Hätte man der Migrantin geglaubt?

MeToo in den 70ern: Hätte man der Migrantin geglaubt?

04.04.2022 um 06:04

von Vladimir Vertlib, „Die Presse“, Wien, „Spectrum“

Für praktische Dinge des Alltags, vor allem für den Kontakt mit anderen Leuten, war Mutter zuständig. Als ich einmal früher als geplant nach Hause kam, sah sie verstört und mitgenommen aus. Ein Handwerker verließ die Wohnung. Zur Polizei ging Mutter nicht.

Es muss wohl im Jänner 1990 gewesen sein. Ich war noch Student, wohnte bei den Eltern, war mit ihnen gerade in Wien in eine neue Wohnung umgezogen und wurde zufällig und unwissentlich zum Retter meiner Mutter. An jenem Tag war ein Handwerker bestellt, der von meiner Mutter beaufsichtigt wurde, während mein Vater und ich unterwegs waren. Für praktische Dinge des Alltags, vor allem für den Kontakt mit anderen Leuten, war bei uns, seit ich denken kann, die Mutter zuständig. Als ich etwas früher als geplant nach Hause kam, sah Mutter verstört und mitgenommen aus. Der Handwerker – ein Fliesenleger mittleren Alters – verließ alsbald die Wohnung. Ich fragte, ob etwas nicht in Ordnung sei, doch sie verneinte und wechselte das Thema. Erst viele Jahre später, lange nach dem Tod meines Vaters, erzählte sie mir, was passiert war. Der Mann hatte Mutter Komplimente und eindeutige Avancen gemacht, die sie anfangs mit Scherzen abzuwehren versuchte. Dann hatte er sie bedrängt, umarmt, befingert, hatte ihr unter den Rock gegriffen. Wenn ich nicht im „richtigen Augenblick“ nach Hause gekommen wäre, hätte sich wohl noch viel Schlimmeres ereignet.

Meinem Vater hatte Mutter niemals von diesem Übergriff erzählt. „Um Gottes willen, nein!“, meinte sie später. Sie habe Vater oder mich nicht unnötig aufregen wollen. Am Vorgefallenen hätten wir nachträglich ohnehin nichts mehr ändern können. Schon gar nicht hatte sie es erwogen, zur Polizei zu gehen …

Hätte meine Mutter den Fliesenleger angezeigt, wäre es wohl Aussage gegen Aussage gestanden. Hätte man ihr, einer Migrantin, die mit starkem Akzent Deutsch sprach, eher geglaubt als dem Mann, der sie angegriffen hatte, einem gebürtigen Österreicher? Wohl kaum. Das war Österreich des Jahres 1990. Mann (und Frau) wussten, was geht und was nicht geht, und welche Hierarchien in diesem Land vorherrschen. Es war, wie ich später erfuhr, bei weitem nicht der einzige sexuelle Übergriff, den meine Mutter in ihrem Leben, ob in der Sowjetunion, in Österreich oder anderswo, erleiden musste. Zudem war es ja sowieso nicht „zum Äußersten“ gekommen. Was hätte ein Mann in Österreich des Jahres 1990 wohl mehr zu befürchten gehabt als einen richterlichen Klaps auf die Finger. Verbale Belästigungen, „Grabschen“ und Schlimmeres gehörten zum kulturellen Erbe. Noch heute kommt es in Österreich bei jährlich 900 Anzeigen wegen Vergewaltigung im Jahr zu nur etwa hundert Verurteilungen. Man kann sich denken, wie das zu einer Zeit war, als schwere sexuelle Übergriffe selten geahndet oder gar nicht als solche bewertet wurden.

Warum habe ich nichts bemerkt?

Als mir meine Mutter 25 Jahre nach dem erwähnten Vorfall davon erzählte, war meine erste Reaktion: Warum habe ich damals nichts gemerkt? Eine Frage, die genauso sinnlos wie niemals für mich selbst zu beantworten ist. Das schlechte Gewissen werde ich nie mehr los. Die zweite Reaktion war: Unglaublich, dass meine Mutter in ihrem Alter – 1990 war sie 52 – immer noch nicht vor sexuellen Belästigungen und Angriffen sicher war! Dies war ein noch schlimmerer Gedanke, in dem für mich meine eigene latent sexistische Haltung auf erschreckende Weise erkennbar wurde. Kaum war mir dieser Gedanke gekommen, schämte ich mich dafür. Ist es denn „nachvollziehbarer“ oder gar „normaler“, dass junge Frauen sexuelle Gewalt erleben?, fragte ich mich sogleich. Der dritte Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, war noch ungeheuerlicher: Kein Wunder, Mutter war ja in ihrer Jugend und ist heute im hohen Alter immer noch eine sehr attraktive Frau, dachte ich und wünschte mir sogleich, eine solche Assoziation wäre mir im vorliegenden Kontext niemals in den Sinn gekommen. Doch Gedanken halten sich weder an Denkverbote noch an politisch korrekte Vorgaben. 

Meine Kindheit ist für einen Menschen meiner Generation in vielerlei Hinsicht untypisch verlaufen. Während mein Vater die meiste Zeit zu Hause blieb, ging meine Mutter arbeiten. Mutter war Mathematikerin und Computerfachfrau, Vater war Jurist, der diesen Beruf in der Sowjetunion aufgrund seiner jüdischen Herkunft kaum jemals ausüben durfte, sowie Korrektor, der in seinem russischen Heimatland in einem Verlag und einer Druckerei gearbeitet hatte. Es war also klar, wer nach der Emigration, im Westen, die Familie ernährte. Dass ich deshalb in der Schule nicht gehänselt wurde, lag daran, dass ich allen mit einer solchen Selbstverständlichkeit erklärte, mein Vater sei „Hausmann“, während meine Mutter „eine gute Ausbildung und einen guten Job“ habe, dass niemand auf die Idee kam, sich darüber lustig zu machen.

Mutters Beruf war in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts sehr begehrt. Zudem war sie fleißig, lernte schnell Deutsch und war bereit, sich an jede neue Umgebung schnell anzupassen. Dass ihre sowjetischen Diplome nicht anerkannt wurden, dass sie ausgebeutet und betrogen wurde und weniger verdiente als ihre männlichen Kollegen, dass sie ihren Familiennamen Vaisman in Vertlib, den Nachnamen meines Vaters, ändern musste, weil die damalige österreichische Rechtsordnung nicht erlaubte, dass Frauen nach der Heirat ihre „Mädchennamen“ behielten, nahm sie in Kauf, genauso wie sie in Kauf genommen hatte, dass sie ihre österreichische Arbeitsbewilligung natürlich nicht als Computerfachfrau (dafür gab es zu jener Zeit keine Gastarbeiterkontingente), sondern als Putzfrau erhalten hatte. Der Wechsel von dem wenig prestigeträchtigen Beruf mit der unangenehm klingenden Bezeichnung „Bedienerin“ zu einer „Programmiererin“ in der EDV-Abteilung eines Elektronikunternehmens war für eine russisch-jüdische Gastarbeiterin in Österreich der Siebzigerjahre ein gewaltiger Sprung.

Eine ebenfalls aus der Sowjetunion stammenden Freundin meiner Mutter, die mit ihrer Familie wie meine Eltern und ich über Israel nach Österreich gekommen war, hatte weniger Glück. Die gut ausgebildete, studierte Bauingenieurin mit langjähriger Berufserfahrung hatte im vermeintlich fortschrittlichen und demokratischen Österreich keinerlei Chancen, als Diplomingenieurin zu arbeiten. „Wie soll denn eine Frau in Stöckelschuhen auf ein Baugerüst hinaufkommen?“, fragte ein Bauleiter. „Was hat überhaupt eine Frau auf einer Baustelle verloren!“

Schließlich fand sie doch einen Job – als Supermarktkassiererin, so wie es sich für eine Frau und eine Gastarbeiterin gehörte.

Nachdem sie einige Jahre in ihrem erlernten Beruf gearbeitet hatte, verlor meine Mutter wie viele Ausländerinnen und Ausländer während der Wirtschaftskrise Mitte der Siebzigerjahre ihre Arbeitsbewilligung. Österreich „baute Gastarbeiter ab“, wie es damals hieß. Meine Eltern und ich verließen das Land, durften aber ein Jahr später wieder zurückkehren. Mein Vater nahm Gelegenheitsjobs an, meine Mutter arbeitete zeitweise unter ihrer Qualifikation.

Etwas mehr Glück hatten wir bei der Wohnungssuche. Viermal zogen wir im Wien der Siebzigerjahre um, allerdings jedes Mal innerhalb desselben Hauses in der Wiener Brigittenau – aus einer Substandardwohnung ohne Wasseranschluss in eine mit Wasser, aus einer ohne Toilette in eine mit Toilette. Die letzte Wohnung stellte einen Luxus dar: Zimmer-Küche-Kabinett mit fließend Wasser, Toilette, Duschkabine und sogar mit einem Vierteltelefonanschluss. Endlich hatte ich statt einer kleinen Zimmerecke mit Bett, Stuhl und Schreibtisch ein ganzes Zimmer für mich allein – für einen Dreizehnjährigen ein Segen!

Schon damals waren günstige Wohnungen in Wien nur schwer zu finden, insbesondere dann, wenn man Ausländer war. Doch unser Vermieter erwies sich als entgegenkommend. Er war gläubiger Jude, der 1938 aus Österreich geflüchtet und den Krieg in Palästina überlebt hatte, und, wie mir damals schien, ein Greis.

Läppischer Streit um Mietvertrag

Im Jahre 1910 geboren war er genauso alt wie das Zinshaus, in dem er Wohnungen an uns vermietete. Er war uns wohlgesonnen, weil wir Juden waren, vor allem aber, weil – ihm meine Mutter gefiel. Jedes Mal, wenn er mit ihr allein war, überschüttete er sie mit Komplimenten und belästigte sie mit unzweideutigen Angeboten. Als sie eines Tages in sein Büro kam, hatte er eine Erektion, auf die er meine Mutter stolz aufmerksam machte. „Schauen Sie, welche Reaktion Sie bei mir auslösen?!“, sagte er. „Ich gehöre noch lange nicht zum alten Eisen, ich habe Kraft und Potenz!“ Meine Mutter verzog das Gesicht. „Wollen Sie ihn berühren?“, fragte er und deutete mit dem Finger auf sein Geschlechtsteil. Mutter schüttelte den Kopf. „Greifen Sie zu!“, forderte er sie auf. Mutter verzichtete auf dieses „Vergnügen“, lachte bemüht und meinte, es sei bedauerlich, dass der Vermieter in seinem Leben nie geheiratet habe …

Selbstverständlich erzählte meine Mutter meinem Vater nie von diesem Vorfall. Ich selbst erfahr davon erst vierzig Jahre später. Allerdings war mir der Vermieter schon als Kind unsympathisch gewesen, und wenn ich hin und wieder meine Mutter zu ihren Treffen mit ihm begleitete, spürte ich intuitiv, dass etwas nicht in Ordnung war, ohne dies zuordnen oder benennen zu können.

Mein Vater hatte offensichtlich ebenfalls das Gefühl, dass mit diesem alten Mann etwas nicht stimmte. Eines Tages schlug er ihn nieder – zuerst einmal und dann ein zweites Mal. Der Grund dieser Auseinandersetzung waren „natürlich“ nicht seine sexuellen Belästigungen meiner Mutter, sondern ein läppischer Streit um einen Punkt im Mietvertrag für die fünfte Wohnung, die wir in diesem Haus gerade bezogen hatten. Ich war dreizehn und sah zu, wie Vater auf den alten Mann losging, wie dieser zu Boden ging, wie er aufstand und ein zweites Mal hinfiel. Mutter redete, der klassischen Frauenrolle in solchen Situationen entsprechend, beruhigend auf Vater ein, versuchte, ihn zurückzuhalten. Ich war geschockt, verstört und verspürte doch das höchst seltsame Gefühl einer freudigen Aufregung und Genugtuung, welches ich mir damals nicht erklären konnte.

Selbstverständlich zeigte der Vermieter meinen Vater nicht an. Keinem Juden wäre es damals in den Sinn gekommen, in einem Konflikt mit einem anderen Juden die österreichischen Behörden einzuschalten. Bevor man sich dem fiesen Grinsen der alten Nazis oder von deren Kindern aussetzte, löste man die eigenen Konflikte lieber selbst. Oder ließ sie eben ungelöst.

Heute, mehr als vierzig Jahre später, habe ich oft den Eindruck, dass sich weniger geändert hat, als man meinen könnte. Österreich ist immer noch ein Land der Übergriffe und der Verdrängungen. Wahrscheinlich können alle, die hier leben, Frauen wie Männer, Töchter, Söhne, Mütter, Väter, ähnliche Geschichten aus ihrem Umfeld erzählen wie jene, über die ich gerade berichtet habe.

© Vladimir Vertlib

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