Gekränktes Russland

SALZBURGER NACHRICHTEN, Samstag, 26. Februar 2022

Ost und West: eine sehr schwierige Beziehung.

Schriftsteller Vladimir Vertlib über tief sitzende Emotionen und Traumata.

Von CHRISTIAN RESCH

Vladimir Vertlib, vielfach ausgezeichneter Literat und Intellektueller mit Wohnsitz in Salzburg und Wien, wurde in St. Petersburg geboren. Zuletzt erschien der Roman „Zebra im Krieg“, inspiriert von den Ereignissen in der Ostukraine. Vertlib lebte in Russland, Israel, den Niederlanden, den USA und Italien und ist ein Kenner der russischen Geschichte und ihres Verhältnisses zu Europa.


SN: Herr Vertlib, wer hat eigentlich mehr Angst? Wir „Westler“ vor den Russen, oder umgekehrt?

Vladimir Vertlib: Das ist schwer zu sagen. Fest steht aber: Beide Seiten sind emotional zwiegespalten der anderen gegenüber. Aus aktuellen Gründen, aus zeitgeschichtlichen Gründen und aus solchen, die Jahrhunderte weit zurückliegen.

SN: Nämlich?

Vladimir Vertlib: Nehmen wir die europäische Perspektive. Immer schon sah man die Russen romantisierend als gefühlsbetont, authentisch, spontan. Als Menschen, die intensiv leben, aus dem Bauch heraus. Das geht zurück bis zu den Kosakenverbänden, die nach der Niederlage Napoleons 1814 in Paris einmarschierten – und schnell etwas zu essen wollten. Schnell bedeutet auf Russisch bystro: da kommt das „Bistro“ her. Und andererseits gibt es natürlich die negative Seite dieser Erzählung: Von wilden Horden aus dem Osten, die raubend und brandschatzend über ihre Nachbarn herfallen, unzivilisiert und roh sind. Da vermengen sich sogar alte Motive über die Kuruzzen, die aber ungarische Aufständische in der Donaumonarchie waren, sogar mischen sich Bilder hinein von den osmanischen Eindringlingen. Also immer: Die Gefahr aus dem Osten. 


SN: Und die Nazis sprachen von „Untermenschen“.

Vladimir Vertlib: Ja natürlich, deren Propaganda hat sich da draufgesetzt und das unermesslich zugespitzt, rassistisch und pseudowissenschaftlich. Aber Traumata bestehen auch durch das Einbrechen zaristischer Truppen in Galizien im Ersten Weltkrieg; damals kam es zu schlimmen Ausschreitungen und antisemitischen Pogromen. Und dann wieder Napoleon: Dessen Katastrophe in Russland schien zu beweisen: Der russische Bär mag behäbig sein und gutmütig wirken – aber reize ihn bloß nicht, sonst wird er zur wilden Bestie. Dazu kommen dann die Verbrechen der Roten Armee nach dem Einmarsch in Deutschland und Österreich, die Vergewaltigungen und so weiter. Und wieder umgekehrt: Natürlich haben gerade die Deutschen die Nazi-Vergangenheit im Blick und empfinden Mitleid mit dem damals so gnadenlos behandelten Russland – das sind oftmals die „Putin-Versteher“.


SN: Und die Russen?

Vladimir Vertlib: Ja, das ist genauso vielschichtig. Einerseits wird der Westen bewundert, als Vorbild gesehen. Wegen seiner Effizienz, der besseren Bildung, seinem Reichtum, weil hier die Verwaltung und die Institutionen so gut funktionieren. Man versucht, dem Westen nachzueifern, man denke nur an den berühmten Peter den Großen. Man hat Fachleute aus dem Westen jahrhundertelang ins Land geholt – und viele Zaren waren ja Westeuropäer, vor allem Deutsche. Etwa Katharina die Große. Aber auch diese Leute wurden andererseits stets auch als Fremdkörper gesehen, irgendwie auch gehasst und beneidet. Man sagte ihnen nach: Sie verstehen die russische Seele nicht.


SN: Ist da auch ein Minderwertigkeitsgefühl dabei?

Vladimir Vertlib: Ja, natürlich. Der Westen war ja eigentlich immer im Übergewicht, und erst recht seit dem Erstarken der USA. Diese wurden dann im Kommunismus propagandistisch zum Klassenfeind, zu dekadenten Imperialisten gestempelt. Zu einem Ort, wo nur der schnöde Mammon zählt.  Und dann, ab 1989, hat dieser Feind wieder gesiegt, und Russland wurde gedemütigt. Das ist eine narzisstische Kränkung, die sehr tief sitzt.


(c) Vladimir Vertlib

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