat dominierten die russische Sprache und Kultur, die Russifizierung des gesamten Landes schritt voran, Juden, Deutsche oder Balten wurden unterdrückt, in der Stalinzeit waren ganze Völker in andere Regionen des Riesenlandes deportiert worden. Dennoch behielten die Teilrepubliken einen hohen Grad an kultureller Autonomie. Hätten sich bestimmte Ereignisse anders entwickelt und historischen Zufälle nur ein wenig anders ergeben, wäre der Übergang zu einer echten Konföderation, einem demokratischen, transkulturellen Staat, vielleicht möglich – und für die Mehrheit der Bevölkerung auch wünschenswert – gewesen.

Ein hoher Preis

Länder wie Tadschikistan, Turkmenistan oder Belarus haben für ihre Unabhängigkeit mit Kriegen, Vertreibungen, Diktaturen stalinistischer Prägung und Staatsterror bezahlen müssen. Außer im Baltikum gibt es im postsowjetischen Raum keine wirklich stabilen Demokratien. Allein im tadschikischen Bürgerkrieg der 1990er Jahre starben etwa 150.000 Menschen. Ein zu hoher Preis für eine Eigenständigkeit, die niemanden wieder lebendig, satt und kaum jemanden glücklich macht.  

Für die Sowjetunion gilt dasselbe wie früher für die Habsburgermonarchie und später für Jugoslawien: radikale Minderheiten waren in Zeiten schwerer Krisen die treibenden Kräfte hinter der Desintegration von multinationalen Staaten, die von großen Teilen der Gesellschaft zum Zeitpunkt ihres Untergangs keineswegs völlig abgelehnt wurden. Die internationale Staatengemeinschaft hatte alle besagten Länder allerdings sehr rasch aufgegeben, anstatt ihr Potenzial als supranationale Modelle des Zusammenlebens zu erkennen. Dass ein Übergang von autoritären Systemen zur Demokratie in solchen Ländern auch ohne Nationalismus, Gewalt und Desintegration erfolgen kann, ja erfolgen muss, ist vielleicht die wichtigste Lehre, die wir aus der Geschichte der letzten Jahrzehnte ziehen könnten.

© Vladimir Vertlib

Vladimir Vertlib (geboren 1966 in Leningrad, UdSSR) emigrierte im Jahr 1971 mit seiner Familie nach Israel. 1981 übersiedelte er nach Österreich. Vertlib studierte Volkswirtschaftslehre und arbeitet heute als Autor in Salzburg. Zuletzt bei Deuticke erschienen: der Roman „Viktor hilft“ (2018).

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