Gastbeitrag von Schriftsteller Vladimir Vertlib über eine Lüge: „Ukrainer gibt es nicht“

Von Vladimir Vertlib

Mittwoch 09. März 2022 17:30 Uhr, „Salzburger Nachrichten“, in der Printausgabe vom 10. März 2022.

Hinter dem Ukraine-Krieg wabern Mythen und Halbwahrheiten.

An der Wand steht die Ukraine.

„Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit“, schreibt George Orwell in seinem Roman „1984“. Besonders gefährlich sind dabei historische Halbwahrheiten, die – geschickt präsentiert – schwer zu widerlegen sind.

Zu den „Gründen“ für die sogenannte „Besondere Militäroperation“ – den Angriffs- und Eroberungskrieg der Russischen Föderation gegen die Ukraine – zählen neben glatten Lügen auch solche Halbwahrheiten. Dahinter stehen Narrative, die nicht nur auf Putins Fantasien basieren, sondern im heutigen Russland von vielen Menschen tatsächlich geglaubt und von einigen arrivierten Historikern und Politologen öffentlich verbreitet werden. Wäre dies nicht der Fall, fiele es dem Putin-Regime noch schwerer, russische Soldaten für den Krieg gegen die „Brüder“ in der Ukraine zu motivieren. Hier ein paar der gängigsten Mythen:

1. „Die Ukrainer sind kein eigenes Volk.“

Zu den Kernaussagen nationalistischer Propaganda gehört die Behauptung, Russen (Großrussen), Ukrainer (Kleinrussen) und Weißrussen seien dasselbe Volk. So wie die Bayern Deutsche seien, die einen spezifischen Dialekt sprechen, seien Ukrainer Russen mit sprachlichen und kulturellen Eigenheiten. Der Ausdruck „Ukraine“ komme von „Okraina“, was nichts weiter als Peripherie bedeutet. Einst waren Teile der heutigen Ukraine ein Grenzgebiet des Russischen zum Osmanischen Reich. Noch früher sei Kiew im Mittelalter die „Mutter aller russischen Städte“ gewesen. Russen, Weißrussen und Ukrainer hätten dieselben ethnischen Wurzeln und würden sich zum selben christlich-orthodoxen Glauben bekennen. Diese Argumente sind allerdings genauso absurd, wie z.B. die Behauptung, Österreicher seien auch heute noch Deutsche, weil Österreich einst eine deutsche „Ostmark“ und die Habsburger Jahrhunderte lang Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ und Wien ihre Residenzstadt gewesen sei.

2. „Die Ukraine ist eine Erfindung der Feinde Russlands, um Russland zu schwächen.“

Diese Feinde seien Deutsche und Österreicher im Ersten Weltkrieg gewesen, heißt es. Später seien Nazis, Amerikaner und die NATO in diese Rolle geschlüpft. Die Wahrheit ist: In der k.u.k-Monarchie, zu der die heutige Westukraine gehörte, wurden Ukrainer als „Ruthenen“ bezeichnet. Die meisten von ihnen fühlten sich nicht als Russen, zumal Galizien oder die Bukowina niemals zum Russischen Reich gehört hatten. Eine eigene Identität musste weder von „den Österreichern“ noch sonst von jemandem erfunden werden, sie hatte sich längst entwickelt – im Westen wie auch anderswo im Land, mancherorts mehr, anderswo etwas weniger.

3. „Das ukrainische Volk und der ukrainische Staat in seinen heutigen Grenzen wurden von Lenin und den Bolschewiken erschaffen, um eine gesamtrussische Identität zu zerstören und durch eine sowjetische zu ersetzen.“

Es war Lenin, der angeblich große Teile Russlands – die Region um Charkiw und den Donbass – der Ukrainischen Sowjetrepublik zugeschlagen hat, um dem neuen Land ein industrielles Rückgrat zu geben. Allerdings gab es ein ukrainisch-russisches Dialektkontinuum von der Ukraine bis an die Wolga. Hier eine nationale Grenze zu ziehen, war in der Tat willkürlich, doch besteht sie nunmehr seit hundert Jahren – dieses Faktum allein hat Identität erschaffen.

Die „Ukrainisierung“ der 1920er Jahre habe der Bevölkerung die ukrainische Sprache und Kultur regelrecht aufgedrängt, behauptet man. In der Tat hatte es Widerstand gegen diese Politik gegeben. Wenn man Beamte in Bregenz plötzlich zwingen würde, sämtliche Akten in einer normierten Vorarlberger Schriftsprache zu verfassen, wären wohl auch nicht alle glücklich. Vor hundert Jahren identifizierten sich viele Ukrainer tatsächlich noch mit Russland und bezeichneten sich als „Kleinrussen“. Das ändert aber nichts daran, dass ihre Nachkommen Ukrainisch längst in gesprochener und geschriebener Form verwenden und sich als Ukrainer fühlen, und das sogar dann, wenn ihre Muttersprache Russisch ist.

4. „Der heutige ukrainische Staat definiert Russen als Feinde; er sei im Kern faschistisch und diene der NATO und anderen antirussischen Kräften als Brückenkopf im Kampf gegen Russland.“

In der Tat haben sich in der Ukraine seit der Unabhängigkeit staatstragende Mythen entwickelt, in denen Nazi-Kollaborateure wie Stepan Bandera (1909-1959) als Nationalhelden gefeiert, dunkle Seiten der eigenen Geschichte, besonders Pogrome an Juden, verdrängt werden und die russische Herrschaft äußerst negativ bewertet wird. Deshalb ist aber die Ukraine, die derzeit einen Präsidenten jüdischer Herkunft mit russischer Muttersprache hat, noch lange kein faschistischer Staat. Die rechtsradikalen Parteien in der Ukraine erhielten bei den letzten Wahlen zusammen nur etwa zwei Prozent der Stimmen. Von einem Land, in dem praktisch jeder Russisch versteht, und sich viele sowohl der der russischen als auch der ukrainischen Kultur zugehörig fühlen, ist niemals irgendeine Gefahr für Russland ausgegangen. Putins Vernichtungsfeldzug könnte dies allerdings nachhaltig ändern: kollektives Leid, Trauma und Hass auf den Aggressor erzeugen Identität, und diese Identität wird sicher maßgeblich darauf basieren, dass man im „Russen“ den Prototyp des gefährlichen „Anderen“ schlechthin erkennen wird.

(c) Vladimir Vertlib

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