Auf dem Weg zu einem Krieg, den keiner will?

Die Presse“, Wien, 26.01.2022 um 17:02

von Vladimir Vertlib

Putin und Biden brauchen einander als Feinde. Bei einem „echten“ Krieg hätten aber beide mehr zu verlieren als zu gewinnen.

Wer im Netz über die Lage in der Ostukraine recherchiert und des Russischen sowie am besten auch ein wenig des Ukrainischen mächtig ist, stößt bald auf erschütternde Interviews mit Opfern des Krieges. Am schlimmsten sind alte Menschen dran, die in unmittelbarer Frontnähe leben und zu arm sind, um von dort wegzuziehen. Pensionisten, die kaum mehr Pensionen erhalten, Kriegsversehrte ohne ausreichende medizinische Versorgung, Menschen, die in Kellern und Ruinen hausen. Ein alter Mann zum Beispiel, 90 Jahre alt, zeigt dem Reporter, der ihn filmt, sein halb zerbombtes Haus, weist mit dem Finger auf einen Plattenbau, in dem 2014 sein Sohn bei einem Raketenangriff ums Leben gekommen ist, erzählt, dass kürzlich seine Frau gestorben ist, dass er schon als Kind und als Jugendlicher einen furchtbaren Krieg und die deutsche Besatzung erlebt hatte. In seinen schlimmsten Albträumen hätte er sich niemals vorstellen können, dass er im hohen Alter wieder gleichermaßen Schreckliches werde erleben müssen.

Der „lauwarme“ Krieg tötet

Ob der alte Mann auf der ukrainischen Seite der Front oder in einer der beiden selbsternannten Volksrepubliken der Separatisten zu Hause ist, spielt keine Rolle. Der „heiße“ Krieg 2014/15 hat eine Schneise der Zerstörung, des Elends und des Leids auf beiden Seiten hinterlassen. Der „lauwarme“ Krieg, der seitdem in der Region herrscht, tötet weiterhin regelmäßig Menschen und verlängert das Elend auf unbestimmte Zeit. Der „kalte“ Krieg zwischen Russland und der USA dauert noch länger, eigentlich schon, seit der russische Präsident Putin an der Macht ist.

Wird der alte Mann eine weitere Schlacht miterleben müssen, in der sein kriegsversehrter Ort endgültig zerstört wird? Oder führt ein lokaler Konflikt demnächst gar zu einem großen, einem globalen Krieg, vor dem sich alle seit 1945 fürchten? Letzteres ist sehr unwahrscheinlich, allerdings wahrscheinlicher als es seit der Kuba-Krise im Jahre 1962 jemals war …

Eigentlich dient die derzeitige Eskalation in der seit sieben Jahren schwelenden Ukraine-Krise beiden Hauptkontrahenten in diesem längst zum Stellvertreterkrieg mutierten Konflikt – sowohl der Russischen Föderation als auch den USA. Das Putin-Regime durchlebt gerade schwierige Zeiten: in den gleichfalls autoritär geführten Nachbarstaaten Belarus und Kasachstan war es zu Volksaufständen gekommen, die nur mit brutaler Gewalt, in Kasachstan gar mit direkter russischer Hilfe, unterdrückt werden konnten. Wladimir Putin fürchtet zurecht, Aufstände dieser Art könnten sich zu einer globalen Volksbewegung in großen Teilen des postsowjetischen Raumes entwickeln, was eine Gefahr für seine eigene Herrschaft bedeuten würde. Hinzu kommen ein wirtschaftlicher Niedergang und die Corona-Pandemie mit offiziell etwa 350.000, wahrscheinlich aber doppelt bis dreimal so vielen Toten. Das Gesundheitssystem ist in einem katastrophalen Zustand. Die niedrige Impfquote drückt zudem eine tiefe Skepsis gegenüber den Herrschenden aus. Ein Konflikt mit dem Erzfeind Amerika, den man der eigenen Bevölkerung als „Sieg“ verkaufen könnte, oder gar ein kleiner, schnell gewonnener Krieg wären eine willkommene Ablenkung und würden zudem die Opposition im eigenen Land schwächen.

Für US-Präsident Joe Biden sieht die Sache ähnlich aus. Nach der Katastrophe in Afghanistan, den gescheiterten Reformen im eigenen Land, den anhaltend schlechten Corona-Zahlen, der sinkenden Popularität des Präsidenten und der bevorstehenden Kongresswahlen wäre ein erfolgreich bewältigter Konflikt im fernen Osteuropa eine willkommene Atempause – endlich ein politischer Erfolg, der sich verkaufen lässt.

Zwei „Gewinner“?

Putin und Biden brauchen einander als Feinde. Fast wäre man geneigt zu glauben, sie hätten alles, was wir gerade als schwere internationale Krise erleben, miteinander hinter den Kulissen geplant und den Ablauf genau abgesprochen. Der Gedanke ist verlockend, ist aber letztlich nichts weiter als eine unhaltbare Verschwörungstheorie. Die Frage stellt sich allerdings, wie denn beide als „Gewinner“ aus dieser Situation herauskommen wollen, nachdem eine Niederlage oder auch nur ein Gesichtsverlust beiden die politische Existenz kosten könnte. Fest steht: bei einem „echten“ Krieg, der über Drohgebärden und Cyberangriffe hinausgeht, hätten beide Seiten mehr zu verlieren als zu gewinnen. Rein militärisch könnte Russland die Ukraine zwar innerhalb kürzester Zeit besiegen und besetzen; es danach gegen den Willen einer Mehrheit der Bevölkerung besetzt zu halten und außerdem schwere wirtschaftliche Sanktionen und die internationale Isolation in Kauf zu nehmen, wäre allerdings ein sehr hoher Preis, den vielleicht Putin selbst, die russische Bevölkerung aber auf Dauer nicht würde zahlen wollen.

Für Biden und die USA hätte ein Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine aber gleichermaßen fatale Folgen. Nachdem ein direktes militärisches Eingreifen in den Konflikt durch die NATO ausgeschlossen wurde, müsste man sich auf Wirtschaftssanktionen gegen Russland und auf verstärkte Militärhilfe für die Ukraine beschränken. Beides würde den Ausgang des Krieges nicht beeinflussen. Der Imageverlust für Biden wäre enorm. Das Bild des US-Präsidenten, der bei Putins Aggressionen ohnmächtig zuschaut, wäre nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Was tun? Am besten gar nichts. Beide Seiten würden sich wohl über einen Status quo ante freuen, bei dem sie als Sieger dastehen – in dem Sinne, dass sie sich zugute schreiben können, Schlimmeres verhindert zu haben. Dieser Ausgang ist nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich. Biden hat schon eingeräumt, dass die Ukraine in absehbarer Zeit nicht der NATO werde beitreten können. Gegen ein paar weitere, kleinere formale Zugeständnisse wäre wohl auch Putin bereit, auf seine nicht erfüllbaren Maximalforderungen zu verzichten. Dies könnte zum Beispiel eine diplomatische Anerkennung oder gar Annexion der beiden „Volksrepubliken“ im Donbass durch Russland sein, was der Westen nach lauwarmem Protest, aber ohne weitere Sanktionen gegen Russland, hinnehmen würde, oder eine vergleichbare symbolische Geste.

Fatale Kettenreaktionen

Leider kann es in der derzeit aufgeheizten Stimmung nicht ausgeschlossen werden, dass ein dummer Fehler oder ein Missverständnis und die darauf folgende Kettenreaktion genau jenen Krieg auslösen, den niemand will. Hoffen wir, dass dies nicht passiert!

Eines ist jedenfalls sicher: Die in erster Linie Betroffenen – die Menschen in der Ukraine, in den Separatistengebieten und deren politischen Führer auf beiden Seiten – haben über ihr Schicksal und das ihrer Region nicht zu entscheiden, genauso wenig wie die EU, die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock oder andere europäische „Vermittler“, die in diesem Spiel nicht einmal Nebendarsteller, sondern bestenfalls Komparsen sind.

© Vladimir Vertlib

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